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Reisebericht: Wer über AIDS schweigt...
In Deutschland hat sich der Afrika Freundeskreis e.V. zur Aufgabe gemacht durch wertvolle Information ein objektives Bild von afrikanischen Menschen, ihrer Lebensweise und ihren Bedürfnissen zu vermitteln. Eines dieser Projekte beschäftigt sich dem Thema AIDS in Afrika am Beispiel der Maasai in Nordtansania. Wir haben diese Menschen besucht und im Auftrag des AFK einen Schulvortrag erstellt, der.
1. Begegnung mit Justo
Auf dem lichtdurchfluteten Innenhof spielen einige Kinder Fußball – voll konzentriert, ein bisschen laut, ein bisschen übermotiviert. Wieder fällt ein Tor für Afrika. Der Jubel ist groß. Die Tür zu einer der Baracken schwingt auf, aus der dunklen Öffnung ertönt die Stimme eines Mannes. Er scheint ungehalten zu sein. Die Jungen nehmen ihren Fußball und ziehen murrend von dannen.
Auch wenn ich keines seiner fremd klingenden Worte verstanden habe, diese näselnde Singsang-Stimme würde ich unter Tausenden wiedererkennen: Mr. Brown ist offensichtlich vor uns eingetroffen. Etwas zögerlich treten wir aus dem gleißenden Mittagslicht hinein in die Baracke mit dem rostigen Wellblechdach. Graue Wände mit winzigen Fenstern, die das Tageslicht nahezu aussperren. Keine Möbel, keine Bilder – in der Mitte des Raumes nur mehrere einfache Holzbänke, von denen uns 14 Augenpaare anstarren. Es ist kühl hier drinnen – meine Hände eiskalt und feucht, ein Frösteln am ganzen Körper. Ich begegne den neugierigen Blicken mit einem munteren Lächeln, doch innerlich wünsche ich mich zurück in den wärmenden, idyllischen Innenhof.
Mr. Brown steht hinter einem selbstgebastelten Rednerpult und beginnt seine kurze Ansprache in Kishuaheli. Bald meldet sich ein junger Mann aus der zweiten Reihe zu Wort. Mit gesenktem Blick beginnt er stockend zu sprechen – doch nicht in Kishuaheli, sondern wieder in dieser seltsamen fremden Sprache, in der Mr. Brown vorhin mit den Kindern sprach. Es ist die Sprache der Maasai, eines Naturvolkes, das weitab der Zivilisation in den abgelegenen Steppen von Nordtansania und Kenia als Nomadenvolk umherzieht.
Mr. Brown spürt unsere Ratlosigkeit und nickt uns beschwichtigend zu: „I will translate!“
„Mein Name ist Justo. Ich bin 34 Jahre alt. Ich habe meine Frau getötet. Ich bin HIV-positiv. Ich habe diese tödliche Krankheit in unsere Familie gebracht. Wenn ich daran zurückdenke, wie sehr meine Frau leiden musste, bekomme ich Angst vor meinem eigenen Tod. Wie soll ich meinen Kindern erklären, dass sie bald Vollwaisen sein werden? Ich kam nach Mererani, Nordtanzania, um in den Tanzanit-Minen Geld zu verdienen – ich tat es für meine Familie. Doch die Verlockung der Stadt war zu groß. Ich habe mich angesteckt. Ich fühlte mich nicht krank. Ich konnte doch nicht wissen, dass ich den Tod in mir trage. “
2. Sterbebegleitung - Kranke helfen Kranken
Der 28-jährige Abdilahi, die 25-Jährige Mariamu, der 41-Jährige Beatus – immer leichter fällt es den Anwesenden über sich selbst offen zu sprechen. Jeder von ihnen findet sich in Justos Geschichte wieder. Sie steht stellvertretend für die Schicksale all dieser jungen Menschen, die durch mangelnde Aufklärung, Leichtsinn und Unwissenheit sterben werden. Doch sie haben sich entschlossen, gemeinsam zu kämpfen – gegen soziale Ausgrenzung, für ein Sterben in Würde. Etwa 40 HIV-Positive und Aidskranke gehören derzeit der Organisation Afyabora unter der Leitung von Mr. Brown an. Das letzte Lebensziel dieser Menschen ist es, sich stark zu machen für ein soziales Netz, das die Erkrankten bis in den Tod begleitet. Diejenigen, bei denen die tödliche Krankheit Aids noch nicht zum Ausbruch gekommen ist, kümmern sich um die häusliche Pflege der Sterbenden, versorgen sie mit Nahrung und Medikamenten, waschen sie und geben ihnen seelischen Beistand. Eine unvorstellbar schwierige Situation – hat doch der HIV-Infizierte bei der Sterbebegleitung seiner engsten Freunde immer auch den eigenen Tod vor Augen. Diese Menschen machen sich nichts vor, sie wissen, dass der Rest ihres Weges vorbestimmt ist. Größer als ihre Angst vor dem Leid ist ihr Stolz. In der Gemeinschaft sind sie neu erstarkt, immun geworden gegen die Angriffe der Gesunden, die ihre Krankheit für eine Strafe Gottes halten. Seit ihre Erkrankung bekannt wurde, werden sie verfolgt, beschimpft, ja schlimmstenfalls sogar aus der eigenen Familie ausgegrenzt. Das gleicht der Höchststrafe, hat doch der Zusammenhalt in den Großfamilien gerade in Afrika einen besonders hohen Stellenwert.
Diese 14 Menschen haben sich für uns versammelt, sind hier in dieser tristen Baracke zusammengekommen, um etwas zu bewegen. Ihr Tod soll nicht umsonst sein. Um Tabus aufzubrechen, treten sie aus dem Dunkel der Anonymität. „Wer über HIV/AIDS schweigt, der stirbt durch diese Krankheit!“, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Doch HIV/AIDS ist kein Problem Afrikas. Täglich sterben Menschen an dieser unheilbaren Krankheit - auch in Deutschland.
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Ein wichtiger Bericht. Wir dürfen wirklich nicht schweigen!
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AIDS BEDROHT SÜDAFRIKAS ZUKUNFT...
Im Jahre 2004 waren laut offiziellen Schätzungen 21,5 % der Südafrikaner, zwischen 15 und 49 Jahren, mit dem tödlichen HI Virus infiziert. Eine höhere Anzahl Infizierter wies zu diesem Zeitpunkt Swasiland mit rund 40 Prozent auf. Mit 5,2 Millionen Menschen die HIV positiv sind weist Südafrika die zweithöchste Anzahl der Erkrankten, direkt nach Indien auf. Durch die Folgen von Aids sank die Lebenserwartung, der südafrikanischen Bevölkerung, in den letzten 15 Jahren um ca. 20 Jahre. Im Jahre 1990 wurden die Menschen im Durchschnitt 65 Jahre alt. Im Jahre 2005 lag die Lebenserwartung hingegen nur noch bei 43 Jahren.
Die Ursache der wachsenden Verbreitung des HIV Erregers liegt laut der UNAIDS, einer Organisation im Kampf gegen den Virus, an dem frühen Geschlechtsverkehr der Jugendlichen. Bei südafrikanischen Männern beträgt das Alter beim ersten Mal im Durchschnitt 16,4 Jahre und bei Frauen 17 Jahre. Das generelle Problem ist das Alter, in Verbindung mit einer schlechten oder auch gar nicht vorhandenen Aufklärung. Fast 5 % der 15 bis 19 jährigen sind mit dem tödlichen Virus infiziert. Bei den 20 bis 24 jährigen sind bereits 16,5 % vom HI Virus betroffen.
In einigen Gegenden Südafrikas ist sexuelle Gewalt mit Schuld, an der großen Verbreitung von Aids. Fast 30 Prozent der südafrikanischen Frauen wurden mindestens schon einmal in ihrem Leben zum Geschlechtsverkehr überredet oder gezwungen. Laut eines Berichts der Organisation UNAIDS vom Jahre 2006 wurde geschätzt, dass im Jahre 2005 320.000 Menschen an AIDS gestorben sind.
Südafrika zählt zwar zur „Ersten Welt“ aufgrund der großen Industrialisierung und der Rohstoffvorkommen, allerdings zählt die Bevölkerung des Landes zu den ärmsten der Welt. Verhütungsmittel wie Kondome oder HIV Tests kann sich kaum einer von ihnen leisten, was den weiteren Wachstum des Erregers fördert.
Durch Prostitution, sexuelle und körperliche Gewalt sind mehr Frauen als Männer in Südafrika von AIDS betroffen. Über die Hälfte der Erwachsenen mit dem HI Virus infizierten Menschen sind Frauen.
Viele Menschen erfahren durch die Infizierung eine Art Gleichgültigkeit. Es ist für sie nicht relevant ob sie den Virus in sich tragen und ihn weiter verbreiten. Dabei sind gerade Menschen die in Südafrika an AIDS erkrankt sind dem Tode geweiht, da es dort keine Behandlungsmöglichkeiten gibt.
Nicht nur die Kosten für einen HIV Test schrecken die Südafrikaner davor ab den Test nicht zu machen, sondern auch die häufige totale Ausgrenzung der Infizierten ist mit verantwortlich.
Des Weiteren kommt es häufig vor, dass Familienangehörige eines an Aids Verstorbenen, die Witwen heiraten, die ebenfalls infiziert sind. Zudem leben viele Südafrikaner in Polygamie. Durch die hohe Anzahl der Infizierten ist es kaum möglich den Virus auszurotten und die Ansteckungsgefahr dadurch noch höher.
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Ein sehr beeindruckender Bericht. Da kommen Erinnerungen an diese Länder zurück und an mein dreitägiges Abenteuer mit einem LKW-Fahrer. Er verkündetete mir lächelnd : "wir sind die Überbringer des Viruses - die Transportstrassen sind die Adern des Todes!".
Ich war geschockt und überrascht, mit welcher Leichtigkeit er dies verkündete, obwohl selber HIV-positiv.
Weiter so
Robert -
Wir dürfen auf keinen Fall die Augen verschließen,es ist wichtig.Kann es uns nicht auch treffen??????
Man macht sich über dieses Thema zuwenig Gedanken.
Lg Melanie -
ich schließe mich an...
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Jeder von uns denkt das kann mir nicht passieren ! Aber es ist schon mitten unter uns. Ein wirklich eindrucksvoller Reisebericht ! Der uns klar machen sollte,Das wir nicht auf einer Insel der Glückseligkeit Leben . Es kann heute jedem Treffen !
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Ein wichtiger Bericht, der zum Nachdenken anregt. Wirklich empfehlenswert und am Sonntag auf der Startseite.
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Sehr bewegende Bilder. Ich werde mir später Zeit nehmen, um den Bericht richtig zu lesen. Wir dürfen DEM nicht den Rücken zeigen...
LG, Beata :) -
Danke ! Ihr habt einen guten, lesenswerten und sehr wichtigen Bericht verfaßt...
...und herzlichen Glückwunsch zur Startseite-aber das erklärt sich von selbst...
LG Heike -
DANKE für diesen Bericht, der nahe bringt, was gern fern gehalten wird ...
LG Doris -
Am frühen Pfingstmontagmorgen habe ich dieses Bericht gelesen. Beeindruckend.
Wir sollen nicht vergessen das dieses Problem noch immer da ist.
An der RC Redaktion : Danke das ihr solche Artikeln auf der Startseite setzt.
LG Anneken -
Der Stamm der Maasai, Wanderer der Steppe, Hirten, keine Grenzen kennend. Für Freiheit kämpfend. Ein freies stolzes Nomadenvolk, singende, springende Tänzer, bunt geschmückt, so die Vergangenheit und unser Bild von diesen Menschen! Leider hat auch sie die Zivilisation eingeholt, leider . . . nicht halt gemacht und auch diese Menschen konnten der Versuchung nicht wiederstehen, wie viele andere auch die ihr Leid nun tragen! Es ist sehr traurig!
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Dein Bericht, gefunden heute oben in der Startleiste... danke dir dafür ... erinnert mich an eine fesselnde Reportage, ja klar im Magazin Geo, wo sonst, über Kinder, die von ihren kranken Eltern eine sogenannte Erinnerungsbox geschenkt bekommen. Damit sie nach dem (baldigen) Tod der Eltern ihre Wurzeln nicht verlieren. Doch leider ist nicht nur Aids in Afrika angekommen sondern auch hier in der Stadt München aktuell. Nur hier vielleicht besser aufgefangen in einer sozialen Hängematte.
LG Moni
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