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Gemalter Protest

Der Künstler Ruppe Koselleck malt seine Bilder mit den klumpigen Hinterlassenschaften von Tankern und Bohrinseln. Von dem Erlös kauft er Aktien des Energiekonzerns BP. Um ihn zu übernehmen

Text von Hiltrud Bontrup

Nur eine Stunde, und die Finger sind schwarz. Ruppe Koselleck reibt die Kuppen aneinander, die Schmiere bleibt kleben. Fest an der Haut, tief in den Rillen. Die Ausbeute ist gut an diesem Tag. Alle 20 Meter wird er fündig. Ein Klümpchen hier, ein Flatschen da. Koselleck sammelt Rohöl am Strand von Norderney.

Links gischtet die Nordsee, Möwen schweben im Wind, die Urlauber bummeln barfuß. Strandkörbe und Sand strahlen unter der Sonne. Ein Tag in Blauweiß, und mittendrin, grasgrün, marschiert Koselleck. Er trägt seine schwere alte Jacke von BP, wie immer bei seinen Ölaktionen, und eine BP-Basecap auf dem kahlen Schädel. Wie ein Tankwart zur falschen Zeit am falschen Ort.


Die gefundenen Ölreste verstaut Ruppe Koselleck in seinem Sammelkoffer aus den Beständen der früheren Münsteraner Bundesbankfiliale (Foto von: Andreas Burmann)
© Andreas Burmann
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Die gefundenen Ölreste verstaut Ruppe Koselleck in seinem Sammelkoffer aus den Beständen der früheren Münsteraner Bundesbankfiliale

Aktie für Aktie zum Takeover

Koselleck aber ist hier richtig. Hier findet er Reste großer Katastrophen und kleiner Missgeschicke. Das Öl, das bei Bohrinselunfällen und Tankerunglücken oder von Schiffen ins Meer gespült wird. Koselleck sammelt die Klumpen und malt damit Bilder - Rohölbilder. Trägt er dick auf, stinken sie. Mit dem, was er an den Werken verdient, will er BP übernehmen, den Ölkonzern. Bild für Bild, Aktie für Aktie. "Takeover BP" heißt die Aktion, 2001 hat er damit angefangen. "BP zu nehmen, das war Zufall", sagt Koselleck. "Hauptsache, einer von den Großen. Die haben zu viel Macht." Das sei nicht gut in Zeiten, wo Rohstoffe knapper würden. Zu abhängig seien die Menschen von den Monopolisten. "Deshalb schlucke ich sie mit dem Dreck, den sie machen."

Koselleck grinst. Er sorgt - zumindest ein bisschen - dafür, dass der Dreck von den Stränden verschwindet, und am Ende lässt er BP selbst verschwinden. An welchem Ende? 2368 Aktien hat er jetzt, 9,5 Milliarden bräuchte er für die Mehrheit, um das Sagen zu haben über diesen gigantischen Konzern mit seinen 83.000 Mitarbeitern und 375 Mrd. Dollar Umsatz.


Was zählt, ist die Haltung

"Sisyphos", sagt Koselleck. "Der weiß auch, dass seine Arbeit vergeblich ist, und er macht sie trotzdem. Die Haltung ist stärker als die Vergeblichkeit." Es ist diese ungeheuerliche Anmaßung, die ihn beflügelt. Koselleck stupst mit der Fußspitze gegen einen kieselgroßen Teerknubbel, hebt ihn auf, riecht daran und bricht ihn auseinander. "Guck, da ist Plastik drin", sagt er. "An Plastik lagert Öl sich gerne ab." Er geht auf die Knie, kramt ein Gefriertütchen hervor. Rein mit dem Klumpen. Und weiter, Augen auf den Sand. Stehen bleiben, stupsen, bücken, aufheben, riechen, eintüten. Und wieder von vorn.

Mit den Brocken, die Ruppe Koselleck am Strand findet, zeichnet er. Koselleck ist ein Sisyphos des Umweltschutzes. Ein freundlicher Familienvater aus Münster, 45, mit befristeten Verträgen als Kunstdozent und Freude am vergeblichen Tun. Der nie die Lust verliert. Weil es gar nicht darum geht, den Koloss zu zerschlagen. Sondern darum, das Virus dieser Freude zu verbreiten. Damit die Menschen sich empören. Und gegen das Meeresrauschen anrufen, wie diese Spaziergänger: "Auf Rhodos lag das Öl in Klumpen rum, überall, unglaublich!" Koselleck hat die zwei angesprochen, als sie ihm zuschauten. "Guten Tag, ich bin Künstler und sammle hier Rohöl. Ich plane die feindliche Übernahme von BP."


Nicht nur bei Havarien fließt Öl ins Meer

Zwischen den Fingern hält Koselleck, 1,80 Meter groß und kräftig, ein Fundstück und steht vor seinen Zuhörern wie ein Lehrer, der einen Wattwurm erklärt. Koselleck spricht alle an, die ihren Schritt verlangsamen, den Kopf drehen. Er sucht den Blick und lächelt. Nein, es gibt kein Tankerunglück, beruhigt er jene, die die Hälse aus den Strandkörben recken. Es gibt nur diesen Übernahmeplan. Oft muss er ihn zweimal erklären, so fassungslos schauen die Leute. Dann aber pflücken sie ihm die Visitenkarten aus den Händen. Viele schicken ihm Ölfunde aus der ganzen Welt. Sie folgen ihm auf Facebook und Twitter und posten, wo gerade wieder Dreck anlandet.

Es war am Strand des niederländischen Julianadorp, wo Kosellecks Tochter einst mit schwarz verklebten Füßen angelaufen kam. "Da fiel mir ein, dass schon mein Vater mir den Teer abkratzen musste." Für Koselleck ein Skandal, der zu normal geworden ist. Deshalb stößt er die Leute auf den Dreck. Damit sie mit offenen Augen an den Strand gehen. Damit sie auch beim Tanken an ihn denken. Man muss sich nicht nur über die Havarien ärgern, findet er. Selbst bei der Förderung fließt Rohöl ins Meer, im Produktionswasser etwa. Es geht nicht anders. Alle brauchen Öl, deshalb muss die Menschheit den Planeten nicht nur ausbeuten, sondern auch verschmutzen.



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Kommentare zu "Gemalter Protest"

Robert Hirse | 14.11.2012 20:31

Ruppe ist bei Facebook unter seinem Namen leicht zu finden. Über den Fb-Kontakt mit ihm konnte ich auch problemlos ein TEERARIUM erwerben. Gerne empfehle ich ihn und seine Kunst weiter.
http://www.facebook.com/ruppe.koselleck
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rollinger | 05.11.2012 11:27

Tolle Sache, Respekt! Wie finde ich den Herrn auf Twitter? Könnten Sie das nicht in Zukunft als Service mit einbauen, wenn sie es schon erwähnen, dass man die Leute über twitter,facebook erreichen kann?
Gruß Beitrag melden!


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