Auf dem GTA in den Alpen

Reisebericht

Auf dem GTA in den Alpen

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07.09.2007

Schaffhausen

Der Bahnhof von Schaffhausen ist leer. Allein sitze ich auf einer Bank und warte. Es ist Freitag, kurz nach Mitternacht. Um 0:45h soll ein Bus nach Singen fahren. Ich stehe auf und schaue auf den Fahrplan, gehe zur Bank zurück, setze mich hin und warte.



Aufstieg im Valle Quarazza

Um 14 Uhr betrete ich im Bahnhof von Domodossola italienischen Boden, trinke einen Espresso, wärme mich in der herrlichen Nachmittagssonne. Ein blauer Bus der Linie Comazzi fährt ins Anzasca-Tal bis nach Macugnaga unterhalb des Monte Rosa. Das abgeschiedene, ursprünglich von Walsern besiedelte Tal war bis ins 18. Jhdt. politisch relativ unabhängig. Die Straße im Valle Anzasca ist eng und kurvig. Der Busfahrer nimmt es ruhig und gelassen. Ich überlege noch, wo ich aussteigen und meine Wanderung starten soll. In Molini di Calasca (529m) oder Borca (1094m)? Das Wetter scheint stabil. Ich steige in Borca aus. Am späten Nachmittag sitze ich auf einer Bank unter einem Holzkreuz, auf dem Tisch vor mir steht mein Essen bestehend aus Brot, Käse und Wurst. Der Stausee Lago delle Fate (1300m) glänzt silbrig in der Nachmittagssonne. Familien picknicken, gehen spazieren, führen Hunde aus.



Bivak mit Jägern und einem Lebenskünstler

Das Bivacco Lanti auf 2150m im Talschluss des Val Quarazza, einem Seitental des Valle Anzasca, hat sich seit meinem letzten Besuch vor vier Jahren nicht verändert. Immer noch ist es schmuddelig, unkomfortabel und hässlich. Es besteht aus einem Metallbivak mit 9 Schlafplätzen und einer Hütte mit Kochgelegenheit und 2 Betten. Ein Wanderer, Deutscher in kurzen Hosen mit Beinen wie ein Langstreckenläufer, hat sein umfangreiches Gepäck, ein Rucksack und etliche Plastiktüten, in der Hütte verteilt. Im halbrunden Metallbivak nebenan ist eine dreiköpfige italienische Familie beim Abendessen (prosciutto, formaggio, pane). Zwei Jäger, die ich auf halber Höhe überholte, kommen eine Stunde nach mir an. Der Dicke schnauft schwer. Bestens ausstaffiert sind sie: Blitzblanke Gewehre, neue, moderne Jagdkleidung. Freizeitballerer. Der Himmel ist inzwischen bedeckt. Ich quartiere mich bei Ralf in der Hütte ein und nehme das untere der beiden Betten. Die Jäger sind inzwischen zu viert und schlafen im Bivak, wo sie von Gemsen träumen und Bäume zersägen können.
Ralf hat die letzte Nacht im Rifugio Ravelli (2500m) verbracht. Ich schaue auf der Karte nach und habe großen Respekt, der sich noch steigert, als ich erfahre, dass er 25 Kilo auf dem Buckel mit sich rumträgt. Er ist arbeitslos. Solange es der Schnee zulässt, wandert er vom Frühjahr bis zum Spätherbst in den italienischen Alpen herum. Im Winter fährt er nach Hause zu seiner Mutter. Das Bivacco Lanti kennt er wie die meisten Unterkünfte in den piemontesischen Alpen gut.
Unterwegs hatte ich meine Vorräte beinahe aufgezehrt, so dass es für mich zum Abendessen nur Kekse und einen Apfel gibt. Ralf kocht sich einen Risotto und eine Pasta aus der Tüte, 2 Portionen. Die Familie und die Jäger versammeln sich in der Hütte, trinken Kaffee und Tee, plaudern. Der Himmel hat sich zugezogen. Es wird kalt und dunkel.



Das Valle Quarazza


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Kommentare

  • darek (RP)

    Schöner Bericht und schon wieder zu schlecht bewertet! Ich frage mich schon zum x-ten, wer für die schlechten Bewertungen verantwortlich ist... GTA - den muß ich auch irgendwann machen - hoffentlich habe ich dann besseres Wetter ;-)

  • AndyH

    Kann mich Darek nur anschließen! Genialer Bericht - einer der Besten die ich bisher gelesen habe auf der Community! Eine wirklich interessante Destination die du dir für deine Solo Tour ausgesucht hast! War vor Jahren mal im Val Seisa zum Paddeln und hab´s seeehr genossen!

    Auch ich verstehe nicht ganz warum viele sehr gute Berichte in der letzten Woche so schlecht bewertet wurden. Aber Geschmäcker sind eben verschieden... Von mir gibts eindeutig die volle Bücherzahl! Mehr bitte!

    P.s. Bilder finde ich auch sehr schön, vor Allem die Detail-Aufnahmen!

  • Eviwild

    Hallo, kann mich Darek und Andy H nur anschließen was den tollen Bericht und die Bewertungen betrifft. Irgendwas geht da nicht mit rechten Dingen zu. Von mir: 5 Bücher

  • Berndthesi

    Sehr guter Bericht. Wäre schön, wenn da in Zukunft noch mehr Berichte von dir kommen.

  • Vigl

    Erstens kommt es anders ... das Wetter ist immer noch der wichtigste Faktor für jegliche Outdoor-Aktivitäten; man muss halt das Beste draus machen. Hilft eh nichts. Und bei schönem Wetter gibt's keine solch beeindruckenden Wolkenbilder. Respekt!

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