VG-Wort Pixel

Biomarker Forschungsteam findet offenbar die Ursache für den Plötzlichen Kindstod

Schlafendes Baby
Die wirksamste Maßnahme gegen den plötzlichen Kindstod ist, das Baby zum Schlafen auf den Rücken zu legen
© Petra Fischer - Adobe Stock
Der Plötzliche Kindstod, bei dem ein gesundes Baby vollkommen unerwartet verstirbt, stellte die Forschung lange Zeit vor Rätsel. Nun haben australische Wissenschaftlerinnen offenbar ein Enzym als Ursache entdeckt

Wenn ein Säugling völlig unerwartet im Schlaf verstirbt, spricht man vom Plötzlichen Kindstod – international SIDS für "sudden infant death syndrome" abgekürzt. Im Jahr 2020 starben in Deutschland 84 Babys am Plötzlichen Kindstod, die meisten Todesfälle ereigneten sich Statistiken zufolge zwischen dem 2. und 5. Lebensmonat.

Zwar konnten im Laufe der Jahre bestimmte Risikofaktoren identifiziert und die Zahl der Todesfälle durch eine konsequente Aufklärung von Eltern und Betreuungsperson gesenkt werden, doch bei der Suche nach dem Auslöser stand die Forschung seit jeher vor einem Rätsel.

Enzym als Ursache für den Plötzlichen Kindstod

Australische Wissenschaftlerinnen haben nun einen interessanten Fund gemacht, sie haben offenbar eine häufige Ursache für den Plötzlichen Kindstod gefunden. Schuld am Plötzlichen Kindstod ist laut einer Studie, deren Ergebnisse in der Fachzeitschrift "eBioMedicine", einem Ableger der renommierten Fachzeitschrift "The Lancet", veröffentlicht wurden, das Enzym Butyrylcholinesterase (BChE).

Dieses Enzym hat einen großen Einfluss auf die Kommunikation des Gehirns. Ist das Enzym Butyrylcholinesterase im Gehirn eines Säuglings nicht aktiv genug, könne dieser Umstand laut den Forscherinnen dazu führen, dass das Baby nicht automatisch aufwacht, sollte die Atmung aussetzen. Das erkläre, warum Säuglinge beim Plötzlichen Kindstod fast immer im Schlaf versterben.

Das Forschungsteam um Dr. Carmel Therese Harrington konnte bei den untersuchten Kindern, die am Plötzlichen Kindstod verstarben, eine deutlich geringere Aktivität dieses Enzyms nachweisen als bei lebenden Babys oder bei Kleinkindern, die aufgrund anderer Ursachen verstorben waren.

Für ihre Studie untersuchten die Wissenschaftlerinnen die getrockneten Blutproben von 67 Babys, die im Alter zwischen einer Woche und zwei Jahren gestorben waren, und verglichen diese mit Proben gesunder Babys.

Verband der Kinder- und Jugendärzte: "Noch kein Durchbruch"

"Das ist eine sehr interessante Studie, die natürlich durch andere Untersuchungen erst noch bestätigt werden muss", sagte Jakob Maske, Pressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), am Dienstag dem Westdeutschen Rundfunk (WDR). "Sollte sich das Fehlen dieses Enzyms tatsächlich als Ursache herausstellen, birgt dies natürlich hervorragende Möglichkeiten für eine Prävention. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man den Enzym-Mangel durch Ergänzung tatsächlich beheben kann."

Gleichzeitig schränkte der BVKJ-Sprecher Jabob Maske aber gegenüber dem WDR ein: "Dies jetzt schon als Durchbruch zu bezeichnen, halte ich für verfrüht, bevor nicht eine unabhängige Bestätigung, die auch finanziell unabhängig ist, vorliegt."

Wissenschaftlerin Carmel Therese Harrington treibt persönliche Geschichte an

Die australische Biochemikerin Carmel Therese Harrington forscht seit mittlerweile 30 Jahren zum Plötzlichen Kindstod. Sie verbindet damit eine traurige persönliche Geschichte. Im Jahr 1992 verlor sie ihren Sohn durch den Plötzlichen Kindstod, drei Jahre später verstarb das Kind einer guten Freundin.

Aufgrund dieser Erlebnisse fasste Harrington den Entschluss, ihr Leben der Ursachenforschung zu widmen, so beschreibt sie es auf einer Fundraising-Webseite, auf der sie um Spenden für ihre Forschung bittet, weil die bereitgestellten Forschungsgelder allein nicht ausreichten, um die Suche voranzutreiben. Nun haben sich die Spenden offenbar ausgezahlt.

Forschungsteam arbeitet an einem Screening-Test

Die Ergebnisse, die das australische Forschungsteam mit seiner Studie geliefert hat, bieten neue Möglichkeiten in der Medizin. So könnten künftig Säuglinge mit einem Risiko für den Plötzlichen Kindstod schon frühzeitig identifiziert werden, indem man das Enzym BChE als Biomarker nutzt.

Die australischen Wissenschaftlerinnen wollen sich nun diesen Lösungen widmen und einen Screening-Test entwickeln, um Risiko-Babys zu finden und ihr Überleben sicherzustellen. Damit dürfte nicht nur der Medizinforschung geholfen werden, sondern auch zahllosen Eltern. Für Eltern, deren Kinder am Plötzlichen Kindstod gestorben seien, und die noch immer darunter litten, sei das eine wichtige Entdeckung, sagte Carmel Therese Harrington in einem Interview mit ABC NEWS.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Artikels haben wir die Entdeckung des Enzyms BChE verfrüht als einen medizinischen Durchbruch bezeichnet. Wir haben die Einschätzung und Anmerkungen des Verbands der Kinder- und Jugendärzte hierzu ergänzt.


Mehr zum Thema