Oh nein, noch ein 'Weisses Rössl'?

Reisebericht

Oh nein, noch ein 'Weisses Rössl'?

Ja schon, aber alles andere an diesem Hotel ist weitaus origineller als sein Name. Es liegt nur noch im Verborgenen. In Lichtenberg/Montechiaro, Südtirol.

'Nehmen füllt die Hände, Geben füllt das Herz'...


... steht auf dem Türbalken eines Hauses in Lichtenberg. Es wäre wohl nicht mehr der Rede wert, der Balken längst verschwunden oder übermalt, hätte nicht Bernhard Tschenett alles gegeben, auf dass dieses Haus das Herz noch einmal fülle. Und das tut es nun, das „Weisse Rössl“, das „Cavallino bianco“; es füllt das Herz seiner Gäste, es ist ein außergewöhnliches Hotel. Nur noch unentdeckt von den meisten, zu still, zu abseits des breiten Stroms, geographisch wie ästhetisch.

Das „Weisse Rössl“ im Vinschgau, Südtirol, fünf Autominuten vom Städtchen Glurns entfernt: Es war einmal ein Haus, erbaut im Jahre 1480, in einem unscheinbaren Bauerndörfchen gelegen, dem man seine Geschichte kaum noch ansehen konnte. Weder die Sonnenuhr aus dem Jahre 1596 an der Außenwand noch dass es einmal eine schöne gotische Stube hatte und eine andere aus der Renaissance. Weder seine hunderte von Jahre alten Böden und Kachelöfen noch das alte Burgunderkreuz an der Fassade und den spätgotischen Putz, nicht einmal mehr die Parolen der italienischen Faschisten aus den 1930er Jahren an der Hinterfront. Und der hölzerne Jesus, mit den Händen an einen Pflock gebunden und 350 Jahre lang ungeschützt in einer Nische neben der Haustür wachend, hatte sich den Arm gebrochen, als ihn zwei Diebe, rechtzeitig entdeckt, vor Schreck hatten fallen gelassen.

Es hätte nicht viel gefehlt, und diese Geschichte, alles, wovon das Haus erzählen konnte, wäre zu Ende gewesen für immer. Es war einsturzgefährdet und mit ihm hätte auch alles das einbrechen können, was sich in diesem Haus am Marktweg 8, Via Mercato, in Lichtenberg, zu Füßen des zweitgrößten Kastells Südtirols, so begeben hat, als der einstige Hausherr hier noch die Bauern und die italienischen Viehhändler zusammenbrachte. Als die Schmuggler hier noch Einkehr hielten, bepackt mit tausend Päckchen, die sie über die grüne Grenze aus der Schweiz von den Bergen herab schleppten. Als das Vieh noch vor der Gaststube getränkt wurde. Und es noch erlaubt war, den Schinken mit Wacholder zu räuchern.

Das alles hätte vorbei, perdu, verschüttet sein können. Und manches ist es auch, unwiederbringlich. Das Haus aber steht, es ist der wahr gewordene Traum des Bernhard Tschenett, der ausgezogen war, die Welt der Gastronomie an deren Hot spots zu erkunden, der auf den Bermudas Karriere machte und vielleicht auch als Sänger hätte erfolgreich werden können. Und der ein Romantiker ist.

Und der eines Tages entdeckte, dass ihm das Haus seiner Eltern doch mehr am Herzen lag als die Sternenzahl der Edelhotels und der Glamour des Jet Sets im Süden.

Bernhard Tschenett, Jahrgang 1965, kam zurück, um zu retten, was er liebte, „eine Bauchentscheidung“. Es war 2004. Er räumte fünf Wochen lang den Schutt aus dem Keller und acht Monate lang das Gerümpel weg, klopfte bis zu 15 Schichten Putz von den Außenwänden des Hauses, riss drei und vier Generationen von Holzböden heraus, bis er die erste fand. Schrubbte die Kacheln der alten Öfen mit Sand, bis er sie wieder erkennen konnte. Legte in der gotischen Stube unter einer Nikotinkruste die Wandmalereien aus den 1930er Jahren frei und die originale Tönung der Wände. Und an der Außenfront die Sonnenuhr. Und gab dem hölzernen Jesus ein bisschen Sicherheit hinter Glas.

Zweieinhalb Jahre lang hat Tschenett aus Verfall wieder Schönheit gemacht. 1,2 Millionen Euro hat ihn das gekostet, der Veroneser Architekt David Rosa hat ihm geholfen. Und Mutter Franziska, mit 15 Geschwistern und Kraft gesegnet und lauter Stimme, hat die Bettwäsche genäht; eine schwere und wertvolle Bettwäsche, nichts, was vor den Controllern eines Hotelketten-Konzerns Gnade hätte finden können. Handarbeit eben.

Und jetzt? Das „Weisse Rössl“ hat nur sieben Zimmer. 40, 45, 60 Quadratmeter sind sie groß. Mit Fenstern in den Himmel oder einer Fensterfront, über die im Panoramaformat aus 900 Metern Höhe über das Tal zu sehen ist. Es sind Zimmer mit Bädern, die noch das wasserverachtendste Individuum zu genussvoller Verschwendung einladen. Und es sind Zimmer zu Preisen, die noch den Geizigsten in einen Zustand großen Seelenfriedens versetzen.

Aber verliebt man sich in Städte der Steine wegen? Ja, auch das. Mehr aber noch sind es wohl die Menschen, die die Steine lebendig machen. Im „Weissen Rössl“ sind es Bernhard Tschenett und seine Mutter – und ihr auch Nachbarn und Freunde ansteckender Enthusiasmus, aus einem schon toten Gasthaus mit langer Tradition ein kleines, feines und dabei ganz unprätentiöses Hotel zu machen. Eine Symbiose aus wertvoller Baugeschichte und modernen Innereien, unter jeglichem verzicht auf Alpenkitsch.

Wenn Sie so etwas mögen, so kommt hier die Adresse:

Hotel-Restaurant Weisses Rössl
Marktweg 8
I – 39026 Lichtenberg/Prad
Tel. 0039 - 0473 – 618 284
Fax 0039 – 0473 – 617 671
www.weisses-roessl.bz.it
info@weisses-roessl.bz.it

Und grüßen Sie die Tschenetts von einem Nordlicht, das lieber Südlicht wäre.




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Kommentare

  • Bergfee

    Hallo Südwind,
    Hallo liebe Leser,

    dieser Bericht freut mich ganz besonders, da auch ich dieses kleine Hotel mit den alten Mauern kennen und lieben gelernt habe. Ja, man kann sich in Steine verlieben. Dies haben bei mir bisher nur Städte und Burgen geschafft, aber noch kein Hotel. Das Rössl hat es! Das Weisse Rössl in Lichtenberg hat mich (allein reisende Singlefrau) vom ersten Blick an fasziniert. Die ersten Schritte durch den Hauseingang mit der schweren, hunderte von Jahren alten Haustüre haben mich sofort in den Bann gezogen. Es war Magie im Spiel. Dieses Hotel mit der liebenswerten Familie Tschenett ist ein absoluter Geheimtipp für alle, die dem Massentourismus entkommen möchten. Herzlichkeit vom ersten Tag an! Perfekt die Zimmer und Suiten, hervorragend die leichte und kreative Küche. Dazu die vielen Urlaubsaktivitäten im 3-Länder-Eck. Einfach fantastisch! Der 3-Loch-Golfplatz vor der Haustüre infizierte sogar mich mit Golf. Also Vorsicht - in diesem Haus steckt Magie, man wird verzaubert!
    Auch ich kann dieses bemerkenswerte Landhotel nur empfehlen. Ach ja, noch ein Tipp. Im Sommer werden im Hotel Musikabende durchgeführt. Zu später Stunde greift der Chef des Hauses selbst zum Mikrofon. Bernhard Tschenett ist ein wirklich begnadeter Sänger mit einer sehr sympathischen Stimme.
    Auf geht's ins Südtiroler Lichtenberg! Wir treffen uns sicher mal dort, ich werde jedenfalls wieder ins Rössl fahren!

    Herzlichst
    Bergfee

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