Pilgern – hinaus in die Weite

Reisebericht

Pilgern – hinaus in die Weite

Reisebericht: Pilgern – hinaus in die Weite

Was ist Pilgern? Was passiert dabei in mir?

14.12.2011

Pilgern – hinaus in die Weite

Der Jakobsweg II

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Pilgern ist laufen,
den Kopf leeren,
auf dem Boden bleiben,
seine Kraft spüren,
zu sich kommen,
zur Ruhe kommen,
den Alltag loslassen,
sein Leben von Fern betrachten,
Stille aushalten, Gott finden.

Das ist die Essenz, in wenigen Worten. Und die Abenteuer, die ich dabei erlebe.

Warum mache ich mich überhaupt auf den Weg? Zuerst einmal mag ich das Wandern, den Entschleunigungsaspekt. Die Welt zieht ganz langsam am Wanderer vorbei, das lässt die Gedanken ebenfalls zur Ruhe kommen. Schon nach wenigen Tagen schalte ich den daheimliegenden Alltag ab.
Bei meiner ersten Pilgerreise war ich in einer Umbruchsituation und wollte darüber nachdenken, wie es beruflich weiterginge. Dazu ist ein Weg, die Bewegung nach vorn, ideal. Denn der Weg, der zurückgelegt wird, drängt sich geradezu als Metapher für den eigenen Lebensweg auf. Es gibt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Kreuzungen, an denen ich mich entscheiden muss, Zeiten der Dürre und Zeiten der Gemeinschaft, Aufstiege und Abstiege. Und so sehr ich beim Wandern mit meinem Körper und seinen Schwächen beschäftigt bin, mit den Wegentscheidungen, so sehr führt die Monotonie der Bewegung doch dazu, nachzudenken. Dabei ist es meines Erachtens wichtig, zuerst das Gewesene hinter sich zu lassen. Nach der Übung „drop the thought“, „lass den Gedanken fallen“ (Dalai Lama) lasse ich jeglichen Gedanken, der mir kommt, augenblicklich wieder los. Denn die Gedanken, die zunächst kommen, sind schon millionenfach von mir gedacht worden, sie sind eingelaufen wie meine alten Wanderschuhe. Wenn ich diese alten Gedanken los gelassen habe, ist Platz für neues. Die innere Reinigung kann beginnen.
Für mich als Christ ist die Fokussierung auf Gott ein zentraler Zweck der Reise. Ich sehe nirgendwo sonst eine so starke Abhängigkeit von Gott wie auf einer Pilgerwanderung. Ich bin in der Fremde und nur teilweise orientiert, ich sehe den Weg, der vor mir liegt, aber muss mir immer erst erschließen, was da auf mich zukommt. Mein Essen muss ich mir selbst organisieren, nur in sehr glücklichen Momenten werde ich von anderen versorgt. Es ist zwar nicht schwer, sich etwas zu kaufen oder in ein Restaurant zu gehen, aber ob ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort dafür sein werde, weiß ich nicht. Das Ankommen in der Pilgerherberge, die noch mindestens ein Bett frei hat, ist wie ein täglicher Siegeszug. Ob ich aber heute abend ein Bett haben werde und wie es aussieht, ob ich in Gesellschaft netter Menschen sein werde oder alleine, das weiß ich den ganzen Tag über nicht, bis ich ankomme. Das Ankommen ist auch wieder ein Vergleichspunkt in der Metapher des Lebenswegs. Bin ich in meinem Leben irgendwo angekommen?
Die angesprochene Abhängigkeit von Gott lässt viele Dinge, die mir begegnen, zu Geschenken werden. Andere Dinge erscheinen mir wie Wunder oder Fügungen. Ich wandere mit Gott, und er sorgt für mich. Wir unterhalten uns – ich bete mit offenen Augen während des Wanderns und er antwortet durch das, was mir geschieht.
Und durch Inspiration. Dem Wanderer kommen in die Gedankenleere plötzlich neue, nie gedachte frische Gedanken.
Und er erlebt Abenteuer. Ob es ein Unfall auf dem Weg, eine Schafherde, die zu durchqueren Mut erfordet, viele schöne Sonnenaufgänge, das Wiedertreffen eines schon bekannten Pilgers, das gefährliche Überqueren eines Flusses über eine Autobahnbrücke ist oder einfach das Ankommen in einer Herberge, in der noch ein Bett frei ist: Abenteuer erscheinen groß im Auge des Betrachters, der sie erlebt hat.
Pilgern ist eigentlich ein Soloakt. Alleine unterwegs zu sein, ist wichtig. Trotzdem wandern Menschen gerne in Gruppen. Wer das oben beschriebene in der Gruppe erleben möchte, braucht Zeiten, in denen er dennoch alleine wandert. Die Gemeinschaft hat den Vorteil, dass ich meine Gedanken mit anderen reflektieren kann und den Nachteil, dass ich Dinge vielleicht nicht zuende denke und gleich mit anderen teile.
Essentiell ist auch eine Kommunikationssperre in die Heimat. Es sollte wenig bis nichts von zuhause zum Pilger dringen. Wenn doch telefoniert wird, dann mit der Verabredung, dass nur der Pilger erzählt. Ein Tagebuch kann ein wichtiger Gesprächspartner werden.
10 Kilo Gewichtsbeschränkung – so zieht der Pilger los, um sich nicht unnötig zu belasten. Unbelastet und klar bin ich von meinen Reisen wiedergekommen, habe die nötigen Abschiede zelebriert, bin mir in manchen Sachen sicher geworden, hatte neue Gedanken für die Zukunft und eine Sicherheit erlernt, dass ich immer begleitet werde von einem, der es gut mit mir meint.


Sebastian Leenen, www.sebastianleenen.de

Über den Autor: Ich bin Religionspädagoge und Erlebnispädagoge und gestalte Programme für Klassenfahrten und Pilgerreisen. Ich mag es, Menschen in Situationen zu führen, in denen sie sich und die Gruppe neu erleben können. Jeder zeigt, was er kann. Alle machen mit. Die Gruppe und der Einzelne bekommen die Chance, zu wachsen. Und das macht eine Menge Spaß.
In 2012 führe ich zwei Pilgerwanderungen für Erwachsene durch.



Der Jakobsweg III


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