Griechische Insel Karpathos: Wo Wanderer und Surfer gleichermaßen ins Schwärmen geraten

Es muss nicht immer Kreta sein. In der griechischen Ägäis liegen noch viele Inseln, auf die bislang nur wenige Gäste kommen. Karpathos gehört dazu: Gebirge und Buchten sperren den Zeitgeist aus, nur im Süden der Ägäisinsel weht ein frischer Wind. Hier, in einem der besten Surfreviere des Mittelmeers, hat unser Autor sein Gleichgewicht gefunden
Karpathos

Schnorchler und Taucher können ins Schwärmen geraten, rund um die Insel Karpathos ist die Ägäis bis zu 2500 Meter tief. In Apella Beach an der Ostküste liegt feiner Kies rauen Felsen zu Füßen. Die windgeschützte Badebucht gilt als eine der schönsten im ganzen Land

In diesem Artikel
Beste Bedingungen zum Surfen und Segeln - dank des Meltemi
Wanderer und Naturliebhaber schätzen die prachtvolle Vegetation
Lyra-Klänge beim Weinstampfen, Lounge-Musik in der Strandbar
Unterkünfte auf Karpathos
Essen und Trinken auf Karpathos
Strände und Wasseraktivitäten auf Karpathos
Wandern und Biken auf Karpathos

Vor mir liegt das Surfbrett, ich muss nur noch aufsteigen. Andy Smith sieht mich durchdringend an. »Du bist gewarnt«, sagt er. Und ob: Eben hatte mir der 41-jährige Brite von seinem früheren Dasein berichtet, es klang nicht gut: Es ging um Scheidung, um wachsenden Kummerspeck, um das Gefangensein in einem Bürojob. Bis er vor rund 20 Jahren das »zombie life«, wie er es nennt, beendete, indem er von der großen Insel Britannien auf dieses boomerangförmige Eiland in der Ägäis zog, das auf einem Viertel der Fläche Londons Platz hätte. Seitdem weht ein anderer Wind in seinem Leben.

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Es ist der Meltemi, der legendäre Wind der Ägäis. Er erfrischt die heißen, trockenen Sommermonate und pustet dunkle Wolken weg – auch jener Art, die so lange über Andy Smiths Seele lagen. Er musste dafür nicht mehr tun, als auf ein Surfbrett zu steigen, eines, wie es jetzt vor mir liegt. Andy guckt noch durchdringender: »Windsurfen kann dein Leben total um krempeln«, warnt er noch mal. Ich stecke die Füße in die Schlaufen.

Beste Bedingungen zum Surfen und Segeln - dank des Meltemi

Genau das tun hier, an der flachen, kargen Südküste von Karpathos, sommers Tausende Surfer und Kiter aus aller Welt. Die Insel, geprägt von Buchten, Felsen und wie aus der Zeit gefallenen Weilern, gilt als eine der derjenigen Mittelmeerinseln, bei denen Wind garantiert ist. Denn da ist wenig, das den aus Norden kommenden Meltemi auf seinem Weg übers Wasser aufhalten könnte.

Bei Karpathos trifft er auf die bis zu 1200 Meter hohen Berge im zentralen Inselteil. Dort wird er kanalisiert, der »sanfte Landwind«, wie Meltemi übersetzt heißt, wandelt sich zum Rabauken, der mit sechs bis neun Windstärken über den flachen Süden von Karpathos fegt, und zwar ununterbrochen von Ende Mai bis weit in den Oktober. Ein Traum für alle, denen schnelle Bretter die Welt bedeuten. Zum perfekten Wind kommen drei perfekte Buchten, die miteinander verbunden sind. In ihnen könne jeder, vom Anfänger bis zum Loops schlagenden Profi, glücklich werden, meint Andy. In der Gun Bay findet der Sprungeinsteiger seine perfekte Welle, in der Paradise Bay, die einst nicht ohne Grund Devil’s Bay hieß, fegt eine teuflisch kräftige Brise über das türkisblaue Flachwasser und treibt geübte Überflieger in ungeahnte Höhen – 19 Meter sei der Rekord.

Wanderer und Naturliebhaber schätzen die prachtvolle Vegetation

Ich finde mich im knietiefen, spiegelglatten Wasser der Chicken Bay wieder – was man als »Feiglingsbucht« übersetzen kann –, und zwar immerzu aufs Neue. Kaum habe ich mich auf dem Brett in eine stehende Position gebracht, mache ich mich auch schon wieder nass. Doch Andy hat Geduld mit mir. »Du wirst hier keinen finden, der über deine Verrenkungen lacht«, sagt er. Der drahtige, wohl weit über 70-Jährige, der mit einem riesigen Segel an uns vorbeibrettert, nickt mir aufmunternd zu. »Der kommt jeden Sommer her, früher mit seiner Frau und seinem Sohn, neuerdings mit seinem Enkel«, sagt Andy. Auch nachts treffe er die beiden häufig, wenn in den diversen Surfstationen am Strand die DJs auflegen.

Doch nicht nur die Surfer, auch Naturliebhaber und Wanderer kommen nach Karpathos, zwei Drittel aller Besucher sind Wiederholungstäter. Die Insel ist eine Pracht. Durch ihr Inneres ziehen sich tiefe Schluchten, aus denen Habichtsadler über die Gipfel steigen. Entlang der felsigen Küste reihen sich Strände von feinem, hellem Sand und groben, schwarz marmorierten Kieseln aneinander. Eisvögel düsen knapp übers Wasser, der Geruch der Pinien, Dornsträucher und Tausender Arten von wilden Kräutern parfümiert die Luft. Rund 3500 Einwohner hat der Hauptort Pigadia an der Südostküste, mit einem kleinen Hafen, Tavernen und Gassen, die zwischen weißen Würfelhäusern einen Hang hinaufmäandern. Eine gute Autostunde nördlich schimmert eine Miniaturversion an der Westküste: die mit rund 600 Bewohnern zweitgrößte Gemeinde Olympos.

Besonders schön ist die Insel im Frühling, wenn alles übersät ist mit Narzissen, Orchideen, Anemonen, und die Westküste leuchtet violettfarben vom blühenden Thymian, um den Millionen Bienen summen. Oft, sagt Andy, spaziere er dann die Eselspfade entlang, von denen manche aus minoischer, vorchristlicher Zeit stammen, durch Steppe und Olivenhaine. Die Oliven seien zwar kleiner als die auf Rhodos (Luftlinie knapp 50 Kilometer entfernt), dafür schmeckten sie aber viel intensiver. Die besten Olivenbäume haben Namen, die ihnen von den Altvorderen gegeben worden sind, und die berühmtesten dieser Bäume werden bis heute in den Kafenions, den Kneipen, zur Lyra besungen.

Überhaupt scheint das alltägliche Leben, vor allem im Norden, im besten Sinne altmodisch. Wie einst schlafen die Bewohner gern unter freiem Himmel auf ihren Veranden und Dächern und lassen sich von krähenden Hähnen wecken. Und wie einst zieren geschnitzte Margeritenmuster Treppenstufen und Geländer in ihren Häusern.

Karpathos: Wo Wanderer und Surfer gleichermaßen ins Schwärmen geraten

Dieser Beitrag stammt aus GEO SAISON HEFT NR. 06/2018

Lyra-Klänge beim Weinstampfen, Lounge-Musik in der Strandbar

Wanderer, die in Zelten übernachten, was fast überall auf der Insel geduldet wird, werden vom Geblöke und Gebimmel der Ziegen- und Schafherden aufgeweckt, die ohne Hirten zu ihren Weideplätzen ziehen. Und die Windmühlen, denen man vielerorts begegnet, drehen sich nicht nur zum Spaß der Touristen, sondern sie mahlen den Weizen, den die Insulaner anbauen. Noch vor Sonnenaufgang mischt sich in den Dörfern der Geruch von brennendem Holz und frisch gebackenem Brot in die Berg- und Seeluft.

Nach dem Frühstück fahre ich auf dem Serpentinensträßlein nach Olympos. Unter mir funkelt das Meer, über mir leuchtet der Himmel – so herrlich sind die Töne, als hätte ein Photoshop-Künstler sie nachgebessert. Und am Hafen kommt mir ein Fischer mit einem Netz über der Schulter entgegen, den Korb voller Oktopoden und Atherinas, silbriger Fischlein, die Sardinen ähneln. Der Mann sieht wie ein leibhaftiges Postkartenmotiv aus, er könnte vom örtlichen Tourismusverein ausgestattet worden sein. Doch er ist einer von vielen Inselbewohnern, die mit Fischerei zum Unterhalt der Familie beitragen.

In der nahen Dorfkirche bewundere ich das Bildnis der Heiligen Maria, wenig später läuft sie mir in einer der verwinkelten Gassen über den Weg. Sie muss es sein, sie trägt immer noch dieselbe Kleidung, den bunten, leuchtenden Rock, das wie eine Krone schimmernde Kopftuch. Eine aus alten Goldmünzen bestehende Kette klimpert um ihren Hals. Später habe ich eine weitere Marienerscheinung: Sie stampft auf dem Hof eines Wohnhauses Trauben. Ihre Beine stecken tief in einem Fass. Neben ihr waten drei Jungen wie sie in der Maische, sie tragen frische Basilikumblätter hinterm Ohr, einer zupft die Lyra und alle zusammen singen ein Lied dazu. Zurück im Süden, in einer Strandbar mit Lounge-Musik, bei einem Cocktail als Sundowner, kommt es mir vor, als hätte ich eine Zeitreise durch Jahrhunderte hinter mir.

Es ist beinahe Abend, als ich tags darauf in der Feiglingsbucht endlich das erste Mal in meinem Leben den Wind in den Händen halte und auf einem Brett über das Wasser gleite. Keine zwei Meter zwar, aber ein schwebender, ein glücklicher Moment. Sofort nach meinem Sturz will ich wieder aufsteigen, doch Andy bremst mich. Morgen sei ja auch noch ein Tag. »Was, morgen erst?«, frage ich enttäuscht, beinahe empört. »Siehst du«, sagt er und sieht mich wieder durchdringend an, »die Sache mit dem Leben umkrempeln geht schon los.«

Unterkünfte auf Karpathos

HOTEL APHRODITE: Ein Haus mit Traumblick. Und im Dorf herrscht Autofahrverbot, also selige Ruhe. Olympos, Zentrum, Tel. 224505 13 07, DZ ab 40 €

HOTEL SUNRISE: Kleines, familiengeführtes Hotel mit einfachen, netten Zimmern; das Shopping-Zentrum und der Hafen sind in Spaziernähe. Pigadia, Tel. 2245-02 24 67, DZ ab 34,20 €

PENSION AKROPOLIS: Am Rand des Dorfs mit seinen hellen Häusern und Blumengärtchen wirkt die Herberge von Stamatis und Anna Vogiatzidakis fast wie eine Einsiedelei. Die Zimmer blicken auf einen der feinsandigsten Strände der Ostküste. Kyra Panagia, Tel. 2245-02 30 02, , DZ/F ab 80 €

 

Essen und Trinken auf Karpathos

PARTHENON: Das geröstete schwarze Brot Koukouvagia, belegt mit Feta, Oliven und Oregano, ist ein Ereignis, vor allem, wenn der Wirt Nikos Filippakis und seine Söhne mit Lyra und Tsambouna, einem griechischen Dudelsack, aufspielen. Olympos, Zentrum, Tel. 224505 13 07

BLUE RESTAURANT: »Jorgos Sushi«, so heißt die Spezialität mit Pelamidas, marinierten kleinen Makrelen – und sie macht glücklich, vor allem, wenn man sie auf der Veranda genießt. Diafani, Zentrum, Tel. 224505 13 02

DIONYSOS FIESTA: Die gefüllten Zucchiniblüten oder die Makkarounes, über die in Butter aufgelöster Schafskäse gegossen wird, serviert unterm Zitronenbaum im Gemüsegarten, werden dem Namen des Lokals gerecht. Menetes, Tel. 2245-08 12 69

CAFFE GALILEO: Livebands bringen, vorwiegend mit Volksmusik, den Saal, die Terrasse und sogar die Straße zum Vibrieren, oft bis Sonnenaufgang. Pigadia, Tel. 2645-02 36 06

Strände und Wasseraktivitäten auf Karpathos

AFIARTIS: In der Nacht glühen die Grills und die Boxen der DJs vor den Surfstationen. Besonders beliebt: Andy Smith, dessen Musik aus einem einbetonierten VW-Bulli schallt; er ist eines der ersten Vehikel, die den Strand einst »besiedelten«.

APELLA: Schwimmer und Schnorchler lieben das glasklare Wasser der Bucht. Der Sand ist weiß und fein, Liegen und Sonnenschirme gehören zur nahen Taverne. Die hat die besten getrockneten Sardinen weltweit; leider sind die Preise gesalzen.

STADTSTRAND PIGADIA: Das flache Ufer ist toll für Familien, und überall liegen platte Kiesel – bestes Material, um Steine hüpfen zu lassen. Badeschuhe tragen! Windsurfen & Kiten

AFIARTIS: Drei bewachte Buchten, rundherum Tavernen, Pensionen, Kickerplätze, mehrere Verleiher und Surfschulen, z. B.: Ion Club, Tel. 0049-881-909 60 10, Pro Center Chris Schill, buchen über: Tel. 0049-8374-96 71, Anfängerkurs z. B. 3 Tage ab 175 €

AGRILAOPOTAMOS: Das Wasser ist tief, die Welle nicht zu hoch, und der Wind weht parallel zur Küstenlinie. Der Kiter nennt das »lucky match«, die Schule und Verleihstation, betrieben von Schweizern, weist Anfänger und Profis in Flugtechniken ein. Big Dayz, buchen über: Tel. 004179-370 63 67, Kurs ab 550 €/Woche

CRUISE BOAT KAPITAN MANOLIS: Angesteuert werden alle Inselstrände. Am besten aber sind Tagestouren mit Stopps in farbenprächtigen Wasserhöhlen und auf der vorgelagerten Insel Saria mit dem Dörfchen Argos mit seinen Piratenhäusern und der Kirche der heiligen Sofia. Diafani, Tagestour ab 20 Euro/Pers.

Wandern und Biken auf Karpathos

THE MANAGEMENT AGENCY. Mit einem Guide geht es einen oder mehrere Tage über Kies- und Sandwege, über Weiden, durch dichte Wäldchen in die winzigen Dörfer des Nordens. Man hat grandiose Aussichten, Zelten ist jedoch verboten. Olympos, Tel. 2245-05 13 36

ANEMOS CLUB: Pisten führen an den Strand, die Berge hinauf, durch hübsche Dörfer. Besonders schön ist die Tagestour von Pigadia nach Volada, dort abzweigen Richtung Gebirge und weiter bis zum höchsten Punkt des Bergs Kola: Man überblickt die West- und die Ostküste. Pigadia, buchen über: Tel. 0049881-925 49 60, Rad ab 20 Euro/3 Std.

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