Das 'Beinahe-Ende' meiner Motorradreise

Reisebericht

Das 'Beinahe-Ende' meiner Motorradreise

Die leichtfertige Unterschätzung einer gefährlichen Situation führte zu einer denkwürdigen Begegnung

Am späten Nachmittag begann es zu regnen und nach einer Stunde nasser Fahrt, ging eine Sturzflut von warmem Regen nieder, die nicht mehr aufzuhören schien. Auf der Straße stand das Wasser hoch, aber ich konnte mich an Büschen und Masten orientieren, um nicht im Feld zu landen.

Aber dann war in einem Dorf die Straße völlig unter einem Strom braunen Wassers verschwunden, der von rechts nach links meine Fahrtrichtung kreuzte. Ich erinnerte mich, dass ich hier auf der Herfahrt eine kurze Pause für einen 'cafecito' eingelegt hatte. Ein kleiner Bach floss unter der flachen Brücke her, die jetzt von einem richtigen Strom überflutet wurde. Auf der anderen Seite stand ein Rind fast bis zum Bauch im Wasser und sah mit leerem Blick auf die Flut. Ich hielt vor dem letzten Haus, als ich einen Mann auf einem Hocker im Eingang im Trocknen sitzen sah.

'Ich weiß nicht, wie tief das Wasser ist. Kann ich da durchfahren?' fragte ich ihn.

'Si, Señor. Von da, wo Sie jetzt stehen, Señor, fahren Sie geradeaus genau auf die Kuh zu. Da ist das Wasser nicht so tief, und Sie kommen heil 'rüber. Buena suerte –viel Glück.'

Ich folgte seinem Rat und fuhr langsam gerade auf die Kuh zu, konzentriert bemüht, genau geradeaus zu fahren. Es ging gut. In der Nähe der Kuh hielt ich an, drehte mich um und winkte dem Mann zum Dank zu. Wenige Meter weiter stellte ich die Maschine ab, um in demselben Lokal wie vorher wieder einen 'cafecito' zu trinken. Von meinem Platz am Fenster konnte ich zurückschauen auf den Weg, den ich gekommen war und plötzlich wurde mir fast schwindlig, als ich mich an etwas Wichtiges von meiner ersten Überquerung dieser Brücke erinnerte: Die Fahrbahn senkte sich nur wenig vom Straßenniveau, aber zu beiden Seiten stieg eine Art Seitenbrüstung an, um Passanten vor einem Fehltritt und dem Sturz in den zwei Meter tieferen Bach zu bewahren. Über diese etwa einen Meter breite und einen Meter hohe Brüstung war ich gefahren! Eine stärkere Welle des braunen Wasser, ein leichter Schwenker mit der Lenkung– ich wäre von meinem schmalen Pfad abgekommen und die 'Kawa' mitsamt meiner ganzen Ausrüstung in ca. drei Meter tiefem Wasser versunken. Ende der Reise! Der Schock dieser Erkenntnis fuhr mir tief in die Knochen. Es kam mir ein Gedicht aus meiner Schulzeit in den Sinn: 'Der Reiter und der Bodensee' (Gustav Schwab), das mich in der Schule sehr berührt hatte. Ähnliches hatte ich gerade erlebt.

'Hola', rief ich laut nach einem Moment, und als die schmuddelige Frau Wirtin kam– 'haben Sie einen Platz für mich, wo ich in meinem Schlafsack übernachten kann?'

'Wir haben kein Hotel und darum auch keine Gastzimmer! Sie können aber in der Heukammer schlafen, wenn Sie sich nicht an unserem Hund stören, der dort auch nachts schläft.'

'Das ist OK, wenn ich nicht den Hund störe...'

Ich holte meine zwei Gepäckstücke herein, schob das Motorrad unter ein Holzdach und setzte mich dann wieder an meinen Tisch um zu lesen und hin wieder –immer noch geschockt– auf die überflutete Brücke hinaus zu schauen. Ich konnte es noch nicht fassen, wie knapp ich das Ende meiner Reise verpasst hatte.

Ich bat die Wirtin um eine Flasche 'rosado', Roséwein von den Hängen um Córdoba. Sie brachte eine Flasche und stellte sie zusammen mit einem großen Becherglas vor mir auf den Tisch: Es war eine 'Dama Juana', eine Korbflasche mit fast acht Litern Inhalt. Ich schaute die Frau fragend an, aber sie meinte lakonisch, eine kleinere Flasche hätte sie nicht; hier würden die Gäste den Wein nur glasweise oder in Karaffen oder Schläuchen bestellen. Ich schenkte mir das Glas voll und versuchte, mich in mein Buch zu vertiefen. Nur sehr langsam beruhigten sich meine Nerven so weit, dass ich wirklich wieder aufnahm, was ich las. Die Wirtin kam immer wieder in die Wirtsstube, um irgendwas zu tun, aber da ich der einzige Gast war, brauchte sie sich nicht so intensiv um mich zu kümmern. Manchmal blieb sie minutenlang an den Türpfosten gelehnt stehen und schaute ernst zu mir hinüber, ohne etwas zu sagen oder ihren Ausdruck zu verändern

Dass sie schmuddelig erschien, war wohl eher mit ihrer Armut als durch mangelnde Pflege zu erklären. Ihr knöchellanges Kleid war von undefinierbarer Farbe und schien schmutzig, als ob sie es schon seit Wochen trug. Der Stoffgürtel in ihrer Taille war verdreht und an den Rändern ausgefranst. Ihre Schuhe waren klobig, alt und schmutzig und hatten vielleicht noch nie Crème gesehen. In ihrem Gesicht war keine Regung zu erkennen, weder Unmut über den unerwarteten Gast noch Freude, weder positive Lebenseinstellung noch Pessimismus, weder Eifer, den Gast zu bedienen noch Ärger über die zusätzliche Arbeit. Sie trug ihr dunkelbraunes, dichtes Haar, das stumpf war und dringend mal wieder gewaschen werden sollte, wie eine strubbelige Fellkappe auf dem Kopf. Sie hatte nicht eine Spur von Make-up im Gesicht. Ihre Augen waren sehr hell, vielleicht blau oder grau und erhielten durch die starken, dunklen Brauen einen interessanten, ausdrucksvollen Akzent.

Sie kam an meinen Tisch und schenkte mein Glas wieder voll, nachdem ich es geleert hatte. Nach dem dritten Glas erschien sie gar nicht mehr so schmuddelig, kam mir in den Sinn, und ich fand sie inzwischen fast attraktiv. Sie war sehr zurückhaltend aber nicht unfreundlich zu mir und doch gar nicht so unansehnlich, wie es mir anfangs vorgekommen war. Sie hatte die Gesichtszüge ihrer (wahrscheinlich) italienischen Vorfahren geerbt, einen dunklen Teint –vielleicht von der Feldarbeit– und war ca. Mitte dreißig, zwischen eins siebzig und eins achtzig groß und schlank, hielt sich mit persönlicher Grazie sehr aufrecht. Ich hatte sie nicht lachen sehen; ich hatte nur erkannt, dass sie sehr helle graue Augen hatte, die einen bemerkenswerten Kontrast zu der Farbe ihres Gesichts und zu den Haaren bildeten.

Irgendwann kam sie wieder, um mir erneut einzuschenken, und fragte, ob ich Hunger hätte. Sie könne mir ein frisches 'asado' vom Schaf bringen. Ich war inzwischen so hungrig geworden, dass ich auch ein 'asado' vom Hund akzeptiert hätte und nahm das Angebot gern an.

Nach einiger Zeit brachte sie zwei Teller an meinen Tisch, auf denen je ein Stück vom Braten und ein ca. drei Finger dickes Stück ofenwarmes Brot lagen. Die Frau setzte sich ohne etwas zu sagen mit an den Tisch, schenkte sich aus der großen Flasche ihr Glas voll und begann zu essen.

Es schmeckte herrlich und war genau das, was ich jetzt nach der Überwindung meines Schocks und nach mehr als vier großen Gläsern 'rosado' brauchte. Immer öfter sah ich die Frau gegenüber an, und als sie einmal meinen Blick erwiderte, und ich die ebenmäßige Schönheit ihrer Züge und ihre hellgrauen Augen erkannte, dachte ich kurz daran, dass es nicht so übel wäre, diese Nacht im Heu nicht allein zu verbringen. Dann aber musste ich plötzlich laut auflachen, so dass die Frau mich erstaunt und fragend ansah. Es war mir in den Sinn gekommen, dass immer wieder davon gesprochen wurde, dass einsame Männer mit ausreichend Alkohol auch die hässlichste Frau 'schön zu trinken' vermöchten. Wenn ich meine jetzigen mit den ersten Eindrücken von dieser Frau verglich, dann war mir gerade selbst eben das passiert.

'Qué? Was gibt’s zu lachen?' fragte sie misstrauisch.

'Ich musste darüber lachen, dass ich heute fast mit meinem Motorrad von der Brücke in den Bach gestürzt wäre. Dann säße ich jetzt wahrscheinlich nicht mit Dir zusammen.'

'Nein, wahrscheinlich nicht. Das wäre schade gewesen.'

Ich nahm mir vor, mit einem endgültigen Urteil über die Frau lieber bis morgen zu warten, wenn mich mich ausgeschlafen und mich nüchtern besser auf meine Eindrücke und mein Urteil verlassen konnte. Notfalls konnte ich immer noch eine weitere Nacht hier bleiben und während des Tages die Umgebung genauer erkunden.

Ich lobte das leckere Essen und sie erklärte mir, dass das ihr Lieblingsmilchschaf gewesen sei. Es hatte sich bei einem Sprung beide Vorderläufe gebrochen und musste geschlachtet werden. Sie war sehr traurig gewesen, aber der Braten hatte auch ihr sehr gut geschmeckt. Falls ich morgen früh etwas frühstücken wollte, dann könnte ich von dem Käse probieren, den sie aus der Schafsmilch gemacht hatte.

Ich bat noch um eine große Flasche Mineralwasser und wankte dann mit Buch, Flasche und Gepäck hinter ihr her, bis sie mir in einem angebauten kleinen Schuppen, in dem auch das Schaf 'gewohnt' hatte, mein Nachtlager wies. Die Tür müsse etwas offen bleiben, damit der Hund, dem ich noch nicht begegnet war, 'rein und 'raus laufen könne.

Es war wohl kurz nach zwanzig Uhr, als ich bereits in den 'rosigen' Tiefen des Weins aus Córdoba versunken war. Ich träumte einmal kurz von der Frau, als sich jemand an mich drängelte. Als ich aber im Halbschlaf mit meiner Hand nach meinem 'Beischläfer' tastete, wusste ich doch noch zu unterscheiden, dass es das Fell eines großen Hundes und nicht der Kopf der Frau war. Der Hund schnarchte manchmal laut und schmatzte im Schlaf.

Als ich morgens gegen acht Uhr erwachte, hatten mich die zwölf Stunden Tiefschlaf zu einem neuen Menschen werden lassen. Mein Bettgenosse war schon fort, die Tür stand offen und ich konnte den strahlend-blauen Himmel sehen und die Helligkeit der Sonne hinter dem niedrigen Giebel des Haupthauses.

Mit Mineralwasser putzte ich mir die Zähne und kehrte dann mit meinen Habseligkeiten ins Haupthaus in die Wirtsstube zurück. Ich war schon zehn Seiten weitergekommen mit meinem Buch, als die Frau den Raum betrat.

Ich mochte meinen Augen kaum trauen: Sie trug ein anderes, buntes Kleid, das ihr sehr gut stand und sauber war, sie hatte ihr Haar gewaschen, dass es jetzt glänzte und seine ganze Schönheit entfaltete, und sie hatte den hinteren Teil ihres 'Wollschopfes' mit einem roten Band zusammengebunden. Man konnte sie tatsächlich als Schönheit bezeichnen, wie sie dort im Halbdunkel des Raumes stand und durchs Fenster vom Widerschein der sonnenbestrahlten Hauswand gegenüber zur Hälfte beleuchtet wurde. Sie lachte auch heute nicht und sah mich nur mit ihren hellen Augen schweigend an, vielleicht um meine Reaktion auf ihre Verwandlung zu erkennen.

'Dios mío, que hermosa!' entfuhr es mir (mein Gott, wie schön!). 'Bleib so stehen, bitte!' Sie rührte sich nicht, lächelte nicht, sagte nichts.

Ich zog meine Kamera aus meinem Tankrucksack und schoss ein paar Fotos mit meinem lichtstarken Objektiv. Sie blieb still stehen, doch als ich meine Kamera wieder absetzte, erkannte ich ein feines Lächeln in ihren Zügen.

'Ich habe Kaffee und Brot und Käse und kalte Braten. Was willst Du haben?'

'Na, Kaffee und Brot und Käse und kalte Braten. Was Besseres kann ich mir nicht vorstellen.'

Sie verschwand und kam sofort zurück mit einem großen Becher mit schwarzem Kaffee, ein paar dicken Stücken von dem leckeren Brot und einer handfesten Ecke Schafskäse von ihrem Lieblingsmilchschaf, das sie alles ohne jede Ordnung vor mir auf den Holztisch stellte. Ich zog mein langes Messer aus dem Gepäck und begann zu frühstücken. Es schmeckte herrlich und der viele Regen und der Schock und das ganze Gestern waren lange vergessen.

Die Frau stand wieder an der Tür und schaute mir zu: 'Hat Dich der Hund gestört? Nein? Möchtest Du noch eine Nacht bleiben?' Das war es, was auf ihre wundersame Verwandlung folgen musste, denn gestern war sie die Frau aller Tage in ihrem Dorf gewesen, aber heute war sie nur für mich, den Fremden, schön. Das erkannte ich in dem Moment so deutlich, als hätte sie es ausgesprochen.

'Ich habe herrlich geschlafen, aber ich weiß noch nicht, ob ich bis morgen bleibe. Ich werde mit meinem Motorrad herumfahren und mir die Gegend ansehen. Ich werde aber mein Gepäck mitnehmen, weil ich noch nicht weiß, ob ich am Nachmittag wieder hier bin.'

'Ich lebe allein, seit mein Mann verunglückte,' versuchte sie mir wohl ein zusätzliches Argument zu geben. Vielleicht habe ich auch ein besseres Zimmer als die Heukammer, und da wird nicht der Hund neben Dir liegen.' Ich erkannte mit Mitgefühl ihren Versuch, mich wenigstens für eine weitere Nacht bei sich zu behalten und ich war als Mann in großer Versuchung, zuzusagen. Ich konnte und wollte mich aber nicht jetzt und nicht hier entscheiden.

'Danke. Lass mich erst etwas von der Gegend hier sehen, und falls es wieder zu regnen beginnt, bin ich auf jeden Fall später wieder bei Dir.' Es tat mir leid, als ich ihre Enttäuschung erkannte, und ich hätte sie gern zum Trost in den Arm genommen. Aber das wäre sofort eine Art Zusage gewesen, doch ich konnte mich tatsächlich nicht entscheiden. Ich wollte es von der Entwicklung dieses Tages und mseiner Erkundungsfahrt abhängig machen.

'Wahrscheinlich werde ich später wieder hier sein. Ich fühle mich sehr wohl hier in Deinem Haus und der Wein ist wunderbar. Aber jetzt möchte ich lieber bezahlen, nur für den Fall, dass ich vielleicht doch weiterfahre. Wie viel bekommst Du?'

Sie schrieb und rechnete auf einem Stück Papier, und sie nannte schließlich einen Preis, der so lächerlich gering war, dass er sich geschämt hätte, nur diesen Betrag zu bezahlen. Er entsprach ungefähr drei US Dollar, aber er gab ihr den zehnfachen Wert in argentinischen Pesos. Als sie dieses Geld zurückwies, weil es viel zu viel sei, sagte ich, 'das ist mein Dank dafür, dass Du Dich so schön gemacht hast für mich.'

'Du wirst nicht wiederkommen, ich weiß das bestimmt', sagte sie mit ganz leiser Stimme. 'Schade.'

'Falls ich wirklich heute nicht wiederkomme, dann habe ich wenigstens die Fotos von Dir. Und im nächsten Jahr muss ich wieder in Córdoba sein, und dann spätestens werden wir uns wiedersehen.'

'Und was habe ich von Dir? Nichts. Nur das Geld.' Ich suchte eine Visitenkarte heraus und gab ihr dazu ein Exemplar einer sehr ansprechenden, farbigen Imagebroschüre meiner Firma, in der ich auch als Leiter meiner Abteilung mit einem gut gelungenen Bild vorgestellt wurde.

Ich hatte meine 'Kawasaki' schon fertig beladen, als sie mich bat, noch einmal herein zu kommen. Sie schloss die Tür hinter mir, und ohne ein Wort schlang sie ihre Arme um meinen Nacken und presste sich eng an mich. Er spürte ihren wunderbaren Duft und sog ihn tief ein: Frau, jung, sauber, begehrenswert und begehrlich, und ich spürte ihren warmen, schlanken, festen Körper an meinen gedrückt. Ich erwiderte die Umarmung mit meinen Armen um ihre Schultern und ihren Leib und hielt sie ganz fest; und so standen wir eng zusammen für viele Minuten, Wange an Wange und atmeten ganz tief, langsam und im selben Rhythmus. Das letzte Mal wankte meine Festung sehr heftig.

'Que lastima! Wie schade, es wäre so schön gewesen. Adiós, que vayas bien, mi amor!' flüsterte sie und ich spürte die Feuchtigkeit ihrer Tränen an meinem Hals.

Ich war mir nicht sicher, warum ich nicht geblieben war oder wenigstens heute noch einmal wiederkommen würde. Mir war instinktiv klar, dass –falls ich abends zurückkehrte– ich nicht nur für eine Nacht bleiben würde. Ich war von Zweifeln verwirrt, und es tat mir weh, die Frau so enttäuschen zu müssen, aber ich entschloss mich endlich doch, nicht einmal mehr diese Gegend zu erkunden, sondern lieber schnell auf der Straße Richtung Montevideo und zu meinem Quartier dieser Verführung zu entfliehen.

Erst als ich schon seit einer Stunde unterwegs war und mich meine Gedanken immer noch mit dieser besonderen Begegnung in meinem Nachtasyl und einer fast gelungenen Verführung beschäftigten, kam mir plötzlich ein Gedanke in den Kopf, der mich am Rand der Landstraße anhalten ließ. Ich saß für einige Minuten verdutzt und bewegungslos auf der Maschine, dann stieg ich ab, parkte sie ordentlich im Bewuchs neben der Fahrbahn und ging ins hohe Gras auf einen Baum zu. Ich setzte mich in den Schatten, so dass ich die Straße, meine 'Kawa' und das Gepäck im Blick hatte.

Ich hatte noch gar keine Zeit gehabt darüber nachzudenken, warum mich die Frau am Morgen so tief beeindruckt hatte. Sie war einfach eine bemerkenswerte Erscheinung gewesen, die mir sehr leicht hätte gefährlich werden können. Aber warum?

Die Antwort darauf war mir vor wenigen Minuten während meiner gemächlichen Fahrt über die verkehrsleere Landstraße gekommen. Die Frau hatte etliche Attribute gemeinsam mit meiner Verlobten: Ihre Größe, die schlanke Figur, die Haare und die wasserhellen Augen mit den dunklen Brauen darüber und der ruhige Blick, mit dem sie mich gemustert hatte. Nur hatte sie einen dunkleren Teint gehabt, was den Ausdruck ihres Gesichts, ihrer hellen Augen nur noch verstärkte.

Instinktiv war ich von ihr geflohen, weil ich spürte, dass ich nicht die gefühlsmäßige Belastung einer –wenn auch kurzen– Affaire würde verkraften und vor meiner Verlobten geheim halten können. Ich kannte mich selbst gut genug und wusste, wie stark mich auch sehr kurze Gefühlsengagements gefangen hielten.

Ich bedauerte und es schmerzte mich, dass ich die Frau in ihrer geringen Hoffnung enttäuscht zurücklassen musste; ich verfluchte gleichzeitig, dass sich mir keine zweite Chance bieten würde, selbst wenn ich im nächsten Jahr wieder dieselbe Strecke reisen würde und leicht bei ihr übernachten könnte. Ich wollte meine Verlobte nicht verletzen und gab mich keinen Augenblick der Illusion hin, dass ich solch ein Erlebnis länger als nur wenige Tage vor ihr würde verbergen können.

Ich ging zu meinem Motorrad, holte mir zwei Äpfel aus dem Gepäck und lehnte mich –jetzt entspannt– an den Stamm des 'Ombú', um sie in Ruhe zu essen. Jetzt, da sich eine schwebende Unsicherheit in meinem Innern gelöst hatte, fühlte ich mich viel freier, sicherer und stärker.


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Kommentare

  • Juana

    Ein sehr einfühlsam erzähltes Reiseerlebnis. Ich konnte beim Lesen den Schock und das Entsetzen, aber auch die Begehrlichkeiten, Hoffnungen, Zweifel und letztendlich die Gewissheit, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, nachempfinden. Eine sehr persönliche Geschichte über die Empfindungen eines Reisenden. Hat Spaß gebracht, sie zu lesen!

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