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Sex: Leseprobe: Wurzeln der Homosexualität

Wie entsteht die Neigung zur gleichgeschlechtlichen Liebe? Forscher vermuten, dass bestimmte körperliche Vorgänge vor der Geburt sie auslösen

Text von Ute Kehse und Sebastian Witte

Lange Zeit galten Homosexuelle als psychisch krank. Ärzte behandelten Schwule mit Elektroschocks oder operierten ihre Gehirne. Heute dagegen ist klar, dass gleichgeschlechtliche Neigungen völlig natürlich sind. Doch wie kommt es dazu, dass manche Menschen ausschließlich das eigene Geschlecht begehren? Forscher versuchen, die Wurzeln der Homosexualität zu ergründen – und vermuten, dass die Veranlagung schon vor der Geburt entsteht.


DIE
LUST
AUF
DAS
EIGENE
GESCHLECHT: In
der
Regel
erkennen
homosexuelle
Menschen
schon
in
jungen Jahren, dass sie sich zu gleichgeschlechtlichen Partnern
hingezogen fühlen. Für viele ist es jedoch ein längerer Prozess, bis sie sich öffentlich zu ihrer Neigung bekennen können.
Umso schwerer wiegt dieser Schritt, je feindseliger eine Gesellschaft gegenüber anders Liebenden eingestellt ist. Das hier gezeigte Paar stammt aus Russland, wo Lesben- und Schwulenrechte zuletzt massiv eingeschränkt worden sind (Foto von: Mads Nissen/laif)
© Mads Nissen/laif
DIE LUST AUF DAS EIGENE GESCHLECHT: In der Regel erkennen homosexuelle Menschen schon in jungen Jahren, dass sie sich zu gleichgeschlechtlichen Partnern hingezogen fühlen. Für viele ist es jedoch ein längerer Prozess, bis sie sich öffentlich zu ihrer Neigung bekennen können. Umso schwerer wiegt dieser Schritt, je feindseliger eine Gesellschaft gegenüber anders Liebenden eingestellt ist. Das hier gezeigte Paar stammt aus Russland, wo Lesben- und Schwulenrechte zuletzt massiv eingeschränkt worden sind



Bei Männern, die mit Männern schlafen, so heißt es in einer antiken griechischen Schrift, seien die Kanäle für die Samenflüssigkeit verstopft. Statt in Hoden und Penis zusammenzufließen, sammele sich die Flüssigkeit im Gesäß. Dort verursache sie ein körperliches Begehren – ein Bedürfnis nach Reibung und Entladung.

Die schwule Leidenschaft, ergänzt der unbekannte Autor, könne auch durch Gewohnheit entstehen: Wer während der Pubertät an passiven Geschlechtsverkehr gewöhnt werde (eine Erfahrung, die im alten Griechenland nicht ungewöhnlich war), der entwickele womöglich ein natürliches Bedürfnis nach ebenjener Praktik.

Nicht minder obskur muten Theorien an, die das Phänomen Homosexualität in späteren Jahrhunderten zu erklären versuchten. Mal wurde die gleichgeschlechtliche Liebe schlicht als Sodomie, als widernatürlich und damit als Werk des Teufels abgetan. Mal war die Ansicht verbreitet, der unnatürliche Trieb entstehe durch zu häufiges Masturbieren, Vielweiberei oder das Verabreichen von Klistieren während der Kindheit. Der berühmte Arzt Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, wiederum machte eine zu enge Mutterbindung für homosexuelles Begehren verantwortlich.

Noch in den 1970er Jahren unterstellten manche Wissenschaftler Menschen, die sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, dass sie an einer Entwicklungsstörung litten. Ärzte behandelten Schwule mit Elektroschocks oder operierten ihre Gehirne. Und bis 1990 listete die Weltgesundheitsorganisation WHO Homosexualität als psychische Krankheit.


Weltkarte
der
Lesben-
und
Schwulenrechte:
Nach
Jahrzehnten
des
Kampfes
um
Gleichberechtigung
haben
Homosexuelle
in
zahlreichen
Ländern
viel
erreicht:
So
können
sie
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Spanien, Kanada und Schweden heiraten und Kinder adoptieren. Doch in vielen anderen Staaten werden sie nach wie vor verfolgt. Mitunter drohen ihnen Gefängnis oder gar der Tod (wie in Saudi-Arabien), wenn sie sich öffentlich zu ihrer Neigung bekennen (Foto von: Stefanie Peters für GEOkompakt)
© Stefanie Peters für GEOkompakt
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Weltkarte der Lesben- und Schwulenrechte: Nach Jahrzehnten des Kampfes um Gleichberechtigung haben Homosexuelle in zahlreichen Ländern viel erreicht: So können sie in Spanien, Kanada und Schweden heiraten und Kinder adoptieren. Doch in vielen anderen Staaten werden sie nach wie vor verfolgt. Mitunter drohen ihnen Gefängnis oder gar der Tod (wie in Saudi-Arabien), wenn sie sich öffentlich zu ihrer Neigung bekennen

Heute weiß man: Homosexuelle Neigungen sind völlig natürlich und treten auch im Tierreich auf


Heute ist die gleichgeschlechtliche Liebe dagegen für die meisten Menschen in unserer aufgeklärten westlichen Gesellschaft keine Absurdität mehr. Kein gebildeter Mensch glaubt mehr, Schwule und Lesben seien geistig krank, sexuell fehlgeleitet oder falsch erzogen worden. Vielmehr wissen Forscher, dass deren Neigung völlig natürlich ist und kein selbst erwählter Lebensstil.

Nicht zuletzt haben die Wissenschaftler inzwischen eine bemerkenswerte Vielzahl an Belegen dafür gesammelt, dass homosexuelle Verhaltensweisen auch im Tierreich weit verbreitet sind. So reiben Walbullen gelegentlich ihre erigierten Penisse aneinander, Delfinweibchen penetrieren mit ihrer Rückenflosse die Geschlechtsöffnung von Partnerinnen. Bisonmännchen, Große Tümmler und Löwen treffen sich zum Analverkehr, und weibliche Makaken verstehen sich auf die Kunst, einander zum Orgasmus zu bringen.

Männliche Elefanten wiederum leben bisweilen jahrelang in festen Beziehungen: Sie küssen sich, verflechten ihre Rüssel und stecken sie sich gegenseitig in den Mund. Homosexuelle Störche, Enten, Schwäne und Geier ziehen gemeinsam Junge auf. Auch unter domestizierten Schafen ist gleichgeschlechtliches Verhalten stark verbreitet: Jeder zehnte Widder paart sich ausschließlich mit anderen Männchen.

Und doch: Rein biologisch betrachtet, ist die gleichgeschlechtliche Liebe ein Kuriosum. Denn wer ausschließlich homosexuell lebt, kann keine Nachkommen zeugen – evolutionär dürfte das Verhalten keinen Vorteil mit sich bringen.

Umso ehrgeiziger versuchen Forscher, das scheinbar paradoxe Phänomen zu ergründen. Sie fragen sich etwa, ob die sexuelle Orientierung in unserem Erbgut festgeschrieben ist oder ob auch kulturelle und soziologische Faktoren beeinflussen, auf welches Geschlecht sich unser Begehren richtet. Auch wollen die Wissenschaftler zunehmend verstehen, ob sich homosexuelle Menschen nur im Hinblick auf ihre sexuelle Orientierung von Heterosexuellen unterscheiden oder ob sie generell anders denken und fühlen.

Stimmt es beispielsweise, dass Schwule empathischer, sensibler und kreativer sind als Heteros, wie viele mutmaßen? Oder dass es in lesbischen Beziehungen eine klare Rollenverteilung gibt: zwischen Butches (den maskulinen Lesben) und Femmes (dem femininen Pendant)? Und wie fest sind überhaupt die Grenzen zwischen Hetero- und Homosexualität?


 (Foto von: Tim Wehrmann für GEOkompakt)
© Tim Wehrmann für GEOkompakt
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Wie definiert man "Homosexualität"?


Es ist alles andere als leicht, diese Fragen zu beantworten. Schon mit einer Definition des Begriffs "Homosexualität" tun sich die Forscher schwer. Denn es stellt sich die Frage: Wer ist überhaupt homosexuell? Alle Menschen, die gleichgeschlechtliche Fantasien hegen? Jene, die auch Sex mit Partnern des gleichen Geschlechts haben? Oder nur, wer sich selber als schwul oder lesbisch bezeichnet?

In vielen Studien zeigt sich, dass die Übergänge zwischen Homo- und Heterosexualität mitunter fließend sein können. So gibt es zum Beispiel Männer, die sich als homosexuell bezeichnen, aber noch nie Geschlechtsverkehr mit einem Mann hatten. Andere fühlen sich heterosexuell, haben aber ausgiebige Sexualkontakte mit männlichen Partnern.

Bei Frauen scheint die Geschlechtspartner-Orientierung noch weniger beständig zu sein. Vielen Frauen mit gleichgeschlechtlichen Erfahrungen widerstrebt es, sich überhaupt in eine Kategorie einordnen zu lassen. Einige fühlen sich sexuell stärker zu Männern hingezogen, ziehen aber eine Partnerschaft mit einer Frau vor. Andere wechseln immer wieder zwischen Männern und Frauen. Und nicht wenige verlieben sich erst in der Mitte des Lebens – für sie selber überraschend – zum ersten Mal in eine Frau.

Immerhin: Wohl annähernd drei Prozent der Männer und nahezu 1,5 Prozent der Frauen bezeichnen sich in den westlichen Industrienationen als schwul oder lesbisch; sie begehren ausschließlich das eigene Geschlecht. Daraus folgt freilich nicht, dass diese Menschen mit ihrer geschlechtlichen Identität hadern: Schwule und Lesben fühlen sich genauso als Mann beziehungsweise als Frau wie heterosexuelle Männer und Frauen auch.

Studien kommen jedoch durchaus zu dem Schluss, dass sich Schwule im Mittel als weniger maskulin, Lesben als weniger feminin empfinden – gemessen jedenfalls an jener Norm, die ihnen die Öffentlichkeit vermittelt.


Was ist dran an den typischen Klischees über Lesben und Schwule?


Auch einige Persönlichkeitsmerkmale scheinen bei Homosexuellen vom geschlechtstypischen Durchschnitt abzuweichen. So zeigen Untersuchungen, dass unter homosexuellen Männern das Einfühlungsvermögen tatsächlich stärker ausgeprägt ist. Auch verfügen sie über eine größere ästhetische Auffassungsgabe, beschäftigen sich zum Beispiel häufiger mit Kunst und Kultur.

Lesbische Frauen wiederum interessieren sich mehr für Technik und erzielen in Tests für körperliche Aggressivität höhere Werte als heterosexuelle Frauen. Zudem legen einige Homosexuelle bestimmte geschlechtsuntypische Verhaltensweisen an den Tag, die anderen Schwulen und Lesben, aber auch Heterosexuellen auffallen. So konnten Probanden in einem Experiment an der Northwestern University in Illinois anhand von kurzen Video- und Tonsequenzen bemerkenswert gut erkennen, ob ein Mann schwul oder eine Frau lesbisch war – weit besser jedenfalls, als es durch Zufall zu erwarten gewesen wäre.

Vor allem Gang und Stimme, so das Ergebnis der Studie, spielen bei diesem unter Homosexuellen als "Schwulenradar" bezeichneten Phänomen eine Rolle: Viele lesbische Frauen schwingen demnach beim Gehen (ähnlich wie Männer) kaum mit der Hüfte, manche schwule Männer betonen die Vokale so, wie es für Frauen charakteristisch ist.

Natürlich: All diese Beobachtungen gelten niemals pauschal. So wurden etliche schwule Männer, die in dem Test zu sehen oder zu hören waren, durchweg für heterosexuell gehalten. Und die meisten Schwulen und Lesben weichen in ihrem Rollenverhalten kaum von dem ab, was in unserer Gesellschaft als typisch männlich oder typisch weiblich gilt. Nur eine Minderheit der Lesben entspricht dem oft kolportierten Bild vom kurzhaarigen, burschikosen Mannweib, nur die wenigsten Schwulen schminken sich, tragen extravagante Kleidung oder fallen durch übertriebene Gestik auf.

Für andere Klischees fehlt gar jeder wissenschaftliche Beleg – etwa dafür, dass es bei homosexuellen Paaren häufig eine klassische Rollenaufteilung gibt. Nach allem, was man weiß, gehen schwule und lesbische Paare oft gleichberechtigter miteinander um, als dies in heterosexuellen Beziehungen der Fall ist. Psychologen haben ermittelt, dass sie Hausarbeit gerechter teilen und ebenbürtiger streiten.


Ist Homosexualität erblich?


Ob die charakterlichen Besonderheiten von Schwulen und Lesben kulturell geprägt sind (etwa durch Nachahmung entstehen) oder ob sie eine biologische Ursache haben, wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Ihre sexuelle Identität, die Vorliebe für das gleiche Geschlecht, wählen sie jedoch in keinem Fall bewusst. Zahlreiche Indizien sprechen dafür, dass gleichgeschlechtliche Neigungen zu einem gewissen Teil erblich sind.

Denn in bestimmten Familien kommt Homosexualität gehäuft vor. Wissenschaftler haben herausgefunden: Ist ein Sprössling schwul, verdoppelt bis vervierfacht sich die Chance, dass es der nächstgeborene Sohn auch ist. Bei zweieiigen Zwillingen liegt die Wahrscheinlichkeit bei bis zu 30 Prozent, bei eineiigen Geschwisterpaaren, also genetisch identischen Menschen, gar bis zu 65 Prozent. Nur allzu verständlich, dass Forscher angesichts dieser Resultate seit Jahren nach bestimmten Genen suchen, die Homosexualität begünstigen könnten. Eine Studie mit knapp 40 schwulen Brüderpaaren kam zu dem Schluss, dass sich derartige Erbanlagen womöglich auf dem X-Chromosom befinden – also auf jenem Teil des Erbguts, den Männer ausschließlich von ihrer Mutter erben. Bislang haben Wissenschaftler jedoch keine einzelne Erbinformation biochemisch ausfindig machen können, die allein die Neigung zur Homosexualität begründet. Ein solches "Schwulen-Gen" wird sich wohl auch in Zukunft nicht finden lassen – denn die meisten komplexen Eigenschaften, davon gehen Biologen heute aus, entstehen durch das Zusammenwirken mehrerer Gene.





Lesen Sie den ganzen Artikel im neuen
GEOkompakt Nr. 43 "Sex".


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