Heidschnuckenweg Wo Wanderer im Spätsommer glücklich werden

Wenn im Spätsommer die Lüneburger Heide blüht, verwandelt sich das flache Land in ein wogendes Meer aus Violett und Purpur. Unsere Autorin wanderte fünf Tage auf dem Heidschnuckenweg – und wäre am liebsten immer weiter gelaufen
Lüneburger Heide

Wenn im Wacholderwald bei Schmarbeck Nebel aufsteigt, verschmelzen Wacholderriesen und Heidezwerge zu einem mystischen Bild. Oder zur Gänsehautlandschaft? Nicht umsonst heißt die Gegend auch »Teufelsheide«

1. Etappe: Fischbeker Heide - Buchholz

Einmal Kopf frei vor der eigenen Haustür? Urlaub im eigenen Heimatwunderland? Das funktioniert überall. In München, Kassel, Köln. In Hamburg geht das so: Ich steige am Hauptbahn hof in die S 3 Richtung Stade und eine halbe Stunde später in Fischbek wieder aus. Da ist es: weißes H auf schwarzem Grund. Der Heidschnuckenweg ist bestens ausgeschildert. Auf 223 Kilometern führt er von Hamburg-Neugraben-Fischbek bis Celle. Einige davon wurden schon zu »Deutschlands schönstem Wanderweg« gekürt.

Also Rucksack auf, Gewicht gleichmäßig verteilt, los geht’s. Oder besser: hinein! Denn ich bin nicht vorbereitet auf den Farbrausch, in den ich nun eintauche: Rosa, zartes Lila, kräftiges Lila, Dunkelrot, Purpur – und alle Schattierungen dazwischen. Calluna vulgaris, die Besenheide, die 2019 Blume des Jahres war, überzieht hier Quadratkilometer um Quadratkilometer – für etwa vier Wochen des Jahres auch als Farbwunder. Die Faustregel für ihre Blüte lautet 08.08.–09.09. Aber weil die Heide nicht ein Jahr wie das andere blüht, verrät ein Heidebarometer, wann und wo genau der Rausch der Farben beginnt und dann am schönsten ist. Der Befund an diesem Tag ist eindeutig: hier!

Es duftet, es summt. Unzählige Bienen sind unterwegs, denn Heideblüten sind süß, jede einzelne der Abermilliarden produziert täglich Zucker, im Schnitt 0,12 Milligramm. Ich gehe in die Hocke, um das Bienenspektakel aus der Nähe zu betrachten. Kleine Wunder, große Nähe zu betrachten. Kleine Wunder, große Ehrfurcht. Wer diese Geschäftigkeit beobachtet, wird selbst sofort ruhiger.

Ich entschleunige weiter. Irgendwann verschluckt mich der Wald. Zerzauste Kiefern, zwischendrin Eichen, deren große Äste sich Richtung Boden neigen. Es riecht nach Harz. Ich habe meinen Wanderflow gefunden, marschiere stramm voran, die 26,5 Kilometer der ersten Etappe wollen erst einmal gewandert werden.

Bin ich noch auf Hamburger Gebiet oder schon in Niedersachsen? Egal. Bäume und Sonne zaubern Zebrastreifen auf den Boden, es geht durch märchenhaften, alten Buchenwald. Auf einem Hügel wartet ein Riesenfindling aus der Eiszeit, den Gletscher aus Südschweden hergeschoben haben. Karlstein heißt der Koloss, nach Karl dem Großen, der einmal in seinem Schatten geschlafen haben soll.

Einsam ist der Wald, manchmal unwirklich still. Fast freue ich mich über Mountainbike-Spuren auf dem Weg: Ich habe mich nicht verlaufen, andere Menschen waren auch schon hier.

Hinter Langenrehm duftet es nach frisch gemähten Wiesen. Als ich die Autobahn unterquere, werde ich an die Zivilisation erinnert, aber das Rauschen hält nicht lange an. Nenndorf, Dibbersen, Steinbeck. Der Weg schlängelt sich zwischen kleinen Orten entlang. Galloways rupfen Gras, Grillen zirpen.

Wer abends zurück nach Hamburg fährt, hat von Steinbeck noch gute drei Kilometer bis zum Buchholzer Bahnhof. Wer am nächsten Tag weitermöchte, wie ich, kann hier übernachten.

Lüneburger Heide

Dufte Abwechslung: Hinter Buchholz lösen Kiefern kurz die offene Heide ab

2. Etappe: Buchholz - Wesel

Nachts hat es geregnet, die Natur ist herrlich frisch und blank. Zur Begrüßung klopft ein Specht im Wald. Ein Baumstamm liegt quer über dem Weg, das Fünf-Sterne-Hotel für Käfer rottet friedlich vor sich hin. Ich atme tief ein.

Durch die Höllenschlucht führt ein paradiesischer Hohlweg wie aus dem Wurzelkinderland. Als der Wald sich öffnet, bleibe ich unwillkürlich stehen: Ein lilafarbener Teppich zieht sich den Brunsberg hoch, die mit 129 Meter zweithöchste Erhebung der Heide. Der Blick von oben reicht weit ins Land. Am Himmel ziehen Wolken und lassen das Lila der Heide changieren. Ich sehe auch Flächen, die »geplaggt« sind, wo also die Krautschicht entfernt wurde, damit bald wieder junge Sträucher nachwachsen. Mit dieser Plackerei verhindern Bauern seit dem 19. Jahrhundert, dass ihre Weiden verholzen. Heute kümmert sich die Naturschutzbehörde darum.

Im Büsenbachtal gleich der nächste Höhepunkt: der Pferdekopf, stolze 79 Meter hoch. Gut, dass die Wirklichkeit nie zu kitschig sein kann. Ein Instagram-Foto der Landschaft, die ich nun überblicke, würde ich selbst wohl für hoffnungslos geschönt halten. Hier aber ist selbst das Zauberhafteste echt. Ich entdecke Wacholder, der weich aussieht, sich beim Anfassen aber als ziemlich stachelig herausstellt.

Dann schluckt mich wieder der Wald. Es ist auch diese Abwechslung, die den Reiz des Weges ausmacht. Ununterbrochen Heide? Dann käme man aus dem Ah und Oh ja gar nicht mehr heraus.

Nach Handeloh, dem offiziellen Ende der zweiten Etappe, glitzert ein schmales Band im Wald: die Seeve, kurz zuvor bei Wehlen ihrer Quelle entsprungen, Norddeutschlands kältester Fluss, an dem auch Eisvögel gesichtet werden. Mit einem Urwald habe ich hier nicht gerechnet, aber da ist er ganz eindeutig, kühl und dicht.

3. Etappe: Wesel - Niederhaverbeck

Mein Körper ist längst im Wandermodus. Der Geist auch. In der Weseler Heide gaukeln Schmetterlinge in der Morgensonne, kreuchen und fleuchen seltene Spinnenarten. Ihnen kann man stundenlang zusehen. In der großen, sehr weit entfernten Welt grassiert ein Virus, bereitet Donald Trump seine Wiederwahl vor. Hier hat jemand Steinmanderl gebaut.

Den Ortseingang von Undeloh schmückt St. Magdalenen, fast 800 Jahre alt, zum Teil aus dicken Feldsteinen gemauert. Typisch für alte Heidekirchen hat sie einen separaten Holzturm. Gerade läuten ihre drei Glocken, eine davon aus der Renaissance. Der Ort kann in der Saison recht trubelig sein, doch gleich hinter ihm öffnet sich wieder die Heide mit Hunderten Kilometern Wander-, Rad- und Reitwegen. Ich nehme den ins Radenbachtal, wo Dülmener Wildpferde durch die Heidebüsche traben, eine der ältesten Pferderassen der Welt. Natürliche Heide-Pfleger wie auch Heidschnucken und Wilseder Rote Rinder, die ebenfalls in der Gegend grasen.

Heidschnucken

Wappentiere: Noch rund 9000 Heidschnucken »arbeiten« in der Heide – sie halten Sträucher kurz und so die Landschaft offen. Bildhübsch sind sie obendrein

Wilsede ist ein Idyll unter gewaltigen Bäumen, ein altes Heidedorf ohne Autos, aber mit vielen Kutschen, das ahnen lässt, wie die Menschen hier einst gelebt haben: so karg wie es die Böden sind, auf denen nicht viel außer Heide wuchs. Es gibt ein lesenswertes, schmales Buch von Hermann Löns, »Der letzte Hansbur. Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide«, in dem er unsentimental von den Härten jener Zeit erzählt.

Auf mich wartet heut noch der Wilseder Berg, mit 169 Metern der höchste in der Lüneburger Heide. Wer oben ankommt, sieht an manchen Tagen bis nach Hamburg. Und wieder allerschönstes Lila. Auch die betörende Glockenheide (Erica tetralix) blüht hier, meist etwas früher als ihre Schwester, die Besenheide. Zart und lieblich sieht sie aus.

In Niederhaverbeck, etwas versteckt im Wald, liegt mein Tagesziel: das »Landhaus Eickhof« mit seinem verwunschenen Garten, in dem Phlox und Malven leuchten.

Infos zur Route und Übernachtungsmöglichkeiten

Der Heidschnuckenweg führt in 223 Kilometern und 13 offiziellen Etappen, die sich aber individuell gut anpassen lassen, von Neugraben-Fischbek bei Hamburg bis Celle. Kostenlose Heide-Shuttles mit Fahrradanhänger verbinden von Mitte Juli bis Mitte Oktober viele Orte. Die GPS-Daten kann man gratis herunter laden. Den Wanderpass zum Heidschnuckenweg gibt es als Download. Auch die Heidschnucken-Pins in Gold, Silber und Bronze lassen sich erwandern

1. Etappe: Fischbeker Heide — Buchholz, 26,5km

Los geht’s in Hamburg-Neugraben-Fischbek in der Scharlbargstraße/Ecke Babenbrook und dann durch Heide-Bilderbuchlandschaft. Genügend Proviant und, noch wichtiger, Wasser einpacken. Auf der Etappe haben montags und dienstags viele Gasthäuser Ruhetag. Von Buchholz – dem Tagesziel – fährt der Metronom stündlich zurück nach Hamburg. Übernachtungstipp in Steinbeck: Hotel »Zur Eiche«

2. Etappe: Buchholz — Wesel, 23,7 km

Eine ausgezeichnete Etappe: Sie wurde schon zum schönsten Wanderweg Deutschlands gekürt. Einkehrmöglichkeiten sind rar, im Büsenbachtal hat das Café »Der Schafstall« ein sensationelles Kuchenbuffet, cafeschafstall.de. Übernachtung in Wesel: »Pension Hilmers Hoff«

3. Etappe, Wesel — Niederhaverbeck, 22 km

Urwald inmitten der Lüneburger Heide? Etappe 3 bietet ihn – und schöne alte Heide-Kirchen wie St. Magdalen (Undeloh) und St. Stephanus (Ab stecher nach Egestorf) obendrein. Für alle, die nicht nur staunen, sondern auch mehr über die Heide wissen wollen, lohnt ein Besuch in Undeloh im Heide-Erlebnis Zentrum. Essen und Übernachten im Ort: »Alter Schmiedehof« mit Schnucken-Shop. Gute Adresse in Wilsede: Gasthaus »Zum Heidemuseum«. Und in Niederhaverbeck: »Landhaus Eickhof« oder »Landhaus Haverbeckhof«.

4. Etappe: Niederhaverbeck — Bispingen, 16,2 km

Erfrischende Etappe, nicht nur der Abwechslung wegen. Brunausee und Luhetalbad in Bispingen, laden zum Hineinspringen ein. Übernachtung: in den acht wirklich schmucken Doppelzimmern der »Schmucken Witwe«. Lohnende Abstecher: das wunderschöne Pietzmoor bei Schneverdingen und der »Hof Tütsberg« mit seiner Heidschnucken-Herde.

5. Etappe: Bispingen — Soltau, 22,3 km

Unsere Schlussetappe, nach der es aber noch rund 110 Kilometer bis Celle weitergeht. Wer sich an der Natur noch nicht satt gesehen hat: Breidings-Garten in Soltau ist ein florales und höchst vielfältiges Gesamtkunstwerk, breidings-garten.de. Und wenn es am Ende ein Kontrastprogramm braucht: Heidepark Soltau, Norddeutschlands größter Freizeitpark mit Vierfach-Looping und erweitertem »Peppa Pig Land«.

4. Etappe: Niederhaverbeck - Bispingen

32 Grad im Schatten sind vorhergesagt. Das heißt: ordentlich Sonnenschutzfaktor auf die Nase und Cap auf. Hier, hinter Niederhaverbeck, habe ich mal eine der 13 Heidschnuckenherden getroffen, die mit ihren Schäfern durch die Lüneburger Heide ziehen. Ihr Name »Schnucke« kommt von »Schnökern«, naschen. Die rund 9000 Grauen Gehörnten Heidschnucken der Gegend speisen gern abwechslungsreich: Wildkräuter, Gras, junge Baumschösslinge und Heidekraut. Man weiß nie, wo sie auftauchen, aber man hört und riecht sie garantiert, bevor man sie sieht: ein Knispeln und Knaspeln, ein Trippeln und vielstimmiges Mähen, oft von mehreren Hundert Tieren gleichzeitig.

Es ist ein nostalgisches Erlebnis wie aus einer anderen Zeit, aber mit großer Bedeutung für das Heute: Ohne die Schnucke wäre die Heide nichts, beziehungsweise nicht. Sie würde schnell verbuschen. Das beharrliche Fressen der Tiere hält die Sträucher kurz, ihr Getrippel zerreißt Spinnen netze und -fäden, sodass Bienen und andere Insekten die Blüten besser bestäuben können.

Die Behringer Heide erinnert mich an diesem Tag an einen Pilgerweg in südlicher Hitze. Ich hüpfe deshalb kurz in den Brunausee. Erfrischung vor den Borsteler Kuhlen, die so hügelig sind, dass sie auch Borsteler Schweiz genannt werden. Aber das ist bis Bispingen auch das einzige Auf und Ab. Sonst nur: Hochgefühl.

Lüneburger Heide

Der Heidschnuckenweg führt auch durch den Talkessel des Totengrunds

5. Etappe: Bispingen - Soltau

Am nächsten Tag ist es deutlich kühler, der Hochsommer scheint vorbei. Der Weg führt zur Luhequelle, zu der ich schon seit Jahren möchte. Eingebettet in Sternchenmoos liegt sie im Wald. Schilf und Birken spiegeln sich im Wasser. Diese Etappe ist eher grün. Es dauert, bis ich die Heide am Kreuzberg erreiche, wo zwei Reiter um eine Kurve galoppiert kommen und sehr, sehr glücklich aussehen. In Deimern wird gerade ein 200 Jahre alter Niedersachsenhof neu mit Reet gedeckt. In Soltau ist Halbzeit auf dem Heidschnuckenweg. Mein Heide-Hike aber ist hier zu Ende. Jedenfalls für dieses Jahr. Im nächsten Jahr nehme ich mir ganz bestimmt die Südheide vor.

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