Reisebericht

Reisebericht: Ausnahmezustand im Dorf

 
 
 
 
 
Reisebericht: Ausnahmezustand im Dorf

Im Kalender Maltesischer Gemeinden gibt es keinen wichtigeren Termin als die alljährliche Festa zu Ehren des jeweiligen Kirchenpatrons. In meinem Dorf ist es der Heilige Joseph, der am ersten Augustsonntag und an den Tagen davor gefeiert wird. Und wer diese Tage einmal erlebt hat, weiß, dass sie wirklich der absolute Höhepunkt des Jahres sind.

Die Grenzen verschwimmen

Es ist jetzt Anfang Juli. Nur noch wenige Wochen bis zur Festa von St.Joseph, aber an den Wochenenden hört man schon die Feuerwerke aus den anderen Dörfern. Und auch bei uns ist das bevorstehende Ereignis bereits heute das Gesprächsthema Nummer Eins. Das Dorf bereitet sich auf den alljährlichen Ausnahmezustand vor. Für mich wird es die dritte Festa sein, die ich als Dorfbewohner miterlebe, und diesmal habe ich eine Wohnung am Village Square, im Auge des Orkans sozusagen. Mir stehen aufregende Tage bevor.

Für Touristen, insbesondere aus den nördlichen Ländern, ist eine Festa das Erlebnis schlechthin. Man wird mitgerissen und verschluckt, und für Momente verschwimmen die Grenzen. Und doch ist es ein Unterschied, wenn man als Nachbar mitfeiert und die Menschen kennt, die in diesen Tagen nahezu alle Hemmungen fallen lassen. Mein Staunen ist dabei eher größer geworden.

Viele Menschen halten es für ein Mittel der interkulturellen Verständigung, Ereignisse nach Gemeinsamkeiten zur eigenen Kultur zu untersuchen und Vergleiche anzustellen. Das Gemeinsame lässt sich leichter portionieren und vereinnahmen, als die dicken Brocken des Gegensätzlichen, und wenige Menschen empfinden Widersprüche als Bereicherung. Dabei übersehen sie gelegentlich, wie tief sich Dinge unterscheiden können, auch wenn sich die Erscheinungsformen ähneln. Die Interpretation schafft Gemeinsamkeiten, wo keine waren. Und kurioserweise entsteht genau durch dieses Missverständnis manchmal tatsächlich etwas Gemeinsames, ein Dialog zwischen dem Fremden und seinen Gastgebern, der meistens als Brücke zwischen den Kulturen besser funktioniert als die Erörterung der Unterschiede.

Man muss natürlich offene Sinne haben und verstehen, soweit man verstehen kann. Aber vor allem muss man das „Andere“ aushalten, den Teil, der einem fremd bleibt. Wenn man wirklich in das Wesen der Dinge eindringen will, muss man ihre Fremdheit lieben. Zu staunen ist keine Schande. Vielleicht ist das der größte Stolperstein im interkulturellen Miteinander, dass wir versuchen, das Andere unseren Maßstäben anzupassen.



 
 
 
 
 
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Lebensfreude

Als Protestant hat mich anfangs die ungezwungene Fröhlichkeit irritiert, mit der das / der Heilige in den Dienst der Gemeinschaft gestellt wird und in der Mitte der Gemeinschaft seinen Platz hat. Dass man um eine Heiligenstatue herumtanzt und sie geradezu ekstatisch feiert, widersprach den irgendwie fundamentalistischen Ideen meiner graumellierten protestantischen Herkunft. Ich habe gelernt, dass es verwerflich ist, sich ein Bildnis zu machen. Im Schweiße meines Angesichts soll ich mich redlich nähren. Die Lutheraner werden den Katholiken ihre Lebensfreude wahrscheinlich niemals verzeihen. Im Grunde genommen sind erst wenige Tage seit Martin Luthers Kampfansage vergangen, und die Firniss, die die Gegensätze zwischen den christlichen Religionsgemeinschaften überdeckt, bildet nur eine dünne brüchige Schicht. Wie unterschiedlich die Vorstellungen tatsächlich sind, erlebt der Protestant während der Festa in einem Gozitanischen Dorf. Und vielleicht fragt er sich - wie ich -, welche eigentlich die besseren, weil menschlicheren sind.

Zunächst war vielleicht sogar ein bisschen Neid über den Ausbruch unbändiger Lebensfreude in mein Festastaunen gemischt. Bis ich begriffen habe, dass diese Lebensfreude unabhängig vom Glaubensbekenntnis jeden teilhaben lässt. Wer eine Festa miterlebt hat, weiß, dass es keinen Ort der Welt geben kann, an dem das Jenseits ferner liegt und alle Energie dem Hier und Heute und dem Menschen neben dir gehört. Ich denke, meine Nachbarn stellen sich Gott als einen Freund im Leben vor, nicht als drohende Gestalt an der Schwelle des Todes.

Vielleicht gehört es zum Erfolgsrezept des Atheismus unserer "modernen" Gesellschaft, dass den Menschen dieses Konzept der Freundschaft mit Gott und den Heiligen fehlt. Was kann uns der Glaube geben, wenn sein Versprechen düster und seine Hoffnung schwach ist?

Nach einer Woche ist der Spuk vorbei. Besser gesagt, der Zauber verflogen. Aber das hat ausgereicht, um die Dorfgemeinschaft für ein Jahr in ihrer Existenz als Gemeinschaft zu bestätigen. Für Gesprächsstoff ist die nächsten Monate gesorgt. Unser Heiliger Joseph ist an seinen Platz in der Kirche zurückgekehrt, im Dorf hat man die Spuren der Festawoche beseitigt. Vielleicht lächelt unser Schutzpatron wirklich noch ein bisschen über den Übermut seiner Anhänger. Aber er, dessen Element nach der Kirchenlehre die Stille des Hauses ist, ist vielleicht auch ganz froh darüber, jetzt für ein Jahr in seiner angestammten Nische seine Ruhe zu haben.

P.S.: St. Joseph ist u.a. auch der Patron der Aus- und Einwanderer, und bisher hat er seine schützende Hand immer über mich gehalten!



 
 
 
 
 
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Kommentare
  • agezur 08.07.2012 | 20:10 Uhr

    Danke für diesen Bericht! Und danke, dass du uns deine persönlichen Gefühle und Eindrücke so nahe gebracht hast. Malta von einer unbekannten, untouristischen Seite.
    Hoffentlich bleiben diese Traditionen noch lange lebendig!
    LG Christina

  • GunnarBoehme (RP) 08.07.2012 | 22:04 Uhr

    Vielen Dank, liebe Christina. Wenn es mir gelungen ist, einen kleinen Einblick in unser dörfliches Leben zu erschließen, bin ich sehr froh. Ich habe hier manches gefunden, dass ich gern mit anderen teilen möchte, weil ich glaube, dass ich nicht allein auf der Suche danach bin. In einer Welt, über die Albert Camus schon vor langer Zeit geschrieben hat: "Es gibt keine Inseln mehr!", d.h. im großen Topf des globalisierten und banalisierten Einheitsbreis, ist die Entdeckung einer jeden Alternative doch schon eine kleine Sensation! Wie lange noch - wer kann das wissen? Veränderungen gibt es auch hier. Aber andererseits sind die Gozitaner Sturköpfe, es besteht also begründete Hoffnung wenigstens auf einen Aufschub!
    Herzlichen Gruß, Gunnar

  • Schili 09.07.2012 | 14:06 Uhr

    Deine offene, unverklärte und vor allem unverkrampfte Sicht auf die Dinge haben mir sehr gut gefallen und legen sogar philosophische Gedankengänge offen. Stilistisch und inhaltlich ein glatter Fünfer... bitte mehr davon. :-)

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