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Bergwerkskatastrophe Grubenunglück von Luisenthal: Als eine Explosion 299 Bergleute das Leben kostete

Auf der Trauerfeier am 10 Februar 1962 in Völklingen nehmen die Menschen Abschied von den getöteten Bergleuten
Auf der Trauerfeier am 10 Februar 1962 in Völklingen nehmen die Menschen Abschied von den getöteten Bergleuten
© picture alliance / Heinz-Jürgen Göttert/dpa
299 Bergleute hatten keine Chance. Nach einer Explosion unter Tage kam das Feuer sekundenschnell - und damit der Tod. 60 Jahre nach dem schwersten Grubenunglück an der Saar wird der Opfer gedacht

Es war kurz nach der Katastrophe. Emilio Forner erinnert sich, wie er am Zechentor des Bergwerks Luisenthal eintraf: "Da war die Hölle los. Viele haben geschrien: Hast du meinen Mann gesehen, was ist mit meinem Bruder?" Dann wurden die ersten Verletzten herausgeholt, später die Toten. "Es war alles ganz schlimm", erzählt der frühere Bergmann (82). Das Grubenunglück vor 60 Jahren in Völklingen-Luisenthal war die größte Bergwerkskatastrophe seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland.

Am 7. Februar 1962 erschütterte gegen 7.45 Uhr eine Explosion in rund 600 Metern Tiefe das Abbaufeld Alsbachfeld des Steinkohlebergwerks. Gas und Feuer breiteten sich unter Tage blitzartig aus - 299 Männer starben, weitere 84 erlitten teils schwere Brandverletzungen. Was die Schlagwetterexplosion, also die Entzündung und "Abflammung" von Grubengas, ausgelöst hatte, ist nie geklärt worden.

Der damalige Ministerpräsident Franz-Josef Röder (CDU) sprach von einem "rabenschwarzen Tag für den saarländischen Bergbau und die Bevölkerung". Die gesamte Republik trauerte um die Bergleute. Beileidstelegramme aus aller Welt trafen in der saarländischen Stadt ein. Vom damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy bis hin zu Papst Johannes XXIII. reichte die Liste der Absender.

"Das Erinnern ist sehr wichtig, ja unabdingbar"

Zur Trauerfeier nahe der Zeche kam der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke. Er sprach die Abschiedsworte: "Nur Gott weiß, wie viel Tränen hier geflossen sind. Vergeblich warten zu müssen, wenn die anderen von der Schicht zurückkehren. Den Kindern sagen zu müssen, dass der Vater nie wieder nach Hause kommt." Die Toten wurden in Reihengräbern ihrer Gemeinden beigesetzt.

Auch dieses Jahr werden am 7. Februar im Gedenken 299 Kerzen für die Todesopfer angezündet, wie der Vorsitzende des Luisenthaler Bergmannsvereins, Armin Schmitt, sagt. Die Lichter werden an einer Gedenkstätte unweit der früheren Zeche in einem Mauerverband aus 299 Steinen mit extra dafür angelegten Hohlräumen platziert. Zudem werde ein Kranz niedergelegt und später ein Gottesdienst in Völklingen stattfinden.

"Das Erinnern ist sehr wichtig, ja unabdingbar", sagt der Präsident des Landesverbandes der Bergmanns-, Hütten- und Knappenvereine des Saarlandes, Bernd Mathieu. "Das machen wir jedes Jahr." Die Katastrophe wirke bis heute nach - bei den betroffenen Familien und den Menschen, die damals im Einsatz waren: "Die leiden alle unter posttraumatischen Belastungsstörungen."

Ein Unglück wie in Luisenthal hat es seitdem nicht mehr gegeben

Am Unglückstag waren 664 Bergleute im Alsbachfeld eingefahren. Die Detonation war heftig: Wettertüren wurden aus der Verankerung gerissen, der Schachtdeckel flog hoch und blieb im Gerüst hängen. Zunächst war das Ausmaß der Katastrophe unklar - die Rettungskräfte kamen aus der ganzen Umgebung. Die Zahl der Opfer schnellte immer weiter in die Höhe - Namenslisten brachten erst etliche Stunden später die traurige Gewissheit für Angehörige.

"Die Eindrücke vergisst man nie", sagt Schmitt. Sein Vater war damals bei der Grubenwehr und von einer Nachbargrube zum Unglücksort gerufen worden. Er habe immer wieder von den vielen Toten berichtet. Das Schlimmste für ihn sei gewesen, die vielen Angehörigen zu sehen, die an den Ausgängen über Tage auf ein Lebenszeichen ihrer Liebsten gewartet hätten - und zu wissen: "Unten hat keiner mehr überlebt."

Gerüchte, eine Zigarette oder die Glühwendel einer Bergarbeiterlampe, hätten das Gas entzündet, wurden nie bestätigt. Ein Unglück wie in Luisenthal hat es seitdem im deutschen Bergbau nicht mehr gegeben. Nach der Katastrophe wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft, etwa eine Überwachung der Methangas-Konzentration eingerichtet und Gesteinstaubsperren installiert - um Explosionen auszubremsen.

Die Kohleförderung in der Grube Luisenthal wurde 2005 eingestellt. Im Sommer 2012 lief der komplette Bergbau im Saarland nach mehr als 250 Jahren aus.

Emilio Forner war beim Grubenunglück 22 Jahre alt. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete er auch unter Tage, aber im von der Explosion drei, vier Kilometer entfernten Südfeld. "Wir haben da nichts mitbekommen, mussten aber alle dann auch schnell raus", sagt er. Als er nach der Katastrophe, keine Woche später, wieder zum Arbeiten in den Berg eingefahren sei, habe er anfangs Angst gehabt. "Es gab ja nur ein Thema. Und ich kannte einen Großteil der Toten."

dpa

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