Warschau Tipps für die polnische Hauptstadt

Eine Altstadt, die noch neu ist, eine Kunstpalme als Wahrzeichen, ein Ehrenmal und ein Buntlichtmilieu: In Polens Hauptstadt Warschau nimmt Erinnerung vielfältig Gestalt an
Warschau

Ein Spaziergang durch Warschau wirkt wie eine Zeitreise durch die Jahrhunderte

Einstimmen auf Warschau

Warschau ist eine Phönix-Stadt, ein Ort des Neubeginns. Das wird mir bewusst, als ich der Prachtstraße Nowy Świat folge und durch die Kopfsteingassen der Altstadt schlendere. Denn die ist eigentlich eine Neustadt: Die Fassaden rund um den Marktplatz (Rynek Starego Miasta) sehen nach Mittelalter aus, sind aber gerade 60 Jahre alt, und die Kupferkuppeln des Königsschlosses überragen erst seit rund 30 Jahren wieder den Schlossplatz (Plac Zamkowy).

Nur vereinzelte Gebäude wie der Präsidentenpalast (Ul. Krakowskie Przedmieście) und Teile der Stadtmauer (Ul. Nowomiejska) sind noch original. Die Deutsche Wehrmacht verwüstete im Zweiten Weltkrieg fast 90 Prozent der Gebäude im westlichen Teil Warschaus – viele davon als Vergeltung für den Aufstand von 1944. An ihn erinnert das Denkmal auf dem Krasiński-Platz, wo mir bronzene Widerstandskämpfer entgegenstürmen (Ul. Długa 22). Die Polen bauten alles originalgetreu wieder auf. Die UNESCO, die sonst Ursprüngliches auszeichnet, adelte die Rekonstruktion mit dem Welterbestatus.

Neon Museum, Warschau

Das Neon-Museum: Leuchtreklamen aus den Nachkriegsjahren strahlen in Schnörkeln, formen Elefanten, Palmen und Cocktails

Auf den Spuren der Stadtgeschichte

Zum Kulturpalast, dem höchsten Gebäude Polens, auf dessen Aussichtsplattform ich über die Stadt blicke (Plac Defilad 1), haben die Warschauer kein ganz ungetrübtes Verhältnis: Den Wolkenkratzer klotzten die Sowjets ihren Verbündeten ins Stadtbild.

Zu einem Wahrzeichen Warschaus hat sich indes die riesige künstliche Dattelpalme am Charles-de-Gaulle-Kreisel entwickelt. Das Werk der Künstlerin Joanna Rajkowska erinnert an das Neue Jerusalem, eine im 18. Jahrhundert gegründete jüdische Siedlung vor den Toren der Stadt. Vor dem Einmarsch der Nazis lebten 360 000 Juden in der (nach New York) zweitgrößten Gemeinde der Welt. Vom Ghetto, in das die jüdische Bevölkerung bis zur Deportation gesperrt wurde, steht noch ein leerer Häuserblock in der Prozna-Straße.

Nur fünf Minuten entfernt findet sich das einzige verschonte jüdische Gotteshaus: die neoromanische Nożyk-Synagoge (Twarda 6). Gedenkplatten markieren den Verlauf der Ghettomauer, Fragmente, Schautafeln und Denkmäler säumen den Rundgang. Gegenüber des Ehrenmals für die Toten des Warschauer Ghettoaufstands, vor dem Willy Brandt 1970 niederkniete, steht das Museum der Geschichte der polnischen Juden. Dort sind nicht allein Dokumente der Shoah ausgestellt, sondern die Besucher erfahren Details und Geschichten über das jüdische Leben vom Mittelalter bis heute (Anielewicza 6).

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Praga: Das Szeneviertel

Dieses Stadtviertel blieb vom Krieg weitgehend verschont, weil es auf der östlichen Seite der Weichsel lag, wo die Rote Armee Stellung bezogen hatte. Praga entwickelt sich gerade zum Szeneviertel: Künstler, Musiker und Studenten ziehen in die alten Häuser. In leeren Gebäuden und Hinterhöfen eröffnen Bars und Clubs, erste Start-ups lassen sich nieder. Seit 2015 verbindet die Metro M2 das aufstrebende Viertel mit der Innenstadt.

In wenigen Minuten finde ich mich inmitten bröckelnder Vorkriegsfassaden wieder. Was für ein Kontrast zu den polierten Gassen, Plattenbauten und gläsernen Wolkenkratzern im Stadtkern! Rot leuchtet der Backstein alter Industriegebäude. Entlang der Targowa-Straße feilschen Gemüsehändler. Verschnörkelte Treppenhäuser, Marienkapellen in den Innenhöfen und abgewetzte Werbetafeln zeugen von der wahren Altstadt Warschaus.

Hier blühten, dank guter Fluss- und Eisenbahnverbindung, Industrie und Handel. Die Jugendstil-Gemäuer an der Hauptstraße Ulica Ząbkowska oder der kleinen Ulica Mała dienten als Filmkulisse, etwa für Roman Polanskis Oscar-prämierten Film "Der Pianist".

Das Praga-Museum ist in drei Ziegelhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert untergebracht (Ul. Targowa 50/52) und steht neben dem Różycki-Bazar (Ul. Targowa 54), dem ältesten und wohl skurrilsten Markt der Stadt, auf dem es Trödel und Brautkleider zu kaufen gibt.

Im Stadtteil Kamionek erhebt sich mit der Soho Factory eine Art Kreativ-Fabrik samt weitläufigem Gelände. In den Lagerhallen des ehemaligen Getreidespeichers finden sich Ateliers, Designerläden und Galerien (Ul. Mińska 25) sowie das Neon-Museum. Leuchtreklamen aus den Nachkriegsjahren strahlen mir in Schnörkeln entgegen, formen Elefanten, Palmen und Cocktails. Bekannte polnische Designer schufen sie für Kinos, Bars, Discos, Läden. »Die Neonfizierung war ein staatlich finanziertes Kunstprojekt, das dem vom Krieg gebeutelten Warschau etwas Großstädtisches verleihen und Wohlstand verheißen sollte«, erklärt David S. Hill, Herr des brummenden Buntlichtmilieus. Der britische Grafikdesigner und die Fotografin Ilona Karwinska bewahrten die Röhren vor der Entsorgung.

Das Wodka Museum in Warschau

In Warschau widmet Polen seinem Nationalgetränk ein eigenes Museum: Das Wodka-Museum

Im restaurierten Backsteinbau der ehemaligen Koneser-Fabrik lerne ich: Wodka kommt aus Polen, nicht aus Russland. In den Hallen brodelten einst die Kessel, in denen er aus Getreide und Kartoffeln destilliert wurde. Das kürzlich eröffnete Wodka-Museum erklärt das Dämpfen, Maischen, Fermentieren bis hin zum fertigen Wyborowa und Luksusowa und lädt zu Verkostungen (Ul. Ząbkowska 27/31).

Im Zoni ruhen die Fabrikkessel, Gäste sitzen unter Industrielampen und Kupferrohren, die Gerichte sind nobel und deftig (Plac Konesera 1). In der Wohnzimmer-Bar W Oparach Absurdu trifft sich junges Publikum bei Livemusik (Ul. Ząbkowska 6). Die Szenekneipe Centrum Zarzadzania Swiatem greift den Stil Pragas auf: Street-Art, Straßenlampen und Balustraden wie aus der Targowa-Straße bilden die Kulisse für lange Jazz-Nächte (Ul. Stefana Okrzei 26).

In einem Hinterhof versteckt sich mit dem Skład Butelek eine Boheme-Tanzbar, in der Craft Beer ausgeschenkt wird (Ul. 11 Listopada 22).

Hotel-Tipps für Warschau

Mitten in der Altstadt, nicht weit vom Schlossplatz, träumt man im DREAM HOSTEL in Holzbetten, den urbanen Aufenthaltsraum durchzieht das Gebälk des Dachstuhls.

  • Adresse: Ul. Krakowskie Przedmieście 55, DZ ab 45 €

Das CASTLE INN schmiegt sich zwischen Kathedrale und Königsschloss. Die Zimmer des Stadthauses aus dem 16. Jahrhundert sind antik möbliert und künstlerischen Themen nachempfunden, etwa den Dschungelgemälden Henri Rousseaus.

  • Adresse: Ul. Świętojańska 2, DZ ab 68 €

Der Neorenaissance-Palast am Königsweg, das luxuriöse, kürzlich wiedereröffnete RAFFLES EUROPEJSKI, erbaut von Enrico Marconi, strahlt vor Fin-de-Siècle-Glamour: Hier logierten Künstler und Schriftsteller. Nach dem Wiederaufbau stiegen auch Marlene Dietrich und die Rolling Stones ab. 106 Art-déco- Suiten, Lampen, Sessel, Bartresen: All das ist Kunst. 400 Werke polnischer Künstler zählt das Hotel, trotzdem herrscht bodenständige Behaglichkeit. Wer nur staunen möchte, bucht eine Führung

  • Adresse: Ul. Krakowskie Przedmieście 13, DZ ab 256 €
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