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Reisebericht: Mit Ruhe und Gemütlichkeit - Das Ahrntal in Südtirol
Italien einmal ohne Pizza, Pasta und Sandstrand. Dafür mit Bergen, Schnee, frischer Luft und Müßiggang, fernab von Touristenburgen und Animationsclubs. Wer das Ahrntal in Südtirol besucht, entdeckt die Langsamkeit wieder. Und kann zur Ruhe kommen, ohne sich zu langweilen.
Mit Ruhe und Gemütlichkeit
Links und rechts der Straßen formen die massiven Berge das kleine Tal. Dunkelgrüne Tannen umringen sie. Alte, holzvertäfelte Bauernhäuser prägen die Gegend. Martha Hofer wohnt auf so einem Bauernhof. Sie steht in ihrer kleinen Küche und nimmt mit den Händen behutsam den Käsebruch aus dem Kessel. Sie füllt ihn in ein Leinentuch, die überschüssige Molke fließt ab. Der Raum ist kalt und riecht säuerlich, nach Buttermilch. Der Topfen, wie man den Käsebruch auch nennt, wird in eine Form gegeben und gesalzen. Wie körniger Hüttenkäse sieht die Masse aus. „Probieren Sie“, fordert die 41-Jährige auf. Extrem sauer und salzig schmeckt es und lässt vermuten, welches Aroma der fertige Käse einmal haben wird. Martha Hofer ist eine der zwanzig Bauern, die den Ahrntaler Graukäse noch herstellen.
Seit Generationen wird das Rezept weitergegeben. Die ersten Überlieferungen stammen aus dem Jahre 1325. Damals kannten die Menschen noch keine speziellen Techniken, Käse herzustellen. Der Graukäse wird daher ohne das Enzym Lab gemacht. Je nach Geschmack lagert er zwei bis drei Wochen. Zwölf Wochen, wenn er besonders würzig werden soll. Martha Hofer mag ihn lieber etwas reifer. Menschen mit sensiblen Geschmacksnerven sollten allerdings vorsichtig sein. Der Geruch ist penetrant bis muffig. Der Geschmack bitter, intensiv und scharf. Verwandt ist er mit dem Harzer Käse. Weil er aus Magermilch hergestellt wird, hat er einen sehr geringen Fettanteil. Neben dem Käse stellen Martha Hofer und ihre Familie fast alles her, was sie zum Leben brauchen. „Ich kaufe nur Gewürze, Reis und Nudeln im Ort“, erzählt sie. Milch aus dem Supermarkt würde sie nie trinken. Es scheint, als käme die Familie Hofer aus einer anderen Zeit. Stress, Hektik oder Termindruck kennt sie nicht. Der Käse kann eben erst dann hergestellt werden, wenn ihre beiden Kühe genug Milch gegeben haben.
Die Ruhe liegt über der gesamten Gegend des Ahrntals, in Südtirol, dem nördlichen Zipfel Italiens. Das Tal liegt am Fuße der südlichen Zillertaler Alpen. Die einzigen Hektiker der Region sind die Touristen. Sie können es nicht verstehen, wenn die kleinen Läden und Souvenirshops im Ort pünktlich um 12 Uhr schließen und erst nachmittags wieder öffnen. Die Mittagsruhe ist den Ahrntalern heilig und kein Tourist kann daran etwas ändern. Nicht nur die kleinen Orte der Region sind sehenswert. Gerade die Landschaft bietet vielfältige Möglichkeiten: River Rafting, Mountainbiking, Klettern. Vor allem Wandern erlebt gerade einen Boom. Das Image des Rentnersports hängt ihm hier kaum noch nach. Jung und Alt begeben sich auf die oberen Höhenmeter. Wer schon mal in den Bergen gewandert ist, weiß, dass Wandern Sport ist. Im Ahrntal gibt es zahlreiche Routen. Gesundheitsweg, Botanischer Weg, Sonnenweg, Vegetationsweg. Es kann aber auch jeder auf eigene Faust losziehen. Die Tour auf den Kreuzkofl in 2420 Metern Höhe beginnt bei der Jausestation Stalliler. Jause nennen die Südtiroler eine kleine Zwischenmahlzeit. Die Station ist eine Gaststätte in der Wanderer kurz einkehren können um sich zu stärken. Und das ist nötig, denn das erste Stück des Anstiegs hat es in sich und heißt sicherlich nicht umsonst Höhenweg. Für Ungeübte ist er eine echte Herausforderung. Alle fünf Minuten muss eine kurze Pause sein, um Luft zu holen. Der Wald ist dicht. Vertrocknete Baumnadeln liegen auf dem Waldboden und verwandeln den Weg in eine glatte Rutschbahn. Schweiß läuft die Stirn entlang, wie beim Marathonlauf. Die Landschaft findet kaum Beachtung. Zu anstrengend ist der Weg nach oben. Konzentration ist wichtig, denn der schmale Wanderweg hat seine Tücken. Nach zwei Stunden kommt eine Bank am Wegesrand. Hier muss eine erste Rast sein. Erst jetzt nimmt man die Landschaft richtig wahr. Es duftet nach dem würzigen Harz der Tannen und Kiefern. Hier und da kommen Sonnenstrahlen durch die dichten Nadeln der Bäume. Wie ein Flickenteppich bedecken Moos und Flechten den Boden; bunte Blüten von Orchideen und Enzian tupfen Farben auf die Berghänge. Im Laufe des Anstiegs ändert sich die Umgebung. Für Bäume ist die Luft irgendwann zu dünn. Gräser und kleine Büsche begrünen die ansonsten karge Landschaft. Kurz vor dem Gipfelkreuz wird die Luft merklich kühl. Eisiger Wind fegt durch das letzte Gras. Kuhfleckenartig bedeckt der erste Schnee die Hänge des Berges. Graue Felsen und Steine formen die Landschaft. Nur noch hundert Meter bis zum Kreuz. Die Beine sind schwer und zittern. Der Körper ist erschöpft und will nicht weiter. Der Geist treibt ihn an. Höchste Konzentration ist jetzt geboten. Der ungesicherte Weg führt über teils lose Felsen und Steine. Ein Blick nach unten verrät, dass es steil abwärts geht. Endlich am Ziel. Der Kreuzkofl, in 2420 Metern Höhe. Fast tausend Höhenmeter sind überwunden. Der Blick in die Weite zeigt ein einzigartiges Panorama. Südlich liegt das Ahrntal zu Füßen des Berges. In der Ferne sind schemenhaft die Bergspitzen der Dolomiten zu erkennen. Im Norden liegen die schneebedeckten Gipfel der Zillertaler Alpen. Der Wind streicht frisch und kühl über die Berghänge. Tiefes Durchatmen tut gut. Die saubere Luft verleiht neue Energie. Eine kaum bekannte Ruhe liegt in der Luft. Trubel und Verkehr sind weit weg wie nie. Der Abstieg fordert nicht weniger Konzentration. Nur ein paar hundert Meter vom Gipfel entfernt liegt die Jausestation Kegelgassl, auf 2109 Metern Höhe. Die kleine Hütte aus Holz war ursprünglich für die Hirten gedacht, die bei schlechtem Wetter einen Unterschlupf brauchten. Heute kommen Wanderer und Bergsteiger vorbei. Siegfried und Klara Gruber betreiben die Jausestation Kegelgassl. Seit 1995 ist sie in Betrieb. Beim Betreten der Hütte ist es, als besuche man den Alm-Öhi aus den Heidi-Romanen der Schweizer Autorin Johanna Spyri. In der Wohnstube sitzt Klara Gruber beim traditionellen Klöppeln, einem alten Kunsthandwerk der Südtiroler. Tische und Bänke sind aus hellem Kiefernholz. Ein großer Kachelofen steht in einer Ecke und wärmt den Raum. Nur ein großer Flachbildfernseher an der Wand verrät den Fortschritt. „Heute ist nicht viel los“, erzählt Klara Gruber. „Aber morgen kommen 16 Leute, da musste ich heute schon vorkochen.“ Sie serviert eine Brettljause, die typisch ist für die Region Südtirol. Auf einem Holzbrett werden herzhafter Speck, Südtiroler Schinken, Kren (Meerrettich), Käse und saure Gurken serviert. Genau das Richtige für ausgehungerte Wanderer. Vier Monate bleibt Klara Gruber mit ihrem Mann oben auf dem Berg. Von Mitte Juni bis Mitte Oktober. Erst im Herbst, wenn der Schnee kommt, ziehen sie runter ins Dorf. „Wir hatten dieses Jahr schon im August Schnee. Das mit dem Wetter weiß man hier oben nie genau“, erzählt sie. Einsam fühlt Klara Gruber sich nie. Fast täglich kommen ein paar Wanderer und machen eine Pause bei ihr. „Die Stadt ist nichts für uns. Wir brauchen die Ruhe und Freiheit hier oben. So eine Stadt wie Bozen wäre uns zu eng und zu laut - einfach zu viele Leute“. Bozen ist die Hauptstadt Südtirols, mit 101.919 Einwohnern. Damit ist sie auch mit Abstand die größte Stadt der Region. Für Menschen, die hektische, große Städte gewöhnt sind, ist Bozen klein und beschaulich. Der Abstieg führt entlang der Wanderoute 19, Richtung Trippachtal. Er führt über Kuhweiden, an Bauernhöfen vorbei, immer entlang des Gebirgsbaches Trippach. Nach sechs Stunden ist die Tour geschafft. Die Oberschenkel zittern und der Muskelkater ist schon zu spüren.
Am nächsten Morgen hängen Wolken tief ins Tal und das Örtchen Sand in Taufers ist in Wasserdunst gehüllt. Schon von weitem ist die Burg Taufers - trotz der Nebelvorhänge - zu erkennen. Ruhig und friedlich, wie ein stiller Wächter thront sie auf einem Felsvorsprung. Die Burg wurde im 13. Jahrhundert von dem Dynastengeschlecht der Edelfreien Herren von Taufers erbaut. Heute wohnt kein Edelherr mehr auf der Burg und kein Schurke sitzt in den Verließen fest. Touristen haben die Burg eingenommen und belagern sie. Lena ist 19 Jahre alt, Schülerin und in ihrer Freizeit macht sie die Führungen auf der Burg. Aus der kleinen, zarten Person kommt eine überraschend laute und feste Stimme, die das Murmeln der Touristen übertönt. Lena mag die skurrilen Geschichten aus dem Mittelalter. „Die Leute gingen früher nur einmal im Monat baden. Die Läuse hatten damals eine sehr schöne Zeit“, erzählt sie mit einem Lächeln. Eine Gruppe von Schülern darf in der Folterkammer die Beinspange ausprobieren. „Die Beine wurden fixiert und die Füße mit Salz bestrichen. Ziegen haben mit ihrer rauen Zunge das Salz von den Füßen geleckt, bis die Füße blutig waren“, berichtet Lena. Von der Bibliothek mit über 3000 alten Büchern geht es über den mit Rüstungen, Schwertern und Schilden bestückten Waffensaal zum Geisterzimmer. Der Legende nach schloss sich die Prinzessin sieben Jahre in dem Zimmer ein, weil sie ihren Geliebten nicht heiraten durfte und man ihr das uneheliche Kind wegnahm. Sie wurde verrückt und stürzte sich aus dem Fenster. Noch heute soll sie durch die Mauern der Burg geistern und gelegentlich sollen ihre Klageschreie zu hören sein. Letzte Station der einstündigen Führung ist das Kardinalszimmer. „Der Kardinal hatte als einziger ein Doppelbett “, weiß Lena. „Keiner weiß genau warum ausgerechnet er, als katholischer Würdenträger.“ Und mit einem Augenzwinkern entlässt Lena die Touristen in den Burginnenhof. Kaum sind die Touristen gegangen, wird es wieder still auf der Burg. Lena gönnt sich in der Ritterschenke etwas zu trinken. Bis zur nächsten Führung dauert es noch ein bisschen.
Martha Hofer arbeitet derweil auf ihrem Bauernhof und steht in ihrer Küche. Sie macht inzwischen den letzten Käse des Tages fertig und räumt die bereits abgewaschenen Schüsseln, Schöpfkellen und Siebe weg. Jetzt braucht der Ahrntaler Graukäse nur noch Ruhe, um den richtigen Geschmack und sein spezielles Aroma zu entwickeln.
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Danke Dir für den tollen Bericht - er weckt bei mir Kindheitserinnerungen!
4 Jahre lang war das Ahrntal, sprich St.Johann das heißgeliebte Sommerferien-Ziel unserer ganzen Familie. Als Kinder haben wir es genossen in der eiskalten Ahrn Staudämme zu bauen, mit den zahlreichen Kindern des Dorfes zu toben, die Kühe von den Almweiden zu holen, zu melken, zu heuen, das urige, aber auch harte - aber immer fröhliche Landleben der Einheimischen mitzuerleben. Wir durften damals mithelfen beim Butter- und Käsemachen aus frischer Kuhmilch und haben auf den Almen den selbstgemachten Ziegenkäse probiert. Ab Luttach hinein ins Tal gab es nur eine schmale Schotterstraße, von Skiliften und Wintersport-Tourismus war noch lange keine Rede... lang, lang ist´s her, und wunderschön war´s :-)
LG Gudrun -
..das muß ich mir merken!!
von südtirol kenne ich schon viele schöne ecken, aber das ahrntal gilt es noch zu entdecken!!
danke für den tipp!
tina -
Nun habe ich richtig Lust auf das Ahrntal bekommen. Ein sehr schöner und kompletter Bericht von Dir! Danke!
Viele Grüße! Ursula
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