Physik: Sprechen Delfine in Bildern?

Forscher entwickeln das erste Bildwörterbuch der Sprache der Meeressäuger

"Ich habe mehrmals das Gefühl gehabt, dass die Delfine, mit denen ich im Wasser war, mit mir reden wollten", sagt Jack Kassewitz. "Diesem Ziel sind wir ein gutes Stück näher gekommen."

Zusammen mit dem britischen Akustiker John Stuart Reid hat Kassewitz eine völlig neue Methode angewandt, mit der es endlich möglich sein könnte, der komplexen Struktur der Delfinkommunikation auf die Spur zu kommen. Denn die herkömmliche Analyse der Frequenzmuster anhand der Obertöne reicht zu diesem Zweck nicht aus.

Reid zufolge senden die Meeressäuger ihren Artgenossen vielmehr bildartige "Ton fotos" zu. Die Lautäußerungen der Meeressäuger haben nämlich eine komplexe akustische Gestalt, die eher einer visuellen Form als einer Tonsequenz entspricht.

Diese Formen hat der Akustiker mithilfe einer speziellen Apparatur namens CymaScope ("Wellenbetrachter") sichtbar gemacht.

"Wenn die Klänge auf die Hörmembran der Tiere treffen, rufen sie ein wiedererkenn bares Energiemuster hervor - eine CymaGlyphe", sagt Reid.

Diese "Bilder" erzeugen Delfine auf eine Weise, die sich in der Regel von der Produktion von Schallmustern menschlicher Sprachlaute unterscheidet. Denn während sich letztere unwandelbar kugelförmig im Raum ausbreiten, geben die Meeressäuger meist relativ hochfrequente "Signalstrahlen" von sich, die fast wie ein Baseballschläger aussehen.

Die verschiedenen Muster der CymaGlyphen werden auf der "Schnittfläche" sichtbar, wenn man den "Baseballschläger" wie eine Salami zerteilt. Die CymaGlyphen repräsentieren somit Frequenzschwankungen (Modulationen) im Innern eines Schallstrahls.

Erzeugt werden die Schallstrahlen vermutlich an "phonischen Lippen" im sogenannten MLDBKomplex, einer ventilartigen Struktur in den Nasengängen im oberen Schädelbereich. Dabei entstehen Schallwellen, die sich im Wasser weit ausbreiten können.

Die Delfin-Äußerungen lassen sich aufgrund der Untersuchungen in drei Klanggestalttypen unterteilen: Wenn die Tiere "pfeifen", registriert das CymaScope ein Muster, das aussieht wie Wellen, die sich auf einem Radarschirm ausbreiten. Das "Zwitschern" (chirping) hingegen produziert blütenartige Formen; diese ähneln den Klangmustern menschlicher Sprache. Die "Klicksignale" der Delfine schließlich ergeben die komplizierteste Struktur: enge, konzentrische Bänder am Rand und einzigartige Muster im Innern.

Zusammen mit dem Delfinexperten Kassewitz und seinem Kollegen Horace Dobbs hat John Stuart Reid mittlerweile ein detailreiches Kompendium unterschiedlicher CymaGlyphen gesammelt.

Was die "Wörter" in dem delfinischen Bilderbuch bedeuten, wissen die Wissenschaftler allerdings noch nicht. Das sollen weitere Experimente erweisen.

GEO.de Newsletter