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Niederlande Erbarmungslose Kolonialverbrechen: Die dunkle Seite des Glanzes

Nicht für alle Menschen ist das Goldene Zeitalter der Niederlande eine Ära des Erfolges und des Wohlstands: Mit rücksichtsloser Gewalt setzt die Kaufmannsrepublik in Übersee ihre Handelsinteressen durch: Sie rauben, morden – und verschleppen Hunderttausende Sklaven
Kolonialverbrechen

600.000 Afrikaner werden von den Niederländern in die Neue Welt deportiert – viele sterben bereits auf der Überfahrt

Das Goldene Zeitalter der Niederlande ist längst nicht für alle Menschen dort gleichermaßen glänzend – und für die Bewohner der Überseebesitzungen der Republik ist es sogar ein Zeitalter des Schreckens.

Auch in den sieben Pro­vinzen, dem wohlhabendsten Staat Europas, leben im 17. Jahrhundert Menschen in tiefer Armut: Wirtschaftsmi­granten aus Deutschland oder Skandinavien etwa, die zu Tausenden dorthin strömen und schwerste Arbeiten übernehmen. Als Lastenträger, Müllerknechte oder Matrosen fristen sie eine armselige Existenz. Selbst in den reichen Handelsmetropolen wie Amsterdam müssen in vielen Familien nicht nur die Frauen, sondern auch die Kinder mitarbeiten.

Und dennoch: Insgesamt profitieren auch die Armen von dem wirtschaftlichen Aufschwung, der den Niederlanden das höchste Pro-Kopf-Einkommen ganz Europas beschert. Denn mithilfe von Spenden der wohlhabenden Oberschicht errichten die Niederländer ein für die Zeit beispielloses soziales Netz, mit zahl­reichen Armenküchen und Waisenhäusern. Anders als in weiten Teilen des Kontinents muss in der Republik auch in Krisenzeiten kaum jemand verhungern.

VOC lässt systematisch Einheimische ermorden

In den niederländischen Überseegebieten aber bringt die Profitgier der Kaufleute unermessliches Elend hervor. Denn wie die monarchischen Kolonialmächte Europas setzen auch die im Inneren so tolerant gesinnten Vereinigten Provinzen ihre wirtschaftlichen Interessen in Afrika, Asien und Amerika mit erbarmungsloser Härte durch.

In Südostasien, dem Herz des niederländischen Kolonialreichs, lässt die Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) systematisch Einheimische und gelegentlich auch Händler anderer Nationen ermorden, um das Handelsmonopol für Gewürze zu erobern.

Wenige überleben das Massaker auf den Banda-Inseln

Besonders blutig verläuft die Unterwerfung der zu den Molukken gehörenden Banda-Inseln (heutiges Indonesien): 1621 brennen Soldaten dort auf Befehl des Generalgouverneurs der VOC Dörfer und Siedlungen nieder, verschleppen zahlreiche Männer, Frauen und Kinder auf Sklavenmärkte. Sie töten jeden, der Widerstand leistet, foltern, vierteilen und köpfen mehr als 40 Häuptlinge. Die Überlebenden fliehen ins Innere der Inseln – wo sie schließlich verhungern.

Von mehr als 10.000 Einheimischen überleben das Massaker nur wenige Hundert. Für die Niederländer jedoch ist die Gewalttat eine lohnende Investition: Fortan beherrschen sie den Weltmarkt für Muskat, ein Gewürz, das nur auf den Banda-Inseln wächst.

In der westlichen Hemisphäre sind die Niederländer tief in den transatlantischen Sklavenhandel verstrickt. Nur Briten, Portugiesen und Franzosen deportieren im Laufe der Zeit mehr Menschen aus Afrika in die europäischen Kolonien in Amerika.

Das düstere Geschäft wird von der 1621 nach dem Vorbild der VOC gegründeten Westindien-Kompanie (WIC) getragen, die den Atlantikraum für niederländische Händler erschließen soll: An der afrikanischen Westküste kaufen ihre Kapitäne Männer und Frauen, die einheimische Menschenhändler zuvor im Inneren des Kontinents in ihre Gewalt gebracht haben.

Für viele Gefangene ist bereits die Passage über den Atlantik tödlich: Auf der monatelangen Reise stirbt fast jeder Sechste an Durst, Infektionen und Skorbut. Etliche ersticken unter Deck, wo sie zusammen­gepfercht auf kleinstem Raum ausharren müssen, oft bleibt jedem Einzelnen nicht einmal ein halber Kubikmeter an Raum. Etwa ein Viertel der Verschleppten ist jünger als 15 Jahre. Auch Kleinkinder sind unter den Sklaven: Bereits als Dreijährige werden sie ihren Müttern entrissen und von deren Besitzern weiterverkauft.

Die Überlebenden müssen meist auf einer der Plantagen in Mittel- und Südamerika schuften. Viele niederländische Segler landen in Surinam an der Nordküste Südamerikas, wo die WIC ab 1667 eine große Kolonie unterhält; andere steuern die Karibikinsel Curaçao an, auf der die Niederländer einen großen Sklavenmarkt betreiben. Hier bedienen sich auch die anderen Kolonialmächte der Region – Engländer, Franzosen, Spanier –, wenn sie neue Arbeitskräfte für ihre Pflanzungen oder Dienstpersonal für ihre herrschaftlichen Anwesen brauchen. Die niederländischen Händler tauschen ihre menschliche Ware gegen Produkte wie Zucker, Kaffee und Tabak, die sie auf dem euro­päischen Markt absetzen.

Niederlande schaffen Sklaverei erst spät ab

Erst 1863 schaffen die Niederlande als einer der letzten europäischen Staaten die Sklaverei offiziell ab. Bis dahin haben niederländische Kaufleute rund 600.000 afrikanische Gefangene über den Atlantik verschleppt – und weitere 100.000 Sklaven von ihren Handelsstützpunkten an der afrikanischen Westküste direkt an andere europäische Händler verkauft.

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Angesichts dieser dunklen Seiten des Erfolgs lehnen einige Historiker den Epochenbegriff des „Goldenen Zeitalters“ inzwischen als verharmlosend ab. Selbst auf die Kunst jener Ära fallen Schatten, seit sich Experten intensiv mit der kolonialen Vergangenheit der Niederlande befassen: So hat das Amsterdam Museum 2019 angekündigt, seine Ausstellung zur Malerei des Goldenen Zeitalters umzubenennen – in „Gruppenporträts des 17. Jahrhunderts“.