Auf Sinnsuche im Dschungelcamp

Reisebericht

Auf Sinnsuche im Dschungelcamp

Reisebericht: Auf Sinnsuche im Dschungelcamp

Gratis-Urlaub in Venezuela und dabei Gutes tun? Für abenteuerlustige Naturen jederzeit machbar und auch notwendig. Die Warao-Indianer freuen sich über jede helfende Hand. Nachdem ich gegen freie Kost und Logis im Orinoco Delta Camp mitgearbeitet habe, geht die Reise weiter ins Dorf der Warao. Ich lerne das einfache Leben des indigenen Volkes kennen und gebe Spanischunterricht.

Orinoco Delta Lodge



In den Fängen der Justiz

Tukan

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Schwüle Hitze schlägt mir ins Gesicht, während mich zwei bewaffnete Mitglieder der Nationalgarde unsanft in ein gepanzertes Fahrzeug schubsen. Ein technischer Defekt hat den Ganzkörper-scanner am Flughafen Caracas, Venezuela lahmgelegt. Als Ersatz dient ein Röntgenapparat, der sich bedauerlicherweise nicht im Flughafen, sondern in einem fünf Kilometer entfernten Krankenhaus befindet. Die venezolanische Regierung beharrt trotzdem ohne Ausnahme auf ihre Ganzkörperuntersuchung. Der Ausfall technischer Gerätschaften ist keine Entschuldigung. Ich versuche die Sache aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Vom Steuerzahler finanzierte Stadtrundfahrten durch Caracas sind normalerweise der Prominenz vorbehalten. Danke Mr. Chavez! Vielleicht kann ich mich mal dafür revanchieren.

Im Krankenhaus angekommen, will der zuständige Arzt unverzüglich mit seiner Untersuchung beginnen. Ich frage, ob er nicht etwas vergessen hat und denke dabei an die bei Röntgen-untersuchungen übliche Bleischürze, die den menschlichen Körper vor der hochenergetischen Strahlung schützt. Patzig erklärt er mir, dass er so etwas nicht habe und verlangt barsch, dass ich meinen Hintern endlich ins Röntgenzimmer bewegen solle. Hilfesuchend blicke ich zu den Beamten, die mich herbrachten. Sie zeigen keinerlei Reaktion und blicken stoisch Richtung Decke. Einer der beiden zündet sich eine Zigarette an und wirft bei dieser Gelegenheit einen unge- duldigen Blick auf seine Uhr. Ich starte einen letzten Versuch meine Haut vor der schädlichen Strahlung zu retten und weigere mich den Röntgen-Raum zu betreten, so lange mir keine Bleischürze gereicht wird. "Gut, dann eben auf die altmodische Art. Nackt ausziehen und nach vorne bücken!", befiehlt der Arzt und kramt bereits nach seinen Handschuhen. Wie zufällig hebt einer der Gardisten seine Maschinenpistole leicht an. Zähneknirschend gebe ich mich geschlagen und wähle die krebserregenden Strahlen.

Zehn Minuten später ist der Spuk vorbei. Die Soldaten führen mich aus dem schrecklichen Krankenhaus und steuern schnurgerade auf ihr Panzerfahrzeug zu. Ich rechne damit zum Flughafen zurück chauffiert zu werden, aber die beiden Soldaten lassen mich nicht einsteigen. "Hältst du das hier für einen Shuttlebus? Such dir gefälligst ein Taxi!", werde ich abgefertigt. Wenig später brausen die beiden alleine davon. Da stehe ich nun, mitten in Caracas und frage mich womit ich diese zuvorkommende Behandlung verdiene. Liegt es an dem Ort mitten im Dschungel, den ich auf dem Fragebogen unter "Kontaktadresse" angegeben habe? Oder an der Tatsache, dass ich so gut wie kein Gepäck mitführe? Das hatte ich schlauerweise längst mit DHL an seinen Bestimmungsort geschickt, um mir langwieriges Untersuchen des Reisekoffers und noch mehr seltsame Untersuchungen zu ersparen. Zudem hätte meine Fotoausrüstung möglicherweise das Interesse von Kriminellen, die gerne am Flughafen herumlungern, auf sich gezogen.

Beantwortet wurde mir die Frage nie. Ich überlege ernsthaft den nächsten Flug zurück nach Deutschland zu nehmen. Aber höchstens eine Viertelstunde lang, denn auf der Suche nach einem Taxi lerne ich endlich die außerordentliche Gastfreundschaft kennen für die das südameri-kanische Land bekannt ist. Ein älterer Herr beschafft mir einen fahrbaren Untersatz, der nicht von einem Kriminellen gesteuert wird. Und fährt auch noch freiwillig mit zum Flughafen. Dort zeigt er mir den sicheren Weg zum Terminal für Inlandsflüge und sorgt dafür, dass ich keine weiteren Kontrollen über mich ergehen lassen muss. Klar, dass ich nicht nur seine Rückfahrt im Taxi bezahle, sondern noch ordentlich Trinkgeld drauflege. Wenig später fliege ich mit einer Propellermaschine nach Tucupita im Orinoco-Delta. Das Abenteuer beginnt...



Familienbetrieb mit Mini-Zoo

Tobi der Puma

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In Tucupita empfängt mich Anthony, der mit seiner Frau die Orinoco Delta Lodge mitten im Dschungel betreibt.Sie ist nur mit einem Boot erreichbar und liegt an einem Seitenkanal des Caño Mánamo. Auf der etwa zweistündigen Fahrt, die durch jede Menge Seitenarme und Kanäle führt, lasse ich die Zivilisation hinter mir und freunde mich mit einem völlig neuen Leben an. Anthony erklärt mir den Tagesablauf im Camp und welche Arbeiten dort üblicherweise anfallen. Eigentlich hatte ich ihm nur angeboten die Internetauftritte der Orinoco Delta Lodge und ihrer Filiale, der Orinoco Atlantic Lodge zu optimieren. Doch wie es scheint, hat der Campbetreiber noch einiges mehr für mich vorgesehen. Das Spektrum reicht von Renovierungsarbeiten über die Begleitung von Touristen auf Dschungelsafaris bis hin zum Englischunterricht für die in der Nähe lebenden Warao-Indianer. Etwas beunruhigt harrte ich weiter der Dinge.

Endlich erreichen wir die Lodge. Sie besteht aus einem großen Hauptgebäude und etwa vierzig im Gelände verteilten Hütten, die über befestigte Wege oder Stege zu erreichen sind und die Unterkunft für Gäste darstellen. Die meisten Gebäude bestehen nur aus einem Holzboden, Pfosten und einem Dach aus Palmen. Als Wände dienen Moskitonetze, die glückerweise dicht sind. Mit einem Gebilde aus hauchdünnem, beigen Stoff - Anthony würde korrigierend "Das ist ein Vorhang, Mann" sagen - schafft man sich ein wenig Intimsphäre. Mein neuer Brötchengeber lernte diese Bauweise bei den Warao. Ihre Hütten sehen fast genau so aus, die Eingeborenen verzichten nur auf Vorhänge und das Moskitonetz. Organisatorisch hat Anthony hier ein echtes Meisterwerk vollbracht. Das gesamte Baumaterial für die Lodge musste oft hunderte von Kilometer weit per Boot herbeigeschafft werden. Ist das geschehen, werden zunächst jede Menge Pfosten in den sumpfigen Boden gerammt. Mit Querstreben und Brettern stabilisiert der Lodgebauer anschließend das Werk. Völlig starr darf die Konstruktion nicht sein, denn der Sumpf ist ständig in Bewwegung - auch wenn man das nicht mit bloßem Auge sieht.

Wir legen vor dem Hauptgebäude an. Hier befindet sich eine Rezeption, die gleichzeitig eine Bar ist, eine offene Küche, ein Restaurant und eine kleine, abgeschirmte Ecke mit PC und Internetanschluss. Während Anthony die Formalitäten erledigt, betrachte ich einen ausgestopften Kaiman, der werbewirksam neben dem Eingang drapiert wurde. Ich zücke die Kamera und stelle mit Erstaunen fest, dass die Kreatur gerade die Augen geöffnet hat. Mein Aufschrei schreckt einen jungen Tukan auf, der sich zwischen den Stühlen des Restaurants versteckt hielt. Anthony grinst. "Ich sehe, du machst dich schon mit unseren Haustieren bekannt."

Auf dem Weg zu meinem Zimmer werde ich mit weiteren Vierbeinern bekannt gemacht. Star des Abends ist Pancho, ein zahmer Tapir, der sich von den Gästen streicheln lässt. Wir passieren ein Kaimangehege mit Loch, womit geklärt ist woher das vermeintlich ausgestopfte Krokodil vor der Rezeption stammt. "Erinnere mich, dass ich das noch flicken muss", kommentiert Anthony. Mein persönlicher Liebling wohnt höchstens fünf Meter von meiner Hütte entfernt: Tobi, ein zahmer Puma, den Anthony vor Jahren verletzt im Dschungel fand und gesund pflegte. Gerne lasse ich mir die Aufgabe der Fütterung zuteilen. Tobi kassiert bei dieser Gelegenheit immer ein paar Streicheleinheiten, nach wenigen Tagen sind wir die besten Freunde. Obwohl ich schon einige Male in Afrika war, hatte ich noch nie die Gelegenheit einer Raubkatze dauerhaft so nahe zu sein.

Meine Hütte bietet etwa 20 Quadratmeter Wohnfläche und liegt direkt am Wasser. Trotz der einfachen Bauweise wirkt die Einrichtung komfortabel. Nur das Bad ist gewöhnungsbedürftig. Es besteht aus Dusche, Klo und Waschbecken und ist durch eine Holzwand vom Wohnraum abgetrennt. Warmes Wasser gibt es nicht, aber daran gewöhnt man sich schnell. Strom gibt es bis 23 Uhr, denn wird der Generator abgeschaltet. Den Rest meines ersten Tages im Camp habe ich frei, ich nutze ihn um mich einzurichten, selbst ein wenig auf Erkundungstour zu gehen und schlafe dann meinen Jetlag weg.



Tarantel



Tausche Arbeit gegen Unterkunft

Bau einer neuen Hütte

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Am nächsten Morgen wecken mich Papageien, Brüllaffen und anderes Getier. Ich sehe auf die Bau einer HütteUhr. 5:30 Uhr morgens. Auf diese Weise werde ich in Zukunft jeden Tag zur gleichen Zeit geweckt. Die Dschungeltiere beginnen mit ihrem Pfeifen, Fauchen, Gackern, Brüllen und Zirpen eine Stunde vor Sonnenaufgang.Weil sich die Delta Lodge äquatornah auf dem 9. Breitengrad befindet und sich daher Sonnenauf- und Untergangszeiten kaum verändern, funktioniert dieser natürliche Wecker fast so präzise wie ein Schweizer Uhrwerk.

Eine halbe Stunde später stehe ich an der Rezeption, werde mit anderen Mitarbeitern bekannt gemacht und bekomme erste Anweisungen. Auch dieses Kurzbriefing gehört hier zum täglichen Ablaufplan. Wichtig ist es nur so lange man noch nicht voll in die Gemeinschaft integriert ist. Anthony besteht trotzdem darauf, weil sich im Dschungel Dinge blitzschnell ändern können und auch die Touristen ständig wechseln. Die meisten von ihnen bleiben nur zwei oder drei Tage.

Die Belegschaft besteht aus Francois, einem 25-jährigen aus Reims, der wie ich Arbeitskraft gegen freie Kost und Logis tauscht. Er arbeitet an der Rezeption und unterhält die Gäste gelegentlich mit seiner Gitarre. Da er schon über zwei Monate hier ist, inzwischen perfekt spanisch spricht und seine Hautfarbe von der Sonne genügend angepasst wurde, halten ihn die Touristen sofort für einen waschechten Venezolaner. Warum den Schein nicht wahren, ihn abends in ein Folklorekostüm stecken und ein paar südamerikanische Lieder trällern lassen? Ist nicht ganz original, aber den Gästen gefällt es. Natürlich haben wir auch einen echten Venezolaner im Angebot: Sanchez aus Caracas. Er ist neben Anthony für alles zuständig, was Muskelkraft erfordert. Wird eine neue Hütte gebaut, ist Sanchez derjenige, der die meisten Pfosten in die Erde rammt. Wie ich erfahre, wird er sich heute um das Loch im Krokodilkäfig kümmern. Seinen Posten als Puma-Fütterer tritt er an mich ab. Er wird mich nur so lange begleiten bis mich Tobi als neuen Betreuer akzeptiert. An der Gitarre ist Sanchez extrem ungeschickt. Das ist der Grund warum wir den Gästen keinen einheimischen Entertainer anbieten. Dann wäre da noch Morten, ein Rafting-Guide aus Norwegen, der mal was anderes ausprobieren will. Er leitet alle Safaris, die per Boot durchgeführt werden und auch die länger dauernden Trips zu den Warao. Morten ist ein guter Mundharmonika-Spieler, braucht allerdings noch mindestens 2000 Stunden Tropensonne bevor wir ihn als Entertainer einsetzen können.Es gibt noch weitere dienstbare Geister, die nicht beim Briefing anwesend sein müssen: Jose ist der Chef in der Küche, seine Frau befehligt das fünfköpfige Reinigungspersonal. Hinzu kommen noch drei Wachmänner einer beauftragten Security-Firma, die wir so gut wie nie zu Gesicht bekommen.

Neue Mitarbeiter werden im Dschungelcamp herzlich aufgenommen und sollen sich langsam an das Leben dort gewöhnen. Mein erster Arbeitstag beginnt mit einer Portion rohem Fleisch für Tobi. Wir bleiben länger bei ihm als vorgesehen, schließlich soll er sich an mich gewöhnen. Das dauert zum Glück nicht all zu lange. Schon eine Woche später füttere ich ihn allein. Meine Spanisch-Kenntnisse wachsen mit jedem Tag. Die Hütten des Camps bezeichne ich korrekt als Palafitos, das typisch venezolanische Frühstück als Perico. Es besteht aus Rühreiern, Tomaten, Zwiebeln, Paprika und Koriander. Dazu gibt es Arepas, gebackene oder gebratene Maisfladen.

Wenn ich vom Pumafüttern zurückkehre, sind die Touristen in der Regel bereits zu ihren Safari-Touren aufgebrochen. Solche Tage nutze ich, um an den Internetauftritten der beiden Lodges zu arbeiten. Vormittags ist es im Rezeptionsgebäude noch angenehm kühl. Das fördert die Konzentration. Sind Touristen da, die möglicherweise den PC nutzen wollen, erhalte ich Unterricht in Piranha-Fischen, Steuern des Ausflugs-Bootes und Betreuung von Touristen. Eher selten sind handwerkliche Tätigkeiten, aber ausschließen lässt sich das nie. Einrichtungen wie das Orinoco Delta Camp leben von perfektem Teamwork, gepaart mit Selbstständigkeit. Jeder hilft da wo er gerade gebraucht wird. Ort und Zeitpunkt? Egal.



Waraojunge



Preise drücken verschafft Respekt

Indianerfamilie

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An einem jener Tage, die ich am Rechner sitzen kann, lerne ich die Warao kennen. Gegen neun Uhr vormittags legen sie mit ihren drei Holzbooten am Steg vor der Rezeption an. Jose, der Koch hat sie noch vor mir bemerkt und eilt nach draußen. Die Indianer kommen regelmäßig hier vorbei, um uns frisch gefangenen Fisch, Langusten und Muscheln zu verkaufen. Als sie mich bemerken, holt einer der Männer geschnitzte Balsaholztiere und Kettchen aus einem Sack. Jose winkt ab und erklärt ihm, dass ich kein Tourist bin. Ich kaufe trotzdem zwei Tiere und eine Kette, angeblich zum Spezialpreis für Angestellte.

Dann beginnt der Fischverkauf. Ich stelle fest, dass ich eindeutig zu wenig gefeilscht habe. Jose drückt den Preis gnadenlos nach unten. Die Warao jammern, schnattern und stampfen bedrohlich mit den Füßen. Sie drohen damit nur noch an die Konkurrenz zu verkaufen (die gibt es nicht, das Delta Camp steht allein auf weiter Flur) oder deuten auf ihre mitgebrachten Kinder, die verhungern müssen (stimmt auch nicht, das Camp sorgt durch Spenden und Zusammenarbeit mit Hilfs-organisationen für ihr Überleben. Nebenbei kümmert es sich auch noch um ihre schulische Ausbildung). Später erklärt unser Koch, dass diese Show völlig normal ist. Die Indianer respek-tieren ihn, weil er sich nicht ins Bockshorn jagen lässt. Und er würde den Preis nie so weit nach unten drücken, dass tatsächlich Überlebensnot drohen könnte.

Nach vier Wochen habe ich mich richtig eingelebt und unterscheide mich kaum von den anderen Angestellten. Ich laufe oft barfuß, was ich mich zu Beginn niemals getraut hätte. Zweimal brachte ich zusammen mit Morten Touristengruppen zu den besten Jaguarspots. Mit geschultem Blick entdecke ich jedes noch so kleine Tier im Dschungel und nutze die Fähigkeit, um den Gästen eine zusätzliche Freude zu machen. Ältere Damen sind dankbar wenn ich sie auf Papageien, Tukane oder ein Chamäleon aufmerksam mache. Junge Abenteurer, die etwas mehr Thrill suchen, bringe ich zu einem Platz an dem sich meistens ein paar ungefährliche, dafür aber riesige und behaarte Taranteln aufhalten. Zuerst setze ich mir die Spinnen selbst auf den Arm oder ins Gesicht, dann gebe ich die Tiere an die jungen Erwachsenen weiter und fotografiere sie mit ihren eigenen Kameras. Dass die Spinnen mehr Angst vor ihnen haben, als umgekehrt verrate ich nicht.

Eine Attraktion, die allen Touristen gezeigt wird, ist unser "Wunder des Orinoco". An den darauf schwimmenden Hyazinthen und Blättern sieht man, dass der Fluss zweimal täglich die Richtung ändert. So etwas gibt es nirgendwo sonst.



Begegnung mit King Kong

King Kong

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Ein lautes Fauchen weckt mich. Ich höre Tobi unruhig im Käfig umherwandern. Was konnte die Raubkatze so erschreckt haben? Wieder ein Fauchen. Schnell springe ich in meine Kleidung und werfe einen Blick auf die Uhr. Es ist gegen zwei Uhr früh. Soll ich wirklich rausgehen? Eigentlich müssten die Männer vom Wachdienst den Lärm ebenfalls hören. Vorsichtig öffne ich die Tür und spähe hinaus. Im Mondlicht wirkt das Camp richtig romantisch. Doch Tobis Fauchen lässt mir keine Zeit für Gefühlsduseleien. Im Schatten meines Palafito schleiche ich mich vorsichtig in Richtung Raubtierkäfig. Ich muss sehen, was den Puma so erschreckt, ohne dass dieses Etwas mich sieht. Nur noch wenige Meter. Instinktiv bleibe ich stehen und horche in die Nacht. Kein Tier ist zu hören, außer Tobi, der noch immer unruhig im Käfig auf- und abläuft. Genau davor hat mich Anthony immer gewarnt. Stille im Dschungel ist trügerisch, gefährlich. Sie ähnelt der Ruhe vor dem Sturm oder der in einem Gefängnis, kurz bevor eine Revolte ausbricht.

Noch zwei Meter, noch einer. Endlich kann ich um die Ecke einer benachbarten Hütte spähen - und erschrecke fast zu Tode. Mein Herz überspringt mehrere Schläge, sämtliche Nackenhaare stellen sich quer. Auf dem Bootssteg sitzt eine riesige, behaarte Kreatur und starrt mit glühenden Augen in meine Richtung. Die Krallen des Affen müssen mindestens fünfzehn Zentimeter lang sein. Das Tier selbst schätze ich auf weit über zwei Meter Größe. Wohlgemerkt im sitzenden Zustand. Sollte er sich erheben, was ich nicht hoffe, dürfte er die Dächer des Camps überragen.

Anthony und Morten sind früh am Morgen mit einer größeren Touristengruppe aus Holland zu den Warao aufgebrochen. Eine Tour, die zwei Tage dauert. Francois und Sanchez haben ihre Pala- fitos auf der gegenüberliegenden Seite des Camps. Um sie zu holen, müsste ich direkt an King Kong vorbei. Die Küchenbelegschaft wohnt nicht im Camp und von den drei Wachmännern ist weit und breit nichts zu sehen. Kurzum: Ich bin auf mich allein gestellt.

Was also tun? Ich versuche es mit dem ältesten Zoologen-Trick der Welt. Vorsichtig ziehe ich mich zurück und schleiche auf Umwegen zum Haupthaus. Glück gehabt! In der Küche finde ich ein paar Bananen. Jetzt nähere ich mich dem Riesenaffen von der anderen Seite. Nah genug herange-kommen, werfe ich ihm die Bananen zu. Mit einem dumpfen Geräusch landen sie auf dem Boots- steg, direkt vor seinen Armen. Die Kreatur hebt den Kopf und nimmt Witterung auf. Ich wage nicht zu atmen. Dann endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, grunzt der Affe laut, schnappt sich die Bananen und zieht sich zurück. Er wirkt immer noch mißmutig. Ich bin sicher, eine weiße Frau wäre ihm lieber gewesen.



Leben unter den Warao

Schüler

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Noch einmal auf Upload klicken, dann endlich sind die Webseiten für die beiden Lodges online. Ich hätte gerne noch ein paar Videos eingebaut, aber bei der schlechten Verbindung wäre das Hochladen eine echte Quälerei geworden. Anthony ist auch so zufrieden mit meiner Arbeit. Beim Frühstücks-Briefing fragt er mich was ich in meinen letzten zwei Wochen am Orinoco zu tun gedenke. Arbeit gäbe es wie immer genug.

Mein Entschluss steht bereits seit Tagen fest. Mit der nächsten Zweitages-Tour fahre ich mit zum Dorf der Warao. Bei ihnen will ich die restliche Zeit verbringen, in der Schule mithelfen und mehr über das Leben dieses Volkes erfahren. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft schwänze ich am Tag der Abfahrt das Briefing. Ich verbringe eine halbe Stunde länger als üblich bei Tobi. Ob ich ihn jemals wiedersehen werde? Die Katze ist mir wirklich ans Herz gewachsen. Gleiches gilt für die Angestellten des Camps. Als das Boot ablegt, stehen sie mit traurigen Gesichtern am Steg und winkt uns nach. Mein Palafito ist das letzte Gebäude das ich sehe bevor mir eine Flussbiegung den Blick auf das Orinoco Delta Camp nimmt.

Drei Stunden später erreichen wir das Jakara Camp. Die Warao, deren Dorf ganz in der Nähe liegt, nennen es Daovaba. Von dort macht die Touristengruppe einen Ausflug zu den Indianern. Sie wird ohne mich ins Camp zurückkehren, ich bleibe in im Dorf. Als neuen Mitarbeiter in der Schule empfängt mich der oberste Schamane persönlich. Der Capitan, wie er hier genannt wird, ist das ranghöchste Mitglied eines Ältestenrats, bestehend aus vier Männern und drei Frauen. Dieser Rat beschließt Gesetze, verhängt Strafen, genehmigt Hochzeiten und vieles mehr. Alice Schwarzer wäre von den Warao hellauf begeistert, denn hier sind Mann und Frau absolut gleichberechtigt. Ein Musterbeispiel der Emanzipation! Im Rat sitzen grundsätzlich nur ausgebildete Schamanen. Ansonsten konnte ich keine sonderlich ausgeprägte Hierarchie entdecken.

Die Indianer leben in hölzernen Pfahlbauten, die den Palafitos im Delta Camp ähnlich sehen. Sie besitzen allerdings keine Moskitonetze, was mich bei der Führung durch ihr Dorf stark beunruhigt. Die Schule, ein halbwegs modernes Gebäude mit stabilen Seitenwänden läutet das Ende des Rundgangs ein. Sie besitzt nur einen einzigen großen Raum, das Klassenzimmer. Ganz hinten befindet sich ein abgetrenntes Eck mit Bett und Waschbecken. Mein Schlafplatz. Unter normalen Umständen würde ich niemals direkt am Arbeitsplatz schlafen. Hier allerdings fällt mir ein Stein vom Herzen. Die Wahrscheinlichkeit ohne Malaria davonzukommen, hat sich gerade deutlich erhöht. Der Schamane und auch Anthony, der mich bis jetzt begleitet hat, verabschieden sich. Es war meine freiwillige Entscheidung, ich will kein trauriges Gesicht machen. Anthony merkt trotzdem wie schwer mir der Abschied fällt. Das Kapitel Delta Camp ist nun endgültig zu Ende. "Kein Grund traurig zu sein", meint Anthony mit schelmischen Grinsen im Gesicht. "Du kommst irgendwann wieder bei uns vorbei." Ich frage, was ihn so sicher macht? "So ist es bis jetzt fast allen Mitarbeitern ergangen. Die meisten kommen wieder, machen Urlaub im Camp und frischen dabei alte Erinnerungen auf. Und ich sehe das in den Gesichtern der Leute, ob sie wiederkommen. Du bist einer von denen." Höchstwahrscheinlich wird er Recht behalten. Während ich diese Zeilen schreibe, spiele ich die ganze Zeit mit dem Gedanken nach Venezuela zu fliegen.

Ein neuer Tag, ein neuer Beruf. Um neun Uhr empfange ich als frisch gebackener Spanischlehrer meine Schüler. Mit werden Kinder zwischen fünf und sieben Jahren zugeteilt. Für die höheren Jahrgänge reichen meine Spanischkenntnisse nicht aus. Ich kann nur das, was ich im Delta Camp gelernt habe. Das Klassenzimmer ist in drei Bereiche eingeteilt, in denen je eine Lehrkraft unterrichtet. Die Sache ist leichter als ich vermutet habe. Die Kinder sind neugierig auf mich und möchten etwas über meine Heimat erfahren. Ich erzähle einfach gehaltene Anekdoten und lasse sie gelegentlich Begriffe in Spanisch nachsprechen. Später kommen Schreibübungen hinzu. Die Kleinsten müssen dabei lernen einzelne Buchstaben zu schreiben, von den Siebenjährigen verlange ich komplette Wörter und kurze Sätze. Erst nach ein paar Tagen verlieren sie ihre Neugier, verhalten sich wie jeder andere Schüler und versuchen auch mal den Unterricht zu stören oder die Pausen zu verlängern. Allerdings kenne ich zu diesem Zeitpunkt die Kinder gut genug, um einschätzen zu können wann und warum sie stören oder wie man sie wieder zur Räson bringt. Meine Wunderwaffe: Keep smiling.

Über die Kinder lerne ich auch deren Eltern kennen und erfahre mehr über die Warao. Wie viele andere indigenen Stämme erlebten auch sie die fragwürdigen Segnungen katholischer Missionare. Mit brutaler Gewalt versuchte man "diese Wilden zu zivilisieren". So mancher Warao floh in die nächstgelegene Stadt, meistens nach Tucupita oder Barrancas. Dort fallen sie nicht weiter auf. Sie tragen gewöhnliche Kleidung und arbeiten, meistens für Hungerlöhne, in Sägewerken und Palmherzfabriken. Viele fühlen sich im Nachhinein entwurzelt, kommen damit nicht klar und verfallen dem Alkohol. In diesem Stadium sind Selbstmorde keine Seltenheit. Diejenigen, die in ihren Dörfern blieben, versuchten zunächst die Missionare mit aus Blasrohren verschossenen Giftpfeilen zu vertreiben - und handelten sich damit noch mehr Unterdrückung ein. Sie wurden allesamt zwangsgetauft und gelten heute noch als überwiegend katholisch. Nachdem der kirchliche Druck einigermaßen nachgelassen hat, besinnen sie sich zunehmend auf ihre alten Traditionen. Der Glaube an Geister bestimmt einen Großteil ihrer rituellen Handlungen, außerdem besitzen sie sehr großes Fachwissen in Naturheilkunde. Geld verwenden sie nur für Einkäufe in der Stadt. Hier im Dorf ist Tauschen von Gegenständen oder Dienstleistungen üblich. Kaufen müssen die Warao Dinge wie Mais, Mehl, Benzin und Gegenstände aus Keramik und Metall. Das sumpfige Gelände im Orinoco-Delta ermöglicht ihnen weder Ackerbau, noch Viehzucht, noch den Aufbau von Industrie.

Prinzipiell geht es den Warao nicht schlecht, im Gegensatz zu anderen Stämmen stehen sie sogar verhältnismäßig gut da. Trotzdem sind sie, bedingt durch ihre Abgeschiedenheit und fehlende Möglichkeiten der Selbstversorgung auf Hilfe von außen angewiesen. Die Schule des Delta Camps ist ein Teil davon. Daneben schießt die Regierung von Venezuela gelegentlich etwas Geld zu, kirchliche Organisationen wie Adveniat sammeln Spendengelder und setzen es hauptsächlich zur Verbesserung der medizinischen Versorgung ein.

Bei meiner Abreise, die mich über die Atlantic Lodge zur Isla Margarita und nach drei Tagen am Strand zurück nach Deutschland führt, frage ich mich wie lange es die Warao, das Delta Camp und den Dschungel mit all seinen Tieren darin noch geben wird. Der Tourismus verstärkt sich, damit sind die Folgen desselben immer deutlicher spürbar. Kommen mehr Gäste und fangen die mehr Piranhas bleiben logischerweise weniger von diesen Fischen für die Warao als Nahrung übrig. Noch erheblich bedrohlicher ist die industrielle Fischerei direkt vor dem Delta. Sie fängt alle Fische weg, die ansonsten den Orinoco hochschwimmen und von den Warao gefangen werden könnten. Sägewerke und Palmherzfabriken brauchen Bäume als Arbeitsmaterial. Die werden natürlich im Dschungel geschlagen, was dort zu immer mehr kahlen Stellen führt. Die meiner Meinung nach größte Gefahr droht von der Ölindustrie. Immer wieder führt sie Bohrungen im Delta durch - und riskiert dabei die gleiche Katastrophe wie wir sie im Golf von Mexiko gesehen haben. Hugo Chavez, derzeit Staatspräsident von Venezuela, hat die Ölmultis ein wenig zurückgedrängt. Das kann sich aber sehr schnell wieder ändern. Akzeptiert sein Nachfolger das übliche Bestechungsgeld, wird schnell wieder mehr gebohrt. Doch egal, was kommen mag. Die Erinnerung an eines der spannendsten Abenteuer meines Lebens bleibt bestehen. Dauerhaft im Unterbe-wusstsein gespeichert, hole ich sie hervor wann immer mir danach ist. Im Gespräch mit anderen Menschen, beim Schreiben von Artikeln, beim Nachsehen was inzwischen aus den Webseiten der Lodges geworden ist oder einfach wenn ich die Augen schließe und mich erinnern möchte. Und wer weiß, vielleicht gewinnt Anthony seine Wette ja noch...



Meine Spanischklasse


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Kommentare

  • mamaildi

    So einen Bericht liest man nicht alle Tage. Was für eine Reise - und klasse geschrieben. Chapeau!

  • desertflower

    Ich bin schwer beeindruckt! Noch ein chapeau!

  • bRainbow

    Großartiger Bericht :) Danke fürs teilen. Kann mich den anderen nur anschließen.

  • dorfheiliger

    Danke für die Blumen :-) Oder sollte ich besser sagen Muchos gracias?

  • kawasakipower

    Hut ab,klasse Bericht.Hat Spaß gemacht ihn mit dir teilen zu dürfen.

    Lg Melanie

  • Jabba

    :-) Ich fand's auch richtig toll mit Dir im Regenwald unterwegs zu sein!!! Cool!

  • Blula

    Klasse, spannend und wunderbar geschrieben. Dein Bericht ist ein Erlebnis!
    LG Ursula

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