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70 Jahre Kriegsanfang Wie der Koreakrieg zum Kräftemessen der Supermächte wurde

Als das kommunistische Nordkorea im Juni 1950 Südkorea überfällt, glaubt Washington an den Beginn einer globalen Offensive. Denn Moskau unterstützt die Aggression. Und so eskaliert mit dem Koreakrieg ein lokaler Krieg zum ersten großen Waffengang des Kalten Krieges
Wie der Koreakrieg zum Kräftemessen der Supermächte wurde

Was als lokaler Krieg begann, entwickelte sich zur internationalen Krise und ließ über 100.000 elternlose und heimatlose Kinder in Korea zurück

Eisiger Wind streicht am 27. November 1950 über den Changjin-Stausee in Nordkorea. Als die Sonne hinter den umliegenden Bergen versinkt, zeigt das Thermometer minus 29 Grad Celsius an. Mit Feldspaten schlagen Männer der 1. US-Marine-Division Kuhlen in den Boden, um etwas Schutz für die Nacht zu finden. Die meisten der rund 14 000 Soldaten, die am Westufer des Sees kampieren, müssen im Freien ausharren.

Über eine schmale Bergpiste sind sie mit Panzern, Trucks, Jeeps und Artilleriegeschützen zu dieser Hochebene vorgedrungen: als Teil einer internationalen UN- Streitmacht, die das kommunistische Nordkorea besiegen will.

Vom Stausee aus wollen die UN-Soldaten bis zur 120 Kilometer entfernten Grenze Nordkoreas mit China vorstoßen und sich dort mit der 8. US-Armee vereinen, die gemeinsam mit südkoreanischen Truppen bereits Wochen zuvor Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang erobert hat. So soll nun auch der Rest des Landes eingenommen werden.

GEO Epoche Nr. 91
GEO Epoche Nr. 91
Der Kalte Krieg
GEO Epoche berichtet in dieser Ausgabe über den Kalten Krieg (1947-1991) und das Kräftemessen der Supermächte im Schatten der Atombombe

An Weihnachten wird der Krieg auf der koreanischen Halbinsel beendet sein, hat Oberkommandeur Douglas Mac Arthur den Männern versprochen. Doch da irrt der Fünf-Sterne- General. Als die Nacht hereinbricht, trägt der Nordwind fremdartige Klänge in das Camp auf der Westseite des Sees: Signalhörner und Pfeifentöne, dazu Kriegsgesänge. Und schließlich das Geräusch von Stiefeltritten im Schnee: Im fahlen Licht des Mondes stürmen Tausende chinesische Soldaten in weißen Tarnumhängen von den Berghängen herab.

Mit Maschinengewehren, Granaten und Mörsern feuern die Marines auf die Schatten. Immer wieder formieren sich die Chinesen zu Angriffswellen. Trotz schwerster Verluste. Erst im Morgengrauen ziehen sie sich zurück. Und lassen Hunderte Verwundete und gefrorene Leichen auf den kahlen Hügeln liegen.

Einer Schätzung zufolge sind mehr als 600 Marines gefallen oder verletzt worden. Andere haben so schwere Erfrierungen erlitten, dass sie nicht mehr einsatzfähig sind. Manche Männer hingegen, denen in der Nacht eine Granate einen Arm oder ein Bein abgerissen hat, überleben nur wegen der Kälte – weil das Blut bei den Minusgraden in ihren Wunden erstarrt ist.

Die fatale Fehleinschätzung des General Douglas MacArthur

Im ersten Tageslicht wird klar: Auch die UN-Stellungen im Osten des Stausees sind attackiert worden. Etwa 60 000 chinesische Soldaten sind rund um das Wasserreservoir aufmarschiert. Die Kämpfer der Vereinten Nationen sitzen in der Falle. Zwar sind sie bereits am Vortag bei einer Offensive gegen die Chinesen auf überraschend starke Gegenwehr gestoßen, sind andere Einheiten in Nordkorea in den vergangenen Tagen massiv attackiert worden. Doch erst jetzt wird das Ausmaß der Bedrohung offenbar.

Noch am Abend lässt General Douglas MacArthur, der die UN-Truppen in Korea vom rund 1000 Kilometer entfernten Hauptquartier in Tokyo aus führt, seine Kommandeure zu einer Besprechung nach Japan einfliegen. MacArthur, ein hochdekorierter Held des Zweiten Weltkriegs, hatte es für ausgeschlossen gehalten, dass Chinas kommunistischer Führer Mao Zedong mit größeren Truppenkontingenten in den Krieg auf der koreanischen Halbinsel eingreifen werde.

Eine fatale Fehleinschätzung, wie sich nun zeigt. MacArthur sendet ein Telegramm nach Washington: „Wir sehen uns einem völlig neuen Krieg gegenüber“, lässt er die US-Stabschefs wissen. Chinas Ziel sei „die völlige Vernichtung der UN-Truppen in Korea“. In Washington lösen die Nachrichten Entsetzen aus. Denn die US-Regierung um Präsident Truman ist davon überzeugt, dass Mao im Bunde mit einem viel mächtigeren und gefährlicheren Gegner agiert: dem Sowjetdiktator Stalin.

Drei Tage nach Ausbruch der Gefechte am Changjin-Stausee tritt Truman vor die Presse und erklärt, er sei bereit, alle verfügbaren Mittel einzusetzen, um die Lage in Korea zu stabilisieren. Auf die Frage eines Reporters, ob dies die Atombombe einschließe, entgegnet der Präsident: „Jede Waffe, die wir haben. “

Auf der koreanischen Halbinsel tobt seit einem halben Jahr der erste große Kampf des Kalten Krieges. Falsche Annahmen, Missverständnisse, mangelnde Kommunikation sowie gegenseitiges Misstrauen haben den Konflikt immer weiter eskalieren lassen. Und so schickten schließlich fast 20 Nationen Soldaten in einen Krieg, den die Staatschefs in Washington und Moskau eigentlich hatten vermeiden wollen.

Korea zwischen USA und UdSSR

Fünf Jahre zuvor, im Sommer 1945, kämpfen USA und UdSSR in Fernost noch als Alliierte gemeinsam gegen Japan. Am 8. August marschiert die Rote Armee in den Norden der koreanischen Halbinsel ein, die zu jener Zeit noch Teil des japanischen Kolonialreichs ist. Als Tokyo knapp einen Monat später kapituliert, besetzen US-Truppen den Süden Koreas.

Moskau und Washington haben sich bereits im Februar darauf geeinigt, das Land in zwei Interessengebiete zu teilen. Die Grenze zwischen den beiden Besatzungszonen ziehen sie nun entlang des 38. Breitengrades.

Die Amerikaner messen Korea mit seinen 30 Millionen Einwohnern keinen hohen strategischen Wert zu; wichtiger ist für sie das fast doppelt so große Japan. Die US-Regierung will daher in ganz Korea Wahlen unter UN-Aufsicht abhalten lassen und sich dann zurückziehen. Doch dazu kommt es nicht. Denn Stalin will die Chance nutzen, in Korea, das an den Südosten der UdSSR grenzt, einen sowjetfreundlichen Staat zu etablieren. Im Oktober 1945 verhilft er im Norden der Halbinsel einem 33-jährigen Exilanten an die Macht: dem Kommunisten Kim Il-sung.

Kim, 1912 in Korea geboren, ist als Kind mit seiner Familie aus dem von Japan besetzten Land in die Mandschurei geflüchtet. Im Untergrund gründete er eine kommunistische Jugendorganisation mit, führte Guerillaoperationen gegen die Japaner an, zog sich später in den Südosten der UdSSR zurück.

1945 kehrt Kim als Major der Roten Armee nach Korea zurück. Er ist pragmatisch, skrupellos – und Stalin treu ergeben. Mit Moskaus Unterstützung entledigt er sich nach und nach seiner Rivalen, leitet 1946 eine Bodenreform ein, verstaatlicht Banken, Industrien und Eisenbahnen und errichtet einen sozialistischen Einparteienstaat.

Am 9. September 1948 ruft Kim Il-sung in Pjöngjang die „Volksrepublik Korea“ aus und wird ihr Staatschef.

Im Süden ist kurz zuvor der ebenfalls aus dem Exil heimgekehrte 73-jährige Syngman Rhee mit Unterstützung der USA an die Macht gelangt, ein eiserner Antikommunist. Bei Wahlen erringt Rhees rechtsgerichtete Partei zwar keine Mehrheit, aber die meisten Stimmen – sämtliche linke Gruppierungen sind zuvor verboten, Tausende Demonstranten verhaftet worden. Eine Nationalversammlung wählt Rhee zum Präsidenten, und am 15. August 1948 proklamiert er offiziell die „Republik Korea“.

Wie der Koreakrieg zum Kräftemessen der Supermächte wurde

Eine herzliche Begegnung zwischen dem General MacArthur und dem südkoreanischen Präsidenten Dr. Syngman Rhee auf der Kimpo Air Force Base

Zwei Herrscher hegen einen gemeinsamen Traum

Die zwei Staatsführer trennen ideologisch Welten, doch beide träumen von der Wiedervereinigung ihrer Länder – notfalls mit Gewalt. Syngman Rhee fehlen dazu allerdings die militärischen Mittel. Zwar haben die USA mit der Staatsgründung im Süden sämtliche Macht an die Regierung in Seoul abgetreten, ihre Truppen abgezogen und sich auf die Rolle des einflussreichsten politischen und wirtschaftlichen Partners beschränkt.

Doch zugleich sorgt Washington dafür, dass Rhee, der einen korrupten und autoritären Polizeistaat errichtet und sich auf Kollaborateure aus der japanischen Besatzungszeit stützt, nur ein Heer von 100 000 Mann und eine veraltete Luftwaffe zur Verfügung stehen – aus Furcht, der Südkoreaner könne sonst einen Krieg anzetteln.

Die US-Führung will unbedingt vermeiden, durch ihren Verbündeten in eine Auseinandersetzung gezogen zu werden, die sich rasch zum Waffengang mit der Sowjetunion ausweiten könnte.

Im Norden dagegen nimmt Kim an, dass der Süden, je länger er selbst mit einem Militärschlag wartet, nur stärker wird. Doch für den Angriff braucht er die Zustimmung seines Patrons Stalin. Als Anführer eines Satellitenstaats am Rande des sowjetischen Imperiums darf er nicht auf eigene Faust handeln.

Im März 1949 reist der nordkoreanische KP-Chef nach Moskau und bittet den sowjetischen Diktator, ihm einen Vorstoß nach Süden zu genehmigen.

Kim ist militärisch überlegen und von einem schnellen Sieg überzeugt (wie das heute zugängliche Protokoll der Unterredung zeigt). „Darüber hinaus werden wir sicherlich auch von Südkoreanern unterstützt, die das Regime Syngman Rhees hassen“, erklärt er.

Stalin wartet auf den richtigen Zeitpunkt

Doch Stalin zögert. Er fühlt sich noch an die Absprachen mit den USA gebunden. Zudem fürchtet er, dass Washington bei einem Angriff Kims militärisch intervenieren könnte.

Anfang 1950 aber ändert er seine Meinung. Grund ist die gewandelte internationale Lage. Zum einen haben Chinas Kommunisten unter Mao Zedong ihren jahrelangen Bürgerkrieg gegen die Truppen der nationalistischen, von den USA unterstützten Guomindang gewonnen und am 1. Oktober 1949 in Beijing eine Volksrepublik ausgerufen.

Das kommunistische Lager ist damit mächtiger als je zuvor.

Zum anderen haben sowjetische Wissenschaftler erst wenige Monate zuvor eine Atombombe gezündet. Zwar verfügt Moskau – anders als die USA – nur über wenige weitere Nuklearsprengköpfe, aber das wird sich bald ändern.

Und schließlich beruht Stalins Zustimmung zu Kims Angriffsplan auf einer Fehleinschätzung: Er glaubt zu wissen, dass die USA auf der koreanischen Halbinsel nicht militärisch eingreifen werden.

Die Vereinigten Staaten haben dieses Missverständnis selbst befördert: Am 12. Januar 1950 zählt US-Außenminister Dean Acheson in einer Rede jene Ge biete in Fernost auf, die für die Sicherheit der Vereinigten Staaten von strategischer Bedeutung seien. Der Chefdiplomat nennt Japan und die Philippinen, lässt Korea aber unerwähnt. Stalin deutet das als einen Hinweis – auch wenn Achesons Auslassung sicher nicht so gemeint war.

Foto: picture alliance / akg-images, Brandeburger Tor
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In Washington wächst die Angst vor dem Kommunismus

Denn in Wirklichkeit ändert sich Washingtons Lageeinschätzung gerade. Eine Analyse des Nationalen Sicherheitsrates entwirft ein bedrohliches Bild der internationalen Situation: Das Ziel der Sowjetführer sei „die völlige Unterwerfung oder gewaltsame Zerstörung des Regierungsapparates und der Gesellschaftsstruktur in den Ländern der nichtsowjetischen Welt und ihre Ersetzung durch ein dem Kreml ergebenes System“.

Das Papier verschärft in Washington das Gefühl einer allgegenwärtigen Bedrohung durch den Kommunismus.

Zwar existieren diplomatische Beziehungen zwischen den Supermächten, doch es herrscht tiefes Misstrauen. Daher gibt es weder direkte Gespräche auf Regierungsebene noch einen regelmäßigen Austausch zwischen den Botschaftern. Häufig kommt es zu Missverständnissen: eine verhängnisvolle Konstellation. Denn eigentlich müssen sich beide Seiten darauf verlassen können, die Signale des Gegners richtig zu deuten.

Stalin etwa geht es vermutlich darum, in Korea zu testen, wie weit er den Westen herausfordern kann – um die USA von Europa, das für den Kreml strategisch weitaus wichtiger ist, abzulenken und seine Machtposition zu stärken.

Am 9. Februar 1950 erlaubt der Kremlchef Kim Il-sung den Angriff. Seine einzige Bedingung: Er werde Kim nicht beistehen, sollten die USA in Südkorea doch eingreifen. „Falls euch die Amerikaner niedermachen, rühre ich keinen Finger“, erklärt er brüsk.

Kim Il-sung sichert sich die Unterstützung Chinas

Einen Krieg mit den USA will er nicht – dafür sieht er sein Land noch nicht gut genug gerüstet. Aber er hat eine Idee: Notfalls solle ein anderer Verbündeter aus dem kommunistischen Lager den Nordkoreanern helfen. „Ihr müsst Mao um Hilfe bitten“, sagt er zu Kim.

Damit verfolgt Stalin gleich zwei Ziele: Zum einen vermeidet er einen Krieg mit den USA, zum anderen isoliert er den chinesischen KP-Chef, macht ihm eine Annäherung an den Westen unmöglich – und bindet ihn fester an sich.

Mitte Mai 1950 reist Kim Il-sung zu einem Geheimtreffen nach Beijing und berichtet Mao von Moskaus Weisung. Zu jener Zeit akzeptiert der Chinese noch uneingeschränkt Stalins Autorität und betrachtet ihn als „ältesten Bruder“. Kim gibt sich bei dem Gespräch siegesgewiss: Er werde keine Unterstützung benötigen, versichert er Mao. Den Feldzug könne er binnen Wochen abschließen. So bliebe den Amerikanern gar nicht erst Zeit, Truppen zu entsenden, falls sie doch eingreifen wollten.

Mao teilt die Zuversicht zwar nicht, sagt den geforderten Waffengang für den Notfall aber zu. Eigentlich will auch er keinen Krieg auf der Halbinsel führen. Aber Kim hat ihn im chinesischen Bürgerkrieg mit 14 000 Mann unterstützt. Und Mao hält eine militärische Auseinandersetzung mit dem imperialistischen Westen ohnehin für unausweichlich. Zudem verspricht er sich von dem Pakt einen Prestigegewinn für China und die kommunistische Sache.

Vorstoß bis nach Seoul binnen eines Tages

Nach der Übereinkunft in Beijing erklärt Stalin am 10. Juni 1950 seine endgültige Zustimmung zum Angriffsplan. Auch schickt er Kim Hunderte Panzer, Artilleriegeschütze sowie moderne Kriegsflugzeuge und sogar einige Düsenjäger: sein Beitrag, um Korea unter kommunistischer Herrschaft zu vereinen.

Rund 100 000 nordkoreanische Infanteristen marschieren in der Nacht zum 25. Juni 1950 am 38. Breitengrad auf. Um vier Uhr früh eröffnen sie mit Haubitzen und Mörsern das Feuer auf die an der Grenze stationierten südkoreanischen Truppen. Zwei Stunden später überqueren 150 von der UdSSR zur Verfügung gestellte T-34-Panzer die Grenze. Unterstützt werden die Bodentruppen durch Jagdflugzeuge.

Angeblich handelt es sich bei dem Angriff, so verkündet es der nordkoreanische Rundfunk, um eine Verteidigungsaktion, mit der Kim eine südkoreanische Attacke zurückschlägt. Doch wahrscheinlich dient ihm nur eines der üblichen Grenzscharmützel als Vorwand, nun loszuschlagen.

Die schlecht ausgerüsteten Kämpfer des Südens haben dem Ansturm wenig entgegenzusetzen. Schon am ersten Tag stoßen Kims Soldaten bis in die Vororte der südkoreanischen Hauptstadt Seoul vor, die nur 40 Kilometer hinter der Demarkationslinie liegt.

Ein Schock für Truman und seine Minister

John Muccio, der US-Botschafter in Südkorea, informiert um zehn Uhr morgens das Außenministerium in Washington. Dort ist es aufgrund der Zeitverschiebung erst später Samstagabend.

Kims Attacke trifft die US-Regierung völlig unvorbereitet. Präsident Truman befindet sich gerade auf Wochenendurlaub in seinem Heimatort Independence, Missouri. Es ist kurz nach 22 Uhr, als ihn Außenminister Acheson am Telefon erreicht: „Herr Präsident, ich habe sehr ernste Nachrichten. Die Nordkoreaner sind in Südkorea eingefallen. “ Truman steht seit Monaten unter Druck. Führende Republikaner wie der US-Senator und Kommunistenjäger Joseph McCarthy beschuldigen ihn, zu nachgiebig gegenüber dem Osten zu sein. So habe er Maos nationalistische Gegner im chinesischen Bürgerkrieg zu wenig unterstützt und damit ein großes und wichtiges Land dem feindlichen Lager preisgegeben. Außenminister Acheson wird von McCarthy öffentlich verdächtigt, in seinem Ministerium Kommunisten zu beschäftigen.

Nun sehen sich beide Männer gezwungen, Entschlossenheit zu demonstrieren – zumal Truman bereits im März 1947 vor dem US-Kongress erklärt hat, jedes Land zu unterstützen, dass sich von einer kommunistischen Machtübernahme bedroht fühle.

Der Präsident fliegt nach Washington und trifft sich mit Ministern und Generälen. Inzwischen hat eine Analyse des Außenministeriums ergeben, dass nur Stalin als eigentlicher Urheber des Angriffs infrage komme, da Nordkorea politisch völlig von der Sowjetunion abhängig sei. Dies ist offenbar der Beginn der seit dem Frühjahr befürchteten kommunistischen Offensive. Im gleichen Bericht fragen sich die Verfasser, ob die Invasion in Korea womöglich nur der Prolog zu ähnlichen Szenarien an der deutsch-deutschen Grenze, in Jugoslawien oder Persien sei. Truman und seine Berater sind sich einig: Stalin muss Einhalt geboten werden. „Wir müssen irgendwo eine Linie ziehen“, erklärt Omar Bradley, Vorsitzender der US-Stabschefs. Doch der US-Präsident will nicht allein handeln. Sondern im Auftrag der Vereinten Nationen.

Truman gerät im Koreakrieg unter Druck als Seoul fällt

Bei der UNO verfügen westliche Staaten über eine sichere Mehrheit. Zudem boykottiert die UdSSR gerade den Sicherheitsrat, um die Aufnahme des kommunistischen China zu erzwingen.

Und so kann Moskau die Resolution nicht verhindern, die das Gremium noch am 25. Juni 1950 verabschiedet: Der Beschluss verlangt von Nordkorea, seine Truppen hinter den 38. Breitengrad zurückzuziehen, und fordert alle UN-Mitglieder auf, bei der Durchsetzung dieser Resolution „in jeder Weise zu helfen“.

Zwei Tage später bittet Truman den Kreml, seinen Einfluss geltend zu machen, um Kim zum Rückzug zu bewegen. Ministerpräsident Boris Tschernoussow weist die Aufforderung zurück – Südkorea habe den Krieg durch seinen Angriff ausgelöst. Im Übrigen handele es sich um eine innere Angelegenheit Koreas, die die Beteiligten selbst lösen müssten. So verpufft Trumans diplomatischer Vorstoß.

Als eine weitere UN-Resolution militärische Hilfe für Südkorea absegnet, befiehlt der US-Präsident am 30. Juni, zwei in Japan stationierte Divisionen auf der Halbinsel einzusetzen. Kurz zuvor sind bereits ein Flugzeugträger, ein schwerer Kreuzer sowie acht Zerstörer der 7. US-Flotte unter UN-Flagge vor der südkoreanischen Küste eingetroffen.

Doch die Streitmacht scheint zu spät zu kommen. Schon drei Tage nach dem Angriff ist Seoul gefallen. Präsident Syngman Rhee und seine Regierung mussten in die 140 Kilometer entfernte Stadt Daejeon fliehen. Viele Zivilisten verlassen in Panik die Kapitale. Denn Kims vorrückende Truppen haben Todeslisten dabei, mit denen Spezialkommandos die Stadt nach Unterstützern Syngman Rhees durchstreifen.

Erst ab Anfang Juli treffen allmählich fast 100 000 GIs aus Japan in Südkorea ein. Doch für einen Kriegseinsatz sind sie nur ungenügend vorbereitet.

Bis zum 4. August überrennen die Nordkoreaner fast ganz Südkorea. Die Amerikaner erleiden hohe Verluste und müssen sich gemeinsam mit den demoralisierten südkoreanischen Truppen in den Südosten der Halbinsel zurückziehen. 92 000 Mann drängen sich auf einem Landzipfel, der von 70 000 nordkoreanischen Kämpfern abgeriegelt wird.

Wie der Koreakrieg zum Kräftemessen der Supermächte wurde

Nordkoreanische Gefangene werden von US-Soldaten bewacht

Nordkorea schwächelt als ein riskanter Plan gelingt

Es ist der letzte Brückenkopf der Allianz, den sie nun aber gegen die vom langen Vormarsch erschöpften Nordkoreaner verteidigt: Die Amerikaner und Südkoreaner werden nach und nach mit gut ausgebildeten Truppen und schweren Waffen aus den USA verstärkt. Auch Großbritannien und Frankreich entsenden erste Einheiten zur Unterstützung des Einsatzes (insgesamt werden 16 UN-Mitgliedsstaaten Soldaten auf die koreanische Halbinsel schicken, darunter Äthiopien, Kolumbien und die Türkei).

Das Oberkommando übernimmt US-General Douglas MacArthur, Sieger des Pazifikkrieges, der 1945 die Kapitulation Japans entgegengenommen hat.

Je länger die Belagerung dauert, desto schwächer werden die Nordkoreaner: Kim Il-sung hat mit einem Sieg nach wenigen Wochen gerechnet, und er ist nicht in der Lage, seiner durch hohe Verluste auf dem Vormarsch stark dezimierten Armee im Süden Verstärkung und Nachschub zukommen zu lassen.

Für den Gegenangriff wählt MacArthur ein hoch riskantes Vorgehen. Im Rücken der nordkoreanischen Verbände will er eine zweite Front im Westen eröffnen. Am 15. September sollen 70 000 Soldaten bei der Hafenstadt Incheon landen, 30 Kilometer entfernt von Seoul. Das Unternehmen ist sehr gewagt, weil Ebbe und Flut an der nahezu strandlosen Felsküste nur wenige Stunden Zeit für die Operation lassen. Doch sie gelingt, unter geringen Verlusten. Rasch rückt die Landungsarmee nun Richtung Seoul vor und droht so Kim Il-sungs Truppen von ihrer Versorgungsbasis im Norden abzuschneiden.

Einen Tag später können die im Südosten eingeschlossenen Verbände, die inzwischen auf mehr als 180 000 Mann verstärkt worden sind, die Belagerung durchbrechen. Sie werden an der Küste durch Feuer von den Kriegsschiffen der US- Flotte sowie durch Bombardements aus der Luft unterstützt. Die Nordkoreaner haben derweil fast alle ihre Flugzeuge verloren. Unter dem Beschuss der US-Luftwaffe bleibt ihnen nun nur der Rückzug nach Norden. Etwa 40 000 Soldaten gelingt es, den 38. Breitengrad zu passieren.

Binnen weniger Wochen hat sich die Lage in Korea komplett gewandelt. General MacArthur wird für seine Landung in Incheon in den USA als Genie gefeiert – und fühlt sich fortan unfehlbar in seinen Entscheidungen.

Am 28. September erobern seine Soldaten Seoul zurück. Zwei Tage später erreichen alliierte Truppen den 38. Breitengrad – damit ist der Auftrag erfüllt, den ihnen die UN in weiteren Resolutionen im Juli erteilt hatte.

Die Einigung Koreas soll voran getrieben werden

Doch berauscht von den Siegen, setzen sich MacArthur und die Verantwortlichen in Washington nun ein weiteres Ziel: Sie wollen Nordkorea ganz besiegen und beide Landesteile vereinen.

Schon am 11. September hat Truman ein Memorandum abgezeichnet, das den US-Truppen grundsätzlich erlauben würde, die Demarkationslinie zu überschreiten – sofern Soldaten Moskaus oder Beijings bis dahin nicht in die Kämpfe eingegriffen haben. Denn einen Dritten Weltkrieg will der US-Präsident wegen Korea nicht riskieren.

Daher verschafft er sich nun erneut eine internationale Legitimation für sein Vorgehen. Weil der Vertreter Moskaus jedoch inzwischen in den Sicherheitsrat zurückgekehrt ist und eine Abstimmung dort durch sein Veto blockieren kann, lassen die USA diesmal den von ihnen formulierten (aber offiziell von ihrem Verbündeten Großbritannien eingebrachten) Entwurf für einen Beschluss der Vollversammlung vorlegen, dort genügt eine einfache Mehrheit.

Mit 47 Ja- gegen fünf Nein-Stimmen verabschiedet die Versammlung am 7. Oktober in New York eine Resolution, die den UN-Mitgliedern empfiehlt, „alle angemessenen Schritte“ zu unternehmen, „um in ganz Korea stabile Verhältnisse zu schaffen und eine demokratische Regierung in einem souveränen Staat Korea, einschließlich der Abhaltung von Wahlen“ zu etablieren. Eigentlich ist der Sicherheitsrat für eine solche Entscheidung zuständig – doch darüber setzt sich die von den USA angeführte Koalition in ihrer Siegesstimmung einfach hinweg.

Die zunehmenden Drohungen aus China überhört Washington. Mehrfach hat Mao öffentlich erklärt, sein Land werde es nicht dulden, dass „Imperialisten“ in Nordkorea einmarschierten. Über Indiens Botschafter in Beijing lässt seine Regierung die USA warnen. „Ein amerikanischer Einmarsch wird auf den Widerstand Chinas stoßen“, erklärt Maos Außenminister dem Diplomaten, der die Information an Washington weiterleitet.

Doch die US-Politiker halten dies für einen Bluff Maos (sie tun den indischen Diplomaten als wenig verlässliche Quelle ab). Ohnehin achten sie viel mehr auf die Reaktionen Stalins. Und Moskau scheint stillzuhalten – denn es bereitet offenbar keine Intervention vor.

Kaum ist die UN-Resolution verabschiedet, überqueren US- Truppen als Teil der UN-Streitmacht den 38. Breitengrad, südkoreanische Soldaten sind ihnen bereits vorausgeeilt. Die Verbündeten kommen rasch voran.

China - der unterschätzte Mitspieler

Einige Tage später, am 15. Oktober, trifft Truman auf der über 7500 Kilometer entfernten Pazifikinsel Wake Island ein, um sich mit MacArthur zu besprechen. Der Präsident hofft auf publikumswirksame Bilder kurz vor den Kongresswahlen im November. Bei dem Treffen erklärt MacArthur, der Krieg sei so gut wie gewonnen. Mao habe den richtigen Zeitpunkt zum Eingreifen verpasst.

Zwar weiß der General, dass Beijing 300 000 Soldaten in der zu China gehörenden Mandschurei zusammengezogen hat. Höchstens 60 000 davon aber hätten bislang den Fluss Yalu überschreiten können, der China und Nordkorea trennt.

Für MacArthur sind diese Truppen, die Beijing offiziell als „Freiwillige“ bezeichnet, keine Bedrohung. Der Oberkommandierende schätzt ihre Kampfkraft aufgrund der fehlenden Luftwaffe als äußerst gering ein: „Wenn die Chinesen versuchen, bis nach Pjöngjang vorzustoßen, wird es das größte Gemetzel in der Geschichte der Menschheit geben“, prahlt er vor seinem Präsidenten.

Der weitere Verlauf des Feldzugs gibt ihm zunächst recht: Am 19. Oktober erobern die UN-Truppen Pjöngjang. Kim Il-sung zieht sich ins Grenzgebiet zu China zurück. Auch seine Armee flüchtet und leistet keinen Widerstand.

Nun aber greift der von Stalin entwickelte Notfallplan: Mao leistet Kim die erbetene Waffenhilfe. Nicht einmal den möglichen Einsatz amerikanischer Nuklearwaffen fürchtet der chinesische Staatschef und erklärt angeblich: Auch wenn die Atombomben unzählige Untertanen das Leben kosteten, habe China immer noch genügend Menschen, um die Weltrevolution zu vollenden. Bereits am 19. Oktober überqueren die ersten von wohl 250 000 chinesischen Soldaten den Yalu. Sechs Tage später attackieren sie südkoreanische Einheiten im Nordwesten und drängen sie zurück. Auch an anderen Frontabschnitten verwickeln sie UN-Truppen in Kämpfe.

MacArthur lässt mittlerweile an Nordkoreas Ostküste Zehntausende amerikanische Marines und UN-Soldaten landen sowie die 8. Armee im Westen des Landes vorrücken. Damit hat er bald mehr als 200 000 Mann jenseits des 38. Breitengrads unter seinem Kommando.

Die Gefechte mit den Chinesen schätzt er als kleine Scharmützel ein – kein Grund, eine ernsthafte Invasion zu fürchten. In einem Telegramm vom 3. November an die Stabschefs in Washington spielt er die Zahl der in Nordkorea eingedrungenen Chinesen auf höchstens 34 500 herunter (tatsächlich sind es inzwischen wohl fast siebenmal so viele).

Zudem scheinen die chinesischen Einheiten nach dem 7. November plötzlich verschwunden; die UN-Soldaten haben keine Feindberührung mehr. Um die Amerikaner in Sicherheit zu wiegen, marschieren Maos Truppen nachts und abseits der Wege, sodass die US-Aufklärungsflugzeuge sie nicht entdecken.

Wie der Koreakrieg zum Kräftemessen der Supermächte wurde

Rund 400 000 UN-Soldaten landen insgesamt in Korea, darunter Verbände aus Großbritannien, Frankreich, Äthiopien und Kolumbien. Etwa 90 Prozent dieser Truppen aber stellen die USA

Kämpfe in eisiger Kälte und Dunkelheit

MacArthur lässt seine Einheiten an der Ostküste nun in Richtung Grenzfluss vorrücken, einen Teil davon zum Changjin-Stausee. Am 24. November soll darüber hinaus im Westen die 8. Armee mit einer letzten Offensive beginnen.

Zunächst kommt die rasch voran, doch am Abend des 25. und 26. November attackieren Chinesen sie an mehreren Positionen, löschen einige Einheiten nahezu aus und können andere abtrennen. Davon erhalten die US-Kommandeure am Stausee zwar Nachricht, aber erst als sie selbst massiv attackiert werden, erkennen sie das Ausmaß des Desasters.

30. November 1950, südliches Ufer des Changjin-Stausees. In eisiger Kälte harren die dort eingekesselten US-Truppen aus. Hinter Sandsäcken und in Schützenlöchern haben sich die Soldaten verschanzt und warten auf den Angriff.

Wieder nutzen die Chinesen die Dunkelheit: Kurz vor Mitternacht eröffnen sie das Sperrfeuer aus Mörsern und stürmen dann in kleinen Kampfeinheiten gegen die von Panzern und Artillerie unterstützten US-Verteidiger.

Erst als es hell wird, ziehen sich Maos Kämpfer zurück. Der Tag gehört weitgehend den Amerikanern.

Die US-Soldaten am Changjin-Stausee sind von den Gefechten erschöpft, von der Kälte demoralisiert. Viele haben seit mehr als 72 Stunden kaum geschlafen und nur wenig gegessen. Die meisten leiden an Verwundungen, an schwarz gefrorenen Fingern oder Zehen.

Der Boden in den Camps ist so hart, dass sie nicht einmal ihre toten Kameraden bestatten können. Die GIs stapeln die Gefallenen in vier Lagen übereinander. Vorher durchsuchen sie die Uniformen der Toten nach Munition, ziehen ihnen noch brauchbare Kleidungsstücke vom Körper, um sich selbst zu wärmen.

Mit jedem Tag werden die Vorräte knapper. Zwar werfen US-Transportflugzeuge an Fallschirmen Container mit Proviant, Munition, Medikamenten und Verbandszeug ab, doch bis zu 80 Prozent des Nachschubs gehen verloren, weil die Behälter beim Aufprall auf dem eisigen Boden zerbersten oder in feindlichem Gebiet niedergehen.

Nun rächt sich, dass die zwei Truppenkontingente der UN-Streitmacht im Westen und Osten durch einen Gebirgszug im Zentrum Nordkoreas getrennt und im Osten gar über eine fast 650 Kilometer lange Front verstreut sind.

Der beschwerliche Rückzug gen Süden

MacArthur und seine Generäle haben die Zahl und die Kampfkraft der Chinesen unterschätzt. Außerdem waren die extrem kalten Temperaturen und das unwegsame, bergige Gelände für den geplanten Durchmarsch weitaus hinderlicher als erwartet. Die 8. Armee muss überstürzt ihren Rückzug antreten und wird auf dem Weg nach Süden am 5. Dezember auch Pjöngjang evakuieren.

Am Changjin-See geht es jetzt allein darum, die eigenen Truppen zu retten. Nur dank ihrer technischen Überlegenheit können die Amerikaner die meisten Stellungen halten. Bei klarem Himmel steigen von Basen weiter südlich und von Flugzeugträgern im Japanischen Meer Piloten auf und bombardieren die feindlichen Truppen mit Napalm.

Für die GIs gibt es nur eine Hoffnung auf Rettung: den Rückzug nach Süden, über jene schmale Bergpiste, über die sie gekommen sind. Doch auch diesen Weg blockieren die Chinesen inzwischen.

General Oliver P. Smith, der amerikanische Kommandeur vor Ort, soll nun seine verstreuten Truppen an der Südspitze des Stausees sammeln, dort dann ausbrechen und sich zu einem 100 Kilometer entfernten Hafen an der Ostküste Nordkoreas durchkämpfen.

Dazu muss Smith zunächst Tausende Verwundete evakuieren, die eine zu große Bürde auf dem Rückmarsch wären. Der General gibt am 1. Dezember eine von Bulldozern in den gefrorenen Boden geschlagene Landebahn frei, obwohl sie erst halbfertig ist. So können Lastmaschinen beginnen, pro Tag 1000 Verwundete aus- sowie Munition, Proviant und anderen Nachschub einzufliegen.

Drei Tage später haben sich auch die Einheiten aus dem Westen und Osten des Stausees zu ihnen durchgekämpft. Rund 10 000 Soldaten sind nun versammelt. 

Am 6. Dezember wagen die Eingeschlossenen mit letzter Kraft den Ausbruch. 2200 Mann stehen für den Kampf bereit. Gegen 7.00 Uhr morgens eröffnen die Marines das Feuer auf die Belagerer, während Einheiten die Anhöhen rechts und links der Straße sichern.

Maos Soldaten verfügen weder über Panzer noch über eine schwere Artillerie, und so können sich die ersten GIs nach einigen Stunden Kampf auf den Weg nach Süden machen. Hinter ihnen setzt sich eine lang gezogene Kolonne mit 1200 Fahrzeugen in Bewegung. Nur wer schwer verwundet ist, darf mitfahren. Alle anderen müssen zu Fuß gehen und den Konvoi abschirmen.

Denn noch ist der Kampf nicht vorbei: Die Chinesen halten entlang der Bergstraße viele Hügel und Anhöhen besetzt. Allein für die 18 Kilometer bis zur Etappe Koto-ri, wo weitere 4200 Soldaten ausharren, benötigt der Zug 38 Stunden. Und danach liegen noch mal 13 schwierige Kilometer vor den Männern. In engen Serpentinen windet sich die glatt gefrorene Piste über 1000 Höhenmeter zu Tal. Zur einen Seite erhebt sich schroffer Fels, zur anderen öffnet sich ein Abgrund.

Die Chinesen haben Löcher in den Weg gesprengt und mit Dynamit Erdrutsche ausgelöst, um den Konvoi zu stoppen. Sie haben Bunker gebaut, aus denen Scharfschützen den Tross unter Feuer nehmen. Immer wieder müssen Straßensperren überwunden werden, sinken Soldaten tödlich getroffen zu Boden. 

Bei einem Passweg haben Maos Kämpfer eine Brücke zerstört, die einen fünf Meter weiten Abgrund überspannte. An Fallschirmen werfen US-Piloten Brückenelemente und Sperrholzplatten ab, aus denen Ingenieure der Marines eine Behelfskonstruktion errichten.

Schließlich können die Soldaten die Berge hinter sich lassen. Die letzten Kilometer bis zur Küste legen sie in Trucks und beschlagnahmten Eisenbahnwaggons zurück. Am 11. Dezember erreichen sie den Hafen von Hungnam an Nordkoreas Ostküste. Dort sammeln sich weitere Divisionen der UN-Invasionsstreitmacht.

Mao's Triumph und MacArthur's Niederlage

Zwei Wochen dauert es, 105 000 Soldaten und 17 500 Fahrzeuge auf Schiffe zu laden. Am 24. Dezember 1950 legen die letzten Truppentransporter in Hungnam ab. Danach sprengen Pioniere die Dockanlagen.

Die Schiffe bringen die Soldaten zu Stellungen südlich des 38. Breitengrades. Dorthin hat sich inzwischen auch die geschlagene und demoralisierte 8. Armee zurückgezogen.

Insgesamt 859 Mann haben die UN-Truppen bei den Kämpfen am Stausee und auf dem Rückzug verloren, 4881 gelten offiziell als vermisst, darunter fast 2000 Südkoreaner, wobei die meisten von ihnen die Gefechte sicher nicht überlebt haben. Knapp 4000 Soldaten sind verwundet, Tausende leiden an Erfrierungen.

Noch höher sind die Verluste der Gegenseite, wahrscheinlich sind Zehntausende Chinesen gefallen. Doch Mao kümmern die Toten nicht: Er hat die hochgerüstete UN-Streitmacht aus Nordkorea vertrieben und damit einen großen Triumph errungen.

Für Douglas MacArthur bedeutet der längste Rückzug der US-Militärgeschichte eine schwere Demütigung. Statt den Sieg zu feiern, stehen seine Truppen wieder in Südkorea.

Der UN-Oberkommandeur weigert sich, die Niederlage zu akzeptieren. Er träumt weiter von einer Befreiung Nordkoreas. An Heiligabend fordert er in Washington 24 Atombomben an. Mac Arthur beabsichtigt, die Nuklearwaffen über dem Grenzgebiet zwischen Nordkorea und China abwerfen zu lassen, um einen radioaktiv verseuchten Schutzstreifen zu schaffen. Damit sollen Beijing und Moskau auf Jahrzehnte daran gehindert werden, Truppen zu schicken.

Die US-Regierung aber will jede weitere Eskalation vermeiden. Der Einsatz von Atombomben ist politisch nicht durchsetzbar. Trumans Drohung knapp einen Monat zuvor, „jede Waffe“ in Korea einsetzen zu können, hatte weltweit Entsetzen, ja Panik ausgelöst – sogar unter den engsten Verbündeten der USA.

Zu groß ist die Sorge, dass ein Einsatz der Atombombe die Sowjetunion in den Koreakrieg ziehen und womöglich sogar dazu bringen könnte, die westliche Welt in Europa anzugreifen.

Paris zeigte sich besorgt. Im Londoner Unterhaus forderten Abgeordnete der regierenden Labour-Partei den Abzug britischer Truppen aus Korea, falls Truman die Bombe einsetze. Der US-Präsident muss dem britischen Premier versichern, dass er nicht beabsichtige, Nuklearwaffen über Korea abzuwerfen.

Und so weisen am 29. Dezember 1950 auch die US-Stabschefs die Forderung MacArthurs zurück.

Wie der Koreakrieg zum Kräftemessen der Supermächte wurde

Neben den chinesischen Attacken setzt auch die Kälte des nordkoreanischen Winters den amerikanischen Soldaten zu. Ende November treten erste Einheiten den Rückzug nach Südkorea an. Es ist eine der bis dahin größten Niederlagen einer US-Streitmacht

Krieg, bleiernes Schweigen und geheime Pläne

Der Krieg tobt unterdessen weiter. Nordkoreanische und chinesische Verbände überschreiten erneut den 38. Breitengrad Richtung Süden und erobern am 4. Januar 1951 ein weiteres Mal Seoul.

Erst gegen Ende des Monats können UN-Truppen die Front auf einer Linie 60 Kilometer südlich der südkoreanischen Hauptstadt stabilisieren. Im Februar beginnen sie mit Gegenangriffen (bis zum Juni dringen sie sogar noch einmal weit nach Nordkorea ein, können Pjöngjang aber nicht erneut einnehmen).

Truman will nun den Krieg beenden, sucht nach einem diplomatischen Ausweg. Als sich MacArthur widersetzt, entlässt der Präsident ihn am 11. April 1951. Der Nachfolger Matthew Ridgway soll einen Waffenstillstand erreichen.

Auch Moskau ist zu Verhandlungen bereit. Denn im Juni 1951 scheitert eine Offensive der Chinesen, Mao verliert mehr als 100 000 Soldaten. Er fordert weitere Waffen von Stalin, doch der Sowjetdiktator hält die militärische Karte offenbar für ausgereizt.

Am 10. Juli 1951 beginnen Gespräche zwischen Nordkorea, China und dem UN-Oberkommando. Zunächst treffen sich die Abgesandten im südkoreanischen Kaesong, bald darauf in UN-Baracken in Panmunjeom, einem Punkt auf der alten Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea. Hunderte Male sitzen sich die Diplomaten in den folgenden zwei Jahren gegenüber – und manchmal schweigen sie sich stundenlang an.

Denn hinter den Kulissen widersetzt sich Stalin einer raschen Einigung. Er will Zeit gewinnen, um Heer und Bomberflotte aufzurüsten: für einen von ihm erwarteten Krieg mit den USA.  Die Vereinigten Staaten erhöhen ihre Militärausgaben um 70 Prozent. Das Geld fließt in den Bau neuer Atomwaffen, die Produktion von Bombern, Panzern, Schiffen, Artillerie und Munition sowie die Verstärkung der Armee.

Und so gehen die Kämpfe während der Verhandlungen weiter, sinnlose Gefechte um einzelne Hügel und Anhöhen.

Im September 1951 starten die UN-Streitkräfte eine große Bodenoffensive, die die Gegner am Verhandlungstisch zum Entgegenkommen zwingen soll. Dabei verlieren die UN- Truppen 3700 Kämpfer, Kim und Mao wohl 25 000 Soldaten. Der Konflikt ist mittlerweile zum Stellungskrieg erstarrt.

Zugleich nutzen die UN-Streitkräfte ihre Überlegenheit in der Luft und fliegen mehr als eine Million Einsätze vor allem auf Industriezentren, Hafenstädte mit Erdölraffinerien und chemischen Fabriken in Nordkorea sowie auf besetzte Städte und Stellungen des Feindes im Süden der koreanischen Halbinsel. US-Bomber werfen in diesem Krieg mehr Napalm ab als später in Vietnam.

Bringt Stalins Tod die Wende im Krieg?

Erst Stalins Tod am 5. März 1953 macht den Weg für eine Einigung frei. Der Ministerrat in Moskau teilt den Vereinten Nationen wenig später mit, dass er einen Waffenstillstand anstrebe.

Auch der neue US-Präsident Dwight D. Eisenhower will sein Land nun unbedingt aus dem Konflikt herausführen. Mehr als 300 000 GIs stehen inzwischen in Korea, insgesamt hat die UNO gut 900 000 Soldaten mobilisiert (darunter fast 600 000 Südkoreaner), die Gegenseite sogar über eine Million.

Syngman Rhee, Kim Il-sung und Mao Zedong wollen weiterkämpfen, müssen sich aber den Anweisungen ihrer mächtigen Verbündeten fügen – selbst der chinesische KP-Chef kann sich den Vorgaben aus Moskau nicht widersetzen.

Am 27. Juli 1953 einigen sich die Diplomaten der Kriegsparteien nach insgesamt 765 Begegnungen auf einen Waffenstillstand. Die Zeremonie zwischen dem Leiter der UN-Delegation und dem Vertreter Nordkoreas dauert nur zwölf Minuten. Die beiden unterzeichnenden Generäle sprechen kein Wort miteinander und signieren das Dokument an verschiedenen Tischen an der Grenze in Panmunjeom. Einen Tag später enden die Kampfhandlungen.

Fortan trennt eine vier Kilometer breite demilitarisierte Zone die beiden Staaten auf der koreanischen Halbinsel – sie verläuft in der Nähe der alten Trennlinie am 38. Breitengrad.

Wie der Koreakrieg zum Kräftemessen der Supermächte wurde

Der Krieg In Korea ist einer der blutigsten Konflikte des 20. Jahrhunderts. Manchen Schätzungen zufolge fallen ihm bis zu 4,5 Millionen Menschen zum Opfer. Von den rund 40 000 getöteten UN-Soldaten werden viele direkt vor Ort bestattet

Wie der Koreakrieg die Halbinsel bis heute spaltet

Zwischen drei und viereinhalb Millionen Opfer hat der Krieg Schätzungen zufolge gefordert, ein großer Teil davon Zivilisten. Nordkorea hat insgesamt 1,1 bis 2,5 Millionen Tote zu beklagen, Südkorea rund eine Million und China zwischen 600 000 und einer Million Gefallene. Rund 40 000 UN-Soldaten sind tot, die meisten von ihnen Amerikaner.

Von den 22 größten Städten Nordkoreas sind 18 durch Bombardements völlig zerstört worden. Auch Seoul und weite Landstriche Südkoreas wurden mehrmals von kämpfenden Truppen schwer verwüstet. Der Krieg in Korea, den anfangs außer Kim Il-sung und seinem südkoreanischen Gegenspieler Syngman Rhee keiner der Beteiligten wollte, hat keiner Seite den Sieg, stattdessen unermessliches Leid gebracht. Er beschleunigt die Aufspaltung der Welt in waffenstarrende, sich belauernde Machtblöcke.

In die bereits 1949 gegründete Nordatlantische Verteidigungsallianz (NATO) wird nun auch die Bundesrepublik Deutschland als Partner aufgenommen, die damit jetzt eigene Heeresverbände führen darf. (Entsprechende Planungen der US-Regierung gehen schon auf die Zeit vor dem Koreakrieg zurück: Um Westeuropa notfalls gegen den Ansturm sowjetischer Divisionen verteidigen zu können, scheinen bundesdeutsche Truppen unverzichtbar.)

Unter dem Eindruck der Ereignisse in Korea und auf Druck der Amerikaner und Briten geben die Franzosen im Oktober 1954 ihre letzten Vorbehalte dagegen auf. Auch in Asien schließen die USA und andere westliche Staaten nun mit etlichen Ländern Verteidigungsallianzen. Die UdSSR reagiert prompt – und gründet 1955 mit ihren Satellitenstaaten in Osteuropa als Gegengewicht den Warschauer Pakt.

Und Korea? Im Norden der Halbinsel kann sich Kim Il-sung, der den Krieg ausgelöst hatte, bis zu seinem Tod 1994 im Amt halten. Er errichtet eine stalinistische Diktatur und sichert seiner feudalistischen Dynastie mit brutalsten Mitteln die Macht, etwa der Einrichtung von Konzentrationslagern. 2004 erhält sein Sohn und Nachfolger Kim Jong-il aus Pakistan die Pläne zum Bau einer Atombombe. Sie soll dem Land dauerhaft das Überleben sichern.

Südkorea, dem die USA für den Fall eines erneuten Angriffs Beistand zugesichert haben, wird unter Syngman Rhees autoritärer Führung ein antikommunistischer Frontstaat im Kalten Krieg. Erst 1988 wird eine gewählte Regierung die Militärdiktatur ablösen. Ökonomisch erholt sich das Land erstaunlich rasch von den Verwüstungen des Krieges. Bis heute aber ist die Halbinsel gespalten: An einem der ersten Schauplätze des Kalten Krieges dauert der ideologische Konflikt weit über dessen Ende fort. Erst Anfang 2018 sind die Fronten in Bewegung gekommen, gehen der Norden (nun unter Kims Enkel Kim Jong-un) und der Süden wieder aufeinander zu. Und so ist ungewiss, wie lange sich die Wachen beider Seiten bei den UN- Baracken in der demilitarisierten Zone noch mit finsterem Blick gegenüberstehen werden.