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Interview: Frisch auf den Müll

Der Dokumentarfilm "Taste the Waste" nimmt die weltweite Verschwendung von Lebensmitteln unter die Lupe. Regisseur Valentin Thurn stand uns zu seinem Film Rede und Antwort


Filmszene: Beim "Mülltauchen" kommt viel frische Ware zutage (Foto von: Schnittstelle/Thurn Film)
© Schnittstelle/Thurn Film
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Filmszene: Beim "Mülltauchen" kommt viel frische Ware zutage

Es sind Bilder, die im Kopf bleiben: Ein deutscher Kartoffelbauer muss fast die Hälfte seiner Ernte auf dem Feld lassen, weil sie nicht den ästhetischen Kriterien des Handels entspricht. Auf einem französischen Großmarkt lässt ein Händler mehr als acht Tonnen frische Orangen auf den Müll werfen. Der Dokumentarfilmer Valentin Thurn zeigt in seinem ersten Kinofilm starke Bilder und nennt klare Zahlen: 15 Millionen Tonnen Lebensmittel sollen in Deutschland auf dem Müll landen. Allein in deutschen Haushalten würden dabei Waren im Wert von 20 Milliarden Euro weggeworfen. Das Essen, das in Europa entsorgt werde, würde zwei Mal reichen, um alle Hungernden der Welt zu ernähren.

"Taste the Waste" ist ein Film, der manchmal schockiert, manchmal mitfühlend stimmt - in jedem Fall aber zum Nachdenken anregt. Kurz vor der Premiere sprachen wir mit dem Regisseur darüber.


Regisseur Valentin Thurn (Foto von: Brigitta Leber)
© Brigitta Leber
Regisseur Valentin Thurn

Herr Thurn, rund drei Jahre haben Sie für Ihren Film recherchiert. Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?
Wir haben vor vier Jahren mal einen Film über "Mülltaucher" gedreht - also junge Menschen, die Supermarkt-Mülltonnen plündern. Und die haben mir die Augen geöffnet. Da fanden wir Waren, die zum Teil originalverpackt waren und vor ihrem Ablaufdatum auf dem Müll landeten. Und das in einer Masse, die ich mir nicht erklären konnte. Ich habe dann festgestellt, dass in Deutschland keinerlei Zahlen dazu erhoben werden. Es kümmerten sich auch weder die Regierung noch Verbände darum. Im Ausland bin ich schließlich fündig geworden. Anhand der dort erhobenen Daten ließ sich die Verschwendung auch auf Deutschland hochrechnen.


Wie sind Sie bei Ihren Recherchen vorgegangen? Die Supermärkte haben Ihnen sicher nicht gern gezeigt, wie viel weggeworfen wird.
Nein, wir sind da auf viel Zurückhaltung gestoßen. Manche Handelsketten wollten uns partout nicht drehen lassen, andere behaupteten, alle Reste an die "Tafeln" zu spenden. Bei einem Supermarkt drehten wir, wie Lebensmittel von Mitarbeitern der "Tafel" abgeholt wurden. Später erfuhren wir, dass diese zum ersten Mal in diesem Markt waren und extra für uns bestellt wurden.


Die Hälfte unserer Lebensmittel landet auf dem Müll. Was genau wird weggeworfen und warum?
Es ist eine regelrechte Kette des Wegwerfens. Das beginnt schon beim Bauern, der die kosmetischen Vorgaben des Handels erfüllen muss: Die Karotte muss gerade sein, die Kartoffel rund. Sonst wird es im Supermarkt nicht angeboten. Dann geht es in der Kette weiter zum Transport. Die Händler haben in der Regel keine größeren Lagermöglichkeiten mehr, weshalb die Ware "just in time" geliefert werden muss. Wenn es da zu Problemen kommt, müssen schon einmal 30 Tonnen Tomaten vernichtet werden. Schließlich kommen die Produkte in den Handel, wo ein scharfer Wettbewerb herrscht. Die Handelsketten glauben, den Verbrauchern immer bis kurz vor Ladenschluss das gesamte Sortiment bieten zu müssen. Die Sorge ist, dass wir zur Konkurrenz gehen, wenn um 22 Uhr unser Lieblingsjoghurt nicht im Regal steht. Und da ist es tatsächlich billiger, unverkaufte Joghurts wegzuwerfen, als einen Kunden zu verlieren.


Gibt es politische Bewegungen, um die Verschwendungen einzudämmen?
Ja, politisch tut sich etwas. Das Thema ist aber erst in diesem Jahr ganz neu als Stellschraube erkannt worden. Natürlich könnte die Produktion immer weiter vergrößert werden, aber das wäre Wahnsinn, wenn man weiß, dass Landwirtschaft zu fast einem Drittel für die Klimaerwärmung verantwortlich ist. In unseren Lebensmitteln steckt eine Menge Energie, die für die Produktion benötigt wird. Und wenn Dünger auf dem Feld verteilt wird, entweicht Lachgas in die Atmosphäre - ein Klimagas, das 250 Mal so potent ist wie CO2. Das kommt so langsam auch in der Politik an.


In Ihrem Film blicken Sie nicht nur auf die Industrie-, sondern auch auf die Entwicklungsländer. Ist der Hunger dort durch unseren Überfluss und unser Wegwerf-Verhalten bedingt?
Meine Mutter hat immer gesagt: "Esst die Teller leer, die Kinder in Afrika würden sich darüber freuen." Der Zusammenhang war in meiner Kindheit noch nicht fassbar, hat sich aber in den letzten Jahren immer mehr gefestigt. Es hat sich ein Weltmarkt etabliert. Wenn wir mehr verbrauchen, steigen die Preise auf dem Weltmarkt. Und in den ärmeren Ländern können sich die Menschen kein Brot mehr leisten. Das ist von Produkt zu Produkt sehr unterschiedlich und auch die Bauern in Afrika profitieren ja von steigenden Preisen für ihre Ware. Aber gerade diese Grundnahrungsmittel unterliegen teils heftigen Preisschwankungen. Wir sind sicherlich nicht der Grund für den Hunger, sorgen aber mit unserem Wegwerf-Verhalten dafür, dass es den Menschen - besonders in Krisenzeiten - noch schlechter geht.


Wie kann ich als Einzelner aktiv werden, um etwas an dieser Situation zu ändern?
Denkbar ist es zum Beispiel, einer "Food-Koop" beizutreten, wie es sie in den USA gibt. Da schließen sich Verbraucher zusammen und beauftragen einen Bauern damit, sie mit Gemüse zu versorgen. So etwas gibt es auch in vielen deutschen Großstädten und hat eine Menge Vorteile hinsichtlich der Frische, aber auch für den Klimaschutz. Einige Bauern in Deutschland bieten Hobbygärtnern Ackerfläche an, auf der sie ihr eigenes Gemüse ziehen können. Wenn genug Verbraucher einen solchen Weg gingen, wäre der Handel gezwungen, seine Geschäftspolitik zu ändern. Ein anderer Schritt wäre beispielsweise, einfach bewusster einzukaufen.


Was kann auf der anderen Seite der Handel ändern, ohne finanzielle Verluste zu machen?
Solche Veränderungen müssen vernünftig kommuniziert werden. Beispielsweise könnte nach 18 Uhr das Angebot etwas reduziert werden. Das würde lediglich die ganz große Vielfalt betreffen. Beispielsweise gibt es dann bloß 50 statt 100 Joghurts und es wird nicht mehr frisch gebacken, sondern verbraucht, was eben noch da ist. Wenn diese Maßnahme dem Kunden begründet kommuniziert würde, dann glaube ich schon, dass die Verbraucher dafür Verständnis hätten.


Das offizielle Plakat zum Film (Foto von: Schnittstelle/Thurn Film)
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Das offizielle Plakat zum Film

Welche Wirkung erhoffen Sie sich von Ihrem Film?
Wir wollten nicht nur aufrütteln, sondern vielmehr zeigen, dass jeder etwas tun kann. Wir haben deshalb auch sehr viele Lösungsansätze in den Film gepackt. Es gibt bei diesem Thema keinen wirklichen Schuldigen, sondern wir alle sind schuld daran. Aber wir können auch alle etwas dagegen tun. Die Vielfalt der Lösungen wird meiner Meinung nach den Ausschlag geben. Der eine tritt vielleicht einem Gartenbau-Projekt bei, der andere beginnt, seinen Kindern bewusstes Kochen beizubringen.
Kinder sind ohnehin enorm wichtig, denn sie bilden die nächste Generation. Sie können die Situation verbessern oder verschlimmern. Deshalb wollte ich eine gesellschaftliche Debatte bewirken, in der die Menschen merken, dass sie Klimawandel und Welthunger nicht hilflos gegenüberstehen
müssen. Jeder hat Einfluss darauf.


Hat sich Ihr eigenes Konsumverhalten seit Beginn der Recherchen verändert?
Das Thema hat nicht nur mich, sondern das ganze Team berührt. Mir persönlich ist zum Beispiel der Unterschied zwischen Mindesthaltbarkeits- und Verbrauchsdatum klarer geworden. Dass also die Mindesthaltbarkeit gar nichts mit Gesundheitsgefährdung zu tun hat, das Verbrauchsdatum, beispielsweise bei Fleisch, aber sehr wohl. Ansonsten vermeide ich Impulskäufe, weil die meistens als Erstes in die Tonne wandern. Ich überlege mir vor dem Einkaufen viel genauer, was ich wirklich brauche und gehe dann mit dem Einkaufszettel los. Auch Resteverwertung ist ein großes Thema. Eingefroren halten Reste zum Beispiel ewig. Das sind kleine Dinge, die jeder leicht umsetzen kann, die aber helfen, das Problem anzupacken.


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Kommentare zu "Frisch auf den Müll"

Hansa | 09.09.2011 15:42

Ich kaufe in Österreich fast ausschließlich bio, der Marke "Ja! Natürlich", die es bei BILLA und MERKUR gibt (beide gehören REWE).
Das Angebot ist OK und was nicht da ist wird eben "nicht gebraucht". BIO-Sahne z.B. ist oft Samstag nicht mehr vorhanden. BIO-Huhn kommt nur Dienstag und Freitag...

Artikel vor dem MHD werden zu 50% angeboten, damit sie nicht "entsorgt" werden müssen.
Ich hoffe diese Firmenpolitik setzt sich woanders auch durch. Beitrag melden!


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