Hauptinhalt
GEO.de Seite 1 von 1


Moral International: Darf ich vor bettelnden Kindern feiern?

Im Beiruter Stadtviertel Mar Mikhaël treffen Partygänger schon lange auf syrische Flüchtlingskinder. Bashshar Haydar, Philosoph an der American University of Beirut, über ein modernes Dilemma


Ein syrisches Flüchtlingskind auf den Straßen von Istanbul: "In der Realität sind wir nicht mit einem einzigen Kind konfrontiert, sondern mit Millionen Notleidenden. Wenn das Extrem zur Normalität wird, nimmt die Hilfsbereitschaft ab. Das ist menschlich", sagt Bashshar Haydar (Foto von: imago/Xinhua)
© imago/Xinhua
Ein syrisches Flüchtlingskind auf den Straßen von Istanbul: "In der Realität sind wir nicht mit einem einzigen Kind konfrontiert, sondern mit Millionen Notleidenden. Wenn das Extrem zur Normalität wird, nimmt die Hilfsbereitschaft ab. Das ist menschlich", sagt Bashshar Haydar

„Wir Libanesen haben immer gefeiert. In Kellerbars während des Bürgerkriegs, in den Bergen während der israelischen Invasion 2006. Feiern ist für uns auch ein Bewältigungsmechanismus. Sich den Barbesuch angesichts bettelnder Kinder zu untersagen, finde ich problematisch. So vermeidet man ja nur, das Elend zu sehen. Problematisch finde ich es auch, den Kindern Geld zu geben. Man hat keine Chance, zu überprüfen, wohin das Geld fließt.


Philosoph Peter Singer hat ein Gedankenexperiment formuliert


Die Familien der Kinder wissen, dass sich die Barbesucher unter Druck gesetzt fühlen. Sie nutzen aus, dass der Feiernde die Kinder mit reinem Gewissen loswerden möchte. Welche Verantwortung erwächst aus der direkten Begegnung mit der Not? Der Philosoph Peter Singer hat ein Gedankenexperiment formuliert: Stellen Sie sich vor, Sie kommen an einem Teich vorbei, in dem ein Kind im Begriff ist, zu ertrinken. Sie können es retten, tragen aber teure Schuhe, die dabei ruiniert würden. Retten Sie das Kind trotzdem? Nahezu jeder würde diese Frage mit Ja beantworten. Aber ist der reine Sichtkontakt mit dem Elend wirklich entscheidend für die moralische Abwägung? Jenseits des Gedankenexperiments leiden Menschen weiterhin unter Armut. Allein dass man – statt zu helfen – teure Schuhe gekauft hat (oder Drinks in Bars), macht schuldig.


Die beste Option ist, Geld zu spenden


In der Realität sind wir nicht mit einem einzigen Kind konfrontiert, sondern mit Millionen Notleidenden. Wenn das Extrem zur Normalität wird, nimmt die Hilfsbereitschaft ab. Das ist menschlich. Ich glaube, dass man als wohlhabender Mensch dennoch Verantwortung für Notleidende hat. Nicht nur, wenn das Elend vor unseren Augen geschieht. Wer in Berlin feiert und um das Elend syrischer Flüchtlinge weiß, hat die gleiche Verantwortung wie Partygänger in Beirut. Wie also reagieren? Die beste Option ist, Geld an eine karitative Organisation zu spenden. Meine Erfahrung zeigt aber, dass die Feiermeute von Mar Mikhaël das nicht tut. Das ist ihr eigentliches Versagen.“



Mehr zu den Themen: Flüchtlinge, Syrien

Kommentar verfassen

Ja, ich möchte eine Benachrichtigung per Mail erhalten, wenn es neue Kommentare zu diesem Artikel gibt.
* Bitte geben Sie einen Namen, unter dem Ihr Kommentar veröffentlicht wird, und eine gültige Mailadresse ein. Diese wird später nicht auf unseren Seiten zu sehen sein. Um Missbrauch zu vermeiden, senden wir Ihnen jedoch eine Mail mit einem Aktivierungslink - einfach anklicken und schon ist Ihr Beitrag online!

Mit der Abgabe eines Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.

Momentan sind zu dem Artikel "Darf ich vor bettelnden Kindern feiern?" keine Kommentare vorhanden.


Daten werden gesendet ...


Bitte geben Sie Ihren Namen an!


Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ung�ltig!


Bitte geben Sie eine Empf�nger-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ung�ltig!




* Pflichtfeld

» E-Mail versenden «
Hinweis: Ihre E-Mail-Adresse und die E-Mail-Adresse des Empf�ngers werden ausschlie�lich zu �bertragungszwecken verwendet und nicht gespeichert oder an Dritte weitergeben!