Reisebericht

Reisebericht: Familienurlaub in Venedig

 
 
 
 
 
Reisebericht: Familienurlaub in Venedig

Die Hochzeitsreise ist schon ein paar Jahre her, die drei Kinder haben bereits das Teenager-Alter erreicht. Der richtige Zeitpunkt für einen Familienurlaub in Venedig? Unbedingt!

Wir erinnern uns an zwei wunderbare Aufenthalte in der Lagunenstadt in unserer Studentenzeit und möchten, dass unsere Kinder diesen geschichtsträchtigen, weltweit einmaligen Ort kennenlernen. Trotz aller Klischees und Millionen Touristen aus aller Welt ist Venedig für mich ein einzigartiges Fest der Sinne und lohnenswertes Ziel für eine Individualreise.

Man sollte schon mehrere Tage auf der Insel selbst – nicht in Mestre, nicht auf dem Lido – wohnen, um Venedig authentisch zu fühlen und zu erleben, um mit der Stadt zu verschmelzen. Die Internet-Suche nach einer passenden Ferienwohnung in Venedig gestaltet sich einfacher als erwartet, zu einem Preis, den man auch auf den deutschen Nordseeinseln zu zahlen hat. Bleibt die Frage: Wohin mit dem Auto? Auch diese ist relativ leicht beantwortet: Auf dem Festland in Mestre gibt es genügend erschwingliche Parkhäuser, die man bereits von zu Hause aus buchen kann – wie in unserem Fall auf dem „Corso del popolo“. Haben wir den Wagen erst mal abgestellt, rollen von nun an nur noch die Räder unserer Trolley-Koffer. Wir sind gespannt, wie der aus der Ferne doch nicht vollständig organisierbare Transfer nach Venedig klappen wird. Nur maximal hundert Meter vom Parkhaus entfernt, befindet sich die Haltestelle einer Buslinie, die in Richtung Piazzale Roma, der Endstation für alle landgängigen Fahrzeuge in Venedig, verkehrt. Ganz in der Nähe gibt es einen Kiosk, an dem ich versuche, das Kombiticket für Bus und Vaporetto, die venezianische Lösung für den öffentlichen Personennahverkehr, zu erstehen. Beim Gesamtpreis von 250 Euro für fünf Personen und fünf Tage muss ich erst mal schlucken, beiße dann aber in den sauren Apfel. Wir erfahren im weiteren Verlauf unserer Venedig-Tour, dass wir für nahezu dasselbe Geld auch eine gut halbstündige Gondelfahrt bekommen hätten.

Einfacher als erwartet

Eine knappe halbe Stunde später steigen wir am Piazzale Roma bereits um ins Vaporetto, das uns in unser Stadtviertel - nein: Stadtsechstel (Sestiere) - Cannaregio im Nordwesten von Venedig bringen soll. Schon hier genießen wir das Erlebnis, mit dem Boot an wunderschönen alten Gebäuden vorbeizufahren, die direkt im Wasser stehen und die eine Aura vergangener Zeiten umgibt. Der Wasserbus biegt links ab, fährt unter einer Brücke hindurch und erreicht nach kurzer Zeit die Haltestelle Crea, wo wir aussteigen. Hier sollen wir abgeholt und zu unserem Haus geführt werden. Meine Sorge, dass wir die betreffende Person im Gewühl nicht finden würden, zerschlägt sich schnell: Bis auf einen Herrn, der an der Haltestelle auf sein Vaporetto wartet, ist hier überraschenderweise am Samstagnachmittag gegen 16 Uhr kein Mensch. In der Nähe marschiert eine Gruppe von Männern in orthodox-jüdischer Tracht über eine Brücke, verschwindet in einem Haus, aus dem wenig später fremdartiger Gesang dringt. Endlich kommt auch unsere Ansprechpartnerin, führt uns zu unserer großzügigen, modern gestylten Wohnung und übergibt uns den Schlüssel.

Von Entdeckungslust getrieben, nehmen wir uns nicht lange Zeit, um die Zimmer zu beziehen und unsere Sachen auszupacken. Außerdem wollen wir uns mit Lebensmitteln für die nächsten Tage eindecken. Mit einem leergeräumten Trolley-Koffer wandern wir los, einer Wegbeschreibung zum nächsten Supermarkt folgend. Es geht am Canale di Cannaregio entlang, über die Brücke Ponte Guglie und dann geradeaus, vorbei an prall gefüllten Marktständen mit Obst, Gemüse und Souvenirs. Den Koffer voller köstlich aromatischer, typisch italienischer Produkte ziehen wir anschließend auf dem gleichen Weg holpernd wieder zurück und schlagen auf dem Markt noch bei Tomaten, Kartoffeln und Knoblauch zu. Dem ersten selbst zubereiteten Menü alla Veneziana steht nichts mehr im Weg.

Rund um den großen Fisch

Das Vaporetto – übersetzt: Dampferchen – ist das Verkehrsmittel der Wahl, wenn man Venedig ausgiebig erkunden will. Mit den Linien, die an unserem Haus vorbeiführen, kann man den großen Fisch, wie die Stadt wegen ihrer Form auf der Landkarte genannt wird, praktischerweise komplett umrunden. Wir probieren es erst mal in westlicher Richtung, die uns über den Piazzale Roma am Hafen vorbei und schließlich durch den Canale della Giudecca in Richtung Markusplatz führt. Unterwegs kommt uns ein gigantisches Kreuzfahrtschiff entgegen, das von einem im Vergleich dazu winzig wirkenden Schlepper durch den Kanal gezogen wird. Neben dem Schiff nehmen sich die Kuppeln des Markusdoms wie die einer Miniaturstadt aus. Vom Wasser aus kommend, bietet das Ensemble aus Campanile, Markusdom und Dogenpalast einen majestätischen Anblick. An der nächsten Station steigen wir aus, um uns das touristische Zentrum der Serenissima, der allerdurchlauchtesten Republik des Heiligen Markus, aus der Nähe anzusehen. Da sind wir nicht die einzigen! Menschen aus aller Welt tummeln sich hier in Scharen, versperren den Blick zur berühmten Seufzerbrücke und stehen Schlange, um die goldgrundigen Kuppelmosaiken der Basilica di San Marco zu besichtigen. In Anbetracht der Wartezeit verzichten wir darauf, uns anzustellen. Die Kinder haben ja noch ein Leben lang Zeit, um einmal hierher zurückzukehren. Unserem Sohn haben es die Tauben auf dem Markusplatz angetan. Er beobachtet die Menschen, die die Vögel mit Futter anlocken, damit sie auf Händen, Schultern oder Kopf landen. Schon ist er mittendrin in dem Spektakel und könnte problemlos den Rest des Tages mit diesem Spiel verbringen. Die Mittagssonne steht hoch, und wir sind durstig. Rund um den Markusplatz kostet eine kleine Flasche Wasser nicht unter drei Euro. Nun ja, so groß ist der Durst dann auch wieder nicht, und mit dem Vaporetto durch den Canal Grande ist es nur eine halbe Stunde bis in preiswertere Gefilde.

In Venedig gibt es sicherlich 1.500 Andenkenlädchen mit hübschem und gar nicht teurem Schmuck aus Muranoglas. Dank unseren Töchtern, die für sich selbst und als Mitbringsel für ihre Freundinnen Ohrringe und Anhänger kaufen wollen, besichtigen wir davon bestimmt 1.490 von innen. Und mit dem Vaporetto fahren wir natürlich auch nach Murano, auf die Insel der Glasbläser. Die Überfahrt führt uns vorbei an San Michele, der von einer Mauer umgebenen Friedhofsinsel. Es war, man höre und staune, Napoleon, der die friedliche Insel als Begräbnisstätte für alle Venezianer auserkor. Auch ein Badeausflug auf den Lido, die lange, schmale Insel zwischen der Lagune und der Adria, steht auf unserem Programm. „Ach, hier fahren ja Autos“, bemerkt eines unserer Kinder auf dem Fußmarsch quer über die von mondänen Hotels gesäumte Insel, auf der Thomas Mann 1912 seine Erzählung „Der Tod in Venedig“ ansiedelte.


Rialto und Co.

An einem Abend möchte ich unbedingt an der Rialto-Brücke sein, um in der Dämmerung am Canal Grande stimmungsvolle Fotos zu machen. Gleich nach dem Abendessen gehen wir los in Richtung Haltestelle San Marcuola, doch, oh Schreck, wir haben die Vaporetto-Tickets in unserem Ferienhaus vergessen. Also wird der ganze Weg im Eiltempo zu Fuß zurückgelegt, und ich schaffe es, das letzte rosa Dämmerlicht einzufangen, bevor es komplett dunkel ist. Nach diesem etwas unromantischen Gehetze haben wir ausgiebig Zeit, Venedig bei Nacht auf uns wirken zu lassen. Die Lichter der Palazzi spiegeln sich im Wasser, zahlreiche Gondeln schippern gemütlich Touristen durch die Kanäle. Es ist eine wirklich märchenhafte Kulisse.

Am nächsten Morgen wollen wir auf dem Fischmarkt in der Nähe des Rialto fürs Abendessen einkaufen. Die Auswahl ist groß, und die Fische werden an den Ständen der „Pescheria“ in prächtiger Vielfalt dekorativ präsentiert. Wir möchten natürlich einen Fisch kaufen, der aus der Adria stammt und nicht im Nordatlantik oder in Asien gefangen wurde. Branzino (Wolfsbarsch) scheint uns da die richtige Wahl zu sein – und wir sind später sehr zufrieden mit dem Ergebnis unserer Kochkunst. Unser Sohn steht allerdings mehr auf Fleisch, sodass wir auch die Metzgerei in unserem Sestiere kennenlernen. Hier ist nicht nur die Qualität sehr gut, sondern auch der Metzger macht eine ausgesprochen attraktive Figur. Ja, die männliche Bevölkerung von Venedig bietet generell einen guten Anblick. Sei es der lässig am Steuer seines Müllabfuhr-Schiffes liegende Müllkutscher, der Fahrer des Postboots oder der Baustoff-Transporteur: Irgendwie kommen sie alle wie Jachtbesitzer rüber. Vermutlich ist Taxibootfahrer deshalb neuerdings der Berufswunsch unseres Elfjährigen. Ich halte übrigens krampfhaft Ausschau nach einer Frau, die am Steuer eines Bootes sitzt – ohne Erfolg. Mit Bootsführerschaft verbundene Berufe scheinen den Herren der Schöpfung vorbehalten zu sein.

Am letzten Tag führt unser Stadtbummel ins Sestiere San Polo. Hier besichtigen wir die Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari, wo ich vor ziemlich genau 20 Jahren in einem Konzert mitgewirkt habe. Wenn man es nicht weiß, übersieht man es fast: das wunderbare Tizian-Gemälde „Assunta“, eine dramatische Darstellung der Himmelfahrt Mariens, am Hochaltar. Im Sestiere Dorsoduro gönnen wir uns ein leckeres Eis und bitten einen Amerikaner, in der hübschen Szenerie eines kleinen Kanälchens ein Familienfoto von uns zu machen. Just in diesem Moment rutscht vor uns ein junger Franzose auf einer Treppe aus und landet platschend im Kanal. Die Hose ist nass, einer seiner Flip-Flops schwimmt davon, aber das teure Smartphone funktioniert noch. Er nimmt es mit Humor, und wir werden beim Betrachten des Fotos immer an diesen lustigen Zwischenfall denken. Etwa zwei Stunden später entdecken wir den verlorenen Schuh an der Mündung des Canal Grande, fischen ihn aus dem Wasser und legen ihn gut sichtbar auf eine Mauer. Ob der junge Mann ihn wiedergefunden hat?



 
 
 
 
 

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Übersicht Italien

Region: Venetien
Stadt: Venedig

Kommentare
  • astrid 18.04.2012 | 09:48 Uhr

    Ein schöner Bericht zum gedanklichen Mitlaufen - Venedig ist immer eine Reise wert.
    LG
    Astrid

  • reisegerne 24.04.2012 | 15:03 Uhr

    Ein wirklich sehr interessanter Bericht. Ich habe wieder Lust, nach Venedig zu fahren. Diese „Geheimtipps“ würde ich nämlich gerne selber entdecken. Im Sommer machen wir wie immer mit Kindern einen Cluburlaub (dieses Jahr in der Türkei mit Kids by FTI Kinderbetreuung). Im Herbst möchte ich jedoch wieder nach Venedig!

  • Christa60 27.04.2012 | 09:27 Uhr

    Ein wundervoller Bericht über eine wundervolle Stadt! Christa60

  • umlalatz 27.04.2012 | 09:48 Uhr

    Vielen lieben Dank für die netten Kommentare. Als Neuling bei der Geo-Reisecommunity freut man sich darüber besonders :-)

  • Blula 03.08.2012 | 19:24 Uhr

    Bella Venezia.... für diese herrliche Lagunenstadt bin ich immer zu begeistern. Bin, so wie Du, auch bereits zweimal da gewesen. Dein lebendiger Bericht hat mir gut gefallen.
    LG Ursula

  • trollbaby 05.08.2012 | 11:06 Uhr

    Ein wunderbarer Bericht mit fantastischen Fotos! Schön, mit Dir und Deiner Familie durch Venedig zu wandeln!
    LG Susi

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