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Kommunikation Menschen reagieren eher auf Freudenschreie als auf Alarm-Schreie

Im Gegensatz zu anderen Primaten können Menschen aus voller Kehle schreien, wenn sie Freude fühlen. Das wiederum löst starke Gehirnaktivitäten bei ihren Mitmenschen aus
Im Gegensatz zu anderen Primaten können Menschen aus voller Kehle schreien, wenn sie Freude fühlen. Das wiederum löst starke Gehirnaktivitäten bei ihren Mitmenschen aus
© Krakenimages.com / Shutterstock.com
Der Schrei ist für moderne Menschen längst mehr als ein profanes Warnsignal - er ist das Ventil für unsere Emotionen. Wir schreien, wenn wir uns freuen, uns fürchten, leiden oder wütend sind. Jetzt fanden Forscher heraus: Freudenschreie kommen bei unseren Mitmenschen besonders deutlich an

Der menschliche Schrei ist kein plumper und eindimensional Laut, den wir von uns geben, im Gegenteil: Er ist fein chiffriert und kann Ausdruck ganz unterschiedlicher Gefühl sein.

Eskaliert ein Streit zwischen zwei Menschen, schreien sie sich wutentbrannt an. Wird ein Fußballer von seinem Gegenspieler brutal umgetreten, schreit er vor Schmerzen. Als Mario Götze jedoch das entscheidende Tor gegen Argentinien erzielte, das die deutsche Mannschaft zum Weltmeister machte, schrien Millionen Fans ihre Freude heraus. Stürzt ein Kletterer in die Tiefe, schreit er angsterfüllt, bis ihn sein Sicherungsseil auffängt. Welches entsetzliche Gefühl Edvard Munch mit Der Schrei ausdrücken wollte, bleibt bis heute das Geheimnis des Künstlers.  

Im Gegensatz zu anderen Primaten verwendet der moderne Mensch das Schreien nur noch selten als Alarmsignal, um zum Beispiel vor plötzlich auftauchenden Gefahren zu warnen. Viel häufiger schreien wir, weil wir unseren Emotionen Ausdruck verleihen wollen - wenn der Schmerz eines Verlustes „irgendwo hin muss“, wenn wir förmlich „platzen“ vor Freude oder eben „schreien könnten“ vor Wut.

Unser Gehirn ist aktiver, wenn wir Freudenschreie hören

Ein Team des Psychologischen Instituts der Universität Zürich hat eine ganze Palette emotionaler Schreie experimentell untersucht.  Zwölf Probanden wurden mit unterschiedlichen Szenarien konfrontiert, zum Beispiel sollten sie sich vorstellen, ein geliebter Mensch sei gestorben - oder aber ihr Lieblingsclub hat einen wichtigen Sieg errungen. Zwar schrien die meisten Menschen ähnlich, also laut und schrill, dennoch erkannten die Forscher feine Unterschiede im Klangbild. So teilten sie die menschlichen Emotionsschreie in sechs Typen ein: Schmerz, Wut, Angst, Vergnügen, Traurigkeit und Freude.

Dann folgte Teil zwei des Experiments: Die Forschenden spielten 23 unabhängigen Probanden die Aufnahmen dieser emotionalen Schreie vor und maßen währenddessen ihre Hinströme. "Überrascht hat uns, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer auf nicht-alarmierende und positive Schreie rascher, genauer und hinsichtlich ihrer Hirnaktivität empfindlicher reagierten, als wenn die Probanden schreiend Alarm schlugen", erzählt der Leiter der Studie, Prof. Sascha Frühholz. „Die Hirnareale im vorderen Großhirn, in der Hörrinde und im limbischen System waren bei erfreuten, beziehungsweise nicht alarmierenden Schrei-Rufen viel aktiver und stärker vernetzt als bei Alarm-Rufen.“

Schreien wir vor Freude, weil wir es uns erlauben können?

Diese Erkenntnisse ermöglichen laut dem Forscherteam einen neuen Blickwinkel auf die Funktion des menschlichen Schreis. Bisher schreibe man dem kognitiven System von Primaten und Menschen zu, Gefahr und Bedrohung vor allen anderen Signalen wahrzunehmen - was in Lebenswelten, die unmittelbar von wilden Raubtieren oder feindlichen Clans bestimmt waren, sehr sinnvoll erscheint. Doch im Gegensatz zu anderen Primaten könnte sich die Schrei-Kommunikation des Menschen im Verlauf der Evolution weiter diversifiziert haben, vermuten die Forscher.

"Sehr wahrscheinlich schreit nur der Mensch, um auch positive Emotionen wie große Freude und Vergnügen zu signalisieren. Und im Vergleich zu Alarm-Rufen sind die positiven Schreie mit der Zeit immer wichtiger geworden", sagt Frühholz.


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