MRT-Studie Der BMI täuscht: Wie die Fettverteilung die Gehirnalterung beeinflusst

Wo im Körper sich Fettdepots eingelagert haben, spielt eine größere Rolle für die Gehirngesundheit als der BMI 
Wo im Körper sich Fettdepots eingelagert haben, spielt eine größere Rolle für die Gehirngesundheit als der BMI 
© ADragan / Getty Images
Nicht nur der BMI spielt eine Rolle dabei, wie das Gehirn altert und vor Abbau geschützt ist, auch die Verteilung von Körperfett beeinflusst neurodegenerative Risiken

Fett ist nicht gleich Fett. Es kommt darauf an, wo es lagert. Und der BMI als alleinige Risikoprognose sollte differenzierter betrachtet werden. Zu diesen Ergebnissen kommt eine im Fachblatt "Radiology" erschienene großangelegte Studie, die verschiedene Fettverteilungsmuster im MRT und das Risiko betrachtet hat, neurodegenerative Krankheiten des Gehirns zu entwickeln beziehungsweise früh neurologisch zu altern. 

Die Studie zeigt, dass es für die Gesundheit des Denkorgans nicht nur darauf ankommt, wie viel Körperfett jemand aufweist, ob er also etwa adipös und fettleibig ist, sondern vor allem darauf, wo die Depots im Körper eingelagert sind – als ungünstige Risikoprofile für beschleunigtes Altern, kognitiven Abbau und neurologische Erkrankungen gelten demnach insbesondere Fett in der Bauchspeicheldrüse (das pankreasbetonte Fettprofil) sowie ein "Skinny fat"-Muster mit viel innerem Fett bei teils noch schlankem BMI.

Die Forschenden nutzten umfangreiche Daten aus der britischen "UK Biobank" von 25.997 Erwachsenen. Diese beinhalteten MRT‑Aufnahmen von Gehirn, Herz und Bauch sowie weitere Gesundheitsinformationen. Aus den MRTs wurden acht verschiedene Fettmesswerte gewonnen (unter anderem Organfette wie Pankreas‑ und Leberfett sowie viszerales Fett), jeweils im Hinblick auf den BMI.

Sechs Fettverteilungsmuster 

Die Messwerte wurden zu sechs typischen Fettverteilungsmustern verdichtet, die bei Männern und Frauen getrennt ausgewertet wurden. Anschließend verglich das Team der wissenschaftlichen Autoren diese Profile mit Hirnvolumen, Veränderungen in der weißen Substanz, den erzielten Resultaten in kognitiven Tests und dem Auftreten neurologischer Erkrankungen – immer im Vergleich zu einem schlanken Referenzprofil mit günstiger Fettverteilung.

Das Fazit der Forschenden: Ein guter BMI kann trügen, wenn gleichzeitig inneres oder Organfett vorliegt, also ein stark risikobehaftetes Fettverteilungsmuster. Vor allem für zwei Phänotypen sensibilisiert die Studie: Das Bauchspeicheldrüsenfett und das "Skinny fat"-Profil verdienen Aufmerksamkeit im Rahmen der Gehirngesundheit. 

Besonders die Sensibilisierung für die Bauchspeicheldrüsenfettverteilung und deren neurodegenerative Folgen im Gehirn wurde bisher wenig diskutiert. Auch wenn die Zusammenhänge nicht gänzlich medizinisches Neuland und die skinny fat-Typen bereits länger für kardiovaskuläre Erkrankungen im Gespräch sind, so ist die datengetriebene Methodik interessant. 

 "Unsere Arbeit nutzte die Fähigkeit des MRT, Fett in verschiedenen Körperbereichen, insbesondere inneren Organen, zu quantifizieren, um ein datenbasiertes statt subjektives Klassifikationssystem zu erschaffen“, sagt Dr. Kai Liu, einer der Autoren. 

Risikoprognose mittels MRT

Die Bildgebung erlaubte den Forschenden phänotypische Risikoprognosen: Im Vergleich zum schlanken Referenzprofil zeigten Personen mit pankreasbetontem und Skinny‑fat‑Profil einen ausgeprägten Verlust grauer Hirnsubstanz (Hirnatrophie), mehr weiße Substanzschäden ("white matter hyperintensities"), Zeichen beschleunigter Gehirnalterung und schlechtere Ergebnisse in kognitiven Tests sowie ein erhöhtes Risiko, einen Schlaganfall oder andere neurodegenerative Erkrankungen zu entwickeln.

Bestimmte Fettverteilungsmuster könnten demnach, so legt die "Radiology"-Studie nahe, als Warnsignal für Gehirngesundheit begriffen werden – auch wenn der BMI unauffällig ist. 

Die Bauchspeicheldrüse befindet sich als wichtiges Organ im Oberbauch. Sie produziert Verdauungsenzyme und reguliert den Blutzuckerspiegel, etwa über das Hormon Insulin 
Die Bauchspeicheldrüse befindet sich als wichtiges Organ im Oberbauch. Sie produziert Verdauungsenzyme und reguliert den Blutzuckerspiegel, etwa über das Hormon Insulin 
© FGWDesign / Adobe Stock

Fett der Bauchspeicheldrüse beeinflusst allgemein die Insulinproduktion und kann diese wie auch die Verdauung stören: Eine verfettete Bauchspeicheldrüse kann bei einem genetischen Risiko für Typ‑2‑Diabetes die Insulinabgabe aus der Bauchspeicheldrüse verschlechtern. Besonders kritisch ist die Lage bei einer gleichzeitigen Fettleber. 

Die neue Studie zu den Fettmustern zeigt, dass Bildgebung zum Instrument werden könnte, um ein erhöhtes neurologisches Risikoprofil früh zu erkennen. Doch gleichzeitig stellt sich die Frage der Prävention und danach, wie sich gespeichertes Bauchspeicheldrüsenfett wieder abbauen lässt. Was ein Mensch mit einer verfetteten Bauchspeicheldrüse tun kann, ist klar nicht Gegenstand der neuen Studie.

Nichtsdestotrotz gibt es bereits Studienerkenntnisse zu Pankreasfett und zur Reduktion von Organfett, aus denen sich bestimmte Lebensstilmaßnahmen ableiten lassen. Wenig überraschend ist eine kalorienreduzierte Ernährung der zentrale Hebel. Spezifische Medikamente, die selektiv Pankreasfett allein angreifen, gibt es bisher nicht. 

Auch ein chirurgischer Eingriff ist denkbar und kann eine wirksame Methode zur Senkung des Fettanteils in der Bauchspeicheldrüse sein. Jedoch ist ein solcher Eingriff für die meisten Personen nicht angeraten. Diäten bilden generell das Fundament eines gesunden Stoffwechsels und reduzieren auch Pankreasfett. 

Präventiv wirkt sich daher eine Ernährung aus, bei der vor allem wenig hochverarbeitete Lebensmittel und wenig Industriezucker und Industriefette auf dem Teller landen. Stattdessen sollte sie reich an pflanzenbasierten Lebensmitteln sein, über ausreichend Ballaststoffe und viele wertvolle mehrfach ungesättigte Fettquellen verfügen. Diese stecken in Nüssen, Samen, pflanzlichen Ölen und in fettem Fisch wie Lachs oder Makrele. 

Muskeln und Gehirngesundheit 

Insgesamt ist eine Kombination aus gesunder Ernährung und Bewegung zu empfehlen – Bewegung allein aber, so viel ist inzwischen erforscht, kann eine ungesunde Fettverteilung nicht regulieren. Zudem zeichnet sich in jüngerer Zeit ab, dass nicht allein der oft empfohlene Ausdauersport ein Elixier für das Gehirn ist, sondern zusätzlicher Muskelaufbau: Aktive Muskeln fördern einen Nervenwachstumsfaktor namens BDNF, und der wirkt wie ein Jungbrunnen für das Gehirn. Er lässt neue Nervenzellen sprießen.