Hauptspalte:
EU-Fischerei: Fischereipolitik in der Krise
Teil eins unserer großen Serie zum Thema Fischerei in Europa:
In kaum einem Erdteil sind die Fischbestände so heruntergewirtschaftet wie in der EU. Forscher warnen seit Jahren vor dem Kollaps. Wie konnte es soweit kommen? Eine Analyse
Das Wort "historisch" sollte sparsam gebraucht werden - erst recht im Kontext der EU, deren stets letzte und entscheidende Rettungsgipfel sich fast unzählbar aneinanderreihen. Was ihre Fischereikommissarin Marina Damanaki allerdings im Juli 2011 auf den Tisch legte, ist geschichtsträchtig. Zumindest für die 1983 eingeführte Gemeinsame Fischereipolitik. Die Reformvorschläge der Griechin sind mutig, werden von Umweltverbänden wie Wissenschaftlern gelobt. Denn noch nie gab es in den vergangenen 30 Jahren die Chance, die Geschwüre des schwer erkranken Fischereimanagements mit einer Operation zu entfernen. "Wir müssen handeln, um alle Fischbestände wieder in einen gesunden Zustand zu versetzen", sagte Damanaki, als sie ihre Ideen präsentierte. "Damit sie für heutige und zukünftige Generationen erhalten bleiben."
Rechtlich haben sich die EU-Staaten längst verpflichtet, ihre Bestände zu schonen: In der EU-Meeresrahmenrichtlinie. Und 2002 auf dem Weltgipfel in Johannesburg, wo sie sich verpflichteten, bis 2015 nur noch nachhaltig zu fischen, also nach dem wissenschaftlichen Kriterium des maximalen Dauerertrages.
Soweit die Theorie. In der Praxis sind heute 47 Prozent der EU-Bestände überfischt; im Mittelmeer sind es über 80 Prozent – bezogen auf die bekannten Populationen. Die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen. Die Kabeljau-Population im Nordostatlantik ist laut WWF in den letzten 40 Jahren 90 Prozent geschrumpft. Und große Arten wie der Rote Thunfisch und zahlreiche Haie sind in vielen früheren Revieren ganz verschwunden. Aktuell sind die Bestände von Arten wie Aal, Heilbutt, Nordsee-Kabeljau, Rotbarsch, Steinbeißer, Seehecht und Dorade besonders angegriffen. Darum raten Umweltorganisationen in ihren Fisch-Einkaufsführern vom Kauf ab. Und Fischereibiologen fordern mehrjährige Managementpläne – ein Instrument, das Marina Damanaki auch vorgeschlagen hat.
Selbstverschuldete Misere und gigantische Verschwendung
Die EU hat ihre Fischereimisere jahrzehntelang selbst gefördert – mit zu hohen Fanquoten, fehlenden Schutzgebieten und Subventionen für die ohnehin zu große Flotte. "Die EU-Staaten sind traditionell Freunde der Fischer, nicht der Fische", sagt Fischereibiologe Rainer Froese vom Kieler Geomar-Institut. Das will die Kommissarin nun ändern: Die Fördergelder sollen teils auslaufen, die EU-Flotte deutlich kleiner werden. Und der Beifang soll ab 2014 zwingend an Land gebracht werden und nicht mehr, wie von der EU vorgeschrieben, über Bord gehen. Es geht um alle Meerestiere, die zu klein sind oder als unverwertbar gelten. Auch wenn die Fanglizenz für eine Art fehlt, die zufällig im Netz landet, werfen Fischer die - oft marktfähige - Beute zurück ins Meer. Wobei sie fast immer stirbt.
Umweltverbände kritisieren diese gigantische Verschwendung scharf, die geschätzte 23 Prozent aller EU-Fänge ausmacht. Es geht auch anders: Norwegen schreibt seit 1987 vor, den Beifang anzulanden. Und ahndet Verstöße mit drastischen Strafen. Das hat drei praktische Vorteile: Die Fischer beginnen von sich aus, den Beifang zu vermeiden und gezielter zu fischen – mit neuen Netzen oder in anderen Seegebieten. Biologen können zudem die Bestände besser schätzen, weil sie Daten über die gesamten Fänge haben und nicht nur, wie in der EU, über einen kleine Ausschnitt. Und kulinarisch uninteressante Fische können zu Fischmehl verarbeitet werden, das in der Aquakultur verfüttert wird. Und dann nicht von wilden Sardellen oder Makrelen stammt, die extra dafür gefangen werden müssen.
Momentan sind zu dem Artikel "Fischereipolitik in der Krise" keine Kommentare vorhanden.



