Der Guggenheim-Effekt

Reisebericht

Der Guggenheim-Effekt

Reisebericht: Der Guggenheim-Effekt

Das Guggenheim-Museum in Bilbao

Guggenheim-Museum

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Der Guggenheim-Effekt
Ein Museum hat das Schicksal Bilbaos verändert



Oscar Wilde meinte einst, dass eine Weltkarte, in der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, keinen Blick verdient, lässt sie doch eine Küste aus, an der die Menschheit ewig landen wird. Von den Basken sagt man, dass sie zwar pragmatisch denken, aber an Wunder glauben. Wahrscheinlich verdanken sie dieser Eigenschaft ihr Guggenheim-Museum in Bilbao.
Doch die Basken sind auch für Ihre Koch- und Essleidenschaft berühmt, und ihre Erfindung für das ständige Zwischendurch bis Mitternacht heißt Pintxos – und bitte nicht Tapas. Pintxos warten an jeder Theke in Hülle und Fülle. Man nimmt, nach Blickkontakt mit der Bedienung, was man kennt, was gefällt oder was neugierig macht. Die Kreationen auf Weißbrot oder in kleinen Schüsseln sind stenographierte Phantasien aus der Küche. Genuss für Augen und Gaumen. Selbst Basken haben den Überblick über die unzähligen Zubereitungsarten verloren. Servietten, Zahnstocher und Zigarettenkippen landen hier an Bilbaos Plaza Nueva wie fast überall in spanischen Bars auf dem Boden – der Besen ist ein anderes Zwischendurch. Wenn man dann doch gegen Mitternacht gesättigt ist von den Pintxos und vom Weißwein aus Euskadi (Baskenland), könnte eine lange, heiße Nacht in Bilbaos coolstem Tipp beginnen, im Kafe Antzokia. Es sei denn, man wäre bereits weniger vom Txakolí als vom Shopping auf dem grandiosen Modeparcours an der Plaza Moyua fix und fertig.
Oder vom langen Spaziergang am Kai des Nervión, dem Hotspot urbanen Flanierens. Man ist hier, um gesehen zu werden oder um zu jene zu sehen, die gesehen werden wollen. Einen Herrn etwa in Armani-Blazer, den Kopf bedeckt vom superfino Panama, die Füße in Santoni-Sneakern, mit aufgekrempelten Jeans – so elegant wie sein Afghane, den er an langer, glitzernder Leine führt.
Glitzernd ist auch das, vor dem man irgendwann unvermeidlich stehen muss, wenn man nicht ohnehin dort hin wollte. Eine riesige Skulptur. Ein vorsintflutliches Meeresungeheuer. Ein intergalaktisches Raumschiff. Eine chaotische Landschaft. Eine Artischocke aus Titan, wie sie Kritiker nannten. Frank Gehrys Guggenheim-Museum. Für viele Besucher ist die im Museum zu besichtigende Kunst zunächst nebensächlich. Für sie ist das animalische High-Tech-Gebäude selbst das Kunstwerk.
Vor 20 Jahren noch herrschten in Bilbao Wirtschaftskrise, Pessimismus und Arbeitslosigkeit. Die baskische Regierung sah die Krise als Chance und griff ihrem vernachlässigten Sorgenkind finanziell unter die Arme. Die modernste U-Bahn der Welt wurde gebaut, 28 Kilometer lang. Für die Gestaltung der Haltestellen wurde der britische Stararchitekt Norman Foster gewonnen. Die Eingänge zu den Stationen werden ‚Fosteritos‘ genannt, die kleinen Fosters.
Nichts verkörpert Utopia und Wunder jedoch so prägnant wie das 1997 am Ufer des Nervió eröffnete Guggenheim-Museum. Fast 100 Millionen Euro kostete der Bau des Kolosses aus Titan, Glas und Kalkstein. Entstanden ist ein herausragendes Beispiel avantgardistischer Architektur.
Auch dessen Inneres. Jeder Rundgang, jeder Gang, jeder Absatz und jede Treppe bietet einen Blick auf die Stadt. Die Ausstellungen sind vom Feinsten, auch die permanenten von Jenny Holzer, Jeff Koons, Louise Bourgeois und Richard Serra.
Der Bau des Museums bescherte Bilbao einen wahren Boom – den Guggenheim-Effekt. Der berühmte katalanische Architekt Santiago Calatrava modernisierte den Flughafen und schenkte der Stadt mit der Zubizuri-Brücke, die einem aufgeblähten Segel nachempfunden ist, ein weithin sichtbares Wahrzeichen. Doch damit reichte es Bilbao noch lange nicht. Ein neuer Hafen und ein angemessener Bahnhof wurden in Auftrag gegeben, ein preisgekröntes Kongresszentrum auf dem Gelände einer stillgelegten Schiffswerft errichtet. Die Investitionen zeigen Wirkung: Die Arbeitslosigkeit ist gesunken und die Gäste bringen viel Geld in die Stadt.
Das Guggenheim Bilbao ist eine sensationelle Erfolgsgeschichte. Erwartet wurden 500.000 Besucher, doch seit der Eröffnung strömen Jahr für Jahr mehr als eine Million durch die 19 Galerien des Hauses. Innerhalb von drei Jahren hatten die Besucher so viel mehr als vorher in Bilbao ausgegeben, als der Bau des Museums gekostet hatte.
Der Erfolg des Museums hat auch die alten Sehenswürdigkeiten der Stadt wieder ins Rampenlicht gerückt. So sollte jeder, der keine Höhenangst hat, der ältesten Hängebrücke der Welt einen Besuch abstatten. Diese spannt sich zwischen den Vororten Las Arenas und Portugalete über den Nevión. Mutige können sich mit dem Panoramaaufzug auf ‚Bilbaos Eiffeltürme‘ bringen lassen und den Fluss in 50 Meter Höhe überschreiten. Oder man nimmt einfach die altertümliche Schwebefähre, die vormals berühmteste Attraktion Bilbaos.


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