Carrantuohill Die Deutsche, die auf einen Hügel stieg und als Irin herunterkam

Der Südwesten Irlands ist die Heimat der schroffen Reeks und des höchsten Bergs des Landes. Unsere Autorin hat den Carrantuohill bestiegen. Noch mehr als von Wetter und Aussicht, wurde sie dabei von sich selbst überrascht
Carrantuohill

Schroffe Flanken und tiefe Bergseen sind die treuen Begleiter unserer Autorin auf dem Weg nach oben

Ich schnaufe verzweifelt, meine Nase läuft und ich muss ständig blinzeln, weil mir neben den Regentropfen auch Schweißperlen die Sicht erschweren. Bei jedem Schritt schmatzt der Erdboden unter meinen ledernen Wanderschuhen. Während ich noch vor einer Stunde versucht hätte den Schlamm zu meiden, ist es mir mittlerweile egal, ob meine Füße nass und matschig werden. Ich will nur diesen Berg raufkommen. Notfalls auf allen Vieren.

„Irischer Regen ist guter Regen!“, hatte mein Taxifahrer gesagt. Aber der hat auch noch nie den Carrantuohill bestiegen und sich auf dem Weg zum Cronin’s Yard, den Ausgangspunkt meiner Wanderung, gleich fünf Mal verfahren.

Dabei ist es nicht so, als könne man den höchsten Berg Irlands übersehen. Seine gewaltigen Flanken und schroffen Klippen thronen wie ein Monument über der irischen Halbinsel Iveragh. Nur sein Gipfel wird in einer Höhe von 1.039 Metern meist von tiefen Regenwolken verhüllt. Der Carrantuohill liegt im Herzen der MacGillycuddy’s Reeks, ein Gebirgszug im Kreis Kerry, dessen Ausläufer sich bis zum Atlantischen Ozean erstrecken. Die nordischen Strömungen sind auch dafür verantwortlich, dass sich hier zu fast jeder Jahreszeit ein dichter Schleier über die Bergkuppen legt.

Carrantuohill

20 Minuten währt die Mittagspause. Dann brechen wir wieder auf und folgen unserem Wanderguide Piaras Kelly (links).

Nachdem ich mich die erst Anhöhe hochgekämpft habe, nehme zum ersten Mal meine Umgebung war: Vor mir liegen saftig grüne Berge und zwei leuchtend blaue Seen. Ein Wasserfall bahnt sich seinen Weg und die frei herumlaufenden Schafe und Ziegen wirken wie wahllos verteilte Spielzeugfiguren. Ich weiß nicht, ob ich das der beindruckenden Aussicht oder meiner schlechten Ausdauer zu verdanken habe, aber: Mir stockt der Atem. 

"Weiter geht’s. Keine Pause. Es warten noch 700 Höhenmeter auf uns“, verkündet Piaras Kelly, unser Bergführer. Er ist motiviert und trägt ein Lächeln auf den Lippen. Ich hingegen... Nun ja...

Piaras führt uns weiter durch zerklüftete Bergpassagen, über lose Steinbrocken und vorbei an kleinen Bächen. Das Gebirgsmassiv ist bereits 300.000 Jahre alt und wurde erst nach der letzten Eiszeit vollends freigelegt. Über die Jahrtausende grub die Eisschicht tiefe Fugen ins Gestein — so entstanden spektakulär geformte Bergzinnen. Je höher wir kommen, desto besser lässt sich die Geschichte der Reeks an ihrem Felsgestein ablesen. Einige der Sandsteine haben in 700 Meter Höhe bereits hell leuchtendes Quarz hervorgebracht. Das Mineral zieht sich wie eine Vene durch die massiven Felsbrocken.

Carrantuohill

„Schafe sind einfach dumme Tiere. Irgendwie landen sie immer auf Felsvorsprüngen, von denen sie weder entkommen noch gerettet werden können", erklärt Piaras. Viele der Tiere verenden schließlich auf dem Carrantuohill.

Angekommen in einem windgeschützten Bergkessel, machen wir eine kurze Mittagspause. Zu unseren Füßen glitzert der Coimin Uachtarach, ein kristallklarer Bergsee, während wir aus unseren Rucksäcken belegte Sandwiches und Kartoffelchips ziehen. Ich bin dankbar für die Verschnaufpause und die einmalige Kulisse. Meine erste Wasserflasche leere ich in einem Zug. Weniger Wasser bedeutet schließlich weniger Gewicht im Rucksack. „Als Nächstes folgen wir der Route des O’ Shea’s Gully“, verkündet Piaras und deutet nach Osten. Verwundert folge ich seinem Finger. Ich hatte einen befestigten Wanderweg erwartet oder zumindest eine Art Trampelpfad. Aber vor uns liegt ein steiler Hang aus groben Felsbrocken, die mit jedem Windstoß in eine neue Position kullern.

Der gesamte Gebirgszug ist seit neun Generationen in Privatbesitz. Für die Eigentümer dienen die bewucherten Berge vielmehr als Weidefläche. Nicht viele Menschen legen hier Wert darauf einen gesicherten Wanderweg zu schaffen — fast niemand außer Piaras. „Viele Wanderer unterschätzen den Berg. Das ist der Grund, warum ich hier jährlich knapp vierzig Menschen retten muss“ Der dunkelhaarige Ire ist seit seiner Kindheit begeisterter Wanderer. Erst seit zwölf Jahren arbeitet er auch als ehrenamtlicher Bergretter und macht immer wieder die Erfahrung, dass sich Urlauber zu leichtsinnig ins Abenteuer stürzen. Verstauchte Knöchel oder gebrochene Rippen sind die Folge.

Gut zu wissen

Wer die einmalige Landschaft der MacGillycuddy’s Reeks erleben will, sollte auf wetterfeste Kleidung, genügend Wasser, Verpflegung und gute Wanderschuhe nicht verzichten. Eine Packliste für den Trek finden Sie hier.

Ungeübte Wanderer sollten aufgrund der unbefestigten Geröllpisten die Reeks nicht alleine besteigen, sondern auf einen erfahrenen Bergführer zurückgreifen. Piaras Kelly ist Teil des Teams von Kerry Climbing und bietet Wanderungen oder Kletterkurse zu jeder Jahreszeit an. Erfahrene Bergsteiger finden mehr Informationen zu den unterschiedlichen Gipfelrouten hier.

Weitere Informationen zum Reeks Distrikt, sowie Unterkünfte in der Region des Carrantuohill finden Sie hier.

Nach dreieinhalb Stunden liegt der Gipfel des Carrantuohill noch immer unter einer dichten Wolkendecke doch das bemerke ich erst, als ich keuchend den schmalen Bergkamm erreiche und unmittelbar von der Wolke verschluckt werde. Bei einer Sicht von nur sieben Metern kann ich kaum noch das eiserne Gipfelkreuz erkennen. Der Wind dröhnt mir in den Ohren. Und plötzlich droht uns der Regen den Gipfel hinunter zu spülen, als wären wir ungebetene Gäste. Keine fünfzehn Minuten bleiben wir auf dem höchsten Gipfel Irlands. Ein starker Schauer zwingt uns zum frühzeitigen Abstieg und eine unerwartete Stolperpartie beginnt.

Meine Beine zittern vor Kälte und Erschöpfung. Piaras, der mittlerweile das Schlusslicht der Gruppe bildet, bemerkt meine Anstrengung: „Du hast gar keine Handschuhe. Hier nimm meine.“ „Danke, aber ich denke, ich komm klar“, lüge ich. Ohne mich aussprechen zu lassen, zieht er die Handschuhe aus und entgegnet: „Ich bin sehr viel zäher als du!“ Recht hat er. Schließlich besteigt er diesen Bergriesen jeden einzelnen Tag. Ohne Widerworte nehme ich dankend die Handschuhe. Meine Kapuze habe ich mittlerweile so eng in mein Gesicht geschnürt, dass ich die Aussicht nicht mehr genießen könnte, selbst wenn ich es wollte. Den ersten Sturz kann ich relativ leicht kaschieren. Ich stolpere über die nassen Steinbrocken, schlittere auf dem Geröll nach unten und lande galant auf dem Hintern. Die zwei weiteren Stürze sind schmerzhafter und kosten mich einige blaue Flecken. Beim letzten Ausrutscher bleibe ich trotzig sitzen. Ohne die Hilfe meiner Mitwanderer wäre ich vermutlich nicht mehr aufgestanden.

Carrantuohill

Unser Abstieg führt uns durch eine 300 Meter steile Geröllschlucht! Die Iren gaben ihr den passenden Namen "The Devil's Ladder", die Teufelsschlucht.

Irgendwann wird die Sicht besser. Ich kann wieder meine Vordermänner zwischen den Felstrümmern erkennen und folge den Umrissen von Piaras rotem Rucksack. Er leitet uns schließlich aus der Schlechtwetterfront. Und mit einem Mal brechen die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke und der Blick auf die beeindruckende Landschaft lässt mich die Kälte und meine schmerzenden Füße vergessen. Ein abrupter Wetterwechsel, wie die Iren ihn nur zu gut kennen. Nach dem Regenschauer wirken die Wiesen noch pittoresker als zuvor. Der Tau lässt die Sonnenstrahlen über die Felder tanzen und der Ausblick reicht trotz vereinzelter Nebenschwaden fast über die gesamte Halbinsel.

Nach siebeneinhalb Stunden erreichen wir wieder die kleine Hütte, an der mich der Taxifahrer am Morgen um kurz nach neun Uhr abgesetzt hatte. Als ich das eiserne Hoftor sehe, macht sich Stolz in mir breit. Ich hab’s geschafft, sogar ohne Blasen an den Füßen! .  „Eine typischer Trip durch den irischen Süden — denn was wäre schon eine Wanderung ohne ein bisschen Regen?“, sagt Piaras. Und nun teile ich sein Lächeln, das er noch immer auf den Lippen trägt.

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