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Naturtalente: Der Herr der Fliegen

Helmut Haardt züchtet Milliarden kleiner Killer und verschickt sie mit der Post. Es sind gefräßige Raubtiere und hinterhältige Parasiten. Doch Gärtner und Biologen sind glücklich, denn die Miniatur-Monster helfen dabei, umweltschonend gegen Schädlinge vorzugehen

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Dr. Helmut Haardt ist ein Meister der Verwandlung. Er versteht es, Insekten auf unterhaltsame Art nachzuahmen. Er kennt sie gut, er beobachtet sie bereits sein halbes Leben. Gerade ist er eine Schlupfwespe, die eine Blattlaus ansticht und ein winziges Ei hineinlegt. Sein Zeigefinger ist der ausgefahrene Legestachel. Jetzt wechselt er für einen kurzen Moment die Rolle und wird zur Blattlaus. „Das sind keine besonders schlauen Tiere“, sagt er, „die sitzen eigentlich nur da und saugen am Blatt.“ Helmut Haardt sitzt nun einfach nur da, starrt ins Leere und bewegt den Mund, als ob er etwas kaut.


Dr. Helmut Haardt hält ein Glasröhrchen mit 250 Schlupfwespen in die Kamera. Sie werden unter anderem gegen Blattläuse eingesetzt (Foto von: Oliver Lück)
© Oliver Lück
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Dr. Helmut Haardt hält ein Glasröhrchen mit 250 Schlupfwespen in die Kamera. Sie werden unter anderem gegen Blattläuse eingesetzt

Der Killerwurm: ein Nützling

Der 52-Jährige ist nun ganz in seinem Element. Er hält die Hände vor den Mund, seine Finger sind jetzt die scharfen Beißwerkzeuge der Wespe, die in wenigen Tagen in der Blattlaus gewachsen ist und ihren Wirt nun von innen verspeist. Dafür verzieht er ein wenig das Gesicht, beißt immer wieder zu und macht leise Fressgeräusche. Helmut Haardt frisst sich nun genüsslich heraus aus der Laus. „So funktioniert die Natur“, sagt er. Ende der kurzen Vorstellung.

Dass die Natur brutal und unbarmherzig sein kann, weiß niemand besser als Helmut Haardt. Denn das Prinzip vom Fressen und Gefressen-werden, bestimmt seinen Beruf. In Stolpe, einem Dorf mit 1300 Menschen mitten in Schleswig-Holstein, züchtet der gebürtige Bochumer für die Firma re-natur jedes Jahr viele Milliarden mikroskopisch kleiner Tierchen, die per Post an Gärtnereien, Baumschulen oder private Haushalte verschickt werden. Diese sogenannten Nützlinge – Schlupfwespen, Killerwürmer oder Raubwanzen – saugen und fressen sich durch deutsche Gewächshäuser und helfen auf natürliche Weise bei der Bekämpfung von Schädlingen. Das Sortiment ist groß: Gärtner können unter mehr als 50 verschiedenen räuberischen oder schmarotzerischen Nützlingen wählen. Marienkäfer töten Blattläuse, Schlupfwespen halten Weiße Fliegen und Lebensmittelmotten in Schach, Raubmilben jagen Spinnmilben, Florfliegen fressen alles. „Eine einzige Schlupfwespe schafft 1000 Blattläuse“, betont Helmut Haardt, „ist das nicht fantastisch?“


Als in den 1960er Jahren in holländischen Gewächshäusern die ersten Versuche in der biologischen Schädlingsbekämpfung gemacht wurden, gab es nicht mehr als zwei Arten von Nützlingen. In Deutschland wurden die kleinen Erntehelfer erstmals zu Beginn der 1980er Jahre in Ökogärtnereien eingesetzt. Noch aber gab es keine Firma, die die Räuber auch auf Bestellung züchtete. Helmut Haardt schrieb damals noch an seiner Doktorarbeit über eine Schlupfwespenart. Er war einer der Ersten, die sich mit der Nützlingszucht befassten und auf diesem Gebiet selbständig machten. 1992 war das.

Doch es ging schleppend voran. Haardt wusste, er würde Geduld brauchen. Und auch heute deckt die biologische Schädlingsbekämpfung nur einen geringen Teil des Pflanzenschutzes ab. In Deutschland gibt es lediglich fünf kleinere Firmen, die sich auf die Zucht der natürlichen Gegenspieler spezialisiert haben. „Ein Nischengeschäft“, weiß Haardt, reich werden könne man in seiner Branche nicht, die Chemiegläubigkeit sei hierzulande nach wie vor ausgeprägter. „Insektizide haben bei uns eine lange Tradition“, erzählt er, „alles muss stets sauber, perfekt und frei von Befall sein.“ Und vor allem schnell soll es wirken: Heute spritzen, morgen muss der Schädling verschwunden sein. Minimaler Aufwand, maximale Wirkung. „Diese Gifte vernichten jedoch alles, die Schädlinge und auch ihre natürlichen Feinde“, erklärt er. Dabei dürfe es gar nicht das Ziel sein, sämtliche Schädlinge auszurotten, vielmehr müsse man sie auf eine kaum spürbare Population reduzieren. Denn Blattläuse, Raupen und Minierfliegen sind wichtig, als Nahrung für die Nützlinge. „Wir brauchen beide Seiten, damit die Natur als Ganzes funktionieren kann und nicht aus dem Gleichgewicht gerät.“



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Kommentare zu "Der Herr der Fliegen"

carmil | 03.04.2011 13:50

Ich bin sehr für biologische Schädlingsbekämpfung, wenn sie überhaupt nötig ist. Leider weiss auch da der MEnsch zu wenig über die Spätfolgen. Der asiatische Marienkäfer, der für die Blattlausbekämpfung eingesetzt wurde weil dieser gefrässiger als der heimische, verdrängt mittlerweile unseren einheimischen. Beitrag melden!


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