Nachtschicht, wechselnde Arbeitszeiten und häufiger Jetlag gehören für viele Menschen zum Alltag. Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und ein gestörter Schlaf gelten dabei fast als unvermeidliche Begleiterscheinungen. Doch immer deutlicher zeigt sich: Ein Leben gegen die innere Uhr kann tiefer in die Biologie eingreifen als lange angenommen.
Eine neue Studie legt nun nahe, dass chronische Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus die Entstehung und Ausbreitung aggressiver Formen von Brustkrebs begünstigen können – zumindest im Tiermodell. Die Arbeit stammt von einem Forschungsteam um Tapasree Roy Sarkar an der Texas A&M University und wurde im Fachjournal "Oncogene" veröffentlicht. Sie liefert einen biologischen Hinweis darauf, wie ein dauerhaft gestörter Biorhythmus das Tumorwachstum beeinflussen könnte und warum Nachtarbeit seit Jahren im Verdacht steht, gesundheitliche Risiken zu erhöhen.
Die innere Uhr als Schutzsystem
Der zirkadiane Rhythmus ist weit mehr als ein Schlaf-wach-Takt. Nahezu jede Zelle des Körpers folgt einem 24-Stunden-Programm: Hormone werden zeitlich koordiniert ausgeschüttet, Gewebe regeneriert, das Immunsystem überwacht den Organismus nach festen Mustern. Gerät dieses System aus dem Takt, verliert der Körper einen Teil seiner inneren Ordnung.
Genau das untersuchten die Forschenden in einem etablierten Mausmodell für aggressiven Brustkrebs. Eine Gruppe lebte unter normalen Licht-Dunkel-Bedingungen, eine zweite unter künstlich verschobenen Lichtzyklen, die den Tag-Nacht-Rhythmus dauerhaft durcheinanderbrachten – vergleichbar mit chronischer Nachtarbeit oder häufigem Zeitzonenwechsel.
Das Ergebnis: Tiere mit gestörter innerer Uhr entwickelten Tumoren früher, und diese wuchsen aggressiver. Zudem bildeten sie deutlich häufiger Metastasen in der Lunge, ein entscheidender Faktor für die Prognose bei Brustkrebs.
Wenn das Immunsystem auf "Aus" schaltet
Besonders aufschlussreich war der Blick ins Tumorgewebe. Dort fanden die Forschenden die verstärkte Aktivität eines Moleküls namens LILRB4, eines Rezeptors, der als eine Art Bremse des Immunsystems wirkt. Unter normalen Bedingungen schützt er den Körper vor überschießenden Entzündungsreaktionen. In der Krebsumgebung jedoch kann diese Bremse zum Nachteil werden.
Bei gestörtem Biorhythmus war LILRB4 besonders aktiv. Das Immunsystem wurde gedämpft, Abwehrzellen verloren an Schlagkraft und der Tumor gewann an Spielraum. Blockierten die Forschenden diesen Rezeptor experimentell, verlangsamte sich das Tumorwachstum, und die Metastasierung nahm ab, selbst dann, wenn der zirkadiane Rhythmus weiterhin gestört blieb. Das legt nahe: Nicht nur die innere Uhr selbst, sondern auch ihre Immunfolgen könnten therapeutisch relevant sein.
Auch gesundes Gewebe verändert sich
Bemerkenswert ist ein weiterer Befund: Die Auswirkungen beschränkten sich nicht auf bestehende Tumoren. Auch das gesunde Brustgewebe der Tiere veränderte sich unter chronischer Rhythmusstörung. Seine Struktur und seine immunologische Umgebung verschoben sich messbar – nicht krankhaft, aber in einer Weise, die es anfälliger für spätere Tumorprozesse machte. Der gestörte Takt wirkte damit wie ein dauerhafter biologischer Stressor, der das Gewebe langfristig prägt.
Für die Forschenden ist das ein Hinweis darauf, dass zirkadiane Störungen nicht nur den Verlauf einer Krebserkrankung beeinflussen könnten, sondern möglicherweise auch deren Entstehungsbedingungen.
Was bedeutet das für den Menschen?
Wichtig ist: Die Ergebnisse stammen aus Tiermodellen. Sie beweisen keinen direkten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang beim Menschen. Doch sie fügen sich in eine wachsende Zahl epidemiologischer Studien, die Nacht- und Schichtarbeit mit erhöhten Risiken für Stoffwechselstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und bestimmte Krebsarten in Verbindung bringen.
Die Weltgesundheitsorganisation stuft Nachtarbeit seit Jahren als "wahrscheinlich krebserregend" ein. Die neue Studie liefert nun einen biologischen Mechanismus, der erklären könnte, warum das so ist.