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Lucrezia Tornabuoni Wie eine Frau das Florenz der Medici revolutionierte

Frauen spielen im politischen Leben von Florenz offiziell keine Rolle. Doch Lucrezia Tornabuoni, die 1444 Piero de’ Medici heiratet, den bald mächtigsten Mann der Stadt, will mehr sein als Gattin und Mutter – und wird schließlich zu einer Schlüsselfigur der Metropole
Lucrezia Tornabuoni

Von der viel gerühmten Bürgerfreiheit der Republik Florenz bleiben 50 Prozent der Bevölkerung von vornherein ausgeschlossen: die Frauen. Gemäß den Konventionen jener Zeit dürfen sie nicht über die Geschicke der Stadt mitbestimmen; auch die weiblichen Mitglieder der mächtigsten Familien können niemals ein Amt bekleiden. Als Piero de’ Medici, Chef des Clans und de facto der Herrscher der Metropole, im Dezember 1469 zu Grabe getragen wird, darf seine Witwe wohl nicht einmal an der Trauerfeier teilnehmen – obwohl Lucrezia Tornabuoni hinter den Kulissen der Männerwelt eine der einflussreichsten Personen von Florenz ist. Lucrezias Weg zu einer Geltung, die kaum eine andere Florentinerin erreichen wird, beginnt mit ihrer Hochzeit zweieinhalb Jahrzehnte zuvor. Damals ist sie 17 Jahre alt, und die Verbindung folgt einem Arrangement zwischen zwei mächtigen Familien: den Medici unter ihrem damaligen Oberhaupt Cosimo, Pieros Vater, sowie den Tornabuoni, einer alten Dynastie von Händlern und Landbesitzern. Anfangs sind die Sphären der Eheleute, wie zu dieser Zeit üblich, klar getrennt: Piero muss die Familie nach außen repräsentieren, reist trotz einer beginnenden Gichterkrankung viel für die Politik und das Geschäft der Medici, seine Frau kümmert sich um den Haushalt und – bald schon – um die Kinder.

Als Lucrezia Anfang 1449 nach zwei Töchtern (drei weitere Kinder sterben wohl im Säuglingsalter) den ersehnten Stammhalter gebiert, Lorenzo, verbessert sich ihr Status in der Medici-Familie schlagartig. Begannen ihre Briefe an Piero anfangs mit „Mein Herr und Meister“, schreibt sie ihm später vertraulich ohne Anrede und schließt mit kurzem, liebevollem Gruß. Gemeinsam mit ihrem Gatten plant sie die humanistische Erziehung Lorenzos. Sie begeistert sich für Dichtkunst und fördert Florentiner Poeten, ist bekannt als geistvoll-witzige Unterhalterin, trägt im kleinen Kreis singend Balladen vor und beginnt selbst zu schreiben.

Mit der Krankheit des Mannes wir die Macht von Lucrezia Tornabuoni größer

Als Cosimo de’ Medici 1464 stirbt, gelten sein Sohn und seine Schwiegertochter längst als das erste Paar der Metropole. Doch Pieros Gichtschübe werden immer heftiger. Und je mehr er ans Haus, dann ans Bett gebunden ist, desto stärker wird Lucrezias Einfluss. Daneben wachsen ihr nun diplomatische Aufgaben zu. 1467 reist sie nach Rom, um die Heirat Lorenzos mit einer Tochter aus der bedeutenden Adelsfamilie Orsini einzufädeln. Dort trifft sich Lucrezia auch mit Vertretern des Vatikans, woraufhin ein in Rom ansässiger Repräsentant der Medici notiert, die Kardinäle seien sich einig, „dass keine feinere Dame je Rom besucht hat“. 1469 findet in Florenz die Hochzeit statt. Wenige Monate später stirbt Piero, nach nur fünf Jahren an der Spitze.

Bereits am Tag nach der Trauerfeier nimmt der inzwischen 20-jährige Lorenzo den Sitz seines Vaters im „Rat der Hundert“ ein. Die Erwartungen der Florentiner sind hoch – auch an Lucrezia, auf deren Erfahrung und diplomatisches Geschick Lorenzo in dieser heiklen Übergangsphase nicht verzichten will. Der Einfluss seiner Mutter nimmt nun noch zu, an der Seite ihres Sohnes wird sie eine Schlüsselfigur der Stadt. Ganz ohne offizielles Amt, das ihr wegen ihres Geschlechts ja sowieso verwehrt ist. Schon vor dem Tod ihres Ehemannes hat sich Lucrezia offenbar eine gewisse finanzielle Eigenständigkeit erkämpft. Nun aber kauft sie vermehrt Immobilien, Kunstwerkstätten sowie Landgüter, die sie teils vermietet, teils gegen Beteiligung verpachtet. Und sie schreibt weiterhin: In ihren Werken – geistlichen Lobgesängen, Sonetten, Verserzählungen – spiegelt sich auch ihre besondere Situation. Ihre Heldinnen sind oft starke biblische Frauengestalten, die sich in einer vom anderen Geschlecht dominierten Welt bewegen. Als Lucrezia am 25. März 1482 stirbt, ist die Trauer in Florenz groß, werden ihr für eine Frau außergewöhnliche posthume Würdigungen von allen Seiten zuteil: Ein Lobredner nennt sie „den ewigen Stolz der Medici“, Todesanzeigen gehen sogar an den König von Neapel. Auch Lucrezias Begräbnis ist überaus gut besucht – von Männern ebenso wie von Frauen.