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Reisebericht: Karfreitag in San Pedro
Alljährlich wird der Karfreitag an einigen Orten in den Philippinen auf ganz eigene Weise begangen: Um Christus nachzueifern, lassen sich Menschen kreuzigen.
Trotz der morgendlichen Stunde brennt die Sonne schon kräftig, es ist laut, heiß und staubig. Auf der Straße drängen sich spielende Kinder, Imbissverkäufer und Autos, die immer neue Schaulustige herankarren. Aus Lautsprechern tönt ununterbrochen ein religiöser Singsang, den fromme Frauen in einer nahen Kirche produzieren.
Wir sind in San Pedro Cutud, 2 Autostunden nördlich Manila, einem ziemlich trostlosen Straßendorf, das aber in Reiseführern erwähnt wird, denn es ist Schauplatz der alljährlichen „Cutud Lenten Rites“. Schon morgens um 9 Uhr herrscht lebhafter Betrieb. Junge Männer mit nacktem Oberkörper laufen geschäftig herum. Viele von ihnen versammeln sich in einem Hinterhof, wo ihnen ein Helfer mit einem scharfen Messer an mehreren Stellen die Haut auf dem Rücken anritzt. Es sind Flagellanten, die sich für den Rest des Vormittags mehr oder weniger eifrig kasteien werden. Sie begeben sich – bewaffnet mit bunten Seilen, an denen jeweils 25 etwa 20 cm lange Bambushölzer befestigt sind – auf die Straße und beginnen, sich mit den Bambusbündeln rhythmisch auf den Rücken zu schlagen. Die erwünschte Folge lässt nicht lange auf sich warten: Die vorher angebrachten kleinen Wunden beginnen unter den fortwährenden Schlägen zu bluten, so dass sich die misshandelten Rücken bald blutüberströmt präsentieren. Dabei marschieren die Büßer einzeln oder gruppenweise auf der Dorfstraße auf und ab und lassen sich vom Publikum bestaunen. Ihre Köpfe haben die meisten mit Tüchern verhüllt.
Dann nähert sich ein bunter Zug mit einem Kreuz tragenden „Jesus“ als Mittelpunkt und Hauptperson. Er wird begleitet von farbenprächtig gewandeten „römischen Legionären“ mit roten Papphelmen, von der „Mutter Gottes“, von „Maria Magdalena“ und „Veronika“ (die mit dem Schweißtuch), sowie von vielen „Jüngern“ und zahllosen Neugierigen. Der Jesus-Darsteller und seine Mitstreiter haben schon die Gerichtsverhandlung unter „Pontius Pilatus“ und einen mehrere Kilometer langen Kreuzweg hinter sich. Die Strapazen des Jesus müssen beträchtlich sein, denn das in brütender Hitze auf der Schulter mitgeschleppte Kreuz ist erkennbar keine Theaterattrappe aus Plastik sondern massives Holz. Aber Ruben Enaje, der diesjährige Jesus, ist kein Neuling, er spielt diese Rolle schon seit mehreren Jahren und muss in San Pedro mindestens so bekannt sein wie die Passionsschauspieler in Oberammergau.
Immer wieder anhaltend bewegt sich die Prozession langsam durch den Ort. Links und rechts stehen Zuschauer, von denen sich viele dem Zug anschließen, so dass er immer länger und breiter wird. Die meisten betrachten das Schauspiel neugierig, aber ohne erkennbare Emotionen. Vereinzelt werden Jesus oder seine Peiniger durch Zurufe angefeuert, die ich leider nicht verstehen kann. Stimmung und Atmosphäre sind ein Mix aus Fronleichnamsprozession, Boxarena und Love Parade. Manche Zuschauer falten die Hände, andere lachen und johlen.
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Ich habe selten einen so irritierenden Bericht gelesen wie diesen. Bis zum Schluss lag mir die Frage nach dem WARUM auf der Zunge - dein Erklärungsversuch scheint mir einleuchtend. Unglaublich!
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Von diesem Spektakel habe ich schon öfters gehört bzw. gelesen, aber ich dachte immer, die Kreuzigung wird mehr oder weniger "schaumgebremst" nachvollzogen. Dass dem nicht so ist, hast Du in Deinem interessanten Bericht aufgezeigt. Unbegreiflich faszinierend!
LG Susi -
Hallo rowesa,
interessanter Bericht, aber mehr als nur irritierend. Ich hätte mir das Schauspiel nicht ansehen können. Gute Grüße! Fidi
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