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Reisebericht: Drei Tage bei den Nomaden in der mongolischen Steppe
Im Rahmen seiner 413 Tage langen Weltreise verbrachte Michael Scholten drei Tage mit der Familie Batbaatar in der mongolischen Steppe. Er begleitete die Nomaden bei ihrer Arbeit, überstand Reitausflüge und Trinkgelage, und erhielt zum Abschied ein besonderes Geschenk: ein neugeborener Ziegenbock wurde nach ihm benannt.
Mongolische Steppe - Juli 2007
Montag, 16. Juli 2007
Mongolische Steppe
Die Nomadenfamilie Batbaatar hat mich eingeladen. Es sind keine reichen Pferdezüchter in Prachtjurten, sondern gewöhnliche Leute. Sie ziehen, wie zwei Drittel aller Mongolen, mit ihren Tierherden von Weideland zu Weideland und brechen ihre Zelte immer rechtzeitig ab, bevor die Pferde, Ziegen, Schafe und Rinder die Graswurzeln zerstören würden.
Ab der Stadtgrenze von Ulaanbaatar dauert die Fahrt etwas mehr als eine Stunde. Mir wird es ein ewiges Rätsel bleiben, wie man inmitten grüner Hügel, die für mich alle gleich aussehen, eine einzelne Nomadenfamilie punktgenau finden kann.
Vor der Jurte treffen wir zunächst nur zwei Mädchen an. Khongorzul, 15 Jahre alt, und Enhjargal, fünf Jahre. Khongorzul spricht ein paar Worte Englisch. Sie bittet uns in die Jurte. In der Mitte steht der einfache Herd, im hinteren Bereich fällt sofort die bunt bemalte Kommode mit einem Klappspiegel, einem Buddhabild und zwei kleinen Fotowänden ins Auge. Links und rechts stehen zwei Betten, eines aus Stahl, eines aus Holz, die tagsüber als Sitzgelegenheit genutzt werden und abends als Schlafstätte. An den Holzgerüsten, die auseinandergefaltet die Wände der Jurte bilden, hängen Sattel, Kochgeräte und mehrere Hammelbeine, die als Fleischreserve dienen.
Mein Tourguide Zaya, unser Fahrer Bayaara und ich widmen uns unseren mitgebrachten Plastikzelten, die wir einen Steinwurf von der Familienjurte aufbauen. Zaya will unter freiem Himmel schlafen, weshalb wir nur zwei Zelte brauchen. Wer einmal gesehen hat, wie elegant und lässig Nomaden ihre Jurte aufbauen, dürfte umso erheiterter die Szene beobachten, wie wir drei Großstädter uns mit den Plastikplanen und Metallstangen der Fertigzelte abmühen.
Die Mutter der Familie trifft ein. Odontungalag ist eine würdevolle und attraktive Dame von circa 40 Jahren. Sie serviert uns Milchtee, bedankt sich für die mitgebrachten Lebensmittel und kocht das Mittagessen. Den Herd feuert sie mit getrocknetem Kuh- und Pferdedung an, den sie mit bloßen Händen in kleine Stücke bricht und ins Feuer wirft. Danach knetet sie den Nudelteig. Meine Gedanken gehen sofort in Richtung Reisetabletten, die ich in meinem Kulturbeutel bei mir führe. Doch dann ärgere ich mich über mich selbst: Jetzt bin ich auch schon einer dieser empfindlichen deutschen Touristen, die auf Reisen alles am liebsten so fein und sauber hätten wie zu Hause im sterilen Eigenheim. Immerhin: Die Mongolen haben ihr Essen und die hygienischen Umstände viele Jahrhunderte lang auch überlebt. Weil alles gut abgekocht wird, dürften etwaige Bakterien im Nudelteig keine allzu große Überlebenschance haben. Am Ende schmeckt alles gut und mein Magen rebelliert nicht.
Weil ich weiß, dass ich einige Tage meines Lebens mit den Gastgebern teilen werde, wäre es vermessen, jetzt schon meine Kamera zu zücken. Ich entscheide mich für eine Taktik, von der alle etwas haben: Ich hole mein Notebook aus dem Geländewagen und zeige der Familie alle Fotos vom Naadam Festival und von unseren Besuchen bei den Pferdezüchtern. Alle schauen sich aufmerksam die Fotos und kurzen Videos an, kommentieren jedes Motiv und entwickeln Vertrauen zu dem fremden Besucher aus Deutschland. Danach möchten alle fotografiert werden – das Eis ist gebrochen. Auch der siebzehnjährige Sohn der Familie, Javhlantoegs, und seine beiden Cousins, die immer mal wieder angeritten kommen und nach wenigen Minuten wieder zu den Rindern und Ziegen zurückreiten, posieren gern vor der Kamera und auf ihren Pferden.
Bayaara hat die Flinte im Gepäck. Er möchte in der Umgebung Murmeltiere jagen. Doch Zaya hält das für keine gute Idee, wenn ich dabei bin und alles mit der Kamera dokumentiere. Seit drei Jahren ist die Jagd auf Murmeltiere in der Mongolei verboten. Bei Verstößen drohen Bußgelder von bis zu 25 000 Tugrik. Mir soll es recht sein. Zwar heißt es, dass Murmeltierfleisch sehr schmackhaft sei, doch aus meinem Reisebuch weiß ich auch, dass die Tiere die Pest übertragen können. Und die möchte ich mir gleich zu Beginn der Weltreise auch nicht unbedingt einfangen.
Ich nutze den Sonnenuntergang für einen kleinen Spaziergang über die Hügel. In der Ferne stehen vereinzelt Jurten anderer Nomaden, am Himmel zeichnet sich langsam die feine Sichel des Mondes ab. Als ich durch eine große Herde Ziegen laufe, nehme ich verwundert wahr, dass die äsenden Viecher unentwegt lautstark furzen. Nichts wie weg.
Aus der Jurte kommen die Kinder der Familie gerannt und rufen auf Deutsch „Essen“. Zaya hat ihnen die Vokabel beigebracht, damit sie mich zum Abendessen rufen. Es gibt ein herzhaftes Gericht aus Nudeln, Kartoffeln und Fleisch.
Als die Dunkelheit einsetzt, treiben Odontungalag und die Kinder die Tiere zurück zur Jurte. Die Kühe werden gemolken, die Ziegen in ein kleines Gehege getrieben. Die Szene hat etwas Magisches, zumal die Familie leise Lieder anstimmt und über allem der klare blaue Sternenhimmel leuchtet.
Es stellt sich heraus, dass wir mein Touristenzelt am Nachmittag ganz umsonst aufgebaut haben. Die Familie hat beschlossen, dass ich bei ihr in der Jurte schlafen darf. Als „Ehrengast“ bekomme ich das Holzbett an der linken Seite ganz für mich allein. Die Mutter und die beiden Töchter teilen sich das rechte Stahlbett. Die drei Jungs breiten sich auf dem Boden aus. Um 22.45 Uhr pustet einer von ihnen die Kerze, die einzige Lichtquelle im Zelt, aus. Nur ein paar Sterne leuchten durch die Öffnung in der Mitte des Daches. Gute Nacht.
Dienstag, 17. Juli 2007
Mongolische Steppe
Es ist kalt. Richtig kalt. Obwohl ich in meinem Schlafsack liege. Gegen 4.30 Uhr werde ich in der Jurte wach, in der es sehr still ist. Die Familie schläft tief und fest. Niemand schnarcht.
Als ich erneut wach werde, ist es bereits 8.30 Uhr. Bis auf die fünfjährige Enhjargal, die jetzt das Stahlbett für sich allein hat, sind alle ausgeflogen. Der Tag und die Arbeit der mongolischen Nomaden beginnt beim frühen Sonnenaufgang.
Ich entferne mich gut hundert Meter von der Jurte, um meiner Morgentoilette nachzugehen. Zum Waschen muss eine kleine Wasserflasche aus dem Supermarkt reichen. Die nächste Wasserquelle ist viele Kilometer entfernt. Der Sommer ist eh so trocken, dass selbst das kleine Rinnsal in der Nähe fast ausgedörrt ist. Odontungalag bereitet mir ein spätes Frühstück aus Brot, Wurst, Tee und heißer Milch, die sie am Vorabend selbst gemolken hat.
Zaya kommt und übersetzt für mich die wichtigsten Passagen aus der gestrigen Zeitung – natürlich geht es noch immer um das Naadam Festival und ums Ringen. Er möchte, dass ich unbedingt alles über den Sieger des Ringens aufschreibe: Er heißt Mönchbaatar, stammt aus Khuvsgul, ist Polizist und durch seinen Sieg jetzt vom „Elefant“ zum „Löwen“ – so heißen die Ehrentitel der Ringer – aufgestiegen. Der diesjährige Sieger hat mongolische Sportgeschichte geschrieben. Seit 1962 ist es nicht mehr vorgekommen ist, dass beim Naadam alle Favoriten und Champions verloren haben und sich ein Außenseiter durchsetzen konnte.
Ein paar Meter von der Jurte entfernt sitzt unser Fahrer Bayaara mit dem Familienoberhaupt. Batbaatar ist letzte Nacht spät zu seiner Familie gestoßen. Auch ein alter Kamelzüchter aus dem Süden, der seit zwei Tagen auf der Suche nach seinen entflohenen Kamelen ist, hat bei ihnen Platz genommen. Die Männer lassen sich mongolisches Bier schmecken. Und so manchen Wodka. Wenn er arbeiten muss, versichert mir Bayaara leicht lallend, trinke er keinen Tropfen Alkohol. Aber sonst schmecken ihm Wodka und Bier sehr gut. Heute muss er nicht arbeiten.
Dem freundlichen Angebot, mich ihrem kleinen Trinkgelage anzuschließen, kann ich fast entkommen. Ich muss nur zweimal am Bier nippen. Abgesehen davon, dass ich eh kein Biertrinker bin, muss ich gerade heute hundertprozentig nüchtern sein. Denn der älteste Sohn Javhlantoegs will mit mir in die Berge reiten.
Reiten? Man muss wissen, dass ich 1981 im Urlaub auf Borkum vom Pony gefallen bin und mich seither schlicht die Panik überfällt, wenn ich mich auf einen Pferderücken setzen soll.
Um 13.50 Uhr bin ich fest im mongolischen Holzsattel eingeklemmt. Mein Pferd habe mal den 36. Platz beim Naadam-Rennen errungen, klärt mich Zaya auf. Das steigert nicht mein Vertrauen, weil „Rennen“ irgendwie nach Geschwindigkeit klingt. Ich bitte Javhlantoegs, sehr, sehr langsam voranzureiten. Zum Glück weiß er meine Gesten richtig zu deuten und hält sich auch daran. Über mir sehe ich Vögel kreisen und vermute, dass es Geier sind, die nur darauf warten, dass ich vom Pferd falle.
Wir legen unseren ersten Stopp an mächtigen Felsformationen ein. Ich brauche ungefähr zwei Minuten, bis ich endlich von diesem erschreckend hohen Pferd herabgestiegen bin. Dann gehen wir zu Fuß weiter durch die Felsen. Riesige runde Brocken, teilweise von Natur aus aufeinandergestapelt, ergeben ein bizarres Mosaik. Einige sind länglich und stehen senkrecht. Sie erinnern an die großen Steinfiguren auf der Osterinsel.
Als wir zur Jurte zurückkehren, sind Bayaara und Batbaatar alkoholselig wie ein Wodkalaster. Angeblich haben sich die beiden alten Freunde 20 Jahre lang nicht gesehen. Jetzt wollen sie offenbar den versäumten Wodkakonsum von zwei Jahrzehnten an einem einzigen Tag nachholen. Bayaara ist in seinem Vollsuff noch recht witzig und charmant, Batbaatar wirkt mit seinem glasigen Blick und seinem wirren Gerede dagegen aggressiv und unausstehlich. Ich bin froh, dass er tags zuvor noch nicht da war und sich mein guter Eindruck von dieser Familie allein aus der erfrischenden Art seiner Frau und seiner Kinder ergeben hat. Ich hasse betrunkene Kerle. Der 15-jährigen Tochter scheint das nicht zu entgehen. Mehrmals im Laufe des Abends betont sie: „My Dad. Vodka. Sorry.“
Beim Abendessen mache ich gute Miene zum satten Spiel, nutze dann aber die erste Gelegenheit, die Jurte zu verlassen. Die Kinder brechen gegen 19 Uhr auf, um das Vieh einzutreiben. Javhlantoegs und Khongorzul reiten zu den Schafen und Ziegen, ich gehe zu Fuß hinterher. Als sie – natürlich schneller – am Horizont verschwinden, kehre ich um und will querfeldein zur Jurte zurücklaufen. Da höre ich plötzlich das fröhliche Giggeln der fünfjährigen Enhjargal. Sie ist allein unterwegs zu den Tieren und ich schließe mich dem ständig gut gelaunten Sonnenschein an. Sie erzählt und erzählt und erzählt und kümmert sich nicht im Geringsten darum, dass ich sie leider nicht verstehe. Jedesmal, wenn sie mit ihren rosafarbenen Sandalen in das knöchelhohe Gras tritt, fliehen hunderte von Heuschrecken in alle Himmelsrichtungen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so viele und so große Exemplare gesehen wie hier in der Mongolei.
Wenn die Ziegen und Schafe Enhjargals kindlichen Gesang hören, kommen sie von ganz allein angetrottet und wandern gemächlich Richtung Jurte, wo sie in ein großes Gatter gesperrt werden.
Während Mutter und Tochter die Kühe melken, sitze ich im Geländewagen, um dort unsere einzige Stromquelle in der hiesigen Gegend für meinen Computer zu nutzen. Ich lade die Fotos der letzten beiden Tage auf mein Notebook. Als ich fertig bin, öffnet Bayaara die Fahrertür. Zeitgleich setzt sich der ebenfalls volltrunkene Batbaatar auf die Rückbank. Bayaara erklärt mir, ein Pferd aus der Herde der Familie werde vermisst und sie wollen nun losfahren, um es zu suchen. Ich mache mehr als deutlich, dass ich es für eine sehr schlechte Idee halte, wenn die beiden in ihrem Zustand durch die Steppe brettern. Aber sie lassen nicht mit sich diskutieren. Und auf eine Auseinandersetzung mit dem betrunkenen Batbaatar habe ich schon mal überhaupt keine Lust. Ich nehme noch schnell das Ladegerät meiner Kamera mit, weil ich es für unwahrscheinlich halte, dass ich das Auto samt Insassen noch mal heil zu Gesicht bekommen werde.
Erneut erhalte ich die Einladung, in der Jurte zu schlafen. Als Odontungalag gegen 22.30 Uhr die Kerze ausbläst, bin ich mit der Mutter und den Kindern allein. Dass auch Stunden später keiner vom männlichen Pferdesuchtrupp, auch nicht die beiden Promille-Fahrer, zum Schlafen in die Jurte kommen, werte ich als schlechtes Zeichen.
Mittwoch, 18. Juli 2007
Mongolische Steppe
Ich bin erleichtert, als Bayaara gegen 9 Uhr die Jurte betritt. Zwar verkatert, aber lebendig. Auch Batbaatar kommt wenig später zum Frühstück. Nüchtern macht er einen freundlichen Eindruck. Beide haben im Freien übernachtet. Der Sauerstoff scheint ihnen gutgetan zu haben.
Vor der Jurte erwartet mich eine Überraschung. Gerade ist ein junger Ziegenbock zur Welt gekommen. Das kleine braune Wollknäuel liegt vor der Holztür und quäkt wie ein Kleinkind. Das Fell ist noch nass, die Nabelschnur baumelt unterm Bauch. Die ersten Gehversuche scheitern, aber schon nach wenigen Minuten kann sich das Neugeborene auf den eigenen vier Beinen halten und versucht, in die Jurte hineinzulaufen. Zaya erzählt mir, die Familie habe das Tier „Michael“ genannt. Zu meinen Ehren.
Nach einem letzten gemeinsamen Mittagessen verabschieden wir uns mit einem langen Händeschütteln und ich merke, wie sehr mir diese Familie in kürzester Zeit ans Herz gewachsen ist. Unser Geländewagen arbeitet sich über die Hügel zurück in Richtung Zivilisation. Einmal verfahren wir uns in einem kleinen Birkenwald. Als wir wenden, sehen wir hundert Meter von uns entfernt ein Kamel. Mitten auf der grünen Wiese. Es ist eines der Kamele, das der alte Mann vom gestrigen Trinkgelage seit drei Tagen sucht. „Ist doch schön, dass wir es jetzt finden und Fotos machen können“, sagt Zaya. „Wäre doch schöner, wenn der alte Mann es selbst gefunden hätte und wieder mit nach Hause nehmen könnte“, sage ich. Doch Zaya winkt ab. „Der findet es sowieso. Wenn nicht heute, dann morgen.“
So ist sie, die Mongolei.
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Sehr schöner und teils auch sehr humorvoll geschriebener Bericht, der wahrlich Lust auf die Einsamkeit der Steppe macht! Auch die Fotos gefallen mir sehr gut!
LG Susi -
Schön geschrieben, macht Lust auf dieses Land! Ich glaube, ich setze die Mongolei auch noch auf meine Wunschliste...
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Sehr schöner und interessanter Episodenbericht mal aus einer ganz anderen Ecke der Erde. Schon lange reizt mich die Mongolei, aber bis dato hat sich noch nicht die Gelegenheit ergeben ....
LG Robert -
Hallo. Ich würde auch gerne dorthin!
Wie hast du mit der nOMADENFAmilie Kontakt aufgenommen ??
Bitte melde dich schnell :)
anne.gritzmacher91@web.de
LG ANNE
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