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Reisebericht: Auf dem Altiplano
Per Jeep durch die wilden Anden, zu den aufgelassenen Minen "Siglo XX", einst größte Zinnmine der Erde und zur Welt der Salzseen (Salar de Coipasa) und Vulkane (Sajama).
Zusätzlich mit viel soziologischer Hintergrundinformation zum Thema "Unterdrückung der Indigenas Boliviens"
Auf dem Altiplano
„Diese an Prunk- und Verschwendungssucht krankende Gesellschaft Potosis hinterließ Bolivien nur die vage Erinnerung an ihren Glanz, die Ruinen ihrer Gotteshäuser und Paläste und acht Millionen Leichen von Indianern. In unseren Tagen ist Potosi eine arme Stadt im armen Bolivien: „die Stadt, die der Welt am meisten gegeben hat und am wenigsten besitzt“, wie mir eine alte Frau in Potosi [...] sagte.“
Eduardo Galeano, der Kultautor aller Eine-Welt-Aktivisten und Südamerikafans, in seinem bekanntesten Werk „Die offenen Adern Lateinamerikas“. Angeblich wurden den Silberminen Potosis rund um den Cerro Rico so viel Edelmetall entrissen und von den Spaniern geraubt, dass man damit eine Brücke über den Atlantik bis nach Sevilla hätte bauen können. Angeblich waren die Bordsteine Potosis teilweise aus purem Silber.
„Wir können wohl behaupten, dass jeder Teil der Welt bewohnbar ist, und seien es Salzseen“
Charles Darwin nach einer Exkursion in den Anden
Alles fing mit einem absurden Foto an. Im Bildband “Das Schweigen am Silberfluss” aus der Geo-Bibliothek zeigt eine absurde Szenerie in Llallagua, einem Minenort in den bolivianischen Anden, zwei Aymarafrauen in voller Tracht beim Löffeln ihrer Suppe in einem einfachen Restaurant. Ihre Aguayo-Tragetücher noch fest auf dem Rücken, die schmutzigen Indigenahüte auf dem Kopf, konzentriert auf jeden Löffel Suppe. Der gesamte Hintergrund erfüllt von einer etwas angeblichenen Fototapete, es dürfte Polynesien sein. „Eine Fototapete nährt den Traum von Wärme und Luxus in Llallagua. Die beiden Frauen erzählen, sie seien in ihrem Leben noch nie unterhalb von 3000 Metern gewesen“
Als mir Monate später mein Freund Dieter davon vorschwärmt, dass er unbedingt mal die „Siglo XX“-Mine in Llallagua sehen muss, den Ort, an dem die „heilige“ Domitila de Chungara ihr Leben erleiden musste, war klar, wo unsere Jeeptour hingehen würde. Und zufällig, naja, es war fast zu erwarten, landen wir beim ersten Abendessen genau vor jener polynesischen Fototapete in eben jenem einfachen Restaurant.
Es war ein Jahr, nachdem Dieter und ich unsere aktive Zeit in Bolivien beendet hatten. Beide waren wir jahrelang als Lehrer an der Deutschen Schule in La Paz beschäftigt, beide etwas frustriert, dass wir in unserer geliebten Andenmetropole nicht mehr lebten und arbeiteten.
Die Entzugserscheinungen nach Bolivien waren entsprechend groß. Also ab in das Altiplano.
Wenn ich in meinen Jahren in La Paz einen entscheidenden Fehler gemacht habe, dann war es der, keinen Jeep gekauft zu haben. Klar, als Backpacker sind einem die eigenen vier Räder absolut zuwider. Allein das Reisen in öffentlichen Verkehrsmitteln, die Enge, die Gerüche, der Schweiß, der Fußkäse, alles, was man an Menschen riechen kann nimmt man wahr. Das Warten auf die Verkehrsmittel gibt einem die nötige Muße, auf die Mitreisenden einzugehen. Gespräche entwickeln sich. Was ist da im Vergleich dazu diese Blechschachtel, die einem fast komplett abschließt gegen alles was drum herum ist?
Trotzdem, gerade die wirklich entlegenen Regionen lernt man mit dem Fourwheel-Gefährt ganz anders kennen, anders intensiv.
Aber dieses Mal hatten wir uns ja einen Jeep ausgeliehen. Wenige Kilometer hinter El Alto dann der erste Stopp an einem improvisierten Parkplatz: Wie gigantisch der dreizackige Illimani, Charakter- und Hausberg, dasteht. Die Silhouette von La Paz wirkt davor wie die einer Puppenstadt. Daneben der ganz flache und abgeschnittene Mururata. Ich muss an die Aymarasage denken: Vor langer Zeit, in der Zeit der Vorväter, stand der Illimani, edel mit seinen drei Zacken, im Schatten des noch größeren Mururatas. Und das ärgerte ihn. Es ärgerte ihn sogar so gewaltig, dass er eines Tages voller Wut ein Schwert packte und mit Wucht dem Mururata die Spitze abschlug. Erfüllt von Freude stellte er fest: Der Nachbarberg ist jetzt kleiner als ich. Was er nicht bedachte, war die abgeschlagene Spitze: Sie flog über eine weite Strecke und knallte auf das Altiplano. Da steht sie nun, in Form des Vulkanes Sajama an der chilenischen Grenze. Und dieser Sajama ist immer noch größer als der neidische Illimani. Aber der Mururata ist deshalb so flach und ohne Spitze.
Es ist genau solch eine Stelle, an der man nur mit eigenem Gefährt stehen bleibt. Ein Challa-Platz, also so eine Art Open-Air-Altar in den Weiten des Altiplano. An fünf Ständen stehen Aymarapriester herum, jeweils mit einigen Familienangehörigen. Die wahrscheinlich selbsternannten Priester sorgen mit ihren Zeremonien für Glück im Straßenverkehr. In abenteuerlich schmutzige Gewänder gehüllt, die obligatorische bunte Chulumütze auf dem Kopf, Gesicht und Hände wettergegerbt, ein Backen jeweils wie aufgebläht mit Cocablättern und eine unglaubliche Alkoholfahne. Wir nehmen die Dienste von Jhon Mamani in Anspruch. Er zündet einige Hölzchen an, schwenkt diese im Wind und hält sie in verschiedene Himmelsrichtungen. Beißender Rauch von feuchtem Holz qualmt. Danach werden Cocablätter geworfen. Etwa 20 getrocknete Blätter in die zur Höhle geformten Handflächen. Die Hände auf und ab geschüttelt. Die Blätter rieseln auf den Boden. Ein Teil davon wandert in seinen Mund. Einige schiefe und cocagrüne Zähne lachen uns an. Die kleine Plastikflasche mit medizinischem Alkohol, den wir ebenso wie die Cocablätter bei seiner Frau kaufen mußten, wird jetzt geöffnet. Zuerst ein Spritzer auf die Erde, für die Pachamama, die Mutter Erde. Dann im Mund gurgeln, vielleicht nicht nur Gurgeln, und in verschiedene Himmelsrichtungen spucken. Der Arme kann einem leid tun, der wird ja richtig berufsmäßig zum Trinker. Und natürlich die Geldspende am Ende der Zeremonie. Pachamama möge uns schützen auf unserem Weg.
Wenige Stunden in der Unendlichkeit, Straßen wie aus amerikanischen Roadmovies, in über 80 Kilometern Entfernung blinzelt uns der Vulkan Sajama an der chilenischen Grenze an. Über Oruro geht es nach Cala Cala, unserem ersten Ziel.
Cala Cala ist ein unbedeutendes Dorf, dort wo das Altiplano langsam zu Ende ist und die Ostkordillere beginnt. Die Landschaft ist wild und unberührt. Der Campesino beackert hier seine Felder noch mit seinem wertvollsten Besitz, einem Ochsen. Und auch wenn es so scheint, als ob die Äcker aus mehr Steinen denn aus fruchtbarer Bodenkrume bestehen: Offensichtlich wirft das Land genug ab, in vielen Regionen Südamerikas wirken die Menschen wesentlich ärmer als hier. Am Staubplatz vor der Kirche halten wir an, um den Señor Llavero, den Inhaber der Schlüssel, zu suchen. Bemerkenswert schnell taucht er auf und ohne ein Zögern begleitet er uns zur archäologischen Stätte, derentwegen wir eigentlich hier sind. Unter einem überhängenden Felsen wurden vor zwei- oder dreitausend Jahren Lamas, menschliche Gestalten, sogar ein Puma mit roter, schwarzer und weißer Naturfarbe gemalt. Urzeitliche Picassos, eine eindringliche, klare und wunderbare Kunst. Ein Bekannter von uns, Matthias Strecker aus La Paz, ein in Bolivien hängen gebliebener Lehrer, ist Vorsitzender der Sociedad de Investigación del Arte Rupestre en Bolivia. Hinter diesem etwas umständlichen Namen verbirgt sich eine tolle Organisation: Die SIARB untersucht und schützt Arte Rupestre, also Felszeichnungen, Felsbilder, Ritzungen. Native Kunst im ursprünglichsten Sinne. Und gerade diese Stelle in Cala Cala wurde von der SIARB aufwendig geschützt. Man kann es drehen und wenden wie man will, aber viele Indigenas sind hoffnungslose Kunstbanausen. Wie soll man ihnen das auch verdenken: Wenn man nur wenige Jahre die Chance hatte, eine Schule zu besuchen, wenn man ums tägliche Überleben kämpft, in solchen Lebensumständen interessiert man sich nicht die Bohne für abstrakte Tierbilder.
Am Ende der Besichtigung zahlen wir und wollen als Quittung unser Ticket. „No señor, no tengo“. Na gut, ohne Ticket keine Bezahlung. „Señor, unten im Ort hätte ich vielleicht noch welche“. Das alte Schlitzohr weiß ganz genau, dass wir durch die Berge nach Llallagua wollen und natürlich nicht wieder ins Dorf zurück fahren.
Er kann auch ruhig sein Trinkgeld haben, aber eigentlich ist das Geld ja zum Schutz der archäologischen Stätte bestimmt...
Dieter hat es immer noch nicht gelernt: Er fragt schon wieder „ist das der Weg zur Straße nach Llallagua“. Die Leute sagen darauf doch immer ja, egal ob sie es wissen oder ob nicht.
Beim nächsten am Wegesrand stehenden Lamahirten versuche ich meine Variante: „Wohin geht dieser Weg?“ „Por alli“ – dorthin. „subiendo la colina“ – den Hügel hoch. Na so genau wollten wir es gar nicht wissen.
Irgendwann geht es nicht mehr höher, der Höhenmesser zeigt 5000 Meter an. Wir haben den höchsten Punkt der Piste erreicht. Auf dem Bergkamm stehen einige Steinhüttchen rum. Das schaut interessant aus. Als wir stehenbleiben und uns den Hüttchen nähern, sehen wir zwei Männer, gebückt, mit Werkzeug. Das sind Bergleute, Mineraliensucher, die auf eigene Faust was auch immer suchen. Ob denen unsere Anwesenheit genehm ist? Für solche Situationen habe ich seit Jahren immer eine Schachtel Marlboro, Symbol von Freiheit und von Amerika, mit dabei. Und hier im Hochland immer auch ein Tütchen mit Cocablättern. Die wir schon seit Stunden fleißig am kauen sind, das vertreibt wirklich die bohrenden Kopfschmerzen der dünnen Höhenluft.
Die beiden Mineros sind unglaublich freundlich, nehmen Zigaretten und Coca-Blätter nur zu gerne an. Die langweilen sich bestimmt tierisch hier oben, graben in aufgelassenen Stollen nach Mineralien mit Zinn- und vor allem Wolframbestandteilen. Sie zeigen uns ihren Stollen, oder besser gesagt ihr Loch, ihre primitiven Werkzeuge, ihre Tagesausbeute. Ob die hier auch wohnen und schlafen?
„Nein Señor, nur ab und zu. Wir schlafen unten im Ort. In Negro Pabellon. Dort ist unsere Familie.“ Unten ist gut gesagt, für einen Ort auf 4700 Metern Höhe. Dies ist einer von dutzenden aufgelassenen Minenorten, ein kleiner Vorgeschmack, was uns in Siglo XX erwartet: Alles wirkt so überdimensioniert, Gemeinschaftshäuser, Fabrik zur Metallverarbeitung, Bergleutesiedlungen, Wasserstellen, eine Grundschule ohne Schüler, eine kleine Bahn mit Draisinen. Und alles aufgegeben. Einige der Bergleute wußten nach Ende der regulären Förderung nicht wohin, vielleicht sind sie seit ihrer Kindheit hier. Und so haben sie es sich, so weit das halt geht, bequem gemacht in den Resten von damals. In einem Ort am Ende der Welt, ohne medizinische Versorgung, ohne Laden, ohne jeden Verkehrsanschluss. Die Bergpiste packen wir ja gerade so mit unserem Vierradantrieb. Also bis zum nächsten, was man andeutungsweise Zivilisation nennen kann, zwei Tagesmärsche. Ist das hier das Ende der Welt? Gemütliches Leben in einer Geisterstadt.
Eine Stunde später kommt dann Santa Fe, ein Ort, der die Bezeichnung Ort verdient, mit Schule, Medizinposten, Kirche. Danach wieder nichts, für zwei Stunden querfeldein, durch wunderbare Felslandschaften, auf Pfaden, manchmal fragen wir uns, ob das auch ein Ende hat?
Wie aus dem Nichts taucht eine etwas ausgebaute Schotterpiste auf, keine Schilder, niemand zum Fragen da, nach links oder rechts? Wir haben das beste verfügbare Kartenmaterial, es ist ein ungenaues Phantasiepapier. Was bringt da das beste GPS-System, wenn die Karte Müll ist? Instinktiv haben wir uns für die richtige Richtung entschieden, sind wirklich froh über den korrupten Polizisten an der Schranke am Ortseingang von Llallagua. Wir zahlen kein Schmiergeld und die Schranke geht nach einigem hin und her doch hoch. Was hätte er auch machen sollen? Mit welcher Begründung uns nicht passieren lassen?
Einer meiner eindringlichsten Altiplanotage geht zu Ende. Und heute muss ich, der überzeugte Backpacker, wirklich zugeben: Ohne Jeep hätte es diesen Tag so nicht gegeben. Eine Sache, die mir in den darauffolgenden Tagen noch oft durch den Kopf geht.
Llallagua ist eine Arbeiterstadt, die über Jahrzehnte als „rotes Dorf“ oder als „Kommunistenhochburg“ bekannt war. Beim Gang durch die Straßen sieht man Menschen, die geprägt sind von harter körperlicher Arbeit und vom extremen Hochlandklima: Wolkenlose intensivste Sonnenstrahlung am Tag, schneidende Eiseskälte in der Nacht und eine durchdringende feuchte Kälte in der sommerlichen Regenzeit. Es herrscht ein geschäftiges Markttreiben, das Denkmal von Che Guevara vor der Bergbauuniversität und die Arbeiterdenkmäler strahlen postsowjetischen Charme aus.
Um Llallagua zu verstehen, muss man sich auf drei Eckpunkte einlassen: Da ist Domitila de Chungara, die halbheilige Indigenafrau, Menschenrechtsaktivistin, so etwas wie die Riguberta Menchu Boliviens. Im Gegensatz zu Menchu, der Mayaindianerin und Friedensnobelpreisträgerin aus Guatemela, ist Domitila bei ihren Schilderungen angeblich sehr nahe an der Wahrheit geblieben.
Da ist der Berg, die Mine Siglo XX, ehemals eines der reichsten Zinnvorkommen der Welt. Und schließlich Simon Patiño, der sogenannte Zinnbaron, man könnte ihn auch den Bill Gates seiner Zeit nennen (wobei man sich von letzterem ja erzählt, dass er sein Vermögen inzwischen auch für den guten Zweck einsetzt).
Simon Ituri Patiño, 1868 geboren und mit viel Glück und machiavellischem Geschick aus ärmlichen Verhältnissen aufgestiegen zu einem der reichsten Männer seiner Zeit. Sein nie bewohnter Palast in Cochabamba im französischen Stil deutet einiges von seinem Reichtum an. Er erwarb durch Zufall eine scheinbar wertlose Mine, entdeckte dort eine Zinnader und kaufte mit seinen anfänglichen Gewinnen ein Minenimperium unglaublichen Ausmaßes zusammen. Gonzales Sanchez de Lozada, zweifacher bolivianischer Präsident um die Jahrtausendwende und als Minenbesitzer, neoliberaler Politiker und Multimillionär auch nicht gerade ein Kind von Traurigkeit, bezeichnete Patiño als den schlimmsten Tumor, den ein Land befallen kann. Während die Hälfte der Kinder in den Minenrevieren Patiños an Unterernährung starben, bevor sie ein Jahr alt waren, die Männer zu hunderten bei Unfällen in den Minen umkamen und die Frauen für das Überleben der Familien kämpften, vergnügte sich der feine Herr und Parasit in Europa, verprasste dort bolivianisches Volkseigentum. Fünf Jahre nach seinem Tode wurde 1952, im Rahmen der bolivianischen Revolution von Victor Paz Estenssoro, ein Großteil seines Vermögens eingezogen, wenigstens das.
Das Schicksal der Mina Siglo XX, übersetzt „Mine des zwanzigsten Jahrhunderts“, änderte sich allerdings dadurch kaum. Estenssoro, genannte „el mono“, der Affe, verstaatlichte die Mine zwar, nachdem die Revolution die zuvor regierende Militärjunta vertrieben hatte. Die Situation der Arbeiter verbesserte sich aber nur unwesentlich, viele Ideale der Revolution blieben unverwirklicht. 1967, mit der erneuten Machtübernahme der Militärs, wurde jeder Protest gegen die Lebensumstände im Keime erstickt, bei diversen Massakern wurden hunderte von Minenarbeiter wahllos erschossen, umgesiedelt, mundtod gemacht.
Domitila de Chungara war eine von denen, die sich nicht mundtod machen ließen. In gewisser Weise war es ihr Glück, Frau zu sein, denn vor einer Frau hat man im konservativen Bolivien immer etwas mehr Respekt. Dieser Respekt rettete ihr mehrfach das Leben. Das Zeugnis ihres Lebens und der Lebensumstände in den Minen hat Moema Viezzer hervorragend aufgezeichnet in seinem Klassiker „Wenn man mir erlaubt zu sprechen“. Trotz härtester Arbeit hatten viele Menschen in den Bergwerksrevieren nicht genug zum Überleben. Das Durchschnittsalter, in dem ein Minero an der Silikose, der schleichenden, doch letztlich immer tödlichen Bergarbeiterkrankheit, erkrankte, war 35. Danach lebte er noch ein paar Restjahre. Die Witwen hatten nach dem Tod des Mannes einen Monat Zeit, um sich mit ihren fünf, sechs oder mehr Kindern ein neues Heim zu suchen: Die winzigen Wohnungen der Bergbaugesellschaft durften nur bewohnt werden, solange der Mann auch in der Mine arbeitete. Die Einkäufe mußten im gesellschaftseigenen Laden zu überhöhten Preisen durchgeführt werden. Einmal im Jahr konnten sich die Minerofrauen Geld leihen, um Kleidung für die ganze Familie zu kaufen, aber gerade Schuhe hielten nicht ein ganzes Jahr, und so benutzten sie das letzte Paar Schuhe immer abwechselnd, je nachdem, wer gerade auf die Straße musste. Alles in allem also so ähnlich wie Sklaverei, mit dem einzigen Unterschied, dass die Arbeiter ihre Stelle jederzeit verlassen konnten, um dann wo anders zu hungern.
Domitila, eine eigentlich ursprünglich zutiefst unpolitische Frau, stolpert richtiggehend in die Arbeiterbewegung hinein, wird Vorsitzende des Hausfrauenkomitees, die mit Hungerstreiks und Protesten dann doch recht viel erreichen. Sie wird mehrfach ins Gefängnis geworfen, misshandelt, mit der Ermordung ihrer Kinder bedroht. Die Folterschilderungen ihres zweiten Gefängnisaufenthaltes sind zutiefst eindringlich und bedrückend, man möchte dieses Kapitel gar nicht mehr weiter lesen: Domitila, hochschwanger, wird so lange misshandelt, bis ihr Kind tot geboren wird. Vorher wetzt noch einer der Folterknechte seine Messer und droht ihr, dass er ihr Baby abschlachten wird. Als Deutscher denkt man oft, dass solche Sachen nach Auschwitz doch nicht mehr möglich sein sollten. Vielleicht haben wir unsere Lektion gelernt, aber wohin man sieht scheint es möglich, dass Menschen sich unter den entsprechenden Umständen in Monster verwandeln. Und es ist egal ob es sich um die Armabhacker Taylors in Liberia, um Serben in Bosnien, Paramilitärs in Kolumbien, die ihre Gegner zur Abschreckung auf Dorfplätzen zersägen oder um bolivianische Folterknechte handelt.
Domitila überlebt die Folter knapp, muss in die Subtropen ins Exil, kehrt Jahre später zur Siglo XX zurück, wo sie ihren Kampf gegen Ungerechtigkeit wieder aufnimmt.
20 Jahre nach den schlimmsten Massakern, 1987, wurde die Produktion der Mine stillgelegt. Euphemistisch wurde das ein Wirtschaftsstrukturabkommen genannt, mit dem Weltbank und Währungsfond, zu dieser Zeit die wirklich großen Tumore für viele Länder Südamerikas, Bolivien auf Kosten der indigenen Bevölkerung angeblich wirtschaftlich auf Vordermann bringen wollten. Diesen wirtschaftlichen Sprung nach vorne hat Bolivien dann erst in den darauffolgenden Jahren, dank riesiger Gewinne aus der Kokainproduktion, vollbracht.
Für eine geschlossene Mine ist die Siglo XX ziemlich voll. Dies ist mein erster Gedanke, als wir uns tags darauf in aller Herrgottsfrühe im Jeep den Berg nach oben quälen. Zu Fuß oder per Auto? Wir haben uns fürs Auto entschieden, so kommen wir bestimmt leichter an den Kontrollposten vorbei und werden ernst genommen. Außerdem beißen einen so weniger verwilderte Köter.
Der Berg hatte, wie man das auf alten Fotos sehen kann, einmal eine wunderbare konische Gestalt, wie ein Vulkan mit ebenmäßigen Flanken. Inzwischen ist die Spitze eingesackt. Und zwar so stark, dass man es selbst aus großer Entfernung sehen kann. Statt konisch also jetzt die Form eines „M“. Tausende von kleinen Schächten haben den Untergrund durchwühlt wie einen Schweizer Käse. Und da jetzt nicht mehr geplant abgebaut wird, sondern jede Kleinkooperative und jede Einzelperson ungeplant für sich selbst gräbt, wird irgendwann der GAU kommen und der Berg in sich zusammenfallen. So wurden beim geplanten Abbau durchaus ganz bewusst Zinnadern nicht abgebaut, nur um die Stabilität des Berges zu halten. Mineros, die auf eigene Faust arbeiten und um das tägliche Überleben kämpfen, können sich solch einen Luxus nicht erlauben. Da wird einfach alles abgebaut.
An einer Schranke auf halber Höhe geht es nicht weiter. „Was wollt ihr da oben? Das ist nur ein Privatauto! Ihr könnt hier nicht durch!“ Und wir haben auch wirklich keinen Grund, hoch zu wollen. Aber nach einem Small-Talk-Gespräch lässt er uns durch. Oben dann verwunderte Blicke der Bergleute, was wollen die Gringos hier? Als Ausländer wird man meist zuerst für einen Amerikaner gehalten, das kann gefährlich sein. So kommen wir ins Gespräch, verteilen Cocablätter und schon will uns ein Campesino rumführen. Nur in die Mine dürfen wir keinesfalls rein. An angerostetem Mineninventar vorbei geht es zu ein paar Schächten, das Beste sind eigentlich die Gestalten, die hier arbeiten, vielleicht auch die Ausblicke auf die riesigen Halden. Als viel interessanter stellt sich dann die Besichtigung des ehemaligen Dorfes heraus: Die kleinen Häuschen, wie haust man da wohl mit sieben Kindern, alte Busse ohne Räder, eine Versorgungsbahnlinie, die Wasserstelle, alles hat so etwas unwirkliches. Verfall an allen Ecken und trotzdem bewohnt. Es hat einen ganz eigenen, morbiden Charme.
Durch die Berge fahren wir den direkten Weg nach Oruro zurück, um uns im zweiten Teil unserer Tour dem salzigen und vulkanischen westlichen Altiplano zu widmen.
Die Anden Südamerikas wurden, vereinfacht gesagt, durch die Kollision zweier Erdplatten aufgefaltet. Die schwerere ozeanische Nazcaplatte schob sich unter die etwas leichtere Südamerikanische Platte. Durch starke Reibungen schmolz Gestein auf, was sich dann in Form von Lava seinen Weg nach oben suchte. Deshalb die vielen Vulkane in den Anden.
Vor etwa 60 Millionen Jahren senkte sich ein Teil der Zentralanden stark, so entstanden die auch heute noch stark vulkanische Westkordillere, das tiefer gelegene Altiplano und die nicht mehr vulkanische Ostkordillere. Vor mehreren Zehntausend Jahren war diese Wanne auf knapp 4000 Metern Höhe, das Altiplano, von einem riesigen See bedeckt. Davon ist nur noch der relativ große Titicacasee im äußersten Norden übrig. Der ist über seinen einzigen Abfluss, den Rio Desaguadero, mit dem Lago Poopó verbunden. Da letzterer wiederum in einem abflusslosen Becken liegt, verdunstet all das Wasser, das in den Sechstausendern der Cordillera Real fällt, irgendwann im Nichts.
Es bleiben die Salzseen übrig.
So sitzen wir hier also fest, mitten auf dem Salzsee. In einer unscheinbaren Ortschaft namens Coipasa. Im zweitgrößten Salzsee Boliviens. Und stellen fest, dass wir doch besser unser Zelt mitgenommen hätten: Es gibt hier nichts an Hotel, Alojamiento, Pension, keine Unterkunftsmöglichkeiten, an der Plaza steht ein bescheidenes Lädchen, das Thunfischdosen, Wasserkekse und Limonade verkauft, nicht mal Bier haben sie. Der Untertitel meiner Reiseerzählungen ist immer auch die Leitlinie meines Reisens gewesen: Ich liebe meinen „Lonely Planet“, dieses Buch begleitet mich im englischen Orginal um die ganze Welt. Und wenn ich an einem Ort bin, der mich fasziniert, suche ich die Ecken, die im Loneley Planet nicht mehr drinstehen. Und habe solch tolle Sachen für mich selbst entdeckt. Aber wenn man auf der Plaza von Coipasa sitzt, und es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass dieser Ort in keinem Reiseführer zu finden ist, dann macht man sich schon Sorgen wegen der heraufziehenden Nacht. Ab 18 Uhr ist es auf dem Altiplano dunkel und eiskalt.
Die Salzseen, welch unwirkliche Landschaften. Der Salar de Uyuni, etwas weiter südlich gelegen, seit Jahren eines der beliebtesten Reiseziele von Rucksacktouristen, gilt als größter Salzsee der Welt. Auf einer Fläche von 12.000 Quadratkilometern liegen etwa zehn Milliarden Tonnen Salz rum. Eine solch unwirkliche Landschaft, nicht nur auf dem Salar, auch in der gesamten Umgebung mit ihren Geysiren auf 5000 Metern Höhe, mit Roter Lagune, Grüner Lagune, Gebirgswüsten, Flamingoschwärmen. Und Uyuni, die alte Garnisonsstadt und ehemalige Eisenbahnfabrikstadt, wird immer mehr zu einem der Backpackertreffpunkte schlechthin, Pizzalokale, Bars, Internetcafés und kleine Hotels schießen wie Pilze aus dem Boden.
Wer das Exquisite sucht, entdeckt also den Salar de Coipasa. Und bestimmt passiert in Coipasa in 20 Jahren das Gleiche wie in Uyuni. Also eigentlich sollte ich gar nicht schreiben, wie toll es dort ist. Dieser Salar ist mit seinen „nur“ 2200 Quadratkilometern immer noch ein Riese. Aber eben ohne Infrastruktur, das Salz ist nicht ganz so weiß, der Salar enthält noch mehr Wasser und so kann man ihn auch nicht so ohne weiteres mit dem Auto befahren.
Erste Zweifel am Sinn unseres Unterfangens kommen uns bereits in Sacaba, der Provinzstadt, so nennt sie sich zumindest, am Ufer des Salars, als wir die Tankstelle suchen. Wir fragen in einem Laden und als Antwort kommt: „Die ist hier!“ „Aber wo?“ „Im(!!) Nachbarhaus“. Kurzzeitig bin ich mir meiner spanischen Sprachkenntnisse nicht mehr sicher, aber die Frau meint es ernst: Sie klopft netterweise beim Nachbarn, der öffnet eine Flügeltüre aus Holz und beginnt, eine Tonne zu öffnen. Aus der Tonne schöpft er mit einer Kanne Benzin, welches dann wieder mit einem Plastiktrichter in unseren Tank gekippt wird. Hoffentlich macht der Motor bei solch mit Sicherheit arg hochwertigem Benzin nicht die Grätsche. Sacaba ist immerhin der einige nennenswerte Ort auf der geteerten Hauptstraße zwischen Oruro und Chile.
Zur Ehrenrettung Sacabas sei gesagt, dass es am anderen Ortsende eine echte Tankstelle gibt. Ein aus Holz gezimmertes Dach, zwei Zapfsäulen, eine für Diesel, eine für Corriente. Allerdings funktioniert auch hier die Benzinpumpe nur per Handbetrieb.
Während der Uyunisalar, mal abgesehen von einigen kleinen Inselchen, eine recht homogene Salzoberfläche darstellt, fallen im Coipasasalar zwei große Flecken auf: Der Lago Coipasa, also ein richtiger See mitten im Salar, gespeist von diversen Andenbächen, und der erloschene Vulkan Calasaya, knapp 5000 Meter hoch.
Zwischen dem Festland und dieser Vulkaninsel gibt es einen Damm aus Salz, aus was auch sonst, und an der nordöstlichsten Ecke der Insel jenes Dörfchen Coipasa, in dem wir uns gerade ein Bett für die Nacht herbeisehnen. Die Häuser sind recht ärmlich, aber nicht heruntergekommen. Die Plaza quadratisch, Duisburger Zementbarock, einige Bänke, gar nicht so schlecht gemacht. Unsere Bedenken verschwinden recht bald, wir haben gar keine Zeit zum Nachdenken, denn wir sind sofort die absolute Attraktion. Im Halbkreis stehen vielleicht 20 Kinder und Jugendliche um uns herum, einige Erwachsene schauen immer mal wieder vorbei. Und sie starren uns wie Lebewesen von einem anderen Planeten an. Dieter beginnt, mit ein paar Kieselsteinen zu jonglieren, die Spannung nimmt sofort ab, die Kids probieren es auch. Im Laden kundschaften wir die Lage aus.
Der Ladeninhaber ruft einen vielleicht siebenjährigen Jungen, der auf der Straße spielt. „Ihr könntet im Gewerkschaftshaus schlafen.“ Ach ja, das Haus der Gewerkschaft der Salzarbeiter, ein festes Ziegelhaus auf der Plaza, das hatten wir schon gesehen. „Junge, frag deinen Vater, ob er uns die Schlüssel gibt.“ Der Kleine fetzt los. Und taucht nicht wieder auf. Nicht nach 20, nicht nach 30, nicht nach 40 Minuten. Einem der herumstehenden Männer erkläre ich unsere missliche Lage. „Klar, Don Pedro hat die Schlüssel. Aber der ist auf dem Salar beim Salzhacken. Und danach bringen sie das Salz nach Sacaba. Aber morgen, spätestens übermorgen kommt er wieder in den Ort.“ Zeit hat für diese Menschen eine so extrem andere Dimension, dass ich ihnen nicht einmal einen Vorwurf machen kann. Was bedeutet schon heute oder morgen? Und jetzt? „Señor, haben Sie eine Idee, wo wir übernachten könnten? Wo übernachten denn Reisende, wenn sie hierher kommen?“ „Reisende? Hierher? Wieso sollte jemand in unser Dorf kommen? Das macht er nur, wenn er hier Familie hat. Halt, der Scherenschleifer kommt alle paar Monate mal, aber ich weiß nicht, wo der übernachtet. Pues, in meinem Haus wäre schon noch eine Ecke frei. Oder ihr geht in die Schule.“ Dass wir da nicht früher darauf gekommen sind! Die Schule! Das dezenteste Gebäude des Ortes, fünf neu gebaute oktagonale Häuschen, jedes stellt einen Klassenraum dar, alles umgeben von Innenhof und Mauer. Wir gehen sofort zum Haus des Coregidors, des Bürgermeisters, wenn man ihn so nennen will. Er hat schon davon gehört, dass wir im Ort sind, empfängt uns sehr nett, begleitet uns persönlich zur Schule, überlässt uns ein Klassenzimmer, nicht ohne uns vorher um eine Spende für die Schulbibliothek zu bitten. Was wir auch gerne machen, auch wenn es wieder keine Quittung gibt, ich befürchte, die Spende wird eher zu Schnaps werden. Aber wenigstens haben wir eine Unterkunft. Sogar zwei Matrazen treiben sie für uns auf.
Als es dunkel wird, haben wir es uns gemütlich eingerichtet, eine 20-Volt-Funzel sorgt für Licht aus dem Generator, auf meinem Trangia-Alkoholkocher bereite ich ein feines Menü, naja, den Umständen entsprechend, mit Suppe, Nudeln, Tee, und unsere eigenen eisgekühlten Biervorräte sind auch noch nicht zu Ende.
Ein kleines Fenster des Raumes geht zur Gasse raus, und man hat den Eindruck, dass die gesamte Dorfjugend daran hängt und glotzt. Aber schon dermaßen penetrant. Wir winken, die winken zurück, aber irgendwann starren sie nur noch, und es wird denen nicht langweilig. So lange, bis sie der Hausmeister verscheucht. Wie fühlt sich wohl ein solch intelligentes Tier wie ein Affe, wenn er im Zoo eingesperrt ist?
Nach einer sehr kalten und ruhigen Nacht sind wir früh auf den Beinen, laufen mit steifen Gliedern durch das Dorf, begutachten das Alltagsleben. Die absolute Sehenswürdigkeit, vielleicht einmalig auf der Erde, sehen wir, als wir einen Teil des Vulkanes besteigen: Das Fußballfeld des Ortes liegt auf der Salzfläche. Ein weißes Feld, dunkle Markierungen, ob die dann auch mit einem roten Ball spielen wie in Deutschland bei „Schneespielen“?
Alexander von Humboldt hat uns grandiose Reisebeschreibungen aus Süd- und Mittelamerika hinterlassen. Mehr als einmal hatte ich seine Werke als Reiseliteratur im Rucksack. So war es genial, in Ciudad Bolivar am Ufer des Orinoco zu sitzen und zeitgleich Humboldts Beschreibungen zu Angostura, wie der Ort seinerzeit noch hieß, zu lesen. In Ecuador beschreibt er die Straße der Vulkane, jene Berge wie Cotopaxi und Chimbarazo, die östlich und westlich des Pfades stehen. Diese Beschreibung ist eine seiner bekanntesten, doch hier eher eine Enttäuschung: Die Vulkane sind toll, ohne Zweifel, aber so weit voneinander entfernt, das man kein Panorama davon hat. Die wahre Straße der Vulkane, na ich bin mal so vermessen zu sagen meine persönliche Straße der Vulkane, geht von Sacaba querfeldein nach Norden entlang der chilenischen Grenze bis Tambo Quemado. Die Grenzberge, mal klein, mal groß, oft schneebedeckt, teils namenlos, sind wie Perlen an einer Kette, man sieht bis zu sechs Feuerberge auf einmal. Und Höhepunkte sind eindeutig die heißen Quellen von Sajama, wo die Blicke eingerahmt werden von den drei Riesen Parinacota, Pomerape und Sajama.
„Die Strecke ist schon sehr schön“ sagt man uns in Sacaba. Selten genug, dass die Altiplanobewohner die Schönheit ihrer Umgebung bewußt wahrnehmen „falls der Rio Lauca passierbar ist.“ ??? „Gibt es denn da keine Brücke?“ „Nein. Es hat zwar viel geregnet dieses Jahr, aber im August ist es jetzt ziemlich trocken. Da kommt ihr wahrscheinlich schon durch.“ Falls es nicht geht, müßten wir im Auto schlafen oder vielleicht vier Stunden zurück fahren. Das wäre ja gar nicht so schlimm. Schlafsack, Essen, einen Kocher, unser Notkit haben wir mit dabei. Nicht vorstellen möchte ich mir aber die Situation, falls es scheinbar geht, wir eine grenzwertige Durchquerung probieren und dann im Fluss stecken bleiben.
Besonders schön ist die Strecke aber auch wegen meiner Lieblinge, den südamerikanischen Kleinkamelen. Hört sich hochtrabend an, aber damit sind Lama und Konsorten gemeint, die gerade eher unbewohntere Teile der Anden teilweise in Massen bevölkern. Biologen streiten noch immer, wie die vier Kamelarten Südamerikas miteinander verwandt sind. Einige Publikationen gehen sogar soweit, drei der Arten zu einer zusammen zu fassen, da Lama, Alpaka und Guanako miteinander kreuzbar sind, was bei unterschiedlichen Arten ja eigentlich nicht mehr der Fall sein sollte. Wie dem auch sei: In der Nähe menschlicher Ansammlungen sieht man sehr oft Lamas. Schulterhöhe bis 1,30 Meter, Gewicht bis 150 Kilogramm und seit mehreren Tausend Jahren vom Menschen domestiziert. Lamas haben ihren Lebensraum geprägt, zur Zeit der Inkas wurden an die Zehnmillionen dieser Tiere gehalten. So ist es wohl kein Zufall, dass die Verbreitungsgrenzen des Lamas in etwa mit den Grenzen der weitesten Ausdehnung des Inkareiches übereinstimmten. Als Lasttier unübertroffen, anspruchslos, Fleischlieferant. Und so unglaublich süß. Wenn sie dann noch ihren halbverdauten Mageninhalt ausspucken und man sich in einer Wolke von grünlichem Erbrochenen befindet.
Ist das Lama das Äquivalent zum Esel, so ist das Alpaka das Gegenstück zum Schaf: Kleiner und stämmiger gebaut, die Wolle dichter, lebt es in allerhöchsten Höhen. Experten meinen gar, dass Alpakawolle nur dann so richtig fein ist, wenn das Tier hauptsächlich in einer Höhe von über 4000 Metern lebt.
Dann noch die beiden wilden Formen, beide wohl nie domestiziert: Das Guanako ist eher stämmig, ein langer muskulöser Hals. Vor allem im Torres del Paine Nationalpark in Chile kann man noch sehr viele dieser Tiere beobachten.
Und das Tier mit den grazilen Beinen, das sich mit der Eleganz eines Rehes bewegt: Das Vicuña. Die Wolle dieser Tiere gilt als die teuerste Wolle überhaupt, aus diesem Grund waren Kleindungsstücke aus Vicuñawolle schon zur Inkazeit ein Statussymbol. Nachdem die Wolle teils mit Gold aufgewogen wurde, fingen die Inkas die Tiere in Gattern und ließen sie nach dem Scheren wieder frei. Ganz anders die tumben Spanier, die die armen Tierchen an den Rand der Ausrottung schossen.
Außer den Guanakos sehen wir die drei übrigen Arten auf meiner „Straße der Vulkane“, und zwar zur Genüge.
Unser Kartenmaterial ist schlechter als schlecht. Immerhin wissen wir, dass wir kurz vor Julo abbiegen müssen. Aber die namenlosen Ort, die wir durchqueren, haben die einen Namen? Oft findet man nicht einmal einen Einwohner zum Fragen. „Julo ist ein Militärstützpunkt und eine Grenzstation.“ Das macht den Ort für uns erkennbar: Kurz vor dem Stützpunkt biegen wir rechts ab und verfahren uns hoffnungslos. Also wieder zurück über die Grasstrecke. Am Ortseingang von Julo eine Tranca, eine Militärschranke. Die Soldaten, lauter blutjunge Kerlchen, sind sehr überrascht und noch mehr interessiert an unserem Auftauchen. Sofort rufen sie ihren Vorgesetzten vom Mittagstisch weg, der unbedingt mit uns konversieren will. „No, no vayan por alla, vayan por el otro camino. Nicht hier an der chilenischen Grenze entlang, das ist viel zu gefährlich.“ „Wieso denn, die Chilenen wollen doch nichts von uns?“ „Nein, fahrt lieber hier zurück, da kommt ihr viel besser nach Sacabaya und nach Tambo Quemado“. Ziemlich schnell wird uns klar, warum er die Schranke nicht öffnet: Wir sollen den anderen Weg nehmen, damit sein Kompagnon bei uns im Auto mitfahren kann und wir an dessem Heimatort vorbeikommen. Jetzt will es aber der Zufall, dass ich ein gutes Argument in der Hinterhand habe: Mein Schwiegervater, den ich eigentlich gar nicht kenne, es ist ja in Lateinamerika nicht so unüblich, sich nach dem Zeugungsakt als Mann aus dem Staub zu machen, ist ein hohes Tier im bolivianischen Militär, er sitzt im Verteidigungsministerium in La Paz. „Señor Comandante, wissen Sie eigentlich, dass ich das bolivianische Militär sehr schätze? Mein Suegro ist der General Gustavo Ardaya.“ Da zucken aber die Stiefel. Bolivien ist ein kleines Land, die dortige Armee erst recht. Nicht dass das eine Drohung gewesen wäre, aber ihm wird sofort klar, dass er mich ernst nehmen muss. Also dürfen wir doch den richtigen Weg nehmen, begleitet von zwei Soldaten: Der eine mit seinem Fahrrad will bis zum nächsten Ort, der andere hat dienstfrei und will bis Sacabaya. Naja, die Jungs kennen wenigstens den Weg.
Letzte wirkliche Hürde des Tages: Der Rio Lauca. Ich finde, er ist zu breit. Nicht reißend, aber trotzdem. Andererseits: All den Weg nochmal zurück und weit außen herum über Oruro zum Sajama? Aber das Auto ist geliehen und nicht einmal versichert. Wenn der Wagen absäuft, wird es teuer.
„Ya pues, das geht doch, du musst nur die richtige Spurrinne finden“ meint einer der Soldaten. Klar, der Typ ist in seinem Leben noch nie selbst Auto gefahren, aber er möchte halt heim. „Man sollte mit einem Stock erst einmal durchwaten um zu sehen. Manchmal bleiben große Steine direkt in der Durchfahrt liegen“ meint der andere. Das ist allerdings kein schlechter Gedanke. „Lass dich nicht beeinflussen von den Jungs, du musst es entscheiden“ rät mir Dieter auf deutsch. Er hat ja riesig viel Jeeperfahrung in ganz Südamerika. Ich habe bisher erst vielleicht fünf Mal einen Fluss per Auto durchquert. Aber irgendwie bin ich vom Ehrgeiz gepackt. Ich ignoriere also meine Passagiere, fahre einfach durch, die erste Böschung runter ohne Probleme, dann gleich im zweiten Gang des Vierradantriebes, damit es nicht zu hochtourig ist und ich zur Not runterschalten kann. Das Wasser ist ziemlich tief, halbe Türhöhe, einzelne Spritzer bis auf die Motorhaube, die Durchfahrt aber problemlos. Als einziges Problem entpuppt sich die Böschung am anderen Ufer, die ich schräg angehen muss. Mit einem Satz bin ich auf der anderen Seite. Begeistert schalte ich den Motor ab, um ein Foto zu schießen. „Da merkt man, dass du keine Erfahrung hast“ meint Dieter ganz lapidar, „wenn die Zündkerzen nass sind dann stehen wir jetzt und du bekommst den Motor nicht mehr an“. Naja, ich habe Glück, Motor springt nach dem Foto wieder an. Wir liefern also brav unsere Tramper ab und dann geht es über Schmugglerpfade und unmögliches Gelände weiter. Aber das ist alles halb so schlimm, denn in der Ferne erkennen wir die drei Berge rund um Tambo Quemado, verfahren geht jetzt nicht mehr. In diversen kleineren Lagunen stehen Flamingos, sie waten durch das flache Wasser. Die zweite Tranca in Sacabaya passieren wir ohne Probleme, dieser Ort ist nicht mehr ganz so weit weg vom Schuss. Alle Fahrzeuge müssen sich registrieren lassen. Wir sind seit zwei Tagen die ersten. „Kommen nicht mehr Leute vorbei an der Tranca?“ „Doch, an Tagen wenn Markt ist in Tambo Quemado, da kommen bis zu vier Autos am Tag vorbei!“ Die Jungs scheinen einen stressigen Job zu haben.
Ich wäre ja lieber im Ort Sajama geblieben, so nah wie möglich an den heißen vulkanischen Quellen. Aber Dieter möchte, dass wir in Tomarapi übernachten: Die GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) hat da ein Projekt, bei dem ein Ökohotel aufgebaut wurde. Und das müssen wir doch mal begutachten, was da mit deutschen Steuergeldern passiert. Also: Zuerst die wundervollen heißen Quellen, dann weiter, gerade so bei Einbruch der Dunkelheit kommen wir in Tomarapi an. An der Rezeption haut es mich fast um: Die wollen 50 US-Dollar pro Person. Das ist mehr als das monatliche Durchschnittseinkommen eines Altiplanobewohners. Normal wären zehn Bolivianos für ein Bett in einem einfachen Alojamiento, etwas mehr als ein US-Dollar. Die Angestellten wissen mit meiner etwas zu brüsken Art der Kritik am Zimmerpreis nichts anzufangen, sie stehen ratlos rum, Dieter muss vermitteln, auf 40 US-$ gehen sie runter. Wenn das Niveau entsprechend wäre, gut. Aber dieser Laden ist echter Nepp.
Ich halte generell sehr viel von den GTZ-Projekten, die leisten eine ganz tolle Arbeit in Bolivien, vor allem in ländlichen Gebieten. Leisten Hilfe zur Selbsthilfe, sorgen für Einkunftsmöglichkeiten auf dem Lande, versuchen so Landflucht zu vermindern. Aber das Projekt Tomarapi, dieses Hotel im Disney-Aymara-Stil, war zumindest zum Zeitpunkt unseres Besuches ein absolutes Fiasko. Das Personal inkompetent jenseits von Gut und Böse. Das an sich gute Essen eiskalt serviert. Noch viel kälter war der Aufenthaltsraum, aber man denkt: Ah ja, offene Feuerstelle, Kamin, prima. Von wegen, noch kein einziges Mal wurde er benutzt, und keiner der Angestellten war in der Lage, dies zu tun. Die Türe zur Toilette ist so gezimmert, dass sie unmöglich geschlossen werden kann, das Duschwasser kalt, da die Gasflaschen leer sind, zuerst ist keine neue Gasflasche da, dann kann sie nicht ausgetauscht werden. Das ist alles so unprofessionell, dass man sich nur noch darüber amüsieren kann.
Aber das Beste fehlte ja noch: Die Unfähigkeit, mit Kritik umzugehen. Ich schrieb eine Hotel- und Reisekritik, die zum Thema Tomarapi Monate später im „Monatsblatt La Paz“, der Zeitschrift der deutschsprachigen Gemeinde, im zugegeben etwas zynischem Ton veröffentlicht wurde. Durch Zufall kam ich per googlen auf eine Internetseite von GTZ-Mitteilungen, in denen die Kritik scharf angegriffen wird und das Hotel über den grünen Klee gelobt wird. Gibt es den Ort Tomarapi mehrfach? Habe ich das falsche Projekt besucht?
Ich hasse Generalisierungen, aber es fällt immer wieder auf, dass viele Latinos mit offener Kritik erhebliche Probleme haben, oder ist es vielleicht nur unsere direkte schonungslose deutsche Art der Kritik, die auf Unverständis stößt? Egal ob in der Arbeit, im täglichen Umgang, auf Touren, mit Freunden, immer wieder dieses Problem: Wir verstehen die unglaublich höfliche Art des „Nein-sagen-könnens“ nicht, und werden mit unserer direkten Art auch als vollkommen unhöflich missverstanden.
Vier wundervolle Tage in einer einzigartigen Natur- und Kulturlandschaft gehen zu Ende. Wir haben wieder Asphalt unter den Rädern, scheinen auf der Straße nach La Paz zurück zu fliegen. Am Horizont ist schon El Alto sichtbar, die Hauptstadt des Altiplanos.
Diese Region ist das kulturelle Zentrum Boliviens. Der Fokus der nationalen Identität. Oder noch etwas poetischer und hymnischer: Während von der Seele der Anden gleich noch zu reden sein wird, so ist das Altiplano zumindest das Herz Südamerikas.
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