Die Welt ist voller Wunder

Reisebericht

Die Welt ist voller Wunder

Reisebericht: Die Welt ist voller Wunder

Zwischennotiz aus Noumea, geschrieben November 2009. Über das Besondere dieser recht unbekannten Stadt, die ich seit geraumer Zeit immer wieder mal besucht habe. Versuch einer Erklärung dieser in letzter Konsequenz wohl bizarrsten Inselgruppe der Südsee: Neukaledonien.

Noumea - Industriezone



Die Welt ist voller Wunder, das Leben voller Geheimnisse, die Strassen voller Crevettenschalen. Ich bin immer noch in Neukaledonien. Dem Land wunderbarer Farben, der Insel geheimnisvoller Menschen. Es ist schwer von hier weg zu kommen...



Crevettenschalen auf den Strrassen Noumeas



Ausgelöst durch einen Brief von meiner Tochter Luna, habe ich endgültig beschlossen, wieder in die Schweiz zurück zu kehren. Sie hat mir ein Bild gemalt von einem Segelschiff, das vor einer Insel ankert mit zwei Palmen. Im Gegensatz zu früheren Bildern, die sie gemalt hat mit dem gleichen Motiv, fehlen hier die MENSCHEN. „ich würd dich nie fergesen...“ hat sie darunter geschrieben. Ich bin am gleichen Tag auf’s Reisebüro gegangen und habe das erste Mal seit bald 4 Jahren einen Flug gebucht, Richtung Heimat. Auch wenn mir diese etwas fremd geworden ist, so wird mir Luna und Piran sicher helfen, in ihr wieder das Schöne zu sehen. Am 23. November besteige ich somit mal wieder ein Flugzeug... Ob ich überhaupt noch FLIEGEN kann?

Die „Liberty“, das grossartige Segelschiff mit dem ich dieses Jahr neue Inseln Melanesiens besucht habe, bleibt derweil vor Anker, mitten in Noumea, in der Orphelinat Bucht. Ich habe es vermietet an zwei sehr junge Französinnen und einen ebenso jungen Franzosen, die an Bord leben werden und aufpassen, dass keine Piraten an Deck herum lungern. Ich hatte eigentlich vor, das Schiff zu verkaufen, aber der Markt für Schiffe scheint so gesättigt zu sein, dass man hier mit einem 30 Tonnen Betonschiff keinen müden Hund hinter dem Ofen hervor lockt. Tampis! Sei dem so! Ich habe daher einen RETOURflug gebucht..., bin ab Anfang April wieder hier.

Ich gebe zu, dass mich die Faszination Pazifischer Inseln weiterhin gefangen hält, dass ich mir ein Leben ohne direkten Kontakt mit diesem Teil der Erde gar nicht vorstellen kann! Fast jeder neue Ort den ich im Laufe dieses Jahres besucht habe, will nochmals besucht werden... Meine Devise heisst „Annähern, sich entfernen, reflektieren, vergleichen, sich wieder annähern – und die subtilen Entwicklungen verfolgen, die überall stattfinden“. Nur einmal an einem Ort gewesen zu sein, ist wie mit nur einem Auge zu sehen. Um die Dynamik eines Ortes, oder einer Kultur zu erfassen, muss man sie mehrere Male gesehen haben. Einmal dort gewesen zu sein ergibt ein paar Postkarten im Hirn, erst beim wiederholten Besuch ergibt sich ein Film daraus. Ich bin nun zum neunten Mal in Neukaledonien (seit 1982) und ich sehe ein Muster, eine Entwicklung, die ich nie gesehen hätte, wenn ich nur ein Mal hier gewesen wäre. Die Leute hier werden immer freundlicher, zum Beispiel. Wie kommt das bloss? Ich vermute, dass das viel mit den Kanaken zu tun hat. Und den Franzosen. Zwei recht verschiedene Mentalitäten, die sich das erste Mal als ich hier war, ziemlich feindlich gesinnt waren, was dann in den Achzigern zu den „evenements“ geführt hat, den „Ereignissen“, was die milde Umschreibung eines Fastbürgerkrieges ist, den aber BEIDE Seiten mit einem Schuss Weisheit und Einsicht doch vermeiden konnten. Wären hier nicht Franzosen gewesen, sondern Engländer, hätte es automatisch einen Krieg gegeben, da Engländer (Australier, Neuseeländer, Amis) nach dem Motto verfahren „...und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir die Fresse ein!“ („we are all ONE!“ auf Englisch...) – während den Franzosen (trotz ihrem Geschwafel von FRATERNITE) gar nie EINFALLEN würde, die Kanaken als ihre BRÜDER zu sehen! In ihrer intellektuellen Arroganz behandeln sie – immer noch – die Kanaken so, als wären sie von Natur aus ANDERS und damit letztlich unkompatibel mit der Französischen Kultur.



Downtown Noumea, bis hier reicht die...

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Mit dieser Einstellung haben die Franzosen die Kanaken dazu gebracht, sich letztlich an ihren EIGENEN Traditionen festzuhalten. Ihnen bleibt ja gar nichts anderes übrig. Aus ihrer Not haben sie letztlich eine Tugend gemacht. Sie sind dazu verdammt, letztlich SICH SELBST zu bleiben... Die Franzosen haben DAS zwar vielleicht nicht BEWUSST so gemeint, aber es hat sich so ergeben. Eins Null für die Kanaken! Könnte man sagen, wenn man beobachtet, wie gleichzeitig das schlechte Gewissen der Franzosen (Liberté, Egalité...) diese dazu ZWINGT, den Kanaken – also der MEHRHEIT im Lande Neukaledoniens – so etwa ALLES zu zahlen, was man mit Geld kaufen kann. Spitäler, Schulen, Strassen, Stereoanlagen, Sportplätze, Spielplätze... „C’est la France qui pay!“ ist das Allen bewusste Motto der Inselbevölkerung. Frankreich zahlts... Wenn den verarmten Sozialhilfeempfängern in Frankreich einmal gezeigt würde, wie GUT es ihren „Kollegen“ in Neukaledonien geht, gäbe es sicher einen Volksaufstand!

Wohl nicht zuletzt darum, erfährt man praktisch NIE etwas vom Leben und Treiben dieses wunderschön versteckten Inselreiches im Pazifik. Es ist fast PEINLICH, wie gut es hier jedem geht! Und DAS, so behaupte ich nach langjähriger Beobachtung, ist zum grossen Teil der Weisheit der Kultur der Kanaken zu verdanken, die nämlich keineswegs auf den Kopf gefallen, oder gar primitiv sind. Ähnlich wie ihre Brüder und Schwestern in anderen Melanesischen Inselgruppen sind sie zwar GEFÄHRLICH, aber keineswegs BÖSE! Das heisst, sie sind wie Katzen. Man kann gut mit ihnen unter einem Dach leben, aber WEHE wer ihnen an’s Fell will! Sie sind von Natur aus eine Art Kommunisten. Was dir gehört, gehört auch MIR! Das unterscheidet sie von den Kapitalisten: Was dir gehört, gehört NUR mir!

Insofern ist es praktisch unmöglich, unter Kanaken zu verhungern. Ihre Gastfreundschaft ist episch. Was MIR gehört – gehört eben auch DIR!

Ich freue mich riesig, ein paar Monate in der alten, kalten Schweiz zu verbringen, etwas Business zu machen und meine Kinder zu treffen! Aber dann muss ich wieder hierher zurück, zu meinen (symbolischen) Brüdern und Schwestern, den Kanaken. Und den handzahmen Franzosen, die hier nicht von einer Eurobürokratie gefesselt werden, sondern sich frei entfalten können. Noumea ist eine Boomtown, überall wird gebaut, Jobs gibt es in Hülle und Fülle, von Krise keine Spur! Neukaledonien ist – separat gesehen – eines der 20 reichsten Länder der Erde. Ein Eldorado an Naturschätzen: Metalle von Gold bis Nickel, unverbaute Natur im Überfluss (wenn es das gibt), genug Regen und daher Trinkwasser aus sauberen Quellen, die grösste Lagune der Erde, das intelligenteste Tier der Welt (die Neukaledonische Krähe), eine der diverstesten Genpools an endemischen Pflanzen (unter anderem die älteste Blume der Erde), saubere Luft, da ohne Unterbruch ein steifer Passatwind die Insel umweht und alle Abgase Richtung Australien davon trägt... Was will man mehr? Das Schlaraffenland ist genau hier! Jeder fährt einen nagelneuen Geländewagen und hat ein Motorboot, um Sonntags fischen zu gehen. Kein Volk der Erde verfügt über so viele Wasserfahrzeuge. Der CO2 Ausstoss pro Person ist praktisch Weltspitze! Gestern ist ein junges Kanakenpaar im Porsche Cabriolet grinsend an mir vorbei gebraust. Was dir ist, ist auch MIR...

Pane et Circensis. Brot und Zirkus. Wenn das irgendwo je zur Vollkommenheit gebracht wurde, dann HIER. Wobei Brot mit Gänseleberpastete gemeint ist und der Zirkus aus Samoa kommt. Paralell dazu Open Air Kino, Konzerte, Ausstellungen in Gallerien, Museen (Mehrzahl!), jeden Donnerstag ein Spezialmarkt am „Place Cocotier“ (ein Park mitten in der Stadt), heute z.Bsp. mit dem Thema VANUATU, wo alles nur erdenklich SCHÖNE und GUTE vom Nachbarstaat angeboten und verkauft wird. Man kommt gar nicht nach, sich nur die Ausstellungen anzuschauen, die GRATIS sind...



Monsieur le president (Lafleur) an...

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Dekadenz PUR könnte man auch sagen, wenn man zuschaut, wie gut es sich Neukaledonien gehen lässt, in einer Welt, einer Zeit, der Krisen, Konflikte und Katastrophen. Neulich gab es einen Tsunami in Samoa und Tonga und alle Südseestaaten waren alarmiert. Neukaledonien hat in der Hinsicht wenig zu fürchten. Ein Riff ist rund um die ganze Insel „angebracht“, das jede Tsunamiwelle in sich zusammen brechen lässt, lange bevor sie das Land erreicht. Während der Nachbarstaat Vanuatu regelmässig Erdbeben hat, Vulkanausbrüche etc., ist es hier so ruhig wie kaum irgendwo, da Neukaledonien das Gegenteil von NEU ist, vielmehr eine vor Ewigkeiten abgebrochene Platte Australiens, die nun ruhig und friedlich sich im Meer sonnt, knapp am Rande der Tropen, mit dem besten Klima der Erde. Nie zu heiss, nie zu kalt, nie zu feucht oder zu trocken. Einzig Cyclons (Wirbelstürme) machen den Leuten (besonders den Seglern) ab und zu zu schaffen.

Ich werde also nicht total sorglos mein schönes Schiff Liberty hinter mir lassen, wenn ich in die Schweiz komme. Ich habe eine recht geschützte Bucht in einer recht UNgeschützten Bucht gefunden, gehe also mit gemischten Gefühlen. Zurück von wo ich mal kam, das andere „Schlaraffenland“ in den Alpen, wo immerhin die Schokolade besser ist, als hier. Und meine Kinder auf mich warten, nachdem meine Frau Sandy Reissaus nahm, auf den Solomon Inseln, weil sie andere Pläne hat und andere Vorstellungen, was das „richtige“ Leben ist. Als ich.

Ich nehme weiterhin und mit schelmischem Spott die Devise zu Herzen: Rette sich wer kann! Vor einer flächendeckend in’s Banale und Absurde abgleitenden Erwachsenenkultur, die bald den letzten Baum gefällt, den letzten Fluss vergiftet und den letzten Fisch der Nordsee gefangen hat. Die mit todernster Mine total KINDISCH geworden ist, so kindisch, dass eigentlich nur noch die KINDER irgendwie serös wirken – auf mich. Was wird alles aus ihren Träumen, wenn wir so tun, als gäbe es nur unsere Träume? Was wird alles aus ihrer Zukunft, wenn wir so tun, als wenn wir alles besser wissen als sie? Was wird alles aus der Welt, wenn wir so tun, als wäre es UNSERE Welt? Eine Welt ohne Wunder! Wundert das?



Plakat, Noumea

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Kommentare

  • enfrente

    Schön wie du das Paradies beschreibst !!! Ich pack dann gleich mal meine Tasche ...hast mich ganz neugierig gemacht...lol. lg Romy

  • Zaubernuss

    Ich liess mich gerne in Deine Betrachtungen und Schilderungen ein. Es hat mir gefallen, wie Du Neukaledonien vorstellst, das Land, seine Bewohner und die Lebensumstände.
    Schön finde ich auch Deine Haltung gegnüber dem Fremden, Neuen. Danke, vielleicht werde ich ... LG: Ursula

  • Blula

    Informativ und einfühlsam zugleich... Eine sehr, sehr schöne Beschreibung dieser Südseeinselgruppe und das Leben auf ihr.
    LG Ursula

  • mamaildi

    Du sprichst mir aus der Seele, wenn du darüber reflektierst, warum man jeden Ort (mindestens) zwei Mal besuchen muss. Genau getroffen - so gehts mir auch.
    Und überhaupt, warum bin ich eigentlich noch nicht in Neukaledonien...

  • bikerhans

    Einfach herrlich ehrlich dein Bericht aus Neukaledonien! Warte nicht, ich komme auch!
    Servus Hans

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