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11. GEO-Tag der Artenvielfalt im Wildtierland
24 Stunden, 80 Fachleute und 1000 Hektar Natur - die Hauptveranstaltung des GEO-Tags der Artenvielfalt hatte auch in diesem Jahr ein ambitioniertes Ziel: das Wildtierland, Vorzeigeprojekt der Deutschen Wildtier Stiftung in Mecklenburg-Vorpommern, auf seine Biodiversität zu untersuchen. Zwischen Waldsöllen und Magerrasen, Tier-Erlebnis-Kanzeln und schwimmenden Brutinseln für Trauerseeschwalben ging es aber vor allem um eines: um die Begeisterung für den immer wieder staunenswerten Reichtum des Lebens
Freitag, 12. Juni 2009, Klepelshagen, 15.00 Uhr
Windstärke 7, stark bewölkt und 13 Grad. Schauerböen ziehen über das Wildtierland. Der 11. GEO-Tag der Artenvielfalt beginnt, gezeichnet von Sturm und Regengüssen im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns.
Über achtzig Experten werden erwartet, um die Biodiversität dieses außergewöhnlichen Schutzgebietes am Rande der Uckermark unter die Lupe, unters Mikroskop und in ihre Alkoholröhrchen zu nehmen. Und die Gastgeber von der Deutschen Wildtier Stiftung haben wahrlich keine Ruhe vor dem Sturm. "Wir mussten den Zeltbauer noch einmal kommen lassen für unser großes Festzelt, denn es wackelt ganz schön", sagt Dörte Jürgens mit bibbernder Stimme. Besorgt schaut die Projektkoordinatorin der Stiftung auf das dreißig Meter lange Zelt, während hinter ihr die ersten Experten förmlich in das kleinere, aber noch stärker dem Wind ausgesetzte Empfangszelt geweht werden. Infomappe, GEO-Weste, Namensschild. Fertig. Das Festzelt füllt sich. Die Planen zittern, die Stangen wackeln.
Auf die Frage, ob der Wind ein Problem für seine Beobachtungen sei schmunzelt Uwe Göllnitz, angereist aus Rostock. "Nein, der Wind gar nicht", sagt er. "Ich mache hier die Schnecken." Dafür bereitet ihm der Boden Sorgen - denn beim ersten Blick um die Häuser neben den Zelten hat er nur sandigen Untergrund gesehen. Denkbar ungünstig für eine Schneckenkartierung, die möglichst viele Arten liefern soll. "Kalkhaltige Böden wären Klasse für die Schnecken-Artenvielfalt, denn die Gehäuseschnecken brauchen den Bodenkalk für ihre Häuser", erklärt Göllnitz. "Abwarten", sagt er dann. Und gießt sich einen heißen Tee ein.
Draußen vor dem Zelt hat Christian Schmidt schon angefangen, die Katzenminze in den Beeten anzuheben und akribisch den Boden abzusuchen. Schmidt ist einer von nur sechs bekannten Assel-Forschern in Deutschland und wohl der treueste Besucher des GEO-Tags. Schon beim ersten Mal, vor elf Jahren, war er dabei. Und hat seitdem erst zweimal bei der Hauptveranstaltung gefehlt. Wenn Asseln da sind, dann wird er sie finden. An den Sockeln des renovierten Backsteingebäudes, das "Botschaft der Wildtiere" heißt, und in dem das Besucherzentrum der Stiftung untergebracht ist, hat er aber zunächst keinen Erfolg.
Schmidts Blick schweift umher, bleibt an der "Langen Scheune" hinter dem Festzelt hängen. Das historische Gebäude gleicht einer Ruine und wartet auf seine Restaurierung. Asselträchtiges Gelände! Zielstrebig und großen Schrittes macht Christian Schmidt sich auf den Weg. Einige abgesplitterte Putzbrocken haben seine Neugier geweckt. Er zückt die Pinzette und stellt fest: Oniscus asellus, die Mauerassel. Woher weiß er das so schnell? "Ich schaue mir die Lungen der Asseln an, die Anzahl dieser Luftröhrchen ist ein gutes Bestimmungsmerkmal", erklärt Schmidt. Neugierig streift er um die verfallene Scheune herum.

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Dort ist mittlerweile auch Uwe Göllnitz, der Schneckenexperte, bei der Arbeit. Auch er hat die Baracke entdeckt und bohrt in einem vermoderten Holzfensterrahmen ohne Glasscheibe. Und wird fündig: Cochlodina laminata, die Glatte Schließmundschnecke, die sich in den feuchten Mulm des zerfallenden Fensterrahmens zurückgezogen hat. Noch vor der offiziellen Eröffnung findet er sieben Arten an den halb verfallenen Mauern des Gebäudes. Er schmunzelt zufrieden: "Haste kalk, haste Schnecken". Das alte Haus erweist sich als wahres Schnecken- und Asselbiotop und der stürmische Wind, der um die Häuser und Zelte pfeift ist für beide Experten nur Kulisse. Fast widerwillig lassen sie sich zur Teilnahme an der offiziellen Begrüßung im großen Festzelt nötigen. Sie wollen keine Zeit verlieren.
Freitag, 12. Juni 2009, Botschaft der Wildtiere, 18.30 Uhr
Eröffnungsrede, Willkommensgrüße, Dankesworte. Die über 80 Experten für Flora und Fauna sollen wissen, dass ihr Engagement hoch geschätzt wird. Dr. Dieter Martin, Leiter der Forschungsstation im Wildtierland, erklärt den angereisten Experten die verschiedenen Biotope des Gebiets. Erlenbruch und Kienbruchwiese, Fuchsberg und Knüppelbach - was lohnt sich wo zu suchen? Und Tom Müller, Organisator des GEO-Tags der Artenvielfalt, bringt sein Team unter die Experten: stellt Fotografen und Reporter vor und ermahnt jeden Forscher, auf keinen Fall ohne einen GEO-Mitarbeiter aufzubrechen. Schließlich sollen die Ergebnisse der Expedition auch umfassend dokumentiert werden.
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