Stellen Sie sich vor, Sie fahren Auto und fühlen sich plötzlich wie benommen. Da gelangen Sie in eine Polizeikontrolle. Nach dem Pusten zeigen die Polizisten auf das Display: mehr als zwei Promille. Sie beteuern wahrheitsgemäß, nichts getrunken zu haben, was die Polizisten Ihnen natürlich nicht glauben.
Diese Geschichte hat sich genau so ereignet. Der "betrunkene" Mann hatte keineswegs Alkohol zu sich genommen. Er leidet am Eigenbrauer-Syndrom (auf Englisch "Auto-Brewery Syndrome"). Der Name passt. Denn der Körper der betroffenen Menschen produziert selbst Alkohol im Darm. Was lustig klingt, bringt sie jedoch immer wieder in teils gefährliche Situationen. Was dabei genau im Körper vor sich geht, warum Pizza betrunken macht – und wen es treffen kann.
Was ist das Eigenbrauer-Syndrom?
Das Eigenbrauer-Syndrom ist nicht angeboren. Man kann es entwickeln, wenn bereits eine anderen Erkrankung des Darms vorliegt. Dessen Mikrobiologie ist dabei gestört, etwa durch ein schwaches Immunsystem oder nach der Einnahme von Antibiotika. Lange Zeit nahm man in der Forschung an, dass überschüssige Hefepilze (Saccharomyces cerevisiae) sich im Verdauungsorgan ansiedeln und durch eine starke Vermehrung eine alkoholische Gärung in Gang bringen – die Betroffenen sind wie betrunken.
Bakterien als Ursache?
Neue Untersuchungen machen hingegen eher Bakterien als Verursacher für das Eigenbrauer-Syndrom verantwortlich. Eine neue Forschungsarbeit, die in der Fachzeitschrift "Nature Microbiology" veröffentlicht worden ist, liefert für diesen Erklärungsansatz neue Hinweise und nennt dabei mögliche Behandlungsansätze.
Langfristig und unbehandelt verursacht das Eigenbrauer-Syndrom eine starke Belastung der Leber und kann sogar zu einer Zirrhose führen, die in 50 Prozent der Fälle tödlich enden kann. Außerdem setzen sich die unfreiwillig Alkoholisierten natürlich Gefahren aus, etwa beim Autofahren oder bei der Arbeit mit Maschinen.
Wie passiert im Körper? Wie lässt sich das Leiden behandeln?
Häufig kommt es zu dem Gärungsprozess nach dem Verzehr von kohlenhydrathaltigen Lebensmitteln wie Pizza oder Brot. Im Darm zersetzen Mikroorganismen Kohlenhydrate und produzieren dabei Alkohol. Während bei gesunden Menschen nur sehr geringe Alkoholmengen entstehen, die im Körper schnell wieder abgebaut werden, sorgen hingegen bei Menschen, die unter dem Eigenbrauer-Syndrom leiden, Darmbakterien wie Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae dafür, dass übermäßig viel Alkohol im Körper durch die Fermentation produziert wird, erklären die Forschenden der University of California Dan Diego in einer Pressemitteilung.
Das Team um Erstautorin Cynthia L. Hsu empfiehlt, das Eigenbrauer-Syndrom bei möglichen Betroffenen durch Stuhlproben anstelle von Bluttests diagnostizieren zu lassen. Dies sei einfacher. Zudem schlagen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Behandlungsweg vor, die Stoffwechselwege der Bakterien im Körper zu unterbinden.
Welche bekannten Eigenbrauer-Fälle gibt es?
Erstmals wurde 1972 in Japan über die Krankheit berichtet. Mittlerweile gibt es einige Dutzend Fallberichte in der medizinischen Literatur über das Eigenbrauer-Syndrom. Ärzte gehen davon aus, dass die Krankheit unterdiagnostiziert ist, was bedeutet: Es dürften viel mehr Menschen darunter leiden als offiziell festgestellt. Zudem könnten viele Menschen zu Unrecht als Alkoholikerinnen und Alkoholiker abgetan werden, was die Lebensqualität erheblich einschränkt. Insgesamt häufiger scheinen Männer als Frauen zu erkranken.
Hier einige Beispiele:
2001: Ein nur dreijähriges Mädchen mit Kurzdarmsyndrom ist nach dem Trinken eines kohlenhydratreichen Fruchtgetränks wiederholt betrunken. Dies äußert sich in bizarrem Verhalten, Schläfrigkeit, Orientierungslosigkeit. Ein Arzt vermutet, dass sie Alkohol missbraucht. Als sie nach einer Alkoholvergiftung untersucht wird, finden Ärzte in ihrer Magenflüssigkeit Hefepilze. Eine Behandlung mit Fluconazol (ein Mittel gegen Pilzinfektionen) beseitigt die Symptome.
2010: Ein Mann aus Texas (USA) leidet seit fünf Jahren unter seltsamen Beschwerden. Nach zwei Bier oder einer Praline mit Alkohol hat er 3,3 oder 4 Promille Alkohol im Blut, ist also sturzbetrunken. 2009 kommt er mit 3,7 Promille in die Notaufnahme, obwohl er keinen Alkohol getrunken hat. Ein Arzt stellt einen hohen Blutdruck und zu hohe Blutfettwerte fest. Tests ergeben, dass er Hefepilze im Stuhl hat. Der texanische Patient wird mit dem Pilzmittel Fluconazol behandelt und bekommt Bakterienkulturen verabreicht, um ein gesundes Darmmikrobiom wiederherzustellen. Nach zehn Wochen ist er durchgehend nüchtern.
2014: Ein 46-Jähriger aus Richmond (USA) klagt über Wesensveränderungen und Gedächtnisstörungen. Zudem hat er wegen Trunkenheit am Steuer immer wieder Ärger mit der Polizei, obwohl er beteuert, nichts getrunken zu haben. Die Uniklinik Richmond checkt ihn durch. Sein Dünndarm ist mit Hefepilzen besiedelt. Die Ärzte verordnen dem Pizza-Liebhaber eine strikt kohlenhydratarme Ernährung und ein Antipilzmittel. Nach eineinhalb Jahren kann er auch ohne Medikamente und Beschwerden wieder Brot und Pizza essen.
2024: Der aktuellste Fall kommt aus Brügge (Belgien). Ein Mann wird vor Gericht wegen wiederholten Fahrens unter Alkoholeinfluss (2,1 und 1,6 Promille) angeklagt. Eine ärztliche Untersuchung ergibt, dass der Angeklagte unter dem Eigenbrauer-Syndrom leidet. Der 40-Jährige wird freigesprochen.
Diesen Artikel haben wir zum ersten Mal im April 2024 veröffentlicht und im Januar 2026 wegen neuer Entwicklungen aktualisiert.