Hunsrück-Hochwald So wundervoll wild ist Deutschlands jüngster Nationalpark

Wo Natur wieder Natur sein darf: In Deutschlands jüngstem Nationalpark Hunsrück-Hochwald ersetzt Wildnis bald die früheren Forstplantagen – und überall entsteht neues Leben
Europäische Wildkatze

Auch im jüngsten Nationalpark der Bundesrepublik wieder anzutreffen, die Europäische Wildkatze

Wie eine etwas zu wohlgenährte Hauskatze liegt sie da auf ihrem Ast im Wildfreigehege und döst: grau-braunes verwaschenes Fell, dichter Schnurrbart, Öhrchen, die im Halbschlaf zucken. Doch kaum richtet sie sich auf, um ausgiebig zu gähnen, zeichnen sich unter dem Pelz ordentliche Muskelpakete ab. Ein dunkler Streifen ziert ihren Rücken, der buschige Schwanz endet in schwarzen Ringeln. Das ist keine Whiskas-Mieze. Sondern eine echte Felis silvestris, eine Europäische Wildkatze. Außerhalb des Geheges braucht es schon sehr viel Glück, einer der scheuen Streunerinnen zu begegnen. "Selbst ich habe sie erst zwei Mal vorbeischleichen sehen", weiß Forstwirt Bernd Anell, 49, zu berichten. Und doch ist das Kätzchen im Nationalpark Hunsrück-Hochwald quasi omnipräsent: als Logo und Leittier des jüngsten deutschen Nationalparks. In Form einer E-Gitarre liegt der Nationalpark zwischen Mosel und Nahe, wobei der oberste Stimmwirbel die rheinland-pfälzische Wildenburg touchiert und die Kabelbuchse das saarländische Örtchen Nonnweiler, 30 Kilometer südwestlich. 10 220 Hektar, kaum Straßen, wenige Dörfer. Dafür unzählige Hügel, die wie grüne Wellen und mit geradezu kitschigem Liebreiz über zwei Bergkämme schwappen.

Zwischen ihnen versteckt sich die wohl größte deutsche Wildkatzenpopulation, nisten Schwarzstörche, gurgeln Bäche durch wilde Orchideenwiesen, sonnen sich Zauneidechsen auf »Rosselhalden«, den Hängen voller verwitterter Quarzitfelsen, oder den Überresten des Keltischen Ringwalls, einer der ältesten Befestigungsanlagen Europas. Der höchste Gipfel, der Erbeskopf, ragt 816 Meter in den Himmel und lässt sich von Nebelwolken wie die Kulisse eines Heimatfilms tünchen. Wer oben um sich guckt, der sieht vor allem: Wald. Oder zumindest das, was die meisten Menschen dafür halten. Wie im ganzen Land wachsen bislang auch im Hunsrück vor allem Forste für die Holzernte. Monokulturen aus gleich alten Fichten und Buchen, in Reih und Glied gepflanzt, ohne bucklige Störenfriede, die kein Sägewerk brauchen kann. "Mit einem Naturwald oder gar einem Urwald hat das wenig zu tun", erklärt Forstwirt Anell. "Aber dahin wollen wir den Nationalpark zurückverwandeln."

Ein schönes Chaos namens Wald

Bis 2025, so das Ziel, soll die Hälfte des Nationalparks »naturbelassen« sein; bis 2045 sogar 75 Prozent – dreimal so viel Fläche wie heute. Und daher stapft Bernd Anell nicht mehr mit der Sprühdose durch den Wald und markiert Bäume, die gefällt werden sollen – weil sie reif sind fürs Sägewerk, weil sie andere am Wachsen hindern oder krank sind –, sondern macht genau das Gegenteil. In der »1a-Zone« lässt er die Natur einfach in Ruhe. Bäume dürfen umstürzen, Äste liegen bleiben. Was sprießt, darf wachsen, was stirbt, darf zerfallen. In der »Entwicklungszone« hilft er beim Verwildern nach. Schüttet Entwässerungskanäle zu, die einst in Moore gezogen wurden, um diese aufzuforsten. Pflanzt Buchen nach, die hier ohne menschliche Einmischung als Baumart dominieren würden. Haut Fichten um, deren Kronen den jungen Laubbäumchen zu viel Sonne nehmen, ganz egal, wie viel Festmeter Bauholz dadurch verloren gehen. Mit Bernd Anell haben 28 Kollegen seit 2014 die Seite gewechselt, als die Eröffnung des Nationalparks anstand: vom Forstmann zum Naturschützer, von der Wirtschaft zur Wildnis. "Das war nicht einfach", sagt er und schiebt seinen neuen Ranger-Filzhut auf dem Kopf zurecht. "Aber wenn ich heute im Wald Chaos sehe, kann ich mich richtig drüber freuen!"

Natur Natur sein lassen: Seit 1970 im Bayerischen Wald der erste deutsche Nationalpark gegründet wurde, haben dieses Credo alle 15 Nachfolger übernommen, vom Unteren Odertal über den Hainich bis zum 2014 eröffneten Schwarzwald. Manche schreiben es dem Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl zu, der bereits 1854 ein »Recht auf Wildnis« gefordert hatte; im selben Jahr übrigens, als Henry David Thoreau seine Outdoor-Hommage »Walden« schrieb. Doch wie fand die Wildnis-Idee in den Hunsrück-Hochwald? Fakt ist, dass das Bewahren von Wildnis 1992 auf der Umweltkonferenz von Rio mit der »Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt« als notwendig erklärt wurde, um die Erde vor dem ökologischen Kollaps zu bewahren. Die Bundesregierung beschloss in ihrer »Nationalen Biodiversitätsstrategie«, bis 2020 zehn Prozent der öffentlichen Wälder natürlich wachsen zu lassen; auf zwei Prozent der Landesfläche soll Wildnis herrschen.

So wundervoll wild ist Deutschlands jüngster Nationalpark

Eine tolle Weitsicht erwartet all jene, die es auf den 815 Meter hohen Erbeskopf geschafft haben

Der Wald, die Bürger und die Politik

Nationalparks als großräumige Gebiete mit höchstem Schutzstatus eignen sich dafür am ehesten. Und weil Rheinland-Pfalz als einziges Groß-Bundesland noch keinen solchen ausgezeichnet hatten, machte die grüne Umweltministerin Ulrike Höfken sich 2011 auf die Suche nach einem geeigneten Gebiet. "Der Hunsrück war anfangs nur zweite Wahl", erinnert sich Anja Eckhardt, 49, heute Leitungsassistentin des Nationalparkamts. "Doch im Pfälzer Wald und im Soonwald protestierten die Einwohner vehement." Hunsrücker Nationalpark-Fans hingegen warben bei mehr als 300 Infoveranstaltungen für das Naturschutzprojekt. Ihr Argument: Der Nationalpark werde der strukturschwachen, unter starker Abwanderung leidenden Region neuen Schwung einhauchen. Das zog, zumal sie für die Konfliktthemen gleich Lösungsvorschläge parat hatten.

"Die größte Sorge der Anwohner war, kein Brennholz mehr zu bekommen", erzählt Eckhardt. "Also haben wir von vornherein Pflegezonen geplant, in denen weiter Holz geschlagen werden kann." Pilze oder Blaubeeren dürfen dort nach wie vor gesammelt werden – für den Eigenbedarf. Wanderer, die befürchteten, dass die Etappen des Saar-Hunsrück-Steigs, Deutschlands längstem »Premium-Fernwanderweg«, und die daran angebundenen »Traumschleifen« im Nationalpark gesperrt würden, wurden beruhigt: Sie bleiben offen. Mountainbiker, die »Freie Fahrt für freie Bürger!« forderten, müssen sich hingegen an ein neues Wegekonzept gewöhnen. Und die Jäger an deutlich reduzierte Jagdzeiten, in denen allerdings intensiver gejagt wird. "Sonst nehmen Rehe und Wildschweine überhand und zerstören die jungen Bäume", erklärt Expertin Eckhardt.

Bleibt das Thema »Borkenkäfer«: Schreckensvision privater Waldbesitzer, Sägewerkbetreiber und Einheimischer, die es gern aufgeräumt im Wald haben und daher unbedingt vermeiden wollten, dass im Hunsrück das Gleiche passiert wie vor 25 Jahren im Bayerischen Wald. Dort hatten Borkenkäfer massenhaft Fichten befallen, und weil erstmals kein Förster einschritt, rieselten kurz darauf Milliarden grüner Nadeln zu Boden. Die Bäume starben ab und kippten um wie Mikadostäbchen, und das hektarweise. Eine Ödnis aus Baumleichen, fluchten die einen. Ein bizarrer Skulpturenpark, staunten die anderen – und hofften inständig auf die Selbstheilungskräfte der Natur.

Nationalpark Hunsrück-Hochwald

Statt akurater Forstwirtschaft soll die Wildnis im Hunsrück-Hochwald Nationalpark wieder Oberhand gewinnen

Mehr Chaos, mehr Arten

Längst hat im Bayerischen Wald ein junger, gesunder Mischwald die toten Fichtenstümpfe überwuchert, weshalb Anja Eckhardt es kaum erwarten kann, dass die »Katastrophe« auch den Hunsrück-Nationalpark ereilt. Gleichzeitig versichert sie: "Spätestens 500 Meter vor den Parkgrenzen ist Schluss mit lustig. In diesem Bereich entnehmen die Ranger alle befallenen Bäume. So kann sich der Käfer nicht in Nachbarwälder ausbreiten." Eckhardts wichtigstes Anliegen neben dem Naturschutz: Anwohner wie Besucher sollen verstehen, warum der Hochwald nicht mehr so ordentlich aussieht wie früher. An vier Tagen in der Woche führen daher Ranger Gruppen tief in die werdende Wildnis. Bernd Anell hat sich für seine Tour den Wald beim Dörfchen Muhl ausgesucht. Treffpunkt wie immer: 14 Uhr vor der »Nationalparkkirche«. Zwei Rentner aus Trier, eine einheimische Lehrerin und ein junger Angler sind dabei, vorbildlich ausgerüstet mit Wanderstiefeln und Regenjacken – man weiß ja nie.

Anell marschiert voraus und zeigt alle 100 Meter, was die Natur zustande bringt, wenn man sie lässt. Riesige Rotameisenhaufen etwa. Fünf Meter hohe, erdbehangene Wurzelballen umgestürzter Bäume, in denen Spinnen Bauwettbewerbe ums größte Netz ausfechten. Oder Spechtlöcher, die auf eine rotfäulige Fichte hinweisen. Früher wäre der Baum sofort »aufgearbeitet«, sprich: entfernt worden. Nun gucken aus dem Loch drei neugierige Meisenküken, wer da vor ihrer Bude steht und mit dem Messer im Stamm rumpult. "Ha!", ruft Anell. "Sieht aus wie Mehlspuren." Er bricht ein Stück Rinde ab, darin zeigt sich ein Labyrinth dünner Fraßspuren. "Der Käfer, eindeutig. Und das hier", – er piekst mit der Messerspitze in eine Kuhle –, "ist die Rammelkammer. Die heißt echt so! Da wurde die neue Generation gezeugt."

Auch andere Spezies sind neu aufgetaucht. Eine Weide zeigt Biber-Bissspuren, in einem neu entstandenen Tümpel flirren Bachforellen. Etwas weiter muss die Wandergruppe über einen Buchenstamm klettern, der am Boden vermodert. "Vermodern, ach, das klingt so negativ!", meint der Ranger. "Schaut mal, der Stamm nährt zartgrünes Moos, Sauerklee, den Zunderschwamm-Pilz und Dutzende Käfer. Der Baum ist zwar tot, aber gleichzeitig voller Leben!" "Okay, okay", stimmt ein Teilnehmer zu. "Aber kann man nicht wenigstens den eingestürzten Hochsitz da wegräumen?" Anell lächelt: "Die Bretter haben wir zusammengeschoben, weil die Wildkatze in solchen Unterschlüpfen gern ihre Jungen zur Welt bringt."

Renaturierte Moore auf der Ochsentour-Traumschleife

Die Wiese mit den gelben Blutwurz-Blüten gefällt dafür allen. Sie zählt zur »Pflegezone«, in der wertvolle Kulturlandschaften erhalten werden. "Aus den Wurzeln brennt man Schnaps", erklärt der Ranger. "Am Anfang hab ich immer ein Fläschchen mitgebracht und meine Teilnehmer kosten lassen. Aber das Risiko, dass sie angetüddelt über ein Stück Totholz stolpern, ist inzwischen zu groß!" Im Ochsenbruch oder Riedbruch zu stolpern, empfiehlt sich auch nicht. »Brücher« heißen auf Hunsrückisch »Moore«, und die sind, seit die Fichten gerodet und die Entwässerungskanäle geschlossen wurden, so schnell nass gelaufen, dass neulich ein Ranger samt Laptop bis zur Hüfte einsank (und unter den Kollegen für den Lacher des Jahres sorgte).

Spaziergänger können das renaturierte Moor bei der »Ochsentour-Traumschleife« trockenen Fußes über neue Holzstege erkunden. Sie führen über Tümpel voller Molche und Grasfrösche, dazwischen sprießen feuchtliebende Arten wie Wollgras oder Sonnentau. Praktischer Nebeneffekt der Brüche: Sie speichern CO2 und reduzieren das Überflutungsrisiko am Fuße des Hunsrücks, da sie gefährlichen Starkregen aufsaugen wie ein Schwamm.

Also alles dufte im Nationalpark? "Der Kahlschlag am Ochsenbruch sieht schon krass aus", findet Christian Jungmann vom lokalen Naturschutzbund (NABU). "Aber die Fichten wurden mit bodenschonenden Seilwinden abtransportiert, davon kann man in einem Wirtschaftswald nur träumen." Ferdinand Ledwig von der 150 Mitglieder starken Anti-Nationalpark-Bürgerinitiative fällt als Kritikpunkt nach zwei Jahren lediglich ein, dass die Filzhüte der Ranger aus Versehen zu klein bestellt worden seien. "Totale Geldverschwendung!"

Was den Irren trieb, der im vergangenen Juni nachts mit dem Geländewagen über eine Wiese bretterte, auf der die geschützte Orchidee Geflecktes Knabenkraut in schönster pinker Blüte stand – man weiß es nicht. »Im Bayerischen Wald werden regelmäßig Luchse vergiftet«, sagt Anja Eckhardt. »Im Vergleich dazu ist es hier friedlich.«
Fehlen nur noch die offiziellen Eingangstore, ein paar Infotafeln und mehr nette Ausflugslokale am Wegesrand. Denn das Hotel am Fuße des Erbeskopf wird derzeit als Swingerclub betrieben – für hungrige Wanderer vielleicht nicht ganz das Richtige.

Ersatzweise empfangen die Hunsrücker ihre Gäste auf eigene Art: An der »Ochsentour-Traumschleife« stellt der Bürgermeister von Börfink täglich Biere und Limos in den kühlen Bach, die Dorfbewohner von Muhl verwöhnen die Teilnehmer der Ranger-Touren mit frischem Käsekuchen, der Besitzer der Forellenzucht im Trauntal lässt Reiher und Fischadler klaglos ihren Hunger stillen. Wem zum Wanderglück doch noch eine echte Wildkatze fehlt: Täglich um 15 Uhr bekommt die Lady im Wildfreigehege ein paar Küken zugeworfen. »Ihre Kolleginnen draußen im Wald müssen jede Nacht etwa 15 Mäuse jagen«, erklärt Bernd Anell. Fressen und gefressen werden – auch das gehört zur wilden Natur.

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