Südtirol Kirchturm im Reschensee: Die menschlichen Schicksale hinter dem Postkartenidyll

Der Kirchturm im Reschensee ist zum beliebten Fotomotiv geworden. Doch er ist auch ein Mahnmal, das an Ungerechtigkeit und Heimatverlust erinnert. Ein Bildband lässt Zeitzeugen zu Wort kommen, deren Berichte die Dramatik der Ereignisse vor 70 Jahren offenlegen
Zeitzeuge vor dem Alt-Grauner-Kirchturm

Zeitzeuge Peppi Plangger ( verst. 2014 ) vor dem Alt-Grauner-Kirchturm

Für Touristen, die das Vinschgau in Südtirol besuchen, ist der Kirchturm im Reschensee eine Attraktion. Doch bei jenen, die die Flutung ihres damaligen Zuhauses noch miterlebten, steigt noch heute die Wut empor, wenn sie auf das letzte Überbleibsel von Alt-Graun blicken. 

Mit der Seestauung durch den Elektrokonzern Montecatini im Sommer 1950 versanken das gesamte Dorf Graun und ein Großteil des Dorfes Reschen in den Fluten. Rund 1000 Betroffene wurden durch das von staatlicher Willkür geprägte Bauprojekt ihrer Existenz beraubt.

Turm im See erinnert an Verlust der Heimat

Von ihnen erzählt der Dokumentarfilm Das versunkene Dorf sowie der gleichnamige Bildband. Im Buch kommen auch all jene Zeitzeugen zu Wort, die es aus dramaturgischen Gründen nicht in den Film geschafft haben. Ihre Berichte, so sagt es der Regisseur Georg Lembergh selbst, vervollständigen das Bild der Seestauung.

Die Zitate der Zeitzeugen – von denen wir hier nur eine kleine Auswahl vorstellen – offenbaren, dass das beliebte Fotomotiv vom Kirchturm im See auch ein Mahnmal ist, das die Verbliebenen täglich an den Verlust ihrer Heimat erinnert.

Doppelbelichtung vom Alt-Grauner Dorf und dem jetzigen Areal am Turm.

Doppelbelichtung vom Alt-Grauner Dorf und dem jetzigen Areal am Turm

„Mein Onkel wollte mit dem Gardumi, dem Chefingenieur der Montecatini, reden. Er sprach ihn an, aber der blieb nicht einmal stehen, sondern ging einfach weiter, als hätte er einen starren Nacken. Mein Onkel war sehr enttäuscht, wahrscheinlich wollte er nur etwas fragen. Wenn man Haus und Hof verliert, dann wäre eine Antwort auf eine Frage doch wohl das Mindeste, das man erwarten kann.“ 

Peppi Plangger, Jg. 1933, verst. 2014, Graun


„Die einheimische Bevölkerung hat sehr ungern an der Staumauer mitgearbeitet. Die Menschen wollten ja nicht ihr eigenes Grab schaufeln. Einige haben sich dann doch dazu überwunden.“ 

Karl Stecher, Jg. 1933, St. Valentin a. d. H., ehem. Bürgermeister von Graun


„Ich sehe heute noch, wie sie mit dem Lastwagen und einem Anhänger kommen, mit lauter Särgen drauf. Das war eine furchtbare Sache … Die Mama ist zum Friedhof gegangen, sie wollte sich versichern, dass auch der richtige Verstorbene im neuen Sarg liegt. Sie haben ja auch die Namen auf die Särge geschrieben. Die Gebeine, von denen man nicht wusste, wem sie gehörten, hat man in der Kapelle unter eine Decke gelegt. Eine sehr traurige Sache war das. Meine Mama hat so darunter gelitten. ‚ Jetzt haben wir der Mutter die Halskette angelassen, aber wozu? Das Kettchen war noch schön, aber der Mensch ist halt schon verwest‘, meinte meine Mutter.“ 

Theresia Theiner, Jg. 1932, Graun, Seniorchefin Hotel Traube Post


„Als sie in Reschen angefangen haben zu räumen, da haben die Leute alle geweint … Einige sind in das Pustertal ausgewandert, einige nach Österreich … Der Sepp Messmer ist ins Nonstal hinein. Seine Mutter hat es so verdrossen, die wird vor lauter Verdruss gestorben sein.“ 

Aloisia Plangger, Jg. 1923, verst. 2019, Graun

Die Bewohner von Alt-Graun

Ohnmächtig beobachten die Bewohner von Alt-Graun, wie die Hauptstraße unter Wasser gesetzt wird

„Einfach nur schrecklich war es zu wissen, dass ich jetzt die Tür von meinem Vaterhaus zum letzten Mal schließen würde. Ich hing sehr an der Heimat, und ich hänge heute noch daran. Der Umzugswagen wartete halt schon … Damals war Markt in Tartsch, dieser Markt auf dem Tartscher Bühel. An dem Tag sind wir nach Moncovo gefahren. Mein Vater und meine Schwester sind schon am 7.Dezember 1949 weg von Graun. Und da haben uns die Bauern alle ziemlich geholfen, wir haben uns überhaupt alle gegenseitig geholfen, bis zuletzt. Wegen dem Mist sind dann noch einige Leute nach Graun gekommen, von Burgeis, von Schlanders … Überall waren die Mistgruben noch voll.“ 

Alois Messmer, Jg. 1935, verst. 2016, Moncovo/Trentino


„Im alten Dorf hat man jeden gekannt. Aber im neuen Dorf nicht, nur einige… Man musste wieder von Neuem anfangen.“ 

Eleonora Moritz, Jg. 1934, Reschen


„Nein, zufrieden waren wir nicht mit dem neuen Haus … Einmal sind Schweizer zu uns gekommen. Genau hier war es, hier in der Stube. Dann haben sie den Vater gefragt, ob wir denn nicht zufrieden seien mit dem neuen Haus, unten hätten wir ja nur ein altes gehabt. Da hätten wir sie am liebsten an der Gurgel gepackt! Im Frühling 1949 haben sie angefangen, Wege zu machen. Wir mussten überall mithelfen. Mit den Autos wäre man sonst nicht vorwärtsgekommen. Und dann haben sie mit alten Baggern das ganze Material zur Seite geschoben, damit sie überhaupt eine Straße machen konnten. Sie haben geschwind angefangen auszumessen und zu bauen. Wer einen eigenen Grund hatte, konnte schnell anfangen zu bauen. Die anderen mussten warten.“ 

Konrad Stecher, Jg. 1931, Reschen

Barackensiedlung

Die Barackensiedlung ist gerade im Bau. Einige Vertriebene wohnten bis zu zwei Jahre lang in den Behelfsbauten

„Der Busfahrer Hilpold kam mit dem Bus von Reschen und war auf dem Weg Richtung St. Valentin. Auf der Straße waren große Pfützen, weil es am Tag davor stark geregnet hatte. Er wollte ausweichen und kam dabei von der Straße ab. Viele Menschen starben. Die Montecatini hat ja nach der Seestauung jahrelang nur eine gewöhnliche Schotterstraße ohne Leit - planken hinterlassen. Das sind alles Sauereien! Und danach sind noch viele weitere Menschen im See ertrunken.“ 

Peppi Plangger, Jg. 1933, verst. 2014, Graun


„Mit dem Schiff auf dem See fahre ich nicht. Ich würde nie über die alten Felder und Anger drüberfahren mit dem neuen Schiff. Außerdem sind da unten alle meine Vorfahren begraben. Da würde ich nie drüberfahren!“ 

Alois Messmer, Jg. 1935, verst. 2016, Moncovo/Trentino


„Ich bin 1985 als Lehrer nach Graun gekommen und habe in diesen Jahren häufig mit dem alten Pfarrer von Graun gesprochen. Pfarrer Rieper hat mir schon bald den Auftrag gegeben, die Vorträge weiterzuführen, sollte er einmal nicht mehr sein. Es ging also darum, den Kindern beizubringen, wie es im alten Dorf war. Das habe ich ernst genommen, ich bin zum Pfarrer gegangen und habe gefragt, ob er mir seine Dias über die Seestauung leihen könnte … Ich habe viele Gespräche mit Pfarrer Rieper geführt. Dann habe ich angefangen, Vorträge zu halten, in Reschen, in Graun und in vielen anderen Orten. Es war mir immer ein Anliegen, auch die Kinder zu informieren und aufzuklären. Die Kinder sollten verstehen, dass die Eltern und die Großeltern Opfer gebracht haben wie kaum jemand anders in Südtirol. Ich sage heute immer noch, die Seele vom Oberland liegt im Stausee versunken.“ 

Ludwig Schöpf, Jg. 1952, Reschen

Das versunkene Dorf

Der Bildband "Das versunkene Dorf" hat 256 Seiten und ist 2019 im Verlag Edition Raetia erschienen