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Interview: Das Ende der Kompromisse

Gibt es sie wirklich die Midlife-Krise? Eine Psychologin über das Alter zwischen 40 und 60

Interview: Claus Peter Simon

Pasqualina Perrig-Chiello, 59, forscht an der Universität Bern zu den Themen
Lebensmitte und Generationenbeziehungen (Foto von: Peter Rigaud)
© Peter Rigaud
Pasqualina Perrig-Chiello, 59, forscht an der Universität Bern zu den Themen Lebensmitte und Generationenbeziehungen

GEO WISSEN: Frau Professor Perrig-Chiello, seit etwa 40 Jahren gibt es den Begriff der "Midlife-Krise" im allgemeinen Sprachgebrauch. Hat er überhaupt einen wissenschaftlichen Kern, oder ist er nur ein populäres Etikett für seltsame Verhaltensweisen von Frauen und Männern in der Lebensmitte?

PASQUALINA PERRIG-CHIELLO: Es kommt darauf an, wen Sie fragen. Klinische Psychologen, die vor allem mit Menschen mit ernsthaften Problemen arbeiten, würden wohl sagen: Ja, so etwas wie eine Midlife-Krise gibt es tatsächlich. Fragen Sie dagegen Entwicklungspsychologen, die sich eher die Gesamtheit der Bevölkerung anschauen, werden die meisten wohl verneinen. Denn sie stellen fest, dass es sehr große individuelle Unterschiede gibt. Aus meiner persönlichen Sicht und aus meinen Forschungen kann ich sagen: Das mittlere Lebensalter ist eine absolut krisenanfällige Zeit, ähnlich wie die Pubertät oder die Pensionierung, die ja ebenfalls wichtige Übergangsphasen sind.


Wovon ist es abhängig, wie solche Phasen bewältigt werden?

Entscheidend sind die individuellen Persönlichkeitsfaktoren: Ein offener, aktiver Mensch, der sich vorausdenkend mit kommenden Veränderungen befasst, tut sich eher leicht damit, diese Veränderungen auch zu akzeptieren. Anders ist das bei Menschen, die viel Wert auf Routinen legen, die auf Sicherheit bedacht sind, die eher ängstlich und neurotisch sind: Die verlieren bei solchen Übergangsphasen schnell mal den Boden unter den Füßen. Das gilt auch für Menschen, die über Veränderungsprozesse nicht reden können oder wollen.


Gibt es da Geschlechtsunterschiede?

Frauen und Männer haben zwar gleichermaßen Probleme in der Lebensmitte, aber Frauen tauschen sich generell mehr mit anderen aus und kommen daher meist besser durch diese Zeit. So haben wir in einem unserer Forschungsprojekte gefragt: "Zu wem gehen Sie, wenn Sie ein großes persönliches Problem haben?" Die Männer haben dann unisono gesagt, fast vorwurfsvoll: "Selbstverständlich zu meiner Frau!" Sie sind extrem partnerzentriert; mit ihren Freunden reden sie zwar auch viel, allerdings über andere Themen wie etwa den Beruf oder ihre Hobbys, kaum aber über persönliche Angelegenheiten. Die Frauen dagegen haben auf die gleiche Frage geantwortet: "Ich gehe zu meiner Mutter, zu meiner Schwester, zu meiner Freundin..." Und erst dann kam der Mann als Ansprechpartner.


Welche Folgen haben diese Geschlechtsmuster?

Sie führen dazu, dass heftige Krisen der Lebensmitte häufiger bei Männern zu beobachten sind. Und die damit manchmal verbundenen radikalen Brüche: Manche geben von heute auf morgen den Job auf; andere gehen ins Kloster – oder verlassen sogar die Familie, gehen womöglich eine Beziehung mit einer jüngeren Partnerin ein. Männer machen in der Regel viel kompromisslosere Schritte als Frauen, weil sie zuvor mehr verdrängt, verschwiegen und verleugnet haben. Frauen flüchten weniger drastisch, sie holen sich eher Hilfe.


Man sollte meinen, die heute 40-Jährigen seien in einer ganz anderen Welt groß geworden als die Generation vor ihnen. Und sie würden auch einen anderen Kommunikationsstil pflegen.

Wir Forscher haben das auch gedacht, doch tatsächlich ist in Bezug auf den Umgang mit Problemen immer noch alles beim Alten. Frauen haben ihre breiten sozialen Netze, Männer dagegen wollen das meist mit sich selbst ausmachen oder allenfalls mit der Partnerin. Wir sehen das auch an der Suizidrate, die schnellt bei Männern ab etwa 60 bis 65 Jahren steil nach oben, während sie bei den Frauen über die Jahre fast stabil bleibt. Wenn Männer ihre Probleme nicht mehr mit Kraft oder Macht lösen können, ertränken sie ihre Sorgen häufiger als Frauen in Alkohol – und mitunter fällt ihnen dann kein anderer Ausweg ein, als sich der Situation durch Suizid zu entziehen.


Wie kommt es zu diesen Geschlechtsunterschieden?

Das liegt vor allem an der Sozialisation. Noch heute ist das nach außen gewendete Verhalten vor allem eine Sache der Jungen, sie lösen Konflikte eher mit Aggression, versuchen sich zu behaupten. Sie unterliegen einem deutlich stärkeren Geschlechterrollenstress als die Mädchen. Jungen müssen sich noch immer sehr männlich verhalten, Mädchen haben da größere Freiräume.


Kann einem der Lebensverlauf bis in die Lebensmitte einen Hinweis darauf geben, ob man in eine größere Krise gerät oder gut mit der Situation zurechtkommt?

Durchaus, denn unsere Studien zeigen, dass Menschen, die auch zu früheren Zeitpunkten Probleme mit biographischen Übergängen gehabt haben, also etwa in der Pubertät oder mit dem Berufseintritt, oft von einer zur nächsten Krise stolpern. Wir sprechen von einem "self-made disaster". Das Erstaunliche daran ist, dass die Betreffenden offenbar nur wenig daraus lernen. Sie fallen immer wieder in falsche Bewältigungsmuster zurück.


Und das lässt sich nicht verhindern?

Doch, aber dazu bedarf es besonderer Ereignisse. Das kann die Begegnung mit einem Menschen sein, der einem neue Perspektiven eröffnet. Oder in einer schweren Krise die Einsicht, dass man nun psychologische Hilfe braucht.



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