Interview Sekundäres Ertrinken: Das ist dran an dem Phänomen

In den Medien häufen sich Berichte von Kindern, die kurze Zeit nach einem Badetag versterben. Das sogenannte „Sekundäre Ertrinken“ sorgte bei vielen Eltern für große Besorgnis. Wir haben mit Prof. Dr. Peter Radke, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Kardiologie, über das Thema gesprochen
Kind am Meer

Wer sich mit Kindern in Wassernähe aufhält, sollte sie auch für die Gefahren sensibilisieren

GEO.de: Der Begriff des "Sekundären Ertrinkens" hält sich hartnäckig. Was wird unter diesem Begriff allgemein verstanden?

Prof. Dr. Peter Radke: Der Begriff beschreibt das Phänomen, dass im Nachgang an einen Bade- oder Ertrinkungsunfall ein Mensch stirbt - gar nicht an dem Ertrinken selber, sondern an einer Folge des Wasseratmens.

Der Ausdruck gewann vor einiger Zeit besondere Bekanntheit, weil Einzelfälle von Kindern durch die Presse gingen, die einige Tage nach einem Badeunfall plötzlich Zuhause verstarben. Das sind jedoch glücklicherweise sehr wenige - weniger, als die Berichte in den Medien suggerieren.

Weltweit ertrinken jährlich rund 372.000 Menschen, vor allem in Asien und Zentralafrika. In Deutschland sterben jährlich etwa 500 Menschen durch Ertrinken. Die meisten davon sind zwischen 21 und 90 Jahren und sterben im Krankenhaus – entweder in Folge einen schweren hypoxischen Hirnschadens oder eines Herz-Kreislauf-Versagens. Unter den restlichen Todesfällen der 0 bis 20-jährigen (71 Fälle im Jahr 2018), sind die Fälle, in denen Kinder zuhause plötzlich tot im Bett liegen, extrem selten.

Warum wird der Begriff "Sekundäres Ertrinken" heute nicht mehr verwendet?

Es gibt zwei Hauptgründe, warum der Begriff „Sekundäres Ertrinken“ heute nicht mehr benutzt wird – der eine ist streng definitorisch, der andere vor allem inhaltlich begründet.

Zum einen ist es in der Medizin üblich, Krankheitsbilder bestmöglich und zweifelsfrei zu definieren – also weltweit einheitliche Standards zu bilden, damit man diagnostische und therapeutische Behandlungsverfahren gut miteinander vergleichen kann.

Diese Klassifizierung geschieht nach dem sogenannten ICD-Schlüssel (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) der Weltgesundheitsorganisation. Das ist der Code, den man zum Beispiel auch auf den gelben Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen findet.

Anfang der 2000er Jahre hat die WHO auch das Ertrinken nach diesem Prinzip klar definiert: Es werden das tödliche und das nicht-tödliche Ertrinken unterschieden. Alle anderen Begriffe - darunter beispielsweise das „Trockene Ertrinken“ und auch das „Sekundäre Ertrinken“ – sollen vermieden werden, um eine Vereinheitlichung herstellen zu können, und weil sich diese nicht zweifelsfrei klassifizieren lassen.

Zum anderen suggeriert der Begriff „Sekundäres Ertrinken“, dass eine Person tatsächlich einen Ertrinkungsunfall gehabt hat.

Prof. Dr. Peter Radke, Ärztlicher Direktor der Schön Klinik Neustadt

Prof. Dr. Peter Radke, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Kardiologie an der Schön Klinik Neustadt

Was wird aus ärztlicher Sicht denn stattdessen angenommen?

Ich glaube, dass die Gründe für diese sehr wenigen, dennoch tragischen Todesfälle ganz unterschiedlich sind. Oft bleibt auch unklar, woran eine Person, die in zeitlicher Nähe zu einem Aufenthalt im Wasser verstarb, wirklich gestorben ist.

Ein Kind beispielsweise muss gar nicht zwingend einen beinahe tödlichen Ertrinkungsunfall erlebt haben. Auch eine Blutvergiftung, die infolge des Badens im keimbelasteten Wasser eines Badesees entstanden ist, oder eine unbehandelte Lungenentzündung wegen zu kalter Wassertemperaturen, können im schlimmsten Fall zum Tod führen.

Sollte man sich eher um das "normale Ertrinken" Gedanken machen?

Absolut! Menschen, die nach einem Ertrinkungsunfall sterben, sind absolute Ausnahmefälle. Die meisten Menschen haben einen Badeunfall und von denen benötigen nur etwa sechs Prozent im Anschluss ärztliche Hilfe. Und die allermeisten Menschen, die einen Ertrinkungsunfall hatten, werden danach ins Krankenhaus gebracht und versorgt.

Welche Mengen an Wasser sind riskant?

Schon sehr geringe Mengen Wasser können für den Menschen gefährlich werden. Unerwartet eingeatmetes Wasser kann zum Beispiel einen Stimmenritzenkrampf verursachen, der relativ schnell zum Tod führt. Dabei verkrampft sich die Stimmritze des Kehlkopfes, wodurch die Atemwege blockiert werden und der Mensch erstickt.

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Wie lässt sich das Ertrinkungsrisiko senken?

Schwimmen lernen und lernen, im Wasser zu überleben! Das beinhaltet auch das Tauchen und die Fähigkeit, unter Wasser nicht in Panik zu verfallen. Allgemein wird davon ausgegangen, dass 85 Prozent der Ertrinkungsfälle durch edukative Maßnahmen wie Schwimm- und Tauchtrainings hätten vermieden werden können. Global gesehen ist die oft fehlende Schwimmausbildung ein riesiges Problem.

In Deutschland ist der Schwimmunterricht in der Schule darum ein gutes und wichtiges Instrument. Bereits Kinder lernen beim Erwerb der Schwimmabzeichen des DLRG (Seepferdchen, Bronze, Silber, Gold), sich im Wasser und besonders auch unter Wasser zurecht zu finden.

Und nicht zuletzt sind das Aneignen von Baderegeln und Maßnahmen der Selbstrettung, die ebenfalls Teil der Schwimmausbildung sind, ungemein wichtig. Wenn alle eine solche Schwimmschule durchlaufen würden, könnte die Opferzahl sicherlich weiter reduziert werden.

Auf welche Symptome sollten Eltern bei ihren Kindern nach einem Badetag achten?

Kinder - und natürlich auch alle anderen Personen - die beinahe ertrunken sind, sollte man immer direkt beim Arzt vorstellen. Jemanden, der zwar keinen Unfall hatte, aber nach einem Badetag plötzlich Fieber bekommt und lethargisch wird, sollte ebenfalls zum Arzt.

Doch insgesamt lauern die Gefahren für Kinder am See oder am Strand ja nicht nur im Wasser. Eltern sollten sich zum Beispiel auch immer über Sonnenschäden bewusst sein – ein Hitzschlag beispielsweise ist wirklich sehr gefährlich.