Iran, Persien, Juwel des Orients

Reisebericht

Iran, Persien, Juwel des Orients

Reisebericht: Iran, Persien, Juwel des Orients

Nicht ohne Grund wird Iran als Schatz des Orients bezeichnet, denn dieses Stück Erde auf unserem Globus beherbergt in ihrer ca. 1.648.195 qm großen Fläche einiges, was das Herz begehrt, und zwar von Vielseitigkeit der Naturschauspiele bis zur Reichhaltigkeit hinsichtlich der Geschichte, Rohstoffressourcen, Ethnologie, Flora, Fauna, Künste und Wissenschaft.

Im Tal der Selbstmörder, Alamut, die Burgruine von Hassan Sabah, der Ismailit

Oben auf der Burgruine von Alamut

Keine Bildinformationen verfügbar

Eigentlich brachte mich Harald, mein teurer Freund und Wanderkamerad aus München darauf, die strapaziöse Reise ins Tal der Alamut auf mich zu nehmen.
Das Buch von Freya Stark handelte u.a. auch von ihrer Reise in dieses Tal vor ca. siebzig Jahren. Damals gab es weder gescheite Landstrassen noch präzises Kartenmaterial.
Mit Harald schauten wir gemeinsam eine von ihm aufgezeichnete Reportage über den „Alten von der Burg Alamut“ und Assassinen / Haschischiten an.
Ich wusste vorher nur wenig darüber und danach war es mir klar: Ich werde hinfahren und nach den angeblichen Gärten Ausschau halten, in denen Hassan Sabahs teuerst ergebene Selbstmörder im Haschischrausch mit wunderschönen Kurtisaninnen beehrt wurden, um einen Hauch Paradies zu verspüren.
Diese Lustorgien fanden angeblich unmittelbar vor den Reisen der Selbstmörder statt, die im Auftrag des Hassan Sabahs politische Morde begangen und in der Regel nicht entkommen konnten.
Nima fand die Burgruine im nachhinein nicht so spektakulär, da der Thron des Salomon für ihn als Sehenswürdigkeit unübertrefflich geworden war und der Weg zur Ruine ziemlich mühsam war.
Wir sind zwei Tage nach unserer Ankunft vom Damawand in Teheran Richtung Qazwin aufgebrochen, fuhren aber am gleichen Abend nach Teheran zurück.
D.h. wir unternehmen diese Besichtigungstour im rahmen einer Tagesreise, die doch zu ermüdend war.
Als wir fast vier Stunden auf einer mittelschlechten schmalen, immerhin geteerten Serpentinenstrasse zur Ruine fuhren, merkte ich, wie undurchdringlich und abgelegen die Region war.
Hassan Sabah hatte nicht ohne Grund diese Abgeschiedenheit gewählt.
Die Burg wurde erst Jahre nach seinem Tod durch die Mongolen erobert.

Mir war nach der kurvigen Fahrt schlecht und so kam unserem Fahrer, der uns von Qazwin nach Alamut fuhr, Zweifel auf, wie ich Damawand bezwingen konnte, wenn mir die alten Treppen zur Burg ziemlich zu schaffen machten, zumal er mich für mollig und unsportlich hielt.
Die Felswände unter der Ruine sahen wie Sedimentgesteine aus; die Oberfläche war lehmig und bröselig.
Oben gab es noch den Brunnen, aus dem die Assassinen Wasser geschöpft haben.

Der größte Teil der Ruine befand sich in Restaurierung, was im Iran in der Regel sehr langsam vorangeht, da entweder Mittel gestrichen bzw. veruntreut werden oder oft fehlt es an Hauptmotivation, denn solchen nationalen Schätzen wird in Wohlstandsgesellschaften größerer Wichtigkeit beigemessen als in einem Land, das seit Jahren vom Leid, Krieg, Unterdrückung, sozialen und wirtschaftlichen Problemen heimgesucht wird.

Wir kurvten durch die Ruinen, bewunderten die leere Schatzkammer ohne Decke und versuchten uns vorzustellen, wir der befürchtete Alte von der Burg hier residiert und bis zum Tode an seinem ismailitischen Glauben und seiner unorthodoxen Vorgehensweise hinsichtlich politischer Morde festhielt.
Er wollte eine Welt nach seinen Maßstäben, indem er seine politischen Gegner eliminiert und auf diesem Wege die Armen und Unterdrückten unterstützen wollte.
Unten am Fels gab es ein Dorf, dessen Bewohner die Burg mit Lebensmittels aus Landwirtschaft und Viehzucht versorgten.
Es war im europäischen Zeitalter der Kreuzritter, mit denen die Assassinen gelegentlich Verhandlungen führten.

Die Assassinen hielten immer zu ihrem Alten und waren ebenfalls Anhänger der ismailitischen Glaubensrichtung.

Ich registrierte das Dorf erst richtig auf der Rückfahrt.
Die Bewohner wirkten unfreundlich und warfen uns unwirtliche Blicke zu.
Als wir durch einen Hochzeitsmarsch auf dem Dorfplatz verbarrikadiert wurden, beschmissen paar Dorfkinder unser Auto mit kleinen Steinen.
Wir nahmen es mit Humor auf und begaben uns auf die Serpentinenstrasse.
Die lange Fahrt nach Qazwin und Teheran lag noch vor uns.



Klettern im westlichen Zagroskalk, Bisotun

Nima und Mehdi beim...

Informationen zum Bild anzeigen Bildinformationen anzeigen

Mitte September 2006 traf ich mich mit meinem iranischen Kletterpartner Nima am Busbahnhof in Borujerd, das ist die Heimatstadt meiner Eltern. Nima war aus Hamedan angereist, damit wir gemeinsam nach Kermanschah, der Ausgangsort für unsere Klettertour, fuhren.
Da Nima in Kermanshah studierte und dort auch eine Wohnung hatte, lag es nahe, die Kletter-Aktivitäten von Kermanshah aus anzugehen, zumal sein bester Freund Mehdi, ein ausgezeichneter Bergsteiger und Felskletterer, ebenfalls in Kermanschah lebte und uns begleiten konnte. Mehdi kannte ich nur vom Sagen und Hören und war sehr gespannt auf diese Supersportkanone.
Nima wirkte erholt und trug wieder seine Woody Allen-Brille und das eklige Haargel.
Er bereitete mich unterwegs bisschen auf Kermanschah und seine Einwohner vor: Ich soll in öffentlichen Plätzen den Mund halten, damit wir durch meinen starken Akzent nicht zusätzlich auffallen; wir werden wohl kaum nächtliche Spaziergänge durch die Stadt unternehmen, da Kermanschah kein sicherer Fleck sei.
Seine Ängste und Sorgen waren zum Teil etwas überzogen, wie sich später herausstellte.

Was ich allerdings bestätigen kann, ist die Gaff-Lust der Männer, die alle anderen Orte des Iran meiner Ansicht nach übertraf.
D.h., dass selbst für jemanden wie mich, der grundsätzlich gerne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht, war dies zu viel.
Wir gingen am Abend in die Innenstadt, um Mehdi zu treffen, damit wir uns kennen lernten und alles notwendige wegen der Klettertour besprechen konnten.
Wir schlenderten durch den alten traditionellen Basar und ich wollte mir gerne paar Dattelkekse als Proviant für morgen und ein paar bestickte Hauslatschen kaufen.
Der ganze Basar hatte uns im Visier und das verschlechterte Nimas Laune zunehmend, da er an meiner Seite immer auf der Hut sein wollte.
Er schaffte es, dass ich auf die Kekse und Latschen verzichtete und wir begaben uns zum Haupteingang, wo wir mit Mehdi verabredet waren.
Frauen tuschelten beim Vorbeigehen und Männer stießen mit dem Gegenverkehr fast zusammen, als wir uns am Eingang begutachteten.
Manche Frauen prüften mein Outfit, was ihnen leider keinen Mode-Geheimtipp aus Westeuropa versprach, da ich in Trekkinghosen, Turnschuhen und nicht aufgestylt war.
Ich fand, dass mein schlichtes Outfit im Iran genau richtig war, da mir zumindest keine westliche Dekadenz vorgeworfen werden konnte. Außerdem fand ich es taktvoller, in einem solchen Land, das viel Armut beherbergt, etwas unbedachter gekleidet zu sein.
Mehdi stand auf einmal vor uns und war sich nicht sicher, ob ich die Azadeh sein sollte, die er von Nimas Erzählungen kannte. Ich war ihm für eine Iranerin zu ausländisch, und für eine Hobby-Kletterin zu korpulent, wie er mir später als Gründe für seine Verwirrung verriet.
Mehdi war kleinwüchsig, aber auf keinen Fall unscheinbar.
Er trug einen Professorenbart, hatte braune kurz geschnittene Locken und hatte ein ausdrucksvolles attraktives Gesicht, das zusammen mit dem durchtrainierten Körper sehr männlich wirkte.
Wir besuchten gemeinsam die historischen Reliefs von Taqe-Bostan aus dem Sasanidenreich, was durch die klare Nacht und die gelben Lampen besonders antik auf mich wirkte. Sasaniden waren wie die Achämeniden Anhänger der Zoarathustrier-Religion. Sie regierten bis zur ersten arabischen Inversion im siebten Jahrhundert nach Christus. Man findet bei fast allen Tempelruinen aus der zoarathustrischen Zeit des Iran Feuertempel, da die Zarathustrier das Feuer verehrt und das ewige Feuer gehütet haben.
Typisch für die Sasadidendynastie, die das Pendant zum Oströmischen Reich darstellte, bestanden die eingemeißelten Motive hauptsächlich aus Jagdszenen mit Trophäen auf den Pferden und Königen am Thron in majestätischer Haltung, neben denen in der Regel ein geistlicher Berater stand.
Ein einheimischer Fremdenführer sprach mich in der Anlage an und erklärte mir paar interessante Details, zum Beispiel, dass die dargestellten Seerosen fruchtbares Leben bzw. die Fruchtbarkeit symbolisierten.
Zu meiner Enttäuschung entdeckte ich an einem der Reliefs ein Kapitalverbrechen, und zwar wurde auf Befehl eines Königs aus der muslimischen Ghadschar-Dynastie im 19. Jahrhundert eines dieser antiken Reliefs glatt geschliffen, um paar bunte Figuren aus der Ghadschar-Dynastie dort einzumeißeln!
Die bunten Figuren stellten Frauen aus dieser Epoche dar.
Schließlich waren die Ghadscharkönige für die Größe ihrer Harems bekannt; jeder von ihnen pflegte diese unwürdige Sitte der leider zulässigen Bigamie, und zwar belief sich die Anzahl der Frauen zwischen achtzig und hundertvierzig, soweit ich mich an den Geschichtsunterricht der fünften Klasse erinnern kann.

Wir kauften fürs Abendessen und für die morgige Tour einige Lebensmittel ein und fuhren mit Taxi zu Nimas Wohnung.
Nach dem Essen sortierten wir unsere Ausrüstung und verteilten sie nach Gewicht auf jeden einzelnen, wobei ich nur meine persönlichen Sachen wie Wasserflasche und Ersatzkleidung tragen sollte. Die beiden Kletter-Kavaliere würden die Hauptlasten auf sich nehmen, da ich erstens Gast, zweitens „Made in Germany“, drittens eine Frau und viertens mollig war, mit anderen Worten hatte ich mich selbst zu tragen und das war schon, Mehdis Meinung nach, eine beachtliche Leistung!
Das bestätigen auch die stumpfsinnigsten Kalorientabellen, dass bei höherem Körpergewicht der Kalorienverbrauch beim Sport viel größer ist, eigentlich logisch.

Immer wieder bewunderten die beiden meinen Kletterkrempel aus Deutschland und seufzten dabei, dass der Mangel an guter Ausrüstung sie immer wieder um einige größere Erfolge bringt.

Wir verabredeten uns für 4:00 Uhr morgens, damit wir vor der Mittagshitze wenigstens 5-6 Seillängen schaffen. Mehdi fuhr zu sich nach Hause und kam am nächsten Morgen mit einem zweiten Seil und ein paar alten nicht vertrauenswürdigen Klemmgeräten zurück.
Der Taxifahrer wartete draußen und war bei meinem Anblick etwas irritiert, hat sich aber nicht getraut, Nima und Mehdi Fragen zu stellen.
Wir wurden am Fuße der Felsen auf der Landstrasse abgesetzt.
Die Wand heißt Sar-Taq, übersetzt, über dem Dach, und liegt genau hinter der historischen Anlage von Taqe-Bostan.
Es war noch nicht ganz hell und ganz Kermanschah schlief noch. Die Landschaft war zu dieser Jahreszeit ziemlich karg und unwirtlich, aber sehr geheimnisvoll.
Wir suchten uns am Wandfuß einen Felsbrocken mit Plattform, auf der wir uns tourengerecht anzogen.
Ich legte mein Pseudokopftuch und den Pseudogewand ab, zog den Klettergurt und die Kletterschuhe an und setzte meinen Helm auf.
Mehdi und Nima waren erschrocken, dass ich nur ein ärmelloses T-Shirt und die Hose anbehielt, schauten sich gegenseitig etwas verblüfft an und äußerten ihre Bedenken, dass sich nie eine Frau getraut hat, ohne Kopfbedeckung und Gewand zu klettern.
Nun war ich etwas irritiert:
- Wie soll das nun funktionieren, lieber Mehdi, wie soll ich mit Gewand und Kopftuch klettern, zumal bei dieser Mordshitze! Außerdem schützt mein Kletterhelm theoretisch vor unzulässigen Männerblicken: Wer soll um dieser Zeit hierher fahren, um die Sittenwidrigkeit an Kletterklippen zu prüfen? Wir werden in halber Stunde nicht mehr in greifbarer Nähe sein, es sei denn die Sittenpolizei holt uns per Hubschrauber aus der Wand!

Nima gab Mehdi ein Zeichen, dass es keinen Sinn macht, mit mir darüber zu diskutieren, da ich der Hitze tatsächlich nicht gewohnt und gewachsen sei und etwas mehr Narrenfreiheit genießen darf als meine anderen Landsmänninnen.
Na ja, Nima war schon fast drei Wochen mit mir unterwegs und sorgte sich weniger um mein Outfit.
Es ging endlich los, Mehdi stieg als Seilerster vor und sicherte mich von einem Standplatz aus, der aber kein richtiger war, sondern ein vertrockneter ganz filigraner Baumstamm, was ich aber beim Aufsteigen bis zur Ankunft nicht erkennen konnte, zum Glück!
Nima stiegt als Dritter hinterher und klagte über seine Beschwerden: Er hatte im Frühjahr einen Bruch am Großzeh und eine heftige Schulterverrenkung hinter sich. Damawand und Sahand haben ihn auch ziemlich geschlaucht und nun merkte er die Schmerzen viel deutlicher, wollte aber unbedingt weitersteigen.
Ansonsten war unsere Laune bestens; wir lachten über uns, über die Welt und über die Geräusche jeglicher Art, die jeder einzelne von uns bei den Anstrengungen produzierte.
Nimas Fluchen und sein wehleidiges Gesicht haben statt für Mitleid für mehr Belustigung gesorgt.
Die Wand von Sar-Taq kann in 8-9 Seillängen bezwungen werden, der Einstieg dürfte man mit 3+, drei bis vier Schlüsselstellen mit 5- und die restliche Route mit 4- bis 4+ des Schwierigkeitsgrades bewerten.
Wir kraxelten hauptsächlich im Schatten und Mehdi war meistens der Vorsteiger.
Nach drei Seillängen, als ich am von Mehdi aufgebauten Standplatz ankam, lächelte er mich besorgt an und sagte, dass ich nun einen Blick nach untern wagen sollte.
Es war mittlerweile hell geworden und unten am Wandfuß waren Menschenmengen, nur Männer, wohlgemerkt, versammelt.
Ich prustete darauf los und Nima, der nach mir am Standplatz ankam, fing an, Witze über die sexuell ausgehungerte Militz zu erzählen.
Es waren einige militärpflichtige Soldaten, die zum morgentlichen Joggen da waren, ein Polizeiwagen und ein paar Spaziergänger, soweit wir aus dieser Entfernung beurteilen konnten.
Alle schauten zu uns hinauf und nach einer Weile legten sie grüne Matten aus, auf denen sie es sich bequem machten und uns in einer Relaxhaltung weiter begutachteten.
Ich beruhigte Mehdi, dass mich keiner aus dieser Entfernung als Frau wahrnimmt.
Wie naiv von mir, das zu hoffen, denn so wie ich die Herren da unten als Herren registrierte, dürften sie genauso die spärlich bekleidete Frau an der Wand bemerkt haben.
Nun nahm auch Mehdi alles viel lockerer hin. Er war sich jetzt sicher, dass bei den gaffenden und somit sündigenden Herren bei meinem Anblick ein obligatorischer Waschgang erforderlich wird, den der Islam in adäquaten Fällen vorschreibt.

Am fünften oder sechsten Standplatz waren die Herren weg und wir erreichten am frühen Nachmittag den Kamm, von welchem aus eine normale Route nach unten abzweigte, die wir ohne Hilfsmittel gehen konnten.
Nima war dagegen und wollte, dass wir uns stattdessen nach unten abseilten.

Ich verstand seine Motive nicht, woraufhin Mehdi mich lachend aufklärte:

-Unser Goldbängel Nima möchte nicht, dass wir herunterlaufen, da er Angst um Deine Kletterschuhe hat!
-Meine Kletterschuhe?
-Ja, denn Du hast ihm gestern Deine „Made in Germany“-Schuhe versprochen, wenn Du heimkehrst, da seine Schuhe schon abgearbeitet sind, Du Dir in Deutschland ein Paar neue gekauft hast und Ihr die gleiche Schuhgröße habt. Er fühlt sich jetzt schon vor der offiziellen amtlichen Übergabe als Besitzer und hat Angst, dass die Sohlen beim normalen Absteigen ausgelatscht werden! Das ist normal bei diesem vorteilsbedachten Schlitzohr; z.B., wenn er auf irgendwelche Kekse und Esssachen scharf ist, erzählt er uns immer, dass Schimmel dran ist, um alles alleine aufzuessen!


Also gut, wir seilen uns ab. Dabei wurde mir bei dem Gedanken schauderig, dass an einem der Standplätze (die anderen waren auch nicht viel besser) lediglich drei ineinander geflochtene Schmaldrähte durch eine Fels-Sanduhr (zwei benachbarte Felslöcher, die einen Zugang zueinander aufweisen, durch den eine Schlinge durchgefädelt werden kann) als Bohrhaken gedient hat.
Diesem fransigen durchrosteten Drahtbündel müssen wir wohl beim Abseilen für einige Minuten unsere Leben anvertrauen!

Ich äußerte meine Quasiängste und spendierte „uns“ eine meiner älteren Bandschlingen, die man als zusätzliche Sicherung anlegen konnte.
Ich versicherte Mehdi und Nima, dass drei Leben mehr zählen würden als eine alte Bandschlinge, die man an der Wand lässt, wovon die nächsten Kraxler ebenfalls profitieren werden. Wir seilten uns in der umgekehrten Reihenfolge als beim Aufstieg nach unten ab und erreichten gegen 15:00 den Wandfuß.


Als wir ganz unten ankamen, zogen wir uns wieder um und begaben uns Richtung Landstrasse nach Kermanschah. Ich wurde unterwegs von allen sonderbar angeschaut und durfte kein Wort Farsi sprechen.
Die Narrenfreiheit, das Outfit betreffend, war schließlich nur den ausländischen Frauen gegönnt. Und wie so eine sollte ich mich wieder verhalten.
Mehdi hatte danach seine Kurse im Schwimmbad als Tauch- und Schwimmlehrer und verabschiedete sich von uns an Nimas Haustür.
Beim Weggehen zückte er meine am Berg vermutete Bandschlinge aus der Tasche und rief mir zu, dass er diese nun für sich behalten dürfte, oder?

Ich war wieder außer mir, da er offensichtlich die Bandschlinge, als er sich selbst abseilen wollte, wieder aus der Sanduhr herausnahm und beim Abseilen nur an diesem brüchigen Drahtbündel hing.
Menschenskinder, dachte ich. So werden aus Euch sicher keine Bergveteranen, wenn Ihr in solchem zarten Alter den Löffel abgebt, und das für eine wertlose Schlinge!




Nima oben auf der Nische



Das Relief des Farhad

Am antiken Relief des Farhad-Tarasch (der Schliff des Farhad) zogen wir uns zum Schluß mit Steigklemmen am Seil empor, um oben in der antiken Nische oberhalb des Reliefs stehen zu dürfen.
Logischerweise werden dort weder Ösen noch technische Hilfsgeräte zum Klettern zugelassen.
Der Vorsteiger kann lediglich per Knotenschlingen in den wenigen Spalten der absolut glatten Nachbarwand für Sicherungen sorgen, per Seilleiter sich am Seil hochziehen und oben in der Nähe der Nische einen Standplatz aufbauen.
Diese Gänsehaut aufreibende Aufgabe übernahm Mehdi.
Die Nische oben glich einem halboffenen Tunnel, der nach Süden frei war, so dass wir von oben aus die Aussicht genießen konnten, während wir „Boden“ unter den Füssen hatten.
Nachdem Mehdi oben angekommen war, warf er uns das Seil herunter und wir benutzen den Jumar, die sogenannte Steigklemme, und stießen nacheinander oben zu Mehdi und einer weiteren Männergruppe, die dort Tee kochte und ihnen die Sprache bei meiner Ankunft verschlang. Nachdem der Schock überwunden war, gab mir jeder zur Begrüßung die Hand und stellte sich vor. Saman, der junge „Anführer“ hieß mit dem Nachnamen genauso wie ich und bat mir von seinen leckeren Dattelkeksen an.
Nima und Mehdi kannten die Gruppe; ich spürte, dass eine rivalitätsbetonte Feindseligkeit in der Luft lag.
Ich wollte die Gründe hierfür nicht wissen und unterhielt mich weiter mit der Gruppe, bis diese weiterzog.
Was ich allerdings skandalös fand, waren die drei Stahlösen, die Saman an der Decke der historischen Nische vor einigen Monaten ohne Zustimmung des Denkmalschutzamtes angebracht hatte, die untereinander mit Stahlkette zur dreifachen Sicherheit verbunden waren.
Nun war das zu einem Schnappschuss-Platz geworden, da sich viele Kletterer auf die Nische jumarten, sich mit dem Rücken zur Freien an diese Ösen hängten, um sich über einer Art „Leere“ in Cliffhanger-Haltung fotografieren zu lassen.

Am Nachmittag seilten wir uns nach unten ab und schauten uns die riesige Dimension des Farad-Reliefs an.
Die glatt geschliffene Oberfläche war kein vollendetes Werk, denn es waren dort keine Symbole oder Figuren eingemeißelt, da der beauftragte Baumeister seine Arbeit nicht beenden konnte.

Einer alten teilweise wahren Liebeslegende nach, namens die Geschichte von Farhad und Shirin, aus der Sasanidenzeit wurde dem Sasanidenkönig Khosro-Parwiz II. das tragfähige Gestein des westlichen Zagrosgebirges damals zum ersten Mal bewusst. Der König war mit Unterstützung des byzantinischen Kaisers Maurikios an die Macht gekommen.
Er beauftragte einige ausländische Bergbaumeister aus dem Abendland unter der Regieführung von Farhad damit, für ihn ein Relief anzufertigen.
Farhad suchte in der Umgebung von Kermanschah nach geeigneten Felswänden und die Wahl fiel auf Bisotun mit dem tragfähigen Kalk.
Der Schliff ist das Ergebnis jahrelanger mühsamer Arbeit von Farhad und seinen Leuten, die mit damaligen primitiven Geräten und Möglichkeiten nur langsam vorankamen.
Ich habe oben auf der Nische einige zurecht geschliffene Felsnoppel auf dem Boden gesehen, um die wahrscheinlich Farhads Mitarbeiter zur Herstellung der Lastenaufzüge Seile gehängt haben mußten.
Unter an manchen Felsbrocken waren eingeritzte Schlitze zu sehen, die eventuell zum Anbringen von damaligen Klemmgeräten gedient haben.
Man erzählt, dass Farhad kurz vor dem Frost hinter die Steine Wasser gespritzt hat, um durch die Sprengung schneller voranzukommen.
Shirin heiratete im Jahr 591 nach Christi den Großkönig in dessen zweiter Ehe.
Sie war Aramäerin von niedriger Herkunft, die eine wahrhaftige Schönheit war.
Aus Angst um seine geliebte Frau, dass sie aus Neid durch andere Hofdamen vergiftet werden könnte, ließ Khosro-Parwiz für Shirin in ausreichender Entfernung zu seiner Residenz einen Palast erbauen, den Palast Qasr-e-Shirin (=Palast der Shirin), nach der die heutige Stadt in der Provinz Kermanschah benannt wurde.
Soldaten bewachten den Weg zum Palast und so konnte der König seine Liebste in Sicherheit wissen.
Khosro führte seinen Hof in Dastagird - bei Ktesiphon im heutigen Irak - mit legendär gewordener Pracht.
Shirin bekam nach anfänglicher Kinderlosigkeit um 601 den ersten Sohn Mardanshah.
Mit Hilfe ihres Leibarztes Gabriel von Siggar stiftete Shirin Kirchen und Klöster und setzte sich für den Verbleib der Reliquien des Propheten Daniel in Persien ein.
Durch sie unterstützte der Großkönig die Christen und ließ Bibeln nach Persien bringen.
Farhad machte durch den Zufall die Bekanntschaft mit Shirin und verliebte sich unsterblich in sie, obwohl ihm weitere Begegnungen mit ihr untersagt wurden.
Er schaffte es dennoch, seine Liebste von Zeit zu Zeit zu sehen und umging bei seinen Ausritten die Soldaten des Khosro-Parwiz II.
Als der König eines Tages dahinter kam, ließ er der Farhad hinrichten und somit blieb sein Werk unvollendet.
Der Legende nach hat die große Liebe zu Shirin den das harte Kalkgestein bezwungen und den Schliff ermöglicht.

614 eroberte Persien Jerusalem und acht Jahre später begannen die Perser mit der Belagerung von Konstantinopel. Es kam zu einem Feldzug des byzantinischen Kaisers Herakleios im Tigris-Tal. König Khosro-Parwiz II. wurde von seinem Sohn aus der ersten Ehe, Shiruye, ermordet, nachdem Shirins Kinder vor seinen Augen getötet worden waren. Shirin beging schließlich im Mausoleum ihres Gatten Selbstmord durch Gift.

In der Fußweite des Farhad-Schliffs befindet sich ein weiteres großes Reliefs des Darius I., allerdings mit eingemeißelten Inschriften in über 60 m Höhe am senkrechten Felsmassiv in drei Sprachen, Altparsi, Babylonisch und Elamisch, was den Historiker Henrik Creswike Rawlinson dazu verhalf, die Keilschrift endlich entziffern zu können. Dieses Relief ist in der internationalen Literatur als Behistun bekannt.
Auf der linken Seite ist der Großkönig in Überlebensgröße eingemeißelt, den linken Fuß auf den unter ihm liegenden Usurpator Gaumata gesetzt, neun gefangene Aufständische und .vor dem König der Gott Ahura Masda als geflügelte Sonnenscheibe, die über der Szene thront.


Weiter östlich befindet sich eine liegende Herkules-Statue aus der Epoche der Antike, dessen Kopf vermutlich nicht mehr das „Original“ war.
Daneben standen wir vor einer riesigen Inschrift aus der Achämenidendynastie, bis mir eine Gegebenheit auffiel, die mir einen Schock versetzte.
Ein Teil der Inschrift war glatt geschliffen und mit Koranauszügen beschriftet.
So wie bei den historischen Gravuren von Taqe-Bostan haben die Könige nächster Dynastien keine Scheue gezeigt, antike Werke und somit die unschätzbaren Künste zu vernichten, was mich an Talibans erinnerte, die in Afqanistan die Buddafiguren zerstörten.
Es geht nicht darum, den Koranauszügen gegenüber in irgendeiner Weise respektlos zu sein, nein. Ich denke, dass hätten sogar die gutherzigen Muslime nie für gut geheißen, ein Kunstwerk anderer Epoche mit anderer Glaubensrichtung zunichte zu machen, um sich selbst an gleicher Ort und Stelle darzustellen, sogar unter Missbrauch des für die Muslime heiligen Korans.
Das erinnerte mich an die Zerstörungswut der Taliban in Afghanistan, wie sie innerhalb von Augenblicken jahrtausend alte Buddha-Monumente zunichte machten.
Oder die nächsten Dynastien waren viel zu faul, eigene Reliefs anzufertigen und den harten Kalk aus eigener Mühe zu schleifen. Ihnen hat womöglich eine starke verliebte Hand wie jene von Farhad gefehlt.


Drei Wochen nach meiner Abreise wurde Farhad-Tarasch für die Kletterer gesperrt.



Mehdi und ich ober auf der Nische des Farhad-Re...

Keine Bildinformationen verfügbar

Teilen auf

Mein Interessenprofil

Bitte melden Sie sich an, um Reiseziele zu Ihrem Interessenprofil hinzuzufügen.

Kommentare

  • Olaf

    Ein sehr vielschichtiges Land!
    Gruss

  • Nima_Jerzi

    meine Güte; da muß ich auch unbedingt hin!
    Die Photos sehen fürchterregend aus.
    Gruss

  • OlafNies

    Ich war auch letztes Jahr im März im Iran.
    Tolles Land und supernette Menschen.
    Die Gastfreundschaft ist einmalig.

    Danke für den tollen Beitrag!

  • RicardoParra

    Dass Iran so ein Klettergebiet ist, hätte ich nicht gedacht. Schönes Land!

  • Suhail

    Ich bin auch Orientale! Auch mein Land ist ein Juwel!
    Aber dein Bericht ist ganz toll.
    Gratuliere!

  • Sebastian

    Na, das las sich sehr schön.

    Danke

  • Bahman

    Eine Liebeserklärung an dein Land, ich denke Iran könnte zur Zeit echt bißchen positive Werbung gebrauchen.
    Schöne Erzählung!

  • nach oben nach oben scrollen
  • Nuri

    Sehr interessantes und schönes Land! Bericht großartig verfasst!

    Danke!

  • trisk1986

    Find ick jut!

  • shahab

    Guter Bericht, der andere Bericht über Persien ist auch von dir, gell? All the best for you, Shahab alias Bruno

  • tautau006

    Toller Bericht und sehr anschaulich erzählt. Da bekommt man Lust auf mehr. Und die fotos erst, einfach klasse :-)

  • Pauline2

    Den Bericht fand ich interessant, da ich auch schon drei Mal mit Begeisterung im Iran war.

  • famtour

    gerade bin ich auf dem Burg von Alamut,den kann man uberhaubt nicht mit worter beschreiben den 'Burg und umgebung unglaublich und muss man die geschichte von Hassan sabbah lesen und fuhlen.Iran und Alamut sind wirklich ein halbes der wetl.ich empehle zu jedem'den Alamut burg zu besichtigen'Metin und Funda aus der Turkei'das reise morgen geht weiter nach tabriz und danach nach Van(Turkei)...viele grusse aus dem schonem land und leute...........


  • nach oben nach oben scrollen
  • claudili (RP)

    Ich habe letztes Jahr den Iran "klassisch" besucht (Teheran, Isfahan, Shiraz usw.) Der Bericht zeigt ein ganz anderes, wundervolles Bild vom Iran, sehr schön und interessant beschrieben... Schöne Grüße Claudia

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Iran, Persien, Juwel des Orients 3.80 64

Beliebte Community-Inhalte: AustralienNorwegenThailandVietnamItalienBarcelonaIndien ReiseführerIndien Tipps