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Befreiungskriege Schwarze Jäger: Die Freischärler gegen den mächtigsten Mann Europas

Kein Heer kann es in den Befreiungskriegen gegen Napoleon anfangs mit der »Grande Armée« aufnehmen. 1813 setzen die Preußen erstmals Freischärlertrupps ein, die französische Nachschubtransporte überfallen. Der bekannteste ist das Lützowsche Freikorps, das in schwarz-rot-goldenen Uniformen kämpft
Napoleon

Napoleon (Mitte) reitet während der Schlacht von Jena und Auerstedt 1806 die französischen Truppen ab. Nach dem Sieg über Preußen besetzt er weite Teile des Landes. Erst sie­ben Jahre später, nach dem Desaster der Grande Armée in Russland, wagen es König und Volk, sich gegen die Fran­zo­sen aufzulehnen

Wie ein Lindwurm wälzt sich die Kolonne durch das Flusstal und einen Hügel hinauf. Es ist der 26. August 1813, wohl 40 Plan­wagen rumpeln über die Poststraße zwischen Ratzeburg und Schwerin. Fran­zösische Grenadiere und Musketiere bewachen den Treck, der Waffen und Proviant für Napoleons Kriegs­maschi­nerie transportiert.

Der Tross hat bei Tagesanbruch die Stadt Gadebusch hinter sich gelassen, nun sind es noch 20 Kilometer bis nach Schwerin. Die Soldaten sind arglos; der Feind tritt ja meist in unübersehbaren Truppenmassierungen auf, von Kundschaftern lange im Voraus gemeldet. So zieht die Kolonne durch Wiesen und Felder auf einen Waldrand zu.

Direkt in den Hinterhalt.

Wie aus dem Nichts greifen plötzlich 200 Reiter an, die Pistolen und Gewehre geladen, die Säbel gezückt, zum Teil mit Lanzen bewaffnet. Dies ist kein geordneter Aufmarsch, sondern ein blitzartiger Überfall. Die Fuhrleute, überwiegend Bauern aus Holstein, nutzen das Chaos des Angriffs, machen Pferde los, springen auf und stieben davon – dies ist nicht ihr Krieg. Die französischen Soldaten aber suchen zwischen den Wagen Deckung und leisten erbittert Widerstand.

Nach und nach gelingt es ihnen, den Schutz der Bäume zu erreichen. Aus dem Dickicht heraus eröffnen sie das Feuer auf die Reiter. Doch die Gegner attackieren fanatisch und verfolgen die Soldaten bis in den Wald hinein. Mehr als 50 Franzosen liegen schließlich tot oder verwun­det am Wegesrand, 38 Wagen haben die Angreifer erobert – und nur vier eigene Kämpfer verloren.

Das ist der Erfolg einer für Deutschland völlig neuartigen Taktik: mit kleinen, beweglichen Einheiten tief im Feindesland wie aus dem Nichts aufzutauchen, kurz zuzuschlagen und sofort wieder zu verschwinden.

Preußens Niederlage löst Reformen aus

Allerdings haben die Angreifer einen herben Verlust zu beklagen: Theodor Körner, ihr berühmtester Kämpfer, wurde von einer Kugel tödlich getroffen.

Der Dichter, in dessen Dresdner Elternhaus Schiller und Goethe verkehrten, hat die Taten seiner Einheit, der „Lützower Jäger“, in pathetischen Versen gerühmt. In seinen viel gele­se­nen Werken werden die Kämpfer zum Inbegriff der Befreiungskriege, die deutsche Armeen und Freischärler seit März 1813 gegen den mächtigsten Mann Eu­ropas führen: Napoleon Bonaparte.

In jenen Sommertagen des Jahres 1813 herrscht der französische Kaiser von der italienischen Stiefelspitze bis an die Elbmündung, von Spanien bis Dalmatien. In Deutschland hat er seit seinen Siegen 1805 und 1806 rund drei Dutzend Terri­torien im „Rheinbund“ unter seiner Vor­herrschaft vereinigt; auch Mecklenburg und Sachsen gehören zu dieser „Confédération du Rhin“.

Carl von Clausewitz

Der preußische Offizier Carl von Clausewitz erlebt 1806 das Scheitern seiner Armee – und fordert ein neues Freiwilligenheer

Die meisten deutschen Länder, sofern nicht ohnehin annektiert, sind Marionettenstaaten, die Napoleon als Sicherheitskordon und Auf­marsch­gebiet gegen Russland und Österreich dienen. Mit ihrem Kampfgeist und ihren schnellen Vorstößen sind die französi­schen Streitkräfte den Armeen der alten euro­päischen Mächte weit überlegen, die in starren Formationen und wenig motiviert in die Schlachten ziehen. Napoleons Truppen sind auch deshalb so flexibel, weil der Franzosenkaiser den schwerfälligen Versorgungs­apparat minimiert: Die „Grande Armée“ ernährt sich von den Ländern, durch die sie zieht; nicht unbedingt plündernd, aber ­rigoros requirierend.

Doch 1812, als Napoleon bis nach Moskau marschiert, um das Reich des Zaren niederzuringen, scheitert diese Strategie erstmals. Das Riesenheer muss weite, dünn besiedelte Gebiete durchqueren. Zudem verbrennen die Russen ihre Vorräte, ehe sie den Invasoren in die Hände fallen können.

Ende 1812 flieht die geschlagene Grande Armée zurück nach Westen, von Kälte und Hunger gezeichnet. Kosaken setzen ihr grausam zu – in frei operie­renden Kavallerieverbänden, die die reguläre russische Armee unterstützen. Sie stehen schon bald in Berlin.

In der Katastrophe Napoleons bietet sich Preußen die Gelegenheit, sich endlich von den Franzosen zu befreien, die seit 1806 im Lande stehen (zudem hat der preußische Staat die Hälfte seines Territoriums verloren, darunter sämtliche Gebiete westlich der Elbe). Doch König Friedrich Wilhelm III. zögert: Zu schwach erscheinen ihm seine Truppen, deren Obergrenze Napo­leon auf 42000 Mann festgesetzt hat.

Einige seiner Militärs gehen dafür umso beherzter vor. Zu ihnen gehört Carl von Clausewitz, dessen Abhandlung „Vom Kriege“ später zum Standardwerk an den Militäraka­de­mien der Welt avancieren wird. Clausewitz hat als Offizier das preußi­sche Desaster an der Front miterlebt. Und er hat vermutlich schon seine Zeit in französischer Kriegsgefangenschaft genutzt, um die Niederlage zu analysieren – und radikale Schlüsse zu ziehen. In seinen Theorien wird er die Kampfweise der alten Armeen verwerfen, die sich aufstellen wie Figuren auf einem Schachbrett, und für einen leidenschaftlich geführten Volkskrieg plädieren.

Der spanische Kleinkrieg dient Clausewitz als Taktikvorbild

Clausewitz orientiert sich zum einen am Erfolgsrezept des französischen Heeres, an dessen Beweglichkeit und Entschlossenheit. Zum anderen an der Taktik des ersten erfolgreichen Gegners ebendieser Truppen: an den Bauern, Handwerkern und Mönchen in Spanien, denen es gelungen ist, mit einem unerbittlich geführten Kleinkrieg der bis zu 250000 Mann starken Armee Napoleons zu trotzen. Guerrilla, spanisch für „kleiner Krieg“, heißt diese Art des Kampfes seither.

Nach der Gefangenschaft arbeitet Clausewitz zunächst in der preußischen ­Militär-Reorganisationskommission, ehe er 1812 in russischen Dienst tritt, um gegen Napoleon zu kämpfen.

Leiter der Kommission ist Gerhard von Scharnhorst, Chef des Generalstabs. Scharnhorst und Männer wie Clausewitz wollen ein Heer aus Freiwilligen und Wehrpflichtigen formen – und nicht mehr zwangsrekrutierte Kriminelle oder gedungene Söldner antreten lassen. Scharnhorst erkennt, dass Militärreformen nicht ohne gesellschaftliche Veränderungen zu haben sind: Wer im Kampf sein Leben riskiert, muss wissen, wofür – für die Kriege der Herrscher sind die Bürger nicht zu begeistern.

Und so wird die Erneuerung des Militärs Teil jenes umfassenden Reform­werks, das ab 1807 den gesamten Staat erfasst: Bauernbefreiung, Abschaffung ständischer Privilegien, kommunale Selbstverwaltung – in Preußen kommt die Revolution von oben.

Als Napoleons verbliebene Truppen nach dem Russland-Desaster weitgehend aus Preußen abgezogen sind, ruft Friedrich Wilhelm sein Volk endlich zu den Waffen und erklärt Frankreich im März 1813 den Krieg. Preußen zieht an der Seite Russlands in den Kampf – die Rheinbundstaaten aber bleiben, anders als vom König erhofft, an der Seite Napoleons; nur Mecklenburg fällt ab. Scharnhorst ist es gelungen, heimlich viel mehr Männer auszubilden, als Napoleon Berlin zugestanden hat. Zu­sätzlich zur so vergrößerten regulären Armee lässt der König nun die Landwehr aufstellen, eine Art Miliz. Außerdem fordert er zur Gründung „freiwilliger Jägerdetachements“ auf – weitgehend selbstständig organisierter mobiler Einheiten, deren wichtigste Waffe das Jagdgewehr ist. Der Appell richtet sich vor allem an das Besitz- und Bildungsbürgertum, das bisher vom Militärdienst ausgenommen war. Die Jäger müssen für Ausrüstung und Bewaffnung meist selbst sorgen, dürfen aber ihre Offiziere frei wählen.

Lützow kehrte trotz Niederlage gegen Napoleon als Kriegsheld zurück

Preußen wird von einer Welle des Patriotismus erfasst. An Universitäten rufen Professoren ihre Studenten zum Waffengang auf, vor den Einschreibungsstellen stehen die Frei­willigen an. Außerhalb der Städte aber – und erst recht außerhalb Preußens – ist die Euphorie deutlich schwächer. In den Rheinbundstaaten und den annektierten Territorien formieren sich Frei­­­wil­ligenverbände erst, als der Krieg diese ­Gebiete erreicht: das „Banner der Freiwilligen Sachsen“ etwa oder die „Bremen-­Verdensche Legion“.

In Preußen entstehen zudem zahlreiche Freischaren: ausschließlich aus Freiwilligen gebildete, den regulären Streit­kräften gleichgestellte Truppen, die zumeist normale Infanterie- oder Kavallerieeinheiten mit Gruppen von Jägern kombinieren. Die wohl größte und berühmteste dieser Scharen – sie wird später fast 4000 Mann stark werden – ist das Freikorps des Majors Adolf von Lützow.

Als preußischer Offizier hat Lützow an der Schlacht bei Jena und Auerstedt gegen Napoleon teilgenommen und ist trotz der Niederlage als Kriegsheld zurückgekehrt. Zwischenzeitlich aus dem Dienst ausgetreten, hat er stets Kontakt zu den preußi- schen Militär-­Reformern gehalten. Nun schickt ihm Scharnhorst persönlich seine „Instruktion für die Streifdetachements“ – eine Anleitung zum Partisanenkrieg.

Mindestens ebenso wichtig wie militärischer Erfolg ist Scharnhorst die psychologische Kriegsführung: Lützows ­Truppe soll zum Aufstand anstacheln, vor allem in den Rheinbundstaaten. Im Gasthaus „Goldener Szepter“ zu Breslau eröffnet im Februar 1813 das Werbungsbüro. Schnell findet sich eine illustre Runde zusammen: Friedrich Ludwig Jahn gehört zu den ersten Freiwilligen, der deutschpatriotische „Turnvater“, der seine Leibesertüchtigung als vormilitärische Ausbildung begreift.

Mit ihm kommt Friedrich Friesen, ein ebenfalls von der Idee einer deutschen Nation beseelter Turnpädagoge. Beide stehen in Kontakt zu national gesinnten Studenten, unter denen sie Lützows Truppe bekannt machen. Auch Theodor Körner, der seine Stelle als kaiserlich-königlicher Hoftheaterdichter in Wien aufgegeben hat, um ­Befreiungskrieger zu werden, tritt dem Freikorps bei. Später folgen der romantische Maler Georg Friedrich Kersting und der Dichter Joseph von Eichendorff (der die Truppe nach sechs Wochen ­allerdings schon wieder verlässt). Offiziell heißt der Verband „Königlich Preußisches Freicorps“, aber bekannt werden die Freischärler als „Schwarze Jäger“. Da sie ihre Uniformen selbst finanzieren müssen, hat Lützow dafür die einzige Farbe gewählt, in die sich ­jedes schon vorhandene Kleidungsstück umfärben lässt.

Der Kampf gegen Napoleon soll Deutschland einen

Die politischen Vordenker in der Truppe sehen das Freikorps als Keim ­einer gesamtdeutschen Nationalarmee. Im Kampf gegen Napoleon soll das zersplitterte Land vereint und durch eine Volkserhebung auch gleich die Kleinstaaterei, die Herrschaft unzähliger Fürsten beseitigt werden.

„Es ist in unserer Schar kein Unterschied der Geburt, des Standes, des Landes“, notiert Theodor Körner. Und so schwingt im Kampf gegen Napoleon auch ein bisschen der Geist der Fran­zösischen Revolution mit. Aber die Radikalen bleiben in der Minderheit, den meisten Freiheitskriegern genügt als Programm der Franzosenhass.

Immer mehr Freiwillige treffen nun in Breslau ein, am 17. März sind im Aus­bildungslager schon fast 1000 Mann versammelt. Körner schwärmt davon, dass „die gebildetsten und ausgesuchtesten Köpfe aus ganz Deutschland neben mir in Reih und Glied stehen“. Unter seinen Kameraden finden sich mehr Akademiker und Literaten als in anderen Verbänden, ebenso Handwerker und Studenten.

Anders als übliche Infanterietruppen, die mit einfachen Flinten weitgehend ungezielt in Richtung Feind feuern, üben die Jäger den präzisen Schuss aus Büchsen mit gezogenem Lauf, die eine viel höhere Treffgenauigkeit erlauben. Sie sollen unabhängig operieren, das Gelände ausnutzen und gezielt angreifen. Theodor Körner meldet nach Haus: „Um zwei Uhr ist Scheibenschießen, wo zur Errettung deutscher Nation ein namhaftes Pulver verknallt wird.“

Im April 1813 werden weite Areale entlang der Elbe zum Aufmarschgebiet. Furchterregend schnell ist es Napoleon gelungen, erneut eine große Armee in Stellung zu bringen. Er will die Russen mitsamt der mit ihnen verbündeten Preußen möglichst bald in einer Entscheidungsschlacht stellen.

Die Gegner sammeln ihre Truppen, rüsten auf, formieren sich. Napoleon setzt neu ausgehobene Soldaten aus Frankreich in Bewegung und erreicht im Laufe des Monats die Saale. Preußen wartet ungeduldig auf das Eintreffen der russischen Hauptarmee, die schließlich am 24. April vor Dresden erscheint.

Am 2. Mai kommt es bei Großgörschen zur ersten gro- ßen Schlacht der Befreiungskriege, wie der Kampf gegen Napo­leon später aus deutscher Sicht genannt wird. Doch die Alliierten müssen sich nach Einbruch der Dunkelheit zurückziehen, um nicht von Napoleons klar überlegener Armee aufgerieben zu werden.

Major von Lützow versucht das Volk in Aufstand zu bringen

Die Schwarzen Jäger setzen sich unterdessen an der mittleren Elbe nahe dem Königreich Westphalen fest, einem von Napoleon geschaffenen Rheinbundstaat, um dort den Gegner zu stören und vielleicht sogar eine Volks­erhebung auszulösen.

Abseits des Hauptkriegsgeschehens ziehen sie los zu Streifzügen im Feindesland, rauben Kriegskassen aus, fangen Kuriere ab, liefern sich Schießereien mit Gendarmen und stehlen Pferde – ein kostbares Gut, an dem es allen Kriegs­parteien mangelt.

Als einer Einheit der Freischärler 22 Wagenladungen Mehl in die Hände fallen, lässt der Anführer die Beute an die Armen verteilen. Die Bevölkerung nimmt sie dankbar an, kann sich aber nicht zum Aufstand entschließen. Zur ersehnten Volkserhebung kommt es nicht – die Leute auf dem Lande sorgen sich um Haus und Hof, die Idee einer „Nation“ bleibt ihnen fremd.

Major von Lützow stellt resigniert fest, „dass trotz allem Eifer und guten Willen jeder Versuch, ein Volk in Aufstand zu bringen, ohne bedeutende Schläge der großen Macht misslingen muss“. Doch die Schläge der „großen Macht“, die als Fanal hätten dienen ­können, bleiben aus.

Der andere Teil des Auftrags aber, Unruhe im Rücken des Feindes zu schüren, gelingt Lützow zunehmend besser. Allerdings nur mit seiner Kavallerie. Der Major erkennt nun auch, dass die mittlerweile fast 2000 Mann starke Infanterie eher hinderlich ist, und beschließt, das Freikorps zu teilen. Die Fußtruppen bleiben zunächst an der Elbe, schließen sich aber Anfang Juni größeren Einheiten der russischen Armee an und marschieren mit ihnen gegen Leipzig.

Die Kavallerie unter Lützow bricht schon am 29. Mai mit 400 Pferden und unterstützt von 50 Kosaken nach Süden auf, streift durch königlich-westphäli­sches Gebiet Richtung Thüringen und weiter bis nach Franken.

Die Reiter rechnen mit großer Unterstützung durch die Bevölkerung im ehemals preußischen, nunmehr königlich-­bayerischen Gebiet Ansbach-Bayreuth. Auf dem Weg dorthin überfallen sie gelegentlich Militärtransporte und klei­nere Gruppen feindlicher Soldaten.

Völkerschlacht Leipzig

18. Oktober 1813, der Sieg im Freiheitskrieg ist nah: Drei Tage schon wütet die Völkerschlacht bei Leipzig, als Oberbefehls­haber Karl zu Schwarzenberg den verbündeten Herrschern von Preußen, Österreich und Russland (stehend von links) den baldigen Triumph über Napo­leon meldet. Lützows Freikorps nimmt zur gleichen Zeit an der Eroberung Bremens teil

Bei Jena entwaffnen sie eine 200 Mann starke Einheit der Rheinbundtruppen, besetzen Plauen im Vogtland und starten von dort aus einen Angriff auf die in Ansbach-Bayreuth gelegene Stadt Hof.

Da trifft am 9. Juni die Kunde von einem Waffenstillstand ein. Die Schwarzen Jäger sind konsterniert. Sie fürchten, dass der Krieg, der für sie doch gerade erst erfolgreich begonnen hat, schon wieder zu Ende sein könnte. Dass Zar und König mit dem Franzosenkaiser womöglich einen Kompromiss ausgehandelt haben.

Preußen und Russen haben inzwischen eine zweite große Schlacht gegen Napoleons Armeen geschlagen, bei Bautzen. Und erneut erwiesen sich die Ver­bündeten als unterlegen und mussten den Rückzug antreten. Doch in beiden Auseinandersetzungen hat Napoleon insgesamt rund 40000 Soldaten ver­loren, ohne eine Entscheidung herbei­zuführen. Weitere Siege dieser Art kann sich der Imperator nicht leisten. Auch seine Gegner müssen sich neu aufstellen. Und so ist beiden Kriegsparteien an einer Gefechtspause gelegen.

Die verstreuten Truppenteile der Verbündeten müssen sich umgehend auf preußisches Territorium zurückziehen, so verlangt es das am 4. Juni geschlossene Abkommen. Major von Lützow aber erhält die offizielle Bestätigung erst am 14. Juni – als die Frist zum Abzug ­bereits seit zwei Tagen abgelaufen ist.

Die Grenze nach Böhmen, zum neutralen Kaisertum Österreich, ist von Plauen aus nur einen Tagesmarsch entfernt. Der Major aber entscheidet sich, nach Norden in Richtung Elbe zu ziehen. Am 17. Juni erreicht er mit seinen Reitern das 15 Kilometer südlich von Leipzig ­gelegene Dorf Kitzen.

Napoleons Vertreter im sächsischen Leipzig schickt den 400 Schwarzen 4000 Mann entgegen. Als die Situation bedrohlich wird, reitet Lützow mit Theodor Körner, mittler­- weile sein Adjutant, zum gegnerischen Befehlshaber.

Der Major glaubt immer noch, ein Missverständnis aufklären zu können. Doch plötzlich fallen die feindlichen Truppen über seine Männer her. Lützow entkommt, Körner ebenfalls, wenn auch schwer verwundet. 300 Jäger aber sterben oder werden abgeführt – nicht als Kriegsgefangene, sondern als Schwerverbrecher. Denn für Napoleon sind Lützows Männer nichts anderes als brigands noir, schwarze Räuber.

„Potsdamer Jeanne d’Arc“ wird zur Heldin der Befreiungskriege

Ein Verdikt, aus dem freilich nicht allein Verachtung spricht – vielmehr hat der Feldherr bereits in Spanien die Taktik der Irregulären fürchten gelernt. Und jetzt auch die der patriotischen Freischärler in Deutschland. Mitte August 1813 ist der zehnwöchige Waffenstillstand beendet. Preußen hat die Zeit genutzt und massiv aufgerüstet; zudem ist Österreich dem Bündnis beigetreten, Schweden ebenso (wenn auch mit wenig Engagement); England sichert Unterstützung zu.

Napoleons Hauptarmee steht noch immer in Sachsen, die Koalitionstruppen konzentrieren sich in Böhmen und Schlesien, weiter nördlich verstellt den Franzosen eine wei­tere Armee unter Befehl des schwedischen Kronprinzen Karl Johann den Weg nach Berlin. In Norddeutschland, entlang der Linie Hamburg–Lübeck und weiter östlich in Mecklenburg, sind rund 35000 Franzosen und Dänen, die seit 1807 mit Napoleon verbündet sind, gegen etwa 27000 Alliierte in Stellung gegangen. Hier wird auch Lützows Freikorps wieder eingesetzt, das der Major neu formiert hat. Allerdings ist die schwarze Schar nunmehr fest in einen größeren Verband integriert.

Manchmal ergeben sich aber auch jetzt noch Gelegenheiten, dem ursprünglichen Auftrag nachzukommen: mit Streifzügen hinter den Linien die Franzosen in Atem halten, feindliche Kräfte binden und Nachschublinien unterbrechen – so wie an jenem Morgen des 26. August, als die Korpskämpfer auf der Straße nach Schwerin, das gerade von den Franzosen besetzt worden ist, einen Wagentross angreifen.

Bei diesem Überfall operieren die Schwarzen Jäger gemeinsam mit russi­schen Kosaken. Auch Tiroler Schützen, die 1809 in ihrer Heimat unter dem Volkshelden Andreas Hofer einen Befreiungskrieg gegen Bayern und Fran­zosen geführt haben, sind ihnen nun zur Seite gestellt. Gelegentlich verbinden sie sich auch mit anderen Einheiten freiwilliger Jäger.

Wenn es aber zum offenen Kampf kommt, sollen Lützows Männer jetzt wie andere Truppenteile auch einer regulären Strategie folgen. So bei der Schlacht an der Göhrde, einem Wald­gebiet auf dem linken Elbufer 70 Kilometer südöstlich von Hamburg. Nur drei Wochen nach der erfolgreichen Parti­sanen-Operation in Mecklenburg erkämpfen die Schwarzen Jäger hier in einem kon­ventionellen Gefecht ihren bis dahin größten Erfolg.

Die Franzosen verlieren 1500 Mann, dazu zahlreiche ­Geschütze. König Friedrich Wilhelm III. zeichnet Soldaten des Freikorps mit 17 Eisernen Kreuzen aus. Für einen der freiwilligen Jäger will er sogar ein Denkmal errichten – und dieser Jäger ist eine Frau. Eleonore Prochaska aus Potsdam hat sich in Männerkleidern bei der Truppe eingeschlichen. Sie kämpft unerkannt an vorderster Front, erst nach ihrer Verwundung an der Göhrde wird ihre wahre Identität offenbar.

Die Freischärlerin stirbt an den Folgen ihrer Verletzung und wird, als „Potsdamer Jeanne d’Arc“ verehrt, zu ­einer Heldin der Befreiungskriege. Ihrem Bruder hatte sie zur eigenen Rechtfer­tigung geschrieben: „Sieh nur Spanien und Tirol, wie da die Weiber und Mädchen handelten!“ So hat der Kampf gegen Napoleon durchaus Elemente eines Volkskriegs, und vor allem solche Episoden sind es, die Lützows Truppe zu einem Mythos machen.

Dass der Ruf dieser Einheit den aller anderen weit übertrifft, liegt aber vor allem an Theodor Körner, dem prominenten, früh verstorbenen Poeten in ihren Reihen, der das Freischärler-Dasein in hochtrabenden Gedichten rühmte – mag auch Heinrich Heine später über die „schlechten Verse der Körnerschen Lieder“ spotten, für die sich die braven Deut- schen auf „allerhöchsten Befehl“ begeisterten.

Aber es ist wohl auch der gewachsene Bürgerstolz, der sich in dem Ruhm der Schwarzen Jäger widerspiegelt. Das alte Fürs­tenheer war für die schmachvolle Niederlage Preußens ver­antwortlich – hier nun ziehen freie Bürger den Waffen- rock an, reiten hinaus in die Wälder, nehmen die Sache selbst in die Hand.

Entschieden werden die Befreiungskriege gleichwohl von den großen Armeen. Vor Leipzig marschieren am 16. Oktober über 400000 Soldaten zu einer Entscheidungsschlacht auf. Nach vier Tagen sind mehr als 100000 Kämpfer tot oder verwundet. Und Napoleon ist militärisch ge­schlagen.

Napoleon verliert seine Verbündeten in Deutschland

Unterdessen haben die Schwarzen gemeinsam mit Kosa­ken und anderen Einheiten vorübergehend Bremen eingenommen. Während die Haupttruppen der Koalition gen Rhein vorstoßen, bleiben sie im zu Dänemark gehörenden Holstein, nehmen an der Belagerung Hamburgs teil, erobern Glückstadt und machen reiche Beute in dänischen Festungen.

Im Januar 1814 dann dürfen endlich auch Lützows schwarze Männer westwärts ziehen, kämpfen bald vor Jülich und erreichen schließlich die Picardie und damit französisches Kernland. Hier dringen Teile der Lützowschen Kavallerie tief ins Land des zurückweichenden Feindes ein. Nun lernt das Freikorps aus umgekehrter Perspektive, was ein Volkskrieg ist: In den Dörfern werden die Eindringlinge aus Häusern und Ställen beschossen, sie stolpern in Hinterhalte, werden versprengt – und brennen zur Strafe ganze Ortschaften nieder. Friedrich Friesen, der deutschpatriotische Turner, wird von einem Schäfer erschossen.

Napoleon hat seine Verbündeten in Deutschland verloren, der Rheinbund existiert nicht mehr – aber Frieden will der französische Kaiser noch immer nicht schließen. Doch dann marschieren die Koali­tionsarmeen in Paris ein; am 6. April 1814 dankt Napoleon ab. Er erhält die ­Mittelmeerinsel Elba als Fürstentum. Das Lützowsche Freikorps wird in zwei reguläre Regimenter umgewandelt. Der Dienst der freiwilligen Jäger aber ist beendet, sie kehren ins Zivilleben zurück.

Provence: Auf der Route Napoléon von Cannes bis nach Grenoble
Provence: Auf der Route Napoléon von Cannes bis nach Grenoble
Zum Glück musste der Kaiser den Weg über die Berge nehmen, als er 1815 zurück an die Macht nach Paris eilte. Die "Route Napoléon" führt durch die schönsten Landschaften Südfrankreichs

Als Napoleon ein knappes Jahr später aus dem Exil zurückkehrt und bald schon wieder an der Spitze einer Armee marschiert, kommt es am 18. Juni 1815 bei Waterloo im heutigen Belgien zur letzten Schlacht: Gegen die Franzosen treten britische, niederländische und preußische Truppen an. Darunter ist auch die Kavallerie des früheren Freikorps, wenn auch ohne ihren Kommandeur Lützow, der zwei Tage zuvor schwer verletzt in Gefangenschaft geraten ist.

Napoleon erleidet eine totale Niederlage: Am 7. Juli 1815 ziehen ehemalige Lützower als Teil der siegreichen Truppenverbände in Paris ein. Ihr hochdekorierter Gründer wird später zum Generalmajor befördert. Er dient der preußischen Armee noch fast 20 Jahre, ehe er 1834 in Berlin stirbt.

Die Ideale der Lützower existieren weiter. Im Zivilleben werden die Vete­ra­nen nicht müde, den „Geist der Be­frei­ungskriege“ zu beschwören – und erreichen so, dass der Ruhm der schwarzen Schar stetig wächst.

Nicht wenige der Studenten und Akademiker, die nach den Befreiungskriegen an den Universitäten für Einheit und Freiheit eintreten, haben einst bei den Schwarzen Jägern oder in anderen Freikorps gekämpft. Sie sorgen dafür, dass die Farben der Lützower – ­schwarze Uniform, rote Aufschläge, goldene Knöpfe – zum Symbol der deutschen Nation werden. Zumal manche die Farben so deuten: schwarz wie die Nacht der Fremdherrschaft, rot wie das Blut, golden wie die Morgenröte der gewonnenen Freiheit.

Bis diese Trikolore aber als Flagge einer deutschen ­Republik am Fahnenmast weht, wird noch mehr als ein Jahrhundert vergehen.