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Reisebericht: Die starken Frauen von Tinpiple

 
 
 
 
 
Reisebericht: Die starken Frauen von Tinpiple

Mit zwei nepalischen Freunden sind wir unterwegs auf der Strasse, die von Kathmandu quer durch den Himalaya nach Tibet führt. Irgendwann wird diese Strasse Tinpiple passieren, ein unbedeutendes Dorf irgendwo in Nepal. Und dort werden wir eine ganz und gar nicht unbedeutende Begegnung haben: wir treffen die starken Frauen von Tinpiple, die dort eine sehr erfolgreiche Kooperative führen!

Die Hintergründe

 
 
 
 
 

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Frauenkooperativen, Mikrokredite, das sind Begriffe, die seit geraumer Zeit durch die Medien geistern. Spätestens seit die Grameen Bank in Bangladesh für diese "Geschäftsidee" den Nobelpreis verliehen bekam hat die Welt davon gehört. Wie das System in der Praxis genau funktioniert, davon hatte ich keine rechte Vorstellung. Das sollte sich heute grundlegend ändern, denn wir sind auf dem Weg zu solch einer Kooperative in Nepal.
Warum solche Initiativen überhaupt notwendig sind, davon konnten wir uns auf zahlreichen Reisen in diesem Land überzeugen:
Um ein Familieneinkommen zu erzielen, müssen viele Männer ihre abgelegenen Dörfer verlassen und suchen sich Arbeit in Kathmandu, im Süden des Landes oder gleich in Indien. Die Frauen, allein mit den Kindern am Hof zurückgelassen, müssen die komplette Feldarbeit erledigen, tragen Wasser und Brennholz oft stundenlang herbei, führen wie seit eh und je den Haushalt...



 
 
 
 
 

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Zusätzlich zu dieser Arbeitsbelastung kommen ständige Schwangerschaften, nur kurz unterbrochen von Stillzeiten in denen Säuglinge herumgeschleppt werden. Die Frauen kommen so an die Grenzen ihrer physischen Kräfte, Gebärmuttervorfall in seiner schlimmsten Form ist meist die Folge. Die Arbeit muss trotzdem erledigt werden...



 
 
 
 
 

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Mädchen sind nicht wirklich erwünscht

Trotz dieses enormen "Lebenspensums" der Frauen haben Mädchen nur einen geringen gesellschaftlichen Stellenwert. Auch heute noch ernten wir wohlwollendes Nicken wenn wir erzählen, dass wir zwei Söhne haben.
Witwenverbrennung, Abtreibung oder Tötung weiblicher Babies, all das ist selbstverständlich inzwischen gesetzlich verboten - aber noch lange nicht aus den Köpfen (und der Realität?) verschwunden.
So ist es nur verständlich, dass das Selbstwertgefühl der Frauen in Nepal meist sehr gering ist und die Abhängigkeit vom "starken Geschlecht" groß.



Die Rettung: Frauenkooperativen

Was steckt nun hinter dem Zauberwort "Microkredit"? Was rechtfertigt einen Nobelpreis? Wie funktioniert dieses System? Das möchte ich ganz konkret am Beispiel von Tinpiple zeigen:

Eine Gruppe Frauen schließt sich zusammen, trifft sich 1 Mal im Monat. Voraussetzung ist, dass jede etwas Geld gespart hat. Das sind normalerweise nur Pfennigbeträge, mehr geht nicht.
Dieses Geld wird in die gemeinsame Kasse eingezahlt, die Beträge akribisch vermerkt. Auf die Bank gebracht werden muss hier nichts, denn nun melden sich die Bittstellerinnen zu Wort: Wer eine Geschäftsidee hat, erläutert sie den anderen Damen genau. Der Bedarf an Geld, die Verwendung, der zu erwartende Gewinn werden dargelegt - nichts anderes als ein Businessplan! Nachdem alle zu Wort gekommen sind, wird gemeinsam beraten, wer wieviel Geld geliehen bekommt, welches Projekt das erfolgversprechendste ist (oder auch welche Frau in so großer Not ist, dass unbedingt geholfen werden muss!).



 
 
 
 
 

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Nun wird das Geld wieder ausgezahlt. Sicherheiten gibt es keine - hier reicht die soziale Kontrolle. Nach dem Anlaufen des Geschäftes wird abgestottert. Mit Zins und Zinseszins. Nach Aussage der "Geschäftsführerin" ist hier noch nie ein Kredit geplatzt. Ein Zeichen von Umsicht? Von Menschenverstand? Auf jeden Fall ein gutes Beispiel für die großen Banken dieser Welt!



Frauengeschäfte

Eines dieser kleinen privaten Projekte ist die Gladiolenzucht (unser Dolmetscher kannte Gladiolen nicht - die Stimmung stieg gewaltig beim Versuch, sich zeichnerisch zu verständigen...) Vom geliehenen Geld wird die Schuldnerin sich Blumenzwiebeln kaufen, die Gladiolen heranziehen und an der Straße nach Kathmandu verkaufen. Dieses Unternehmen wurde als aussichtsreich genehmigt!

Das Großprojekt, das sich die erfolgreiche Kooperative inzwischen leisten kann, hat jedoch eine ganz andere Dimension und hilft dem ganzen Dorf:



Die Miniklinik

 
 
 
 
 

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Eine ausgebildete Hebamme und Krankenschwester wurde angestellt, ihr Gehalt trägt die Kooperative. Eine "Miniklinik" wurde errichtet!
Das hört sich gewaltig an, in der Realität handelt es sich bei der Klinik um ein Zimmer, direkt an den Versammlungsraum der Kooperative angebaut, durch einen Vorhang von der Straße abgetrennt (auf dem letzten Bild des Berichts zu sehen). Hier hält die Nurse ihre Sprechstunden ab, behandelt vorzugsweise die Frauen der Kooperative, aber auch alle anderen Einwohner des Dorfes.
Nicht nur die Behandlung ist ihr Tagesgeschäft, auch Beratung über Hygiene und Empfängnisverhütung findet hier statt - und so kann vielleicht einmal der vermaledeite Teufelskreis durchbrochen werden, der den Familien möglichst viele Kinder anheim legt. Denn die Säuglingssterblichkeit ist hoch aber für die Altersversorgung werden Nachkommen gebraucht...



 
 
 
 
 

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Das nächste große Ziel für die Kooperative ist bereits gesteckt: die Klinik, die im Moment den Status einer "Health Post" hat, soll zur "Ambulance" aufgewertet werden - mit einem echten Arzt! Wir wünschen den Damen viel Glück...



Fazit

Die Zeit vergeht wie im Fluge. Es werden nicht nur "Sachthemen" besprochen, es wird viel gescherzt, gelacht, wir werden neugierig ausgefragt über unser Leben in Deutschland. Die Damen nehmen kein Blatt vor den Mund, strotzen vor Selbstbewusstsein. Erfolgreiche Unternehmerinnen auf dem Weg, das ganze Dorf zu "retten".
Uns drängt sich sehr schnell der Verdacht auf, dass in Tinpiple keineswegs die Männer das starke Geschlecht sind...
Und das Fazit dieser Reise? Das ist ganz klar: wenn ihr je die Gelegenheit habt, irgendwo auf der Welt eine solche Frauenkooperative zu unterstützen - TUT ES!!



 
 
 
 
 

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Kommentare
  • trollbaby 09.09.2009 | 17:39 Uhr

    Vielen Dank für diesen interessanten Bericht! Aber da sieht man wieder, wer wirklich das "starke" Geschlecht ist und Dinge in die Hand nimmt...
    Wie seid Ihr überhaupt auf diese Reise gekommen?
    LG Susi

  • enfrente 09.09.2009 | 17:50 Uhr

    Ein sehr interessanter Bericht. Von den Menschen in Nepal weiss ich leider noch nicht so viel. Dank dir, bekomm ich gleich einen guten Eindruck von Nepals starken Frauen vermittelt. Sollte ich irgendwann nach Nepal reisen - werde ich solch eine Frauenkooperation auf jeden Fall unterstützen. lg Romy

  • Hortensie7 09.09.2009 | 18:47 Uhr

    Sehr interessant und informativ! Wirklich eine tolle Sache! lg. Petra

  • RdF54 10.09.2009 | 08:36 Uhr

    Hallo Ildiko,
    ein sehr interessanter Einblick in ein Witschaftssystem, dass sich immer weiter in der dritten und vierten Welt durchsetzt und da natürlich von Frauen besser gemanaged werden, da sie meisten den "sozialnen Überblick" in der Familie und meist auch im Dorf haben. Das sieht man eigentlich überall und war vor nicht all zu langer Zeit auch bei uns so ....
    Es müssen eben nicht nur die Frauen lernen sondern auch die Männer ;-)

    LG Robert

  • mamatembo 11.09.2009 | 07:18 Uhr

    Hallo Ildiko,
    wie hilfreich und oft überlebenswichtig diese Kooperativen sind und wie großartig und mit welcher Freude und Stolz die Frauen arbeiten, das habe ich im Slum von Firozabad selbst erfahren dürfen. Ich stimme Dir zu: diese Frauenkooperativen zu unterstützen ist eine sehr gute Sache!
    Danke für Deinen interessanten und wichtigen Bericht!
    LG Beate

  • Bashi 17.09.2009 | 11:54 Uhr

    hi!
    habe diesen informativen bericht sehr gerne gelesen.
    man(n) staunt nicht schlecht ;-)
    reiseberichte dieser art finde ich wirklich lesenswert!

    gruss

  • mamaildi 17.09.2009 | 12:42 Uhr

    Danke euch allen für das positive Echo - werde es weiterleiten nach Nepal!
    Liebe Grüße - Ildiko

  • nach oben nach oben scrollen
  • freyabe 18.09.2009 | 03:06 Uhr

    Hallo Ildiko,
    habe mit Interesse Deinen Bericht gelesen. Das bestätigt, was den Hilfsorganisationen nach vielen Misserfolgen im Entwicklunghilfebereich klar geworden ist: Frauen wirschaften besser. Das soll aber jetzt kein feministisches Statement sein, das kommt daher, dass Frauen ihr Geld eher für die Familie verwenden und Männer gerne mal Statussymbole kaufen. Übrigens waren die christlichen Hilfsorganisationen wie Brot für die Welt und Misereor die ersten, die ihre Politik geändert haben und kleine überschaubare Fraueninitiativen unterstützen.
    Übrigens wo kommt Dein ungarischer Name her?
    LG Friederike

  • Thomas12 (RP) 25.09.2009 | 12:37 Uhr

    hallo mamaildi,

    frei nach Rüdiger Nehberg "Reisen mit Sinn".

    Gefällt mir gut, derartige Berichte sollte es öfter geben.

    Grüße
    Thomas 12
    Thomas Wilden

  • Blula 10.11.2009 | 13:19 Uhr

    Hallo Ildiko !
    Ich danke Dir für diesen interesanten Einblick, den man anderswo sicher nicht in dieser Form erhalten kann. Schön, dass Du uns hier darüber berichten konntest.
    LG Ursula

  • Schoena 17.11.2009 | 19:16 Uhr

    Hallo Ildiko,
    von solch Minikrediten hat man immer schon einmal gelesen. Dank Deines Berichtes sieht man wie wichtig sie sind und dass es wirklich funktioniert. So hautnah davon zu erfahren ist natürlich sehr gut.
    Viele Grüße
    Ingeborg

  • wallyRe 26.08.2010 | 13:52 Uhr

    hallo,
    danke für den informativen bericht. ich finde es auch wichtig, dass über solche themen und über starke frauen geschrieben wird ! lg wally

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