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Reisebericht: Don’t mention the war – 40er-Weekend in Ingleton - Yorkshire
„Don’t mention the war!“ – dieser Ausspruch von Basil Fawlty, dem berühmten Eigentümers des Hotels “Fawlty Towers” aus der gleichnamigen TV-Serie war als Warnung für seine Angestellten gedacht, um die deutschen Hotelgäste nicht zu vergraulen. Es ging natürlich gründlich in die Hose. Kein Wunder – in England wird viel und gerne über den Krieg gesprochen.
Wo bitte geht's zur Front?
Im Juli 2009 waren wir im Urlaub in den Yorkshire Dales, als in Ingleton die „Operation Homeguard“ stattfand. Eine Parade mit historischen Fahrzeugen, der Besuch von Winston Churchill und die Befreiung eines besetzten französischen Dorfes wurden auf Plakaten angekündigt. Außerdem sollten WWII-Flugzeuge das Areal überfliegen. Also nichts wie hin.
In Ingleton angekommen ist es nicht zu übersehen, dass das ganze Dorf an dem Spektakel beteiligt ist. Normalerweise ein ruhiges, vor allem für seine Wasserfälle berühmtes Dorf mit hübschen Kalksteinhäusern am Südwestrand des Yorkshire Dales-Nationalparks, zeigt es sich heute im festlichen Geist der 40er. Beinahe kein Haus ist zu sehen, das nicht mit Union-Jack-Girlande geschmückt ist. Vor dem Eingang eines größeren Pubs sind Sandsäcke gestapelt. Die Fenster der Geschäfte und Cafés sind mit Kreuzen aus Klebestreifen versehen, so wie es im Blitzkrieg zum Schutz gegen Glassplitter Vorschrift war. Viele Schaufenster stellen Originalware aus den 40er-Jahren zur Schau: besonders spannend sind die Dessous!
Auf einer Wiese ist ein komplettes Heereslager aufgebaut mit Zelten, Geschützen, Feldküche und Feldtelefon. Und damit sich niemand verirrt, weist am Rand ein Schild in die korrekte Richtung: „The war is this way!“
Dress for the occasion
Aber das interessanteste sind die Menschen auf den Straßen. Vor allem sind natürlich Uniformen zu sehen: soweit wir das beurteilen können eine bunte Mischung aus alten Weltkriegsuniformen und moderneren Varianten. Was natürlich nie fehlen darf, ist eine Waffe. Offenbar schlummern unter den britischen Betten noch ganze Areale von Gewehren, Pistolen und sogar Handgranaten. Für unsere deutschen Augen ist das höchst gewöhnungsbedürftig.
Besonders elegant sind die Frauen. Einige ebenfalls in Uniform (schick!), andere in adretten, geblümten Kleidern, dazu Nahtstrümpfe und natürlich ein Hut – oft kombiniert mit einem Haarnetz. Jungen und Mädchen im 40er-Look rennen umher und tragen dabei vorschriftsmäßig Umhängetaschen mit Gasmasken. Ein geschmackvoll gekleideter Herr trägt ein Baby spazieren, das jedoch fast komplett in einer speziellen Gasmaske verschwindet.
Die Deutschen kommen!
Verschiedene Nationen können wir erkennen: Briten und Amerikaner natürlich und Mitglieder der französischen Resistance - aber auch Deutsche. Und jetzt bleibt uns der Mund offen stehen: diverse Wehrmachts- und SS-Offiziere in vollem Ornat stehen in Grüppchen zusammen und amüsieren sich. Komplett mit Stiefeln, Knarre, Stahlhelm, Runenabzeichen und Hakenkreuzen. Und alle haben offensichtlich einen Riesenspaß und vermitteln den Eindruck des freundlichen, örtlichen SS-Offiziers. Neben einem Kübelwagen mit Runen im Nummernschild erklärt ein netter Wehrmachtsoberst (oder welcher Dienstgrad auch immer) die Funktion des Geschützes auf der Rückbank. Und auch die Gestapo ist vertreten und stolziert in Gestalt eines mit schwarzen Hut, Ledermantel und Nickelbrille bekleideten Herrn wichtig die Hauptstraße entlang.
Das ganze ist Teil des Schauspiels, das später aufgeführt wird. Im besetzten franzosischen Dorf sitzen die Deutschen Offiziere im Straßencafé und vertreiben sich die Zeit damit, französische Zivilisten zu kontrollieren (in feinstem Deutsch: „Halt! Ausweis!“) und ihnen die im Kinderwagen versteckten Handgranaten wegzunehmen. Die mit Streifenpullis und Baskenmützen ausgestattete Resistance versucht erfolglos einzugreifen. Doch bevor die verhafteten Französinnen standrechtlich erschossen werden können, kommen die Alliierten mit ihren Jeeps und Panzern vorgefahren, ballern ein wenig mit ihren Gewehren herum, die Deutschen werden verhaftet, der Gestapomann wird erschossen und Winston Churchill hält eine Rede. Dazu fliegen eine Spitfire und eine Dakota dicht über unsere Köpfe. Beeindruckend!
The 40s-spirit
Ein Szenario wie dieses für uns Deutsche natürlich äußerst befremdlich. Zuhause waren die 40er Jahre eine Zeit, die wenig angenehme Erinnerungen birgt. Hier in England bedeuten sie den Sieg über die Deutschen und das Ende des zweiten Weltkrieges. Und das erlebt man gerne noch einmal. Es herrscht eine wunderbare Atmosphäre, die Leute lachen und haben Spaß. Jede Menge Privatleute haben die Dachböden geplündert um passend gewandet im Dorf zu flanieren. Manche – mitunter ganze Gruppen - reisen zu diesem Zweck sogar über weite Strecken an. Die Fahrzeuge – alte Jeeps, hübsche Oldtimer-Busse und der ein oder andere Panzer - werden bestaunt, und auf dem Trödelmarkt werden die entsprechenden Memorabilia angeboten. Am Abend vorher hat zudem ein 40er-Jahre Tanz stattgefunden; die Kleiderordnung schrieb Uniform und Abendkleid vor; gespielt wurde Swing. Das muss toll gewesen sein. In Ingleton wird das Ereignis organisiert von der Ingleton Homeguard, einer Gruppe Enthusiasten, die regelmäßig derartige Events veranstaltet.
Wir fühlen uns ein kleines bisschen fehl am Platze. Schließlich sind wir die Bösen und werden ja in der britischen Presse immer noch gerne als „Krauts“ bezeichnet. Als ich mir jedoch am Buffet einen Tee kaufe und auf die Frage, wo ich herkomme, antworte: “From Germany. We are the enemy!“, bekomme ich mit strahlendem Lächeln die Antwort: „But not anymore!“. Wir dürfen also mitmachen und sind willkommen. Lovely!
More info
Die berühmte Episode "The Germans" aus Fawlty Towers:
http://www.fawltysite.net/the-germans.htm
Mehr Bilder zum Event:
http://www.ingletonhomeguard.co.uk/ingleton09.htm
Zukünftige Events:
http://www.ingletonhomeguard.co.uk/
Andere 40er Events:
http://www.wensleydalerailway.com/html/1940s_weekend_.html
Wer Ingleton und die Yorkshire Dales auch in Friedenszeiten besuchen möchte:
http://www.ingleton-village.co.uk/
http://www.ingleton.co.uk/
http://www.visitingleton.co.uk/
http://www.yorkshiredalesandharrogate.com/
http://www.yorkshiredales.org.uk/
To be continued
P.S.
Im Juli 2010 waren wir wieder in Yorkshire zu Gast und besuchten die "Operation Dalesman" in Leyburn und Umgebung. Das war auch faszinierend und hat Spaß gemacht - man konnte auch Dampfeisenbahn fahren. Bitte haltet uns jetzt aber nicht für Militaristen. Wer einmal die fröhliche Atmosphäre eines solchen Events mitgemacht hat, weiß wovon ich spreche.
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Die spinnen, die Briten! :-)))
Im Ernst: so gerne wie ich in England wohnte und mich mit allen Nachbarn verstand, so zog ich doch jedes Jahr am 6. Juni meinen (deutschen) Kopf ein. Überall auf der Straße hingen die Union Jacks, und ich versuchte mich als "Kraut" so unsichtbar zu machen wie möglich, denn die D-Day Atmosphäre war förmlich zu spüren!
Ja, es ist in der Tat very british, viel und gerne über den Krieg zu sprechen und daran zu erinnern, und das hast Du in Deinem interessanten Bericht gut rüber gebracht.
LG Beate -
Und was kam gestern Abend im Fernsehen? Justamente am selben Tag, an dem ich den Bericht gepostet habe? Fascinating, indeed!
"Der Krieg: Ein Spaß für die ganze Familie"
Britische Sehnsucht nach dem Empire
* SendeterminDienstag, 24. August 2010, 22.00 - 22.30 Uhr .
* WiederholungsterminMontag, 30. August 2010, 14.30 - 15.00 Uhr (Wdh.).
Es gibt kaum etwas Friedlicheres als das englische Land. Normalerweise. An Wochenenden jedoch sollte man sich in Acht nehmen. Die Idylle könnte trügen. Denn da spielen die Briten Weltkrieg, am liebsten den Zweiten. Zehntausende ziehen jeden Freitag los, um mit Panzern und in Originalkostümen die Zeit nachzustellen, in der die Nation noch eine Großmacht war. Am liebsten spielen sie dabei die Nazis. Nicht etwa aus politischen Motiven, sondern weil es immer schöner ist, den Bösen zu spielen.
London-Korrespondentin Annette Dittert ist dieser seltsamen Leidenschaft nachgegangen, porträtiert Menschen auf der Insel, die jeweils ganz unterschiedliche Motive haben für dieses exzentrische Hobby zwischen Nostalgie und Verspieltheit. -
... selbst Prinz Harry trägt eine Naziuniform und findet das total "chic"! Irgendwie muss man sie einfach gern haben, diese Insulaner!
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Dass die Engländer ein bisschen "eigen" sind, ist ja bekannt, aber aus dem 2.Weltkrieg so ein Spektakel zu machen - selbst wenn man Siegernation war - finde ich mehr als unpassend. Dafür habe ich absolut kein Verständnis.
LG Susi -
PS: Das soll jetzt aber nicht heißen, dass ich Deinen Bericht verurteile! Ich finde es gut, dass Du darüber geschrieben hast!
LG Susi -
Schöner Bericht über ein krasses Event! Das geht aber wohl nur mit dem einzigartigen britischen Humor!
LG Astrid -
Klasse Bericht, ich finde es nicht so schlimm was da so abgeht. Aber dazu muss man halt die Brits verstehen. Machen auch noch einen Scherz wenn's wirklich ans Eingemachte geht. Ich liebe den britischen Humor, es gibt fast nichts besseres. und Gott sei Dank haben sie damals so durchgehalten.
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