Reisebericht

Reisebericht: Ihr könnt mich mal FILMEN!

 
 
 
 
 
Reisebericht: Ihr könnt mich mal FILMEN!

Weil vor 2 Tagen das Schweizer Fernsehen SF einen Reisefilm auf seine Webseite gestellt hat über MICH, der jetzt etwa vier Mal gegen meinen Wunsch ausgestrahlt wurde, hier meine Reisegeschichte aus der Südsee in teilweiser Begleitung eines Deutschen Kameramannes im Auftrag des "ehrlichen" Schweizer Fernsehens: http://www.videoportal.sf.tv/video?id=5a06a748-98d1-43dc-9f22-649041c9b5c7;c=white

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Sommer 2006

Eine Bestandsaufnahme der vergangenen Monate:

Heute hat Sandy auf unserem aussen kleinen, aber innen grossen Segelboot etwas sehr erfreuliches gefunden: eine Karte der Insel Norfolk. So wird unser knappes Budget, um von Vanuatu nach Neuseeland zu gelangen nicht noch von einem Kartenkauf strapaziert. Irgendwann vor Jahren haben wir die Karte wohl kopiert, aufgerollt, unter die Koje in der Vorpiek verstaut – und vergessen. Jetzt freut sie uns umso mehr, denn ein kleiner Zwischenhalt auf der langen Reise von hier nach Aotearoa (NZ) ist genau, nach was wir uns sehnen werden. Eine kleine Insel im weiten Meer, wo sich unsere Kinder austoben können. Vielleicht nur kurz, denn die Ankerplätze dort sind kaum geschützt. Wir werden sehen!



 
 
 
 
 

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Im Moment bin ich daran, unser Boot seeklar zu machen, damit wir in einer Woche hier in Port Vila ausklarieren können, den Anker hoch, weg von hier! Vanuatu hat uns reichlich gefesselt in den paar Monaten, die wir hier waren. Nur das Wetter war kaputt! Unreparierbar, trotz allem Hoffen und Bangen. Regen, Regen und nochmals Regen. Es heisst, es gäbe wieder einen El Nino. Zeit, die Tropen der Südsee zu verlassen und entweder nach Süden zu segeln, nach Australien oder Neuseeland, oder nach Norden. Nordkorea oder so.

Wieder werden wir endlos Zeit haben, während unser Boot unter Selbststeueranlage durch die Wellen pflügt. Es gibt wenig zu tun. Und doch muss rund um die Uhr jemand Wache schieben. Etwa alle 10 Minuten muss der Horizont nach Schiffen abgesucht werden. So lange dauert es, bis ein modernes Containerschiff vom Horizont in unsere gute Stube fährt.
Zeit, Bücher zu lesen, mit den Kindern zu malen, Radio zu hören, sich Gedanken zu machen, zu grübeln…



 
 
 
 
 

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Zu grübeln wird mir eine Geschichte geben, die um diese Zeit herum zu Ende geht und einer neuen – noch unbekannten – Platz macht. Die Geschichte, die ungefähr jetzt und ungefähr hier zu Ende geht, begann irgendwann im Oktober vor 2 Jahren, und zwar in der Schweiz. Es ist eine absolut bizarre, komische Geschichte, über die ich gleichzeitig lachen und heulen muss. Und zwar laut!

Alles begann mit einem Mail, das mir von einem Redakteur des Schweizer Fernsehens geschickt wurde, der sich danach erkundete, was wir momentan im Leben so machen, ob wir immer noch unterwegs seien, er habe da ein paar Artikel von mir ausgegraben, über unsere Segelreisen in der Südsee. Sie hätten da nämlich einen Plan…

Wir luden besagten SF Redakteur zu uns nach Hause ein, nach Fahrwangen, wo wir seit 2 Jahren lebten, um unseren im Pazifik geborenen Kindern die Schweiz zu zeigen und die Bordkasse wieder voll zu kriegen. Wir erfuhren, dass das SF Schweizer sucht, die irgendwie mit Inseln zu tun haben und dass sie dabei schnell auf uns gestossen sind. Es sollte einen Film geben namens „Inselträume“, zusammen mit anderen Schweizer „Insulanern“, die noch gesucht würden. Bislang waren sie aber noch nicht fündig geworden, erklärte uns der sympathische Basler.

Unsere Pläne sahen damals so aus, dass wir wieder nach Neukaledonien wollten, um dort längere Zeit zu bleiben. Wo, war noch unklar. Neukaledonien ist so vielfältig und schön, dass einem die Wahl schwer fällt. Einzig, dass es nicht Noumea sein wird, die Hauptstadt, war damals klar. Wahrscheinlich irgendwo auf den zu Neukaledonien gehörenden Loyalitätsinseln, war unsere vage Zielkoordinate, als wir uns von dem Redakteur trennten. Wann und wie war ebenso offen, wie das ganze Projekt „Inselträume“ seitens des SF. Wir hatten Kaffee und Kuchen, etwas Small Talk, mehr nicht.

Ab und an schrieben wir uns Mails, um die Pläne warm zu halten, aber am Weihnachtstag 2004 fühlte sich plötzlich ein Eisberg wärmer an, als die „Inselträume“ des SF. Und auch uns gab es ein Stich ins Herz, dass ein Tsunami Zigtausende Menschen dahingerafft hatte und man plötzlich im Fernsehen „Inselalbträume“ sah, in endlosen Folgen, bis selbst ich eine Art gemischte Gefühle bekam, bezüglich Sandstrand, Palmen und Wellen.

Konkret war dadurch das Projekt „Inselträume“ vom SF abgeblasen. Ob auf Immer und Ewig oder bloss bis die Schweizer wieder das Positive hinter tropischen Inseln sehen können, war unklar. Wieder blieben wir in losem Kontakt per Mail. Als ich im Oktober 2005 unser Segelboot aus dem Dornröschenschlaf in Australien befreien wollte, um es nach Neukaledonien zu bringen, berichtete ich dem SF Redakteur davon und fragte ihn, ob er gleich mitkommen will. Er hatte zwar keine Zeit, schien aber erfreut zu sein, von mir zu hören, da die „Inselträume“ im Büro von SF Spezial wieder am erwachen waren. Kein Wunder, der Winter nahte! Und der Tsunami schon fast vergessen…



 
 
 
 
 

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Während Sandy in Basel an der Herbstmesse unseren Schmuck verkaufte, flog ich mit unserem Sohn Piran und unserem Hawaiianischen Freund Chris nach Australien, möbelte in Rekordzeit unser heruntergekommenes Schiff auf und segelte mit meiner Crew nach Neukaledonien. Um noch etwas Spass zu haben, segelten wir gleich noch etwas weiter, nach Lifou, in die bezaubernde Sandelholzbucht, wo wir im Jahr 2001 schon waren und herzlich aufgenommen wurden. Eine der Orte, wo man uns den Vorschlag gemacht hatte, doch EINFACH ZU BLEIBEN. Einfach…

Wieder wurde ich aufgenommen, wie es mir ehrlich gesagt noch nie irgendwo in der Schweiz widerfahren wäre. Die Leute von Drulu waren die Bilderbuch-Südseeinsulaner. Immer noch! Wir wurden eingeladen, wir assen mit ihnen, Frauen scharten sich um Chris, Mädchen um Piran. „Live is easy“ meinte Chris und wäre am Liebsten gleich geblieben. Wieder kriegten wir zu hören: „Bleibt doch einfach!“

Aber Chris hat eine Freundin und eine Million Quadratmeter Land auf Hawaii. Und ich musste zurück in die Schweiz. Packen helfen. Denn plötzlich sah ich so klar wie nie zuvor im Leben, wo ich hinwollte: Drulu. Drulu und nichts anderes. Drulu und Deckel zu über den Rest der zunehmend verrückten Welt. Drulu und Hütte bauen, Künstler sein, LEBEN!

Zurück in der Schweiz berichtete ich brühwarm dem Redakteur des SF von unseren Plänen und schickte ihm gleich ein paar Fotos und eine Landkarte mit einem Pfeil. Ich wusste ganz genau, was ich wollte! Sandy fand die Kontaktaufnahme mit dem SF überflüssig, weil sie schon lange nicht mehr daran glaubte, dass sie diesen Film machen werden. „Inselschäume“ nannte sie das Projekt.

Umso erstaunter war sie, als plötzlich ein Kameramann des SF uns treffen wollte. Mitja Rietbrock war sein Name und er war uns schnell sympathisch. Ein Deutscher Hüne, der in Krisenregionen reist und von dort berichtet. Natürlich gönnten wir ihm zur Abwechslung etwas Drulu… Bevor wir uns bereit erklärten, für den Film „Inselträume“ UNSERE Inselträume der Öffentlichkeit preis zu geben, erkundeten wir uns nach dem Tarif. Ich entstamme einem Land, wo alles seinen Preis hat und meines Wissens niemand mehr als zwei Finger krumm macht, ohne dafür bezahlt zu werden. Ohne Moos nix los, mein lieber Mitja – bzw. mein liebes Schweizer Fernsehen! Immerhin habe ich drei Jahre Konzessionsgebühren bezahlt für ein Programm, das mich nur mässig interessiert hat.

So erfuhren wir, dass das SF für Reportagen grundsätzlich NIX zahlt. Womit die Sache für uns eigentlich gegessen war, es sei denn… Ich hatte eine Idee. Eine typische Gerd Fehlbaum Idee. Vernetzt denken! Was wäre, wenn wir in diesem Film etwas Werbung machen für unsere Website? Wir HATTEN zwar noch gar keine Website, aber dies wurde uns von so vielen Leuten nahe gelegt, dass ich den Moment witterte, endlich dahin gehend etwas auf die Beine zu stellen.

Mitja musste sich zuerst erkunden, konnte uns aber ein paar Tage später berichten, dass dies „höchstwahrscheinlich“ kein Problem ist. Man könnte die Website vielleicht einblenden, oder so. Ich hatte dann die schlaumeierische Idee, ein T-Shirt zu machen, mit der Website, damit alles gut rüber kommt. „Mach die Schrift nicht zu klein!“ doppelte Mitja nach und spätestens dann waren wir uns gegenseitig am Haken. Er an meinem, ich an seinem.

Im März dieses Jahres war es endlich so weit und wir gingen zusammen mit Mitja und meinem Vater an einen Flohmarkt in Basel, wo wir unsere Klamotten verkauften, die wir nicht mehr brauchen würden. Mein Vater, 86, war plötzlich auch mit von der Partie, auch er wollte der elend kalten Schweiz für immer den Rücken kehren. Er hatte niemanden mehr in der Schweiz, ausser eine Stieftochter, die ihn aber nicht gerade mit Freundlichkeit verwöhnte. Er wollte weg. Weit weg! Und nach langen Abwägungen und ärztlichen Tests, sahen wir es als realistisch an, ihn mitzunehmen. Eventuell sogar hilfreich, da mein Vater perfekt Französisch spricht und wir in Drulu bereits einen Freund für ihn auserkoren hatten. Louis, den Vater von Siouan, dem Dorfchef. 85 und sehr gesprächig...



 
 
 
 
 

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So standen wir zu fünft am Stand im Schneegestöber, verkauften unser Hab und Gut und machten den Kasper für Mitja, den Kameramann. Im Film würde dies der Moment sein, wo wir uns zufällig begegnen – dass es nicht so war, was soll’s! Dass wir bereits mitten drin waren, den Schweizern eine Geschichte „aufzutischen“ war uns egal. Unsere Zukunft hiess Drulu mit zwei U.

Am nächsten Tag ein paar Szenen in unserer bunten Hippiewohnung, draussen im Schnee mit den Nachbarskindern, alles im tiefen Schnee. Es hätte nicht märchenhafter sein können, das kleine Dorf Fahrwangen, wo wir rein zufällig gelandet waren, nach vielen Jahren auf tropischen Inseln. Dass wir im Film zu Aargauern wurden, ist mir hier in Port Vila echt egal…

Ein Monat danach begleitete uns Mitja an den Flughafen Zürich Dingsbums. Wir hatten zig Gepäckstücke, da wir nur auf das Gewicht geachtet hatten, aber nicht die erlaubte Anzahl. Endlich machte sich Mitja nützlich. Mit einem Monster von Fernsehkamera im Nacken getraute sich die Dame am Check-in Schalter nicht, uns zurück zu weisen und akzeptierte ausnahmsweise unser ganzes Aussteigergepäck, inklusive Schlauchboot. Was genau für ein Film da gedreht wurde, war ihr schleierhaft. Mir auch. Nur wusste ich es damals noch nicht…

London – Schuhe ausziehen - Los Angeles – Fingerabdrücke geben – Auckland – „Welcome to New Zealand!“ – Noumea. Und das Gepäck? Oh. Pardon Monsieur! Drei Tage warten. War irgendwo in Nirgendwo hängen geblieben, wahrscheinlich unter dem Allerwertesten eines Zirkuselefanten, der sich mit den Stosszähnen auf den Koffer gestützt hat mit meinem HP Laptop. Autsch!

In Noumea richteten wir es uns so gut es ging wieder auf unserem Segelboot ein, das im Yachthafen an der Leine auf uns gewartet hatte. Dass mein Vater Heinz nicht dabei war, hatte einen ganz banalen Grund. Er hatte sich auf Anraten seiner Stieftochter entmündigen lassen – ohne mich davon zu unterrichten – und war dadurch für unsere Pläne zwar immer noch zu haben, bloss sein Vormund nicht. Ein Schnörkel der ganzen „Inseltraum“ Geschichte, der so im Film unerwähnt blieb, weil ich es selber nicht fassen konnte, dass mein Vater ein paar Wochen vor Abreise sich auf eine solch perfide Finte seitens Anderer einlassen konnte.



 
 
 
 
 

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So schnell es ging, verliessen wir Noumea, eine von weitem schöne und von Nahem hässliche Stadt, und segelten zuerst nach Prony, einer von weitem Nichtssagenden Bucht, die von Nahem zu einer Naturschönheit ersten Grades erblüht. Endlich, drei Jahre Schweiz später, war meine kleine Familie wieder mitten drin im Leben aus Wasser, Wildnis und Wind. Bevor die Reise weiter ging nach Lifou, trampte ich nochmals nach Noumea zurück, um dort ein paar Mails zu verschicken. Der Autofahrer erzählte mir die letzten Neuheiten über die geplante Nickelfabrik in Prony – die grösste der Welt – die dazu führen wird, dass Prony eines Tages nur noch in den Träumen existiert. Der Wenigen, die dort waren.



 
 
 
 
 

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Bereits etwas traurig ging ich in das Internetkaffee und erfuhr, dass mein Vater gestorben war. Ich war trotz seines hohen Alters schockiert. Eben erst war er noch vom Hausarzt als durchaus reisetauglich erklärt worden, jetzt war er schon unter dem Boden. Keine zwei Wochen nach unserer Abreise.

Zutiefst erschüttert trampte ich zurück zur Pronybucht, wo ich im Dunkeln ankam. Ein melancholischer Ort plötzlich. Wunderschön, zart und filigran, aber voller Trauer. Auch Sandy und speziell meine Kinder waren schockiert. Was nun, fragte ich mich und es begann ein Kampf in mir. Einfach hier zu bleiben, in Prony, weit weg von der Zivilisation und der Menschheit und noch schnell ein paar schöne Dinge tun, um meine Trauer zu verarbeiten. Bäume zu pflanzen, bevor die Bulldozer kommen und Prony das Nickel aussaugen. Irgendetwas reizte mich ungemein daran, mich abzukapseln und den Weg des Künstlers fortzusetzen, der im Einklang mit der Natur lebt. Wie damals, als meine Schwester Selbstmord beging und ich nach Hawaii auswanderte, in ein entlegenes Tal und dort Palmen pflanzte, um dem Leben gerecht zu werden.

Andererseits war da der Plan A. Nach Drulu, zu Lili, zu dem Klan Eingeborener, die mir näher standen, als meine noch übrig gebliebene Verwandtschaft. Und der Film… Der kann mich mal filmen, war für Kurz mein Motto. Meinetwegen hier in Prony, wie ich Bäume pflanze. Wie wir mit der roten Erde Bilder malen auf Treibholz. Und dabei hätte ich es vielleicht belassen sollen. Aber nur vielleicht…

Wer traurig ist, ist auch gerne unter Menschen. Lachenden Kindern. Wir machten unser Boot reiseklar und segelten in Etappen – via die Insel Mare – nach Lifou, wo man uns herzlich empfing. Unsere Kinder flippten fast aus vor Freude. Ja, unsere Entscheidung hierher zu kommen, war goldrichtig. Ich ging zu Siouan, dem Dorfchef und machte dort Coutume. Ich übereichte ihm diverse Geschenke, was hier als Geste des Respekts erwartet wird. Keine teuren Dinge, aber von Herzen ausgewählte Hemden, Werkzeuge, Fischerutensilien, Parfum und Schmuck für seine Frau. Siouan war hoch erfreut.

Am nächsten Abend war Siouan zu Gast bei uns auf dem Boot und wir tischten die feinsten Leckereien auf, die wir in Noumea für diesen Anlass finden konnten. Dann unterbreitete ich ihm unser Ansinnen, für längere Zeit Einwohner seines Dorfes zu werden, sicher mal für ein Jahr. Er wurde ernst und bat mich darum, unseren Plan zu konkretisieren und ihn schriftlich ihm vorbei zu bringen, damit er dies mit seinem Klan besprechen konnte. Ich gab mir beste Mühe, alles in lesbarem Französisch auszuformulieren und überreichte ihm anderntags meinen Brief. Er bat mich um Geduld und lud mich ein, mit ihm auf sein Feld zu fahren, um dort mehr zu diskutieren. Siouan ist ein gesprächiger Mann – in einer Zwickmühle. Ich muss mit zwei Kulturen umgehen, pflegte er zu sagen. Einerseits versuchte er die Werte seiner „Wurzelkultur“ hoch zu halten, andererseits war er als Anführer des Dorfes die Kontaktperson für das Französische Gouvernement, das sich ganz Neukaledonien als Kolonie „hält“.

In den vielen Gesprächen, die ich mit Siouan bereits geführt hatte, war heraus zu hören, dass er ein zwar leiser, aber knallharter Befürworter eines unabhängigen Neukaledoniens war, was lange nicht alle Kanaken sind, wie die Ureinwohner sich hier nennen. Ihr angestrebtes Land hat bereits eine eigene Fahne und wird Kanaky heissen.



 
 
 
 
 

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Dann musste ich ihm den Plan mit dem Film offenbaren, denn Mitjas Ankunft stand vor der Tür. Ich wollte von ihm wissen, ob er einverstanden sei, dass hier vom Schweizer Fernsehen gedreht wird. Dieses Einverständnis war mir wichtig, seine Entscheidung würde ich hoch und heilig respektieren. Ich hatte dem SF von Anfang an klar gemacht – schriftlich - dass WIR zwar einverstanden sind mit dem Filmprojekt, dass es aber letztlich von der Entscheidung der Dorfbewohner, speziell des Dorfchefs abhängen wird.

Bevor mir Siouan eine verbindliche Antwort geben konnte, verstarb der Grand Chef von Mu. Lifou ist in drei Chefferien aufgeteilt, die sehr autonom von den drei Grand Chefs regiert werden, ähnlich wie Königreiche, erklärte Siouan. Wenn ein Grand Chef stirbt, gibt es ein riesiges Beerdigungszeremoniell, an dem natürlich auch Siouan beteiligt war. Kurz, er war plötzlich nicht mehr zu erreichen.

Inzwischen hatten wir mit Lili, der bilderbuchmässigen Südseemami die Vereinbarung getroffen, dass wir vorerst mal für ein Jahr in einem ihrer Casé wohnen dürfen, einem Haus aus Blättern und rohem Holz. Genau nach unserem Geschmack. Miete brauchten wir keine bezahlen, solange wir Lili im Garten helfen. So einfach hatten wir es uns vorgestellt… Und wir wussten, dass Lili dadurch letztlich einen guten Deal macht. Unsere Hände lechzten nach Erde, nach drei Jahren in einer Wohnung im 2. Stock. Und davor Jahren unterwegs per Boot.



 
 
 
 
 

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Uns schien unsere Landung in Drulu fast filmreif perfekt, als Mitja mit grossem Hallo auf dem winzigen Flughafen der Insel von uns empfangen wurde. Er hatte bloss fünf Tage Zeit und war das erste Mal im Pazifik. Wir versuchten, ihm einen Crashkurs in Kanakenkultur zu geben, damit er vorbereitet ist, was jetzt kommt. Als wir nach der langen Autofahrt (Lifou ist grösser als Tahiti oder Martinique) endlich vor „unserem“ Case standen, war Mitja hell begeistert. So photogen hatte er es vielleicht gar nicht erwartet. Gleich packte er sein Equipment aus und begann zu filmen. Uns, die Nachbarskinder, Lili, den Strand, die Palmen, den Mond. Dann interviewte er uns, fragte uns Fragen, die wir immer auf Schweizerdeutsch beantworten mussten, obwohl er sie auf Hochdeutsch stellte. Das fiel mir echt schwer, und Sandy auch, haben wir doch beide Deutsche Mütter und fühlen uns im Hochdeutschen genau so zu Hause. Aber was soll’s. Es war ja das SCHWEIZER Fernsehen, das uns hier filmte. Mitja hatte uns diverse schöne Geschenke mitgebracht, sogar die Aargauer Zeitung, die mich aber kaum interessierte, auch wenn mich Mitja bei der Lektüre filmte. Was er so gewünscht hatte… Ich begann, mich zu fragen, was dies wohl am Ende für einen Film gibt.

Aber angesichts der Abwechslungen, der Faszination hier zu sein, mit Freunden aufs Meer zu fahren, um zu fischen und zu diskutieren (Lieblingsbeschäftigung der Kanaken – darum gefällt es uns hier so!) war mir die Frage gar nicht so wichtig. Irgendwie macht Mitja da eine Art filmerische Postkarte draus, wir winken unseren wenigen guten Freunden in der Schweiz Adieu. Ab und zu sieht man unsere Website Adresse, die ich an X Orten im Boot, auf unseren Gepäckstücken etc. angeschrieben hatte – und wer wissen will, was bei uns läuft, schaut rein. In der Schweiz hatten wir noch eine URL registrieren lassen, das www.einbaum.net ,das mir für unsere Thematik passend erschien.

Drei Tage vergingen im Flug, Mitja war hell begeistert ob der gedrehten Sequenzen. Was er immer noch nicht erledigen konnte, war seine Aufwartung bei Siouan, da dieser durch die Beerdigung des Grand Chefs von Mu voll beschäftigt war. Endlich, am vierten Tag hatten wir ihn live vor uns und wurden in die Küche zu einem Tee eingeladen. Mitja hatte seine Kamera nicht dabei, dafür verschiedene Geschenke an ihn und seinen Vater und seine Frau. Ein Schweizer Taschenmesser. Eines der einfacheren Modelle.



 
 
 
 
 

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Siouan bedankte sich höflich und reagierte keineswegs ablehnend gegenüber Mitja. Etwas Small Talk auf Französisch, übermorgen würde er wieder im Flugzeug sitzen, wen kümmert es. Glaubte ich. Mitja erzählte von seinem Job, seinen Reisen, seinen Reportagen, die er auch für den Sender Arte macht, der selbst in Lifou zu empfangen ist. Irgendwo dort, in diesem für mich denkwürdigen Gespräch zwischen einem weit gereisten, weltgewandten Reporter ausnehmend weisser Hautfarbe und einem dunkelhäutigen, sich in einem Zwiespalt zwischen Kulturen befindenden Dorfchef, der noch nie sein Land verlassen hatte, muss dieser „vom Haber gestochen“ worden sein, wie man auf Schweizerdeutsch sagen könnte. Als es so aussah, wie wenn es durchaus OK für ihn sei, dass Mitja hier seit drei Tagen intensiv am Filmen war, fragte Siouan unverwandt und ohne mit der Wimper zu zucken, ob es OK sei, wenn er einen „Ranson“ verlangen würde. Zu gut Deutsch: ein Lösegeld.

Mitja versuchte Haltung zu bewahren, änderte aber leicht seinen Ton, in Richtung Gymnasiallehrer. Er habe auch schon Ranson bezahlt, aber das sei sehr selten und ihm nur in Afrika passiert. Er, Siouan, sehe doch auch gerne Reportagen auf Arte und möge bitte so grossherzig sein, eine solche auch hier zu ermöglichen. Immerhin funktioniere so der gegenseitige, globale Respekt vor indigenen Kulturen. Etc. etc. Und WIEVIEL Ranson denn bitte, Monsieur…?

Siouan wollte sich dazu nicht äussern und wollte uns am nächsten Tag nochmals sprechen. Mit gemischten Gefühlen gingen wir „heim“ zu Lili, von der sich Mitja ein Case gemietet hatte für seine 5 Tage in Drulu. Am nächsten Tag wurde weiter gefilmt, meistens auf dem riesigen Grundstück von Lili, die mit der ganzen Filmerei voll einverstanden war. Auch ihre erwachsenen Kinder machten mit und wirklich nichts störte den Frieden des Augenblicks. Gegen Abend gingen Mitja und ich wie verabredet zu Siouan und folgten ihm in sein Versammlungshaus, wo alles Wichtige besprochen wird und dank des niedrigen Einganges jeder sich zu bücken hat, der eintritt. Eine schöne Geste!



 
 
 
 
 

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Mitja war diesmal „bewaffnet“ mit seiner Schulterkamera und filmte Siouan und mich im Gespräch, wo mir Siouan mal wieder erklärte, dass wir alle Regeln des Dorfes zu befolgen haben, wenn wir hier leben möchten. Alle! Dies scheint mir nichts anderes als fair zu sein und ich war davon keineswegs entmutigt. So funktioniert es überall in der Südsee und ich hege Zweifel, dass es ihnen so gut gehen würde, wenn an dieser Regel gross herumgedeutelt würde. Autoritäten akzeptiere ich, solange mir das Resultat ihrer Macht in den Kram passt. Sonst nicht!

Dann war Mitja an der Reihe. Siouan hatte in etwas rüdem Französisch zu Papier gebracht, was seine Forderung an Mitja, bzw. das Schweizer Fernsehen ist. Eine Million Francs Pacific, was in Etwa zehn Tausend Euro entspricht, also etwa zwei Werbespots für Schokoriegel… DAZU hundertzwanzig Tausend pro Jahr. Auf Nachfrage für etwa hundert Jahre. Bamm! Das sass tief! Ich erkannte die Ernsthaftigkeit der Situation, fühlte mich aber nicht betroffen, da die Forderung nicht an mich gestellt war. Ich ging hinaus und rauchte eine Zigarette im Dunkeln. Und grinste klammheimlich den Mond an, der zwischen den Palmen aufging. Der Schurke! Ging mir durch den Kopf. Dieser Profiteur… Recht hat er! Warum auch NICHT? Warum müssen die Schwarzen immer gratis den Kopf hinhalten, wenn ein Weisser des Weges kommt und ihn filmen will? Und dann noch für das Fernsehen des zweit- oder drittreichsten Landes der Erde…

Ich bückte mich und ging wieder rein. Mitja hatte selbst im Halbdunkel einen roten Kopf. Er schien ganz ausser sich und beschwerte sich, dass ihm noch nie annähernd so eine Forderung gestellt wurde. Ich versuchte ihn zu besänftigen und erklärte ihm, dass eine Million Francs in Neukaledonien gar nicht viel ist. Dass er sich im ziemlich teuersten Land der Erde befindet, weit teurer als die Schweiz.

Siouan erwähnte mehrmals, dass selbstverständlich über diese Summe geredet werden kann, was nach meiner Erfahrung immer ein sehr gutes Zeichen ist, dass man am Schluss mit etwa zehn Prozent der Summe weg kommt. Und das mit der Zahlung PRO JAHR? Siouan grinste vieldeutig. Mir wurde klar, dass hier nicht ein Wixer am Pokern war, sondern ein einfacher Mann darauf hinweisen wollte, dass man sich nicht an seinem Volk vergreifen möge.



 
 
 
 
 

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Als Mitja am nächsten Tag ging, trafen wir kurz davor nochmals Siouan. Er wirkte unsicherer als am Abend zuvor und schien sich Gedanken zu machen, ob letztlich ICH nun darunter zu leiden hätte. Jedenfalls blickte er mich des Öfteren – wie es mir schien – schuldbewusst an. Mitja stand vor ihm wie Hardy Krüger in einem alten Film und hatte wieder seinen Gymnasiallehrer Ton drauf. In diesem kurzen Gespräch vereinbarten wir, dass ich der Mittler bin zwischen den Interessen Siouans und Mitjas bzw. SF. Erst wenn zwischen beiden reiner Tisch ist, darf der Film ausgestrahlt werden, war mein unmissverständliches letztes Wort an Mitja im Beisein von Siouan. Der Film hatte für mich zweite Priorität, das Gelingen unserer Ansiedelungspläne in Drulu ganz klar erste. Dies erklärte ich Mitja, bevor er im Mietwagen zurück zum Flughafen fuhr.

Soweit so gut. Ich fühlte mich irgendwie erleichtert, das Filmprojekt hinter mir zu haben und wandte mich umso beherzter der Realität Drulus zu. Innert wenigen Tagen lernten wir mehr Menschen kennen, als während drei Jahren im etwa gleich grossen Fahrwangen im Aargau. Die Kanaken sind immer in Gruppen von mindestens acht Leuten, man lernt sie also gleich im „Multipack“ kennen. Dass wir uns für länger hier anzusiedeln gedachten, erzählten wir den Wenigsten. Noch war es Sache Siouans, darüber zu entscheiden. „Chez nous il a pas de démocratie“ erklärte er mir mehr als ein Mal. Ich war mir nie ganz sicher, ob dies letztlich ein Vorteil, oder ein Nachteil sein würde…

Ganz klar ein Nachteil für uns war aber, dass Mitja in Noumea auf irgend ein Amt für Inselangelegenheiten ging und dort die Geschichte mit dem „Lösegeld“ erzählte. Die Beamten waren fassungslos - dass nicht SIE sich ein Zubrot einzusacken gedachten…, sondern der Petit Chef von Drulu. (Das tönt jetzt SEHR ironisch, entspricht aber der üblichen Mentalität Neukaledoniens – und zwei Drittel der Erde.) Natürlich machte dieses Vorgehen aus Mitjas Sicht viel Sinn. Er wollte quasi von offizieller Stelle von den Forderungen an ihn und das SF freigesprochen werden. Schade, dass er nicht etwas vernetzter zu denken vermochte!

Als ich von Mitja telefonisch von seinen Aktivitäten in Noumea erfuhr, wusste ich sofort, dass nun der Ofen aus war. Die wärmende, schöne Idee, sich auf ein Stelldichein mit den Bewohnern Drulus einzulassen, komme was wolle. Mit dieser Pointe hatte ich nicht gerechnet. Dass Mitja blauäugig bei den Autoritäten „rätschen“ geht, die wiederum auf den Loyalitätsinseln so verhasst sind. Von jetzt an war unser Traum so vergänglich, wie Schnee auf einer Palme. Soviel wussten Sandy und ich und genossen umso bewusster die Tage, bevor wir unter einem fadenscheinigen Vorwand davon segelten – mit dem Versprechen Lili gegenüber, wieder zu kommen. Was ihr sehr wichtig war.



 
 
 
 
 

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Wieder zurück in Noumea ging ich daran, unsere Website zu eröffnen, was ganz einfach tönt und mega kompliziert ist. In zwei Wochen wird der Film über uns ausgestrahlt, wusste ich, und ich wollte nicht, dass die Leute im Dunkeln tappen, wenn sie unsere Website anklicken, die immer wieder zu sehen sein wird. Auf der Website von SF Spezial waren bereits zwei Seiten von Mitja, der das Publikum auf eine spannende Story einer Aargauer Aussteigerfamilie vorbereitete. Dazu ein Foto von Siouan und mir in seinem Casé und einer ominösen Bildunterschrift, die ich nicht genau verstand. Ich mailte Mitja und bat um Einsicht in den fast fertigen Film, aber mir wurde beschieden, dass dieser erst am Tag vor der Ausstrahlung vertont würde. Nun ja, das kann ja sein, dachte ich und werkelte an unserer umfangreichen Website, die mir nur gelang, weil ein Neuseeländer Kapitän Hilfestellung leistete.

Endlich war es so weit, die Webseite stand, der Film war kurz davor ausgestrahlt zu werden, nachdem über Wochen dafür geworben worden war, mit von mir gedrehtem Filmmaterial. Das war OK, immerhin sollte es ja eine schöne Postkarte der Familie Fehlbaum werden. Während der erste Teil des Filmes in der Schweiz ausgestrahlt wurde, segelten wir der Ostküste Neukaledoniens entlang nach Norden. Wir hatten ausklariert und waren auf dem Weg nach Vanuatu. Da mir von Mitja präzis angekündet wurde, wann genau Siouan vor einem Eingeborenentribunal zu erscheinen habe - wegen seiner entsetzlichen, unentschuldbaren, für Neukaledonien ganz und gar untypischen… Raffgier – wusste ich, dass ich nie mehr zurückzukehren brauche. Nach Lifou und überhaupt in die Welt der Kanaken. Solche Ereignisse ziehen schneller Kreise in einer Diskussionskultur, als in einer Schweigekultur, wie zum Beispiel der Schweiz.

Im Norden der Hauptinsel gingen wir nochmals an Land, obwohl wir das zollrechtlich gar nicht durften und besuchten dort alte Freunde. Dort konnten wir telefonieren und erfuhren von Sandys Mutter, wie sie sich Sorgen mache um uns wegen den schrecklichen Eingeborenen. Ich glaubte mich zu verhören. Und die arme Luna, die fast verloren gegangen wäre. Und der arme Piran, mit dem niemand spielen will. Wie bitte? Sandys Grossmutter hatte schlaflose Nächte nach diesem Film. Ein Mail einer alten Freundin tönte gar abfällig über den Film, abgesehen von den Szenen, die offensichtlich wir gedreht hatten.



 
 
 
 
 

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Ich kontaktierte Mitja und bat um eine DVD. Schnell! Aber das ging nicht, weil das SF grundsätzlich erst DVD’s rausgibt, wenn ein Film zu Ende ausgestrahlt ist. Da es eine Folgesendung war, mussten wir also warten bis zum Ende der letzten Folge. Was soll’s dachten wir, genossen noch etwas das verzauberte Land im Nordosten Neukaledoniens und wurden erwischt. Am Samstag in der Früh von einer Zoll Patrouille aus Noumea, die 450 km gefahren war, um uns zu finden. Was für ein Pech. Da ich nicht genug Bares hatte, um die Busse zu zahlen, nahm man uns das Clearence Papier weg, damit wir nicht abreisen können. Zuerst, wurde mir erklärt, muss ich zurück nach Noumea segeln (gegen den Wind), die Busse zahlen (200 Euros), den zollfreien Diesel verzollen… und eine weitere Busse vergewärtigen in noch unbekannter Höhe, von der Immigration, da unser Visum seit einer Woche abgelaufen war.



 
 
 
 
 

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Dass unser Boot LIBERTY heisst, schien den Zöllner nicht weiter aufgefallen zu sein. Sobald die Luft rein war, der Wind richtig und der Tag in Dunkelheit überging, verliessen wir Thuo und segelten durch die Nacht in Richtung Lifou. Dort machten wir allerdings nicht Halt, sondern segelten weiter nach Tanna, einer Insel im Süden Vanuatus. Ohne die eigentlich sehr wichtigen Clearende Papieren gelang es mir, unser Boot einzuchecken. Der Beamte hatte einen solchen Fall noch nie gehabt, wollte aber auch nicht in seiner Arbeitsruhe gestört werden.

Das ist etwa drei Monate her. Wir sind hell begeistert von Vanuatu und haben wundervolle Menschen kennen gelernt, unglaubliche Sachen gesehen. Wir haben immer unsere Videokamera dabei. Etwas über das Filmen zu lernen, war von Anfang an ein wichtiger Aspekt des Deals mit dem SF. Die DVD „Inselträume“ hat uns vor ein paar Wochen erreicht, nach mehrmaliger Nachfrage.

Wir finden den Film toll. Vor allem die Kinder. Es ist ein Film über eine Aargauer Familie, die endlich aus ihrem Alltag ausbricht und mutig einen Schritt in die Ferne macht – und voll auf die Fresse fliegt. Konfrontiert mit einer verhaltenen Dorfbevölkerung, mit Kindern, die wegen der Sprachbarriere nicht miteinander spielen können (…), eingepfercht in ein primitives, verrauchtes Grashaus, umzingelt von drögen Wilden in T-Shirts, bedroht von einer unheimlichen Flut, umgeben von einer langweiligen Natur, wo man nichts unternehmen kann, als Boule zu spielen, gierig den letzten Fischen des Meeres nachtauchend, abgekanzelt von einem Dorfchef, der sich erfrecht, absolutes Gehorsam der armen Aargauer einzufordern, die zu allem Unglück ihr tägliches Baguette mit Drahtschmuck zu verdienen gedenken, das sie über Internet verkaufen möchten…



 
 
 
 
 

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Das also war es! Der von Anfang an gesuchte Beweis, dass solche Dinge nicht gehen. Das wäre ja noch schöner! Da würde bald die halbe Schweiz den Seesack packen – etwas Draht und zwei Zangen für den Gelderwerb reichen ja! – und Richtung Südsee aufbrechen. Honolulu, Kiribati, Pago Pago, Hauptsache one way! Diese Message durfte nicht im Entferntesten drin sein, in dem Film, für das ich den Kopf hingehalten habe, ohne davon eine Ahnung zu haben. Die Dramatik war gewollt und aus den vielen Stunden Filmmaterial - wovon sieben von uns stammen - fein säuberlich getrennt worden - vom beschwingten, fröhlichen sich treiben lassen, mit dem ich über 15 Jahre den Pazifik bereist habe, 10 davon mit Sandy. Kein Wort davon, dass unsere Kinder im Pazifik zur Welt gekommen sind und dass für sie die Reise nach Drulu eine Reise zurück in Richtung Heimat ist.

Die Geschichte ist aber viel komplizierter, als dass ich jetzt selbstgerecht sagen könnte, ich sei Mitja böse oder gar wütend auf das SF. Denn immerhin hat uns dieser Film den Plan mit Drulu vereitelt.

„Go with the flow!“ hat mir ein Hawaiianischer Kahuna auf Molokai 1996 gesagt, nachdem ich acht Jahre auf Hawaii gelebt hatte. Nur wer weiterzieht, nur wer reist, nur wer segelt, lernt den Pazifik wirklich kennen. Diese Hälfte der Erde ist nicht punktuell erfahrbar, sondern nur als Linie, die manchmal reichlich verschnörkelt sein will. Neukaledonien, das Land meiner Träume, wo ich 1982 das erste Mal eine pazifische Insel betrat, ist für uns zum Tabuland geworden. Ich riskiere dort die Konfiskation meiner Liberty, und das will etwas heissen. Ein paar Nächte im Gefängnis wären zu verkraften, aber der Verlust des schwimmenden Untersatzes in Ozeanien ist gravierend.



 
 
 
 
 

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Unsere Reise geht weiter. Bzw.: was einmal als Versuch begann, sich an einem zauberhaften Ort nieder zu lassen, mündet in weitere Abenteuer unterwegs. Kein allzu schlechter Deal, scheint mir! In etwa einer Woche wollen wir lossegeln, nach Neuseeland, der Heimat Lunas, die auf der kleinen Insel Waiheke zur Welt kam.

Von Seiten des Schweizer Fernsehens bestand Interesse, eine weitere Folge unserer Südseeabenteuer zu drehen. Mit Mitja als uns besuchender Kameramann. Wir waren auch interessiert, besonders als wir hörten, wie viele Leute sich offensichtlich SORGEN um uns machen, was uns echt verblüfft und mit der Realität wenig zu tun hat.

Da von den vielen Kameraschwenks über unsere an vielen Stellen angebrachten www.einbaum.net Signete im Film nie etwas zu sehen war, und gegen eine weit gehend konkrete Abmachung nie unsere Website Adresse eingeblendet wurde, machten wir das SF darauf aufmerksam, dass wir nur bereit sind, wenn wir dafür eine Gegenleistung erhalten. Dass ich in die Südsee ausgewandert bin, heisst ja nicht, dass ich jetzt Pestalozzi heisse! Dass ich unter einfacheren Bedingungen lebe, bedeutet nicht, dass das Leben gratis ist. Und überhaupt. WAS gibt es in der Schweiz GRATIS, ausser Feinstaub im Winter und Ozon im Sommer?

Das letzte Mail von Mitja, das ich vorgestern erhalten habe, war tituliert mit „Klartext“. Ich Dummerchen hatte eigentlich gedacht, ein Fernsehjournalist redet IMMER Klartext.
In dem Mail muss ich mir den expliziten Vorwurf gefallen lassen, geldgierig zu sein. Ich sei der Erste, der beim Thema Geld Forderungen stelle, und zwar gleich beim ersten Treffen zwischen uns, damals im verschneiten Fahrwangen. Und und und. Ich getraute mich nicht zu atmen, bis ich das Mail fertig gelesen hatte. Ich geldgieriger Halunke, will mich am Schweizer Fernsehen bereichern, las ich zwischen den Zeilen. So düster sieht die Sache mit mir also aus. Ich glaubte andauernd, nicht richtig gelesen zu haben.

Ungefähr hier geht die Episode SF Spezial zu Ende. Ich fühle mich hinters Licht geführt von einer Fernsehstation, die ich kaum kenne, weil ich meistens eingeschlafen bin, wenn ich sie mal einschaltete. Einer Fernsehstation, die mir einen „freien“ Reporter angehängt hat - ohne mir je Danke zu sagen. Nur Danke. Ich glaube, es hätte mich echt gefreut!



 
 
 
 
 

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Fazit


Fazit:
Ohne das Projekt „Inselträume“ hätte ich immer noch keine Webseite, hätte mir nicht eine so gute Videokamera gekauft, hätte ich nicht so viel Konkretes über das Handwerk des Filmens gelernt. Ach ja, hätte ich NIE so einen verrückten Film drehen können, wie der, den ich nach wochenlangem Cutten jetzt endlich fertig gestellt habe. „GANZ SCHÖN WILD!“ heisst er und dauert 40 extrem spannende Minuten. Ein Abriss der Höhepunkte seit dem wir wieder in der Südsee leben. Eingeborene, Delfine, Piraten, Missionare, Tänze und natürlich unsere Kinder, Sandy und ich, unser Segelschiff, das uns wacker seit Jahren durch den Pazifik trägt.



 
 
 
 
 

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Ohne den Input und den ganzen Stress mit und um das Projekt „Inselträume“ wären wir jetzt vielleicht in Drulu am Baden. Die Jahre würden davonfliegen, unsere Kinder, unser Gefühl, ein aussergewöhnliches Leben zu führen. Die Falle der Sesshaftigkeit, die selbst im Paradies zuschnappt. Und das war es eh nicht… In den Jahren, seit wir Drulu kennenlernten, hat sich das Dorf verändert. Die Jungen wollen nicht mehr auf die Felder, man hat DVD und Computergames. Frankreich baut das perfekte Strassennetz und liefert die Autos. Nestle Pulvermilch hat die Kokosmilch ersetzt. Aber nicht nur das. Nestle ist überall, hier in der Südsee. Hundert Meter neben mir – ich sitze im ankernden Boot - kann ich Nestle Wasser kaufen und an der Supermarktkasse zahlen, wo das gesamte Personal in Nestle Uniformen gekleidet ist.


Diese Entwicklung macht nicht mal vor so kleinen Orten wie Drulu halt. Die Gier grosser Konzerne ist bodenlos! Dabei entsteht Abfall ohne Ende, der jedes Paradies zerstört. Ganz Drulu ist übersäht von – konkret – Nestle Abfall! Bevor Mitja kam, haben wir tagelang den Strand sauber gemacht, damit alles beim Dreh gut rüber kommt und man sich nicht schämen muss. Etwa zwanzig Schubkarren Plastik!

All dies hat das scharfe Auge Siouans sehr wohl mitgekriegt. Auch wusste er, dass ich dem Land entstamme, wo Nestle herkommt. Ich glaube, er wollte uns Schweizern einfach den Fuckfinger zeigen, als er seine Million wollte. Recht hat er!

Wenn uns der Film „Inselträume“ etwas gebracht hat, dann das bestärkte Gefühl, zu wissen, wie richtig es war, zu gehen. Und wenn das SF uns je wieder ein Mail schickt, dann können sie uns filmen… Aus 20’000 Kilometer Distanz. Oder für 20’000.- SF Honorar. Ich bin ja nicht blöd!

Wenn der Film etwas kaputt gemacht hat, dann ist es meine Freundschaft zu Siouan. Nicht dass ich etwas GEGEN ihn habe! Nicht dass er etwas GEGEN mich hat! Er wollte einfach etwas spielen mit seiner Macht. Wie gut, dass man das in der Schweiz nicht tut!



 
 
 
 
 

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Oben: Mitja und ich. Abschied in bestem Einvernehmen.



Metafazit....

Der letztlich "heisseste Gag", den sich das Schweizer Fernsehen ausgedacht hatte, waren nicht die endlosen Unstimmigkeiten von der ersten bis zur letzten Szene...., SONDERN: Dass im tropisch paradisischen Ausklingen dieser Südseeschnulze, doch tatsächlich kommentiert wird, dass WIR (Meine Familie) eine Zahlungsforderung bekommen....(WIR!), wo es doch mein bereits zum Freund gewordener Mitja war, und mit ihm das Staatsfernsehen meiner Heimat, der hier eine Rechnung gestellt wurde! UND: Dass DESHALB wir jetzt hier wieder abhauen können, weiter suchen nach dem Paradies - das es EH nicht geben darf!

Abspann: Meine Tochter vor einem kitschigen Sunset über der Sandelholzbucht, und darüber doch echt und ORIGINAL ein Mail von mir an Mitja, worin ich verkünde, dass wir nach Vanuatu weiter segeln. FRECH, echt! Hätte ich denen gar nicht zugetraut...!

Da es eventuelle Folgekosten gehabt haben könnte, hat man lieber uns VERHEIZT, als mal ein paar Schweizer Fränkli in die Hand zu nehmen....

Meines einfachen Erachtens war alles das schwer verdaubare Resultat einer von ANFANG an kalkulierten, helvetischen Knausrigkeit. Ich hatte Mitja bereits in der Schweiz klar instruiert über Gepflogenheiten Melanesiens, unter anderem die Bedeutung des COUTUME, also der AUFWARTUNG beim Chef des Dorfes, mit folgender Darlegung der Gründe, warum man sich in seinem Dorf aufhalten möchte, und DANN folgender Geschenkübergabe.

Auf einer Insel, wo die Leute einen neuen Peugeot zur Hochzeit kriegen, einen Farbfernseher vom Onkel und ein Ticket nach Paris von der Cocousine, hinterlässt die Übergabe eines kleinen Schweizer Messerchen keine grossen Impressionen. Gar von GROSSZÜGIKEIT, des (inzwischen) reichsten Landes der Erde, das hier nur mal kurz medial rumschnuppern will....

An diesem Eindruck verblüffenden Geizes, auf einer Insel, wo Schweizer Messer der Topausführung im Supermarkt zu kaufen sind, ändert sich auch nicht viel, wenn die Frau des Chefs des Dorfes dazu echt noch ein weisses, todschickes T-shirt mit dem roten Aufdruck "SF" dazu GESCHENKT kriegt, der dieser wunderschönen Frau endlich ein gewisses Mass zivilisatorischer Würde verleiht...

Ich schäme mich fremd...!

GEIZ, meine lieben Leserinnen und Leser, die mir hier durch diese seltsam anmutende Reisestory gefolgt sind, GEIZ ist das grösste Übel unserer Zeit!



 
 
 
 
 
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Kommentare
  • Liberty-in-Paradise (RP) 23.07.2012 | 21:49 Uhr

    OK, das Schweizer Fernsehen hat hiermit die Sendung heute Abend abgesagt. War ganz einfach....

    Danke GEO, für die freundliche Unterstützung!

  • Liberty-in-Paradise (RP) 23.07.2012 | 21:52 Uhr

    womit ich (oben) nur die Möglichkeit meine, diese komische Story mal ansprechend darzustellen. So, dass auch ein SF es gerne liest...

  • Funky 24.07.2012 | 21:10 Uhr

    Habe via gerdfehlbaumatyahoodotcom vergeblich versucht, Dir ein Mail zu schicken. Kannst Du mir Deine aktuelle Emailadresse an thomaszatmaildotcom beamen? (ThomasJournalistGlobetrotterWaiapobesuch1997)

  • Liberty-in-Paradise (RP) 24.07.2012 | 21:41 Uhr

    oh ja, meine e-mail: gpsfehlbaum@yahoo.com

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