Reisebericht

Reisebericht: Indien in einem Zug - 2. Teil

 
 
 
 
 
Reisebericht: Indien in einem Zug - 2. Teil

Ja, und so ging die Reise weiter auf dieser fast nicht endenden Zugreise Richtung Nepal. Es kommt dann noch ein dritter Teil, der bis zur Nordgrenze von Indien führt, dann der vierte Teil "Fluchtpunkt Kathmandu"...

Aber immer schön der Reihe nach...

Im ZWEITEN "Kapitel" dieser Story ist nochmals der ERSTE Teil, damit das Leser besser verstehen können, die den Anfang dieser Reise verpasst haben.

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"Indien in einem Zug" - 2.Teil

Spinnweben absurder Träume beiseite wischend, erwachte ich stufenweise aus tiefem Schlaf. Die zweite Nacht in einem Zug durch Indien war vorbei.
Sonnenstrahlen blitzten wie Laserschwerter durch Ritzen der herunter gezogenen Sonnenblenden, fuchtelten den Indern in ihren müden Gesichtern rum, erinnerte sie, dass die Nacht der Vergangenheit angehörte.

Die schöne Nacht, wo die Temperaturen unter vierzig Grad fielen. Ich schaute mich um, streckte mich über den Pritschenrand. Man schien sich nicht einig, ob es besser war, dass die Nacht endlich vorbei war, oder eine Katastrophe, dass ein neuer Tag begann.

Die Frau mit den Flausen... (Siehe erster Teil: Indien in eiinem Zug) Sie lag schräg unter mir, zuunterst nun, da wo gestern noch die Fee lag mit ihrem zarten Kinderkopf und knospenden Brüsten. Die Frau mit den „Flausen“, den Geschwulsten über ihren ganzen Körper vielleicht, lag matt da und sah noch elender aus als gestern. Ihre braunen Wucherungen im Gesicht hingen zur Seite, der Schwerkraft folgen, wie Arme von kleinen Seeanemonen in einer Strömung...

Ich konnte sie immer noch nicht für selbstverständlich nehmen, so erschreckend sah sie aus. Ganz im Gegenteil zum Tag zuvor war nicht milde Apathie in ihren Augen, sondern Angst, wenn sie sie kurz öffnete, um die Leute zu betrachten, die vor ihrer Koje standen. Sie schienen sich Sorgen um sie zu machen und redeten mit ihr, als auch untereinander. Es herrschte Aufregung, soviel konnte ich erahnen. Es war kein stilles, vor sich hin köchelndes Zugabteil mehr, mit sechs schweigsamen Passagieren. Es war irgendetwas los. Ich brauchte dringend fünf Kaffees zum aufwachen!

Ich kletterte die Kojenleiter runter, setzte meine Füsse auf den Zugboden voller Nasenpopeln, die aber während der Nacht breit getreten worden sind. Oder frühmorgens schon weg gewischt worden waren von kleinen, bitterarmen Jungs mit uralten, grauen Scheuerlappen. Die sie auf Knien rutschend durch den endlos langen Zug schleiften, ohne allzu grosse Wirkung. Um alle Abteil ihre grossen, sanften Inderaugen vom dreckigen Zugboden zu lösen und bettelnd in die Runde zu schauen, wie kleine hungrige Hunde, die das Männchen machen. Sie waren nirgends eingestiegen, sie stiegen nirgend aus, sie gehörten zum Zug. Sie haben keine Namen.

Tags zuvor hatte ich noch das Experiment gewagt, zuzuschauen, was passiert, wenn man so einem unschuldigen Menschenkind eine 500 Rupiennote zusteckt, dünne gerollt natürlich. Um dann schmunzelnd zuzuschauen, wie das Häufchen Elend verstohlen den Geldschein entrollt. Plötzlich aufsteht wie ein Mensch und aufrechten Ganges verschwindet, nach einem hilflosen Blick zurück.

Es ist unglaublich, was 500 Rupees bewirken! Durch vermüllte Abteile hindurch quälte ich mich im Zug nach vorne, bis ich den Kaffeeverkäufer fand, der alle Hände voll zu tun hatte. Ich bestellte meine fünf Tassen Kaffee, was der Junge aber erst durch Handzeichen verstand. Das Abteil in dem ich stand lächelte verständnissvoll. Indischer Kaffee besteht aus normalerweise vier Esslöffeln Zucker, zwei Teelöffel Milchpulver und mindestens einer Messerspitze Pulverkaffee.

Als ich meine fünf Plastiktassen leer und aus dem Fenster geschmissen hatte, drängelte ich mich wieder den langen Weg zurück im Zug. In den Eingangsbereichen blieb ich manchmal stehen, hielt mich an den Handgriffen fest, lehnte aus der Tür, und liess mich vom Fahrtwind ohrfeigen, denn die Temperatur tendierte bereits ins Unerträgliche! Dabei stand die Sonne noch weit gen Osten.

Aber es herrschte bereits reges Treiben. Verkäufer von Spielwaren gingen von Abteil zu Abteil und verkauften Plastikatrappen von Handys und pinke Plüschpanther, die von der Bambusstange baumelten, aus denen meist ihr Geschäft bestand. Andere kamen mit Schlüsselanhängern daher, die zu hunderten an einem Drahthaken hingen, die die Verkäufer jeweils an die oberste Koje der Abteils hängten, sobald jemand Interesse zeigte. Sobald jemand gekuckt hatte also!

Ein älterer Herr mit weissen Haaren arbeitete sich mit einer Kollektion Plastikdreiecken, Linealen und sechsfarbigen Kugelschreibern durch den Zug. Er hatte eine Art Bauchladen und so verneigte er sich kurz vor jedem Abteil, damit man besser auf sein Brett sehen konnte. Dazu sprach er beschwörende Worte, die zwar fremd, aber richtig tönten.

Etwas weiter kam mir ein Schwesterpaar entgegen. Das ältere Mädchen, etwa zehn, trug einen Eisenring mit beiden Händen fest umschlossen vor sich her, in den sie unter akrobatischen Verrenkungen mit ihren dünnen, aber gelenkigen Beinen einstieg, um ihn dann über ihren ganzen Körper hoch zu ziehen, während sie am Boden eine Bauchrolle vollführte. Ohne die Hände vom Ring zu lassen, gelang es ihr, auch ihre Arme durch diesen zu zwängen, bis sie trimphierend wie eine auf Applaus bedachte Elfe wieder in ihrer Ausgangsposition stand. Wenn immer noch niemand zuschaute, drehte sie kurzerhand im Gang des Zuges das Rad, vorwärts, rückwärts, wie ein balzender Paradiesvogel. Sie war bunt angezogen wie eine Prinzessin, ihre Augen funkelten dunkel.

Ihre Schwester mochte fünf sein, oder vier, aber sie war die Kassiererin. Mit offener Hand stand sie kurz vor mir, schaute hoch und begann zu weinen. Als ob sie den Belzebub in Person vor sich sitzen hatte, liefen ihr Tränen der Angst über die Backe. Ihre Schwester musste ihre Ringnummer abbrechen, um sie an der Hand zu nehmen und das Weite zu suchen, an der anderen Hand ihr Eisenring, der wohl ihr einziger Besitz war. Auch sie schienen zum Zug zu gehören. Auch sie hatten keine Namen.

Draussen war Stille, darin konnte nicht mal der Lärm des Zuges hinweg täuschen. Trockene, knisternde Stille. Braun gesengte Äcker, die auf den Monsun warteten unter einer stillen, gnadenlosen Sonne, die immer noch nicht im Zenith stand. Stille, unter faden Bäumen kauernde Inder alle paar Kilometer, die zwischen Herden still stehender Ziegen im Schatten sassen und nur den Kopf hoben, wenn der Schnellzug Trivandrum – Neu Dehli an ihnen vorbei donnerte.

Ich hatte keine Ahnung wo ich war. Ich hatte mich echt verloren! Ich sah keine Spur mehr von mir. Ich bekam trotz der Hitze Hühnerhaut vor Glück. Ich hatte mich verloren! Ich hatte keinen Reiseführer, keine Karte, keine Uhr, keinen Kompass, keinen GPS, kein Internet und kein Schiff, das wie ein überaus komplizierter Freund nun schon seit Jahren mit mir reist. Wo es NUR um Reiseführer geht (nautische), NUR um Kompass, NUR um GPS geht. Um Winkelgrade, um Kühlwasser für die Maschine, um Schoten geht, Winschen, Luken, Positionslichter. Ich hatte mein Fortkommen sich selbst überlassen, trieb wie ein Blatt im Wind, eilte für zehn Euro quer durch Indien. Ich war frei! Denn ich wusste noch nicht, wie dieser Tag zu Ende geht...

Einen Schaffner hatte ich seit Tagen nicht gesehen, kam es mir vor, dabei waren erst zwei Nächte vorbei. Der Zug hatte diesen montonen Klang, wie eine Trommel im immer gleichen Takt. Manchmal wurde er langsamer, wenn wir uns kleinen Bahnhöfen näherten, wo gottverlassen ein paar Inder standen. Angehalten hatte der Zug seit Ewigkeiten nicht mehr. Er wurde nur schneller und langsamer. Wenn er schneller wurde, wirkte er auf mich wie der Bolero, das Meisterwerk von Ravel. Unendlich langsam entsteht überwätigende Musik. Der ewig sich repetierende Klang, der Beat, wo die Geleise zusammen gesetzt sind mit einer kleinen Lücke dazwischen. Diese Musik, die Eisenbahnfahren erst zum Genuss macht, aber die leider in Europa verstummt ist seit der Einführung des Zieles der Perfektion in allen Bererichen. Bzw. dem Intercity, wo es nicht mal zu schlafen lohnt, weil die Reise so schnell geht.

Ich war unterwegs. Egal wohin. Ich lehnte mich aus dem Zug, so weit ich konnte. Ich schaute mir genau die Büschung an wenn der Zug langsam wurde, und ich überlegte mir, wie schön es doch wäre, so wenig Gepäck zu haben, dass ich jetzt einfach raus springen könnte!

Einfach eintauchen in eine Indische Fremde und Stille, und dann als Tramp den Schienen folgen, bis mir eine Inderin zum heiraten angeboten wird. Ich hatte etwa 200 Euro in Indischen Rupien. Ich wäre weit gekommen...

Im Wind lehnend, aber in Gedanken zutiefst versunken, entging mir zuerst, dass gleich hinter mir zwei Frauen an einem Wasserhahn Tücher nässten und abwechselnd wieder im Waggon verschwanden. Alles wurde plötzlich wie ein Bienenhaus, ich wusste nicht warum.

Im Abteil herrschte grosse Aufregegung, aber es wurde auch gelacht, und als jemand mich sah, eine hohlwangige Inderin, lächelte sie so aufgeregt, dass ich merkte, dass hier grosse Dinge geschahen. Ein Kind wurde geboren. Ein paar Abteile tief im Waggon, wo lauter Frauen sich gegenseitig halfen, vor Mitleid mit tiefen Sorgenfalten, dann schmunzeld vor Freude, dass nun Indien um einen Bürger reicher wird.

Ich entfernte mich schnell und drängelte mich zu meinem Abteil zurück. Es war voll. Die Frau mit der Nase lag wie leblos mit geschlossenen Augen auf der Pritsche, die Studentin legte ihr feuchte Tücher auf die verunstalteten Arme, das wundersame Girl vom Fensterplatz, das nie die geringste Gefühlsregung gezeigt hatte, sass verstört in ihrer Ecke und starrte auf die Frau, deren Kopf ihr vis-a-vis lag, fast auf ihren zarten Knien ruhte.

Ich war hier einer zuviel, schoss mir durch den Kopf! Ich kletterte zu meiner Pritsche hoch, packte, zerrte mein Gepäck runter und verdünnisierte mich Richtung Waggonende – nach einem letzten Blick zurück!

Die MUTTER der beiden hübschen, jungen Frauen, deren Nachbarschaft mir so lange vergönnt war, stand in Tränen aufgelöst hinter mir.
„You know her...?“ fragte ich im letzten Augenblick ihre daneben stehende Tochter, die studierte und Englisch sprach.

„Yes... Its my grandma!“

„....“ Ich war sprachlos. Nein, ich hätte fast geweint! Und für die Länge dieses Augenblicks brannte sich bei mir ein Bild ein. Wie ja ganz KLAR diese vom Schicksal so schwer bestrafte Frau dem Mädchen, dieser still werdenden, jungen, endlos hübschen Frau, extrem GLEICHT! Diese zarte, feine Nase, die vollen Lippen, die wachen, grossen, traurigen Augen. Die vielleicht so traurig waren, weil sie sich gegenüber sassen. Sei es aus Furcht, ebenso zu werden, oder aus Trauer, einmal selbst so gewesen zu sein. Hübsche, intelligente Frau aus gutem Indischen Hause. Begehrenswert und überhängt mit Goldschmuck. Aber schon verblüht, vom Schicksal verstossen.

Kurz nach mir kam auch mein Sitznachbar mit seinem Rollkoffer in Richtung Zugausgang, wo ich mein Basiscamp aufgeschlagen hatte. Wir starrten in die leblose Pampa raus und nickten uns ab und zu zu. Es gab nichts zu erzählen, es gab nicht mal mehr Bäume. Indien gab es nicht mal mehr. Es gab nur den Zug und das Nichts. Er war längst zum Planeten geworden, auf dem wir um die Sonne kreisten. Wir konnten nie das vordere Ende vom Zug sehen, nie das hintere. Ich hatte in keiner Richtung je das Ende erreicht. Wir waren die ganze Menschheit auf dem Weg nach Neu Dehli.

„Is she DEAD?“ fragte ich irgendwann.
Er schaukelte indisch den Kopf.


Als der Zug in Janzi endlich hielt, nach fast 3000 Kilometern, empfing mich auf dem Perron eine diabolische Hitze, kaum dass ich draussen stand. Ohne Blick zurück schleppte ich mich die Treppe der Überführung hoch mit meinen beiden grossen Rucksäcken voller Trophäen. Ich war mitten im Orient plötzlich. Männer mit Turbanen, wie auch ich einen anhatte, aber auch gewichtigere Formate, wie aus einer alten Geschichte. In der Haupthalle des Bahnhofs wurde ich mir sofort von Taxifahrern vorgeknöpft, die mir einen Ausflug zu einem Palast andrehen wollen. Ich war noch neu, und daher freundlich, womit ich aber meine Verfolger kaum überzeugen konnte.

Janzi war mein erster Bahnhof, wo an den Bahnsteigen drehende Deckenventilatoren hingen. Es gab drei verschiedene Wartesäle, je nach Klasse. Ich schmuggelte mich in die erste Klasse, wo es am kühlsten war, liess meine zwei Rucksäcke zu Boden sacken, flätzte mich in den recht bequemen freien Stuhl, legte meine Füsse aufs Gepäck und versuchte irgendwie in mir selbst aufzutauchen, hoch zu streben an die Oberfläche dessen, was mich vor lauter Intensität überschwemmt hatte, mehr als ich schlucken konnte. Wie eine Achterbahn war diese Zugreise zu den äussersten Bereichen menschlicher Existenz gegangen. Sie kam mir vor wie ein Kunstwerk, das es nur ein Mal gibt, geschnitzt von der zittrigen Hand des Zufalls. Ich sass da und rang um innere Fassung. Ich zitterte, als ob ich noch im Zug sass. Dabei war er längst abgefahren und schon bald in Dehli.

Das Mädchen zieht sich weiter durch ihren Eisenring und wenn ihre Schwester grösser ist, bekommt sie auch einen.

Die Jungs mit den Lappen mobben von vorne bis hinten den Zug auf ihren Knien und wedeln ab fünf Rupien mit dem Schwanz.

Kugelschreiberverkäufer sind nonstopp unterwegs, gescheite Formeln verkündend.

Ob vorne ein Lokführer sitzt, ist schwer zu sagen.

Eine eben erst noch, mir fast schon zur intimen Nachbarschaft gewordene Welt, zog ohne mich weiter. Als endlich der Zug nach Gorakhpur kam, traf mich fast der Schlag, als ich den gekühlten Warteraum verlassen musste. Eine andere, eine wieder neue Welt aus Gerüchen, aus Geräuschen, ein Bahnhof wie ein Indienposter, ein in der Abendsonne sengender Zug, der auf mich wartete.

Nur noch etwas über 600 Kilomter, machte ich mir selber Mut, dann bin ich ganz nah! ....von wo ich ganz nah der Grenze nach Nepal bin, ...von wo ich ganz nah von Kathmandu bin...



 
 
 
 
 

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Besuch beim Friseur in Gorakhpur. Schliesslich bin ich auf einem Businesstrip!



 
 
 
 
 

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Hier noch etwas Inspiration...



 
 
 
 
 
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Oben, ein Ohrreif mit einer Perle in der Mitte. Unten, ein mittlegrosser Anhänger aus meiner Abu Dhabi Kollektion, die ich hier zusammen schustern lasse.

Um den leisesten Verdacht von Schleichwerbung zu vermeiden, betone ich, dass ich meinen Schmuck weder on- noch offline hier anbiete. Auf Internet via Etsy oder ebay schon GAR nicht! Dazu bin ich mir echt zu schade...

Mein Problem war eh nie, dass ich mein Zeug nicht verkaufen kann, nur dass ich es gebacken kriege, genug zu produzieren. Im Zweifelsfall rate ich eh Jedem, lass die Finger weg von mein spitzen Designs...!



 
 
 
 
 
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Kommentare
  • Mo-- 26.06.2012 | 15:49 Uhr

    Gerds mit mittels Henna gefärbtem Haupthaar - die kleinen Mädels müssen gedacht haben du wärst Luzifer persönlich.

    Konnte mir die Geschichte sehr gut vorstellen, nicht zuletzt weil ich ja selber noch vor kurzem ein paar tausend Meilen quer durch Indien per Zug unterwegs gewesen bin. Mir sind viele Bilder dessen, was du beschreibst, ähnlich und wie Schnappschussaufnahmen ins Hirn eingebrannt.

    Bin gespannt auf die Fortsetzung!

    Mo

  • morepics 26.06.2012 | 23:25 Uhr

    Ein Bericht wie ich ihn hier gerne öfters lesen würde!!!!! Danke für die aufregende Mitreise als gierige Leserin deines Berichts.
    Grüße von morepics

  • Liberty-in-Paradise (RP) 27.06.2012 | 07:10 Uhr

    Ja, DAS höre ich gerne, Morepics, dass Du eine "gierige Leserin" bist... Werde mir Mühe geben, auch weiter Deine "Gier" nach guten Stories kunstvoll zu befiedigen!

    Macht echt Spass, für so Leser wie Dich und Mo zu schreiben! als auch den Anderen hier!

    Die nächste Folge "Indien in einem Zug" wird dann bis nach Kathmandu gehen, nicht mehr ganz so schicksalshaft wie diese fast schon absurde Reise.... (die ich bis jetzt noch nicht wirklich verarbeitet habe), dafür etwas GEFÄHRLICHER... Diese Folge könnt Ihr innerhalb einer Woche hier lesen, damit Eure Spannung, wo und wie denn dieser ÜBER 4000 Kilometer lange GEWALTSTRIP zu Ende ging nicht erlahmt...

    Dann komme ich endlich dazu, meine "WIRKLICHE" Story, auf die mein Schreiberherz fast schmerzhaft giert, aufzuschreiben. Ein weiters Stadtportrait. "Kathmandu ohne Filter".

    Ihr könnt mir also weiter folgen auf meiner Geschäftsreise, denn EINFACH SO wäre ich NIE IM LEBEN auf die Idee gekommen, nach Nepal zu reisen! Never! Die Welt, die ich mir anschauen WILL ist viel kleiner, als die Welt, die mich gar nicht interessiert... Nun, genau DAS ist spannend, wenn man irgendwo hin MUSS!

    Es ist wie bmit dem Lernen. Die Dinge, die man wissen will, lernen uns selten so viel, wie die Dinge, die man gar nicht wissen wollte...

    Kathmandu, wo ich jetzt seit einem Monat mit meinen zwei Lungenflügeln beitrage, den Strassenstaub abzutragen..., war für mich von Anbeginn voller schwarzer Magie, an diue ich zwar nicht glaube, aber das nützt ja nie...! Hier hat meine geliebte, verstorbene Schwester 1985 gelebt und Schmuck entworfen, den sie hier machen lassen wollte. Sie war die erotischste Schmuckdesignerin der Welt wohl, all ihre Ringe und Anhänger, waren Muschis, Pimmel, vögelnde Paare. Aber alles sehr abstrakt und nur auf den zweiten Blick erkennbar.

    Mit diesen Designs ist sie Ende 85 in die Schweiz zurück gekehrt, hat, wunderschöne Zeichnungen, weiblich bis zum Mond, aber eben auch.... H! Hm...! Sie suchte einen Finanzier, was 1985 in der Schweiz, deren Wirtschaft mit etwa 290 auf der Überhohlspur lief, unmöglich war. Wegen dem H! Hm...! Wegen DEM, was man auf den zweiten Blick erst sah. Igit Igit, eine Möse mit einem roten Rubin. Na, wer wohl SO ETWAS kaufen würde... fragten sich all die reichen Säcke, die in unserem Familien- und Freundeskreis steinreichlich zahlreich vertreten sind. Aber eben. H! Hm...!

    Sie kehrte enttäuscht nach Kathmandu zurück, lernte ihren grüssten Widersacher kennen, den mit der grössten Liebe verwechselte. Ein Franzose, der hier seit 30 Jahren gestreckten Hasch dealte, einen Atomschnauzer über seiner Wortwaschanlage angeschraubt hatte und immer ein kleines Messerchen in seinen Cowboyboots stecken hatte. Mann weiss ja nie! Ausserdem wurde er in Franreich gesucht seit 30 Jahren. Wegen Terorrismus und so...

    Mit ihr, meiner geliebten Schwester und ewigem Gefährten Ingrid, zeugte er ein Kind, wodurch meine Schwester in die Schweiz heimkehrte, mittellos, in einer Bruchbude ihr Kind ausbrütete, mit mir als Wohnungspartner, und leider in tiefe, pränatale Depressionen versank, den nicht mal ein Kuraufenthalt in einer sehr schön gelegenen psychiatrischen Klinik lindern konnte. Die Herren in Weiss hatten keinerlei Erklärungen, meine Schwester war kürperlich fit, bloss dünn wie eine Vogelscheuche, und mit silikonverstärkten Brüsten, was ihre diversen Macker gut an ihr mochten...

    Item. Unter dem gleichen Dach mit ihrer sechs Monate alten Tochter Malika und ihrem Mann in Cowboystiefeln, im Weinkeller einer Villa in der Provence, nahm sie sich etwa zwei Wochen nach Tschernobil das Leben, während ich in New York eine Ausstellung für meinen Schmuck hatte.

    Somit ist SIE das Tschernobil meines Lebens geworden, aus dessen Bahn sie mich geworfen hat. Ihr Schicksal, als Frau, die wagte, VOLL auf die EROTISCHE Schiene zu gehen im Schmuckdesign, und auch sonst ganz schöne FLAUSEN im Kopf hatte, und mich oft als FEIGEN ANGSTHASEN titulierte, weil ich nicht annähernd so krass philosophieren konnte, immer auf der sicheren Seite des Lebens sein wollte...., all das läuft mir seitdem wie ein Echo von ihr hinter mir her.

    Sie sprach fünf Sprachen und dachtre schnell, manchmal ZU schnell. Sie schrieb UNMENGEN von Kladden voll, bis zu hundert Seiten pro Tag, von Hand, mit einer Schrift wie ein sich ewig wiederholenden Acht. Sie schrieb wahrlich achtsam. Jeder Buchstabe war in der Grundform eine Acht. Sie bewies mir, dass die Zahl 88 aus zwei ineindergreifenden Achten besteht. Dazu malte sie Bilder ab zwei Meter Breite. Sie war eine Dickbrettbohrerin im fünften Gang und verpasste Leinwänden eine Mixtur aus Titten, Stacheldraht, in die Unendlichkeit projezierten Mauern, Mösen als Mauerritzen, Pimmel als Wachtürme..., also auch H! Hm...! An ihrer ersten und letzten Ausstellung in Zürich, also einer mittleren Schiffsladung manisch weiblicher Sinnsuche, verkaufte sie natürlich kein einziges Bild. Sie häkelte Pimmelwärmer, schnitzte Pimmeläste, es gab für sie keine Grenzen, ausser die ihrer Macker, die sie irgendwie immer falsch verstanden.

    Ich hatte echt NIE vor nach Kathmandu zu reisen, aber nun bin ich sogar an diesem Ort, wo meine Schwester damals blühen durfte in ihrer inneren Gedankenwelt. Irgendwo hier in dieser krassen Stadt hockte sie in einem Hotel und zeichnete den Schmuck, den sie hier machen lassen wollte. Ohne Geld ging das leider nicht. Jetzt, 27 Jahre danach, sitze ICH hier im Hotelzimmer und zeichne Schmuck, der dann hier gemacht wird. Ich habe schon die ersten Kreationen auf meinem Tisch liegen.

    Im Gegensatz zu meiner Schwester, fand ich einen Geldgeber, um endlich mal auch diese Fessel zu sprengen. Ich fand ihn rein zufällig in Cochin, ein junger Kuwaiter, dem langweilig ist...

    In etwa einem Monat geht also meine Reise von Kathmandu nach Kuwait, von wo wir anfangen wollen, die ganzen Ölscheichs auf einen besseren Geschmack zu bringen....

    Ich werde dann sicher Zeit finden, auch von dieser Reise zu berichten, hoffe ich!

    Ich hänge hier am Schluss obigen Reiseberichtes noch ein oder zwei Fotos an, damit ihr sehen könnt, was ich hier eigentlich MACHE.

    Adios Amigos!

    Gerd der bornierte Angsthase ( O-Ton Ingrid)

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