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Vor 90 Jahren Nichtschwimmer Oskar Speck paddelte bis ans andere Ende der Welt - und keiner bekam es mit

Alte Fotografie von Oskar Speck in seinem Boot
Am 13. Mai 1932 bricht der verschuldete Elektriker Oskar Speck völlig unspektakulär am Ulmer Ufer der Donau auf
© -/Australian National Maritime Museum Collection Gift from John Ferguson/dpa
Wer macht sowas? Wer paddelt mit seinem Kajak von Ulm aus über die Donau durch ferne Länder bis nach Australien? Sieben Jahre lang, in einer unsicheren Zeit und völlig ohne Geld. Ein Deutscher hat's gemacht vor 90 Jahren. Und er konnte noch nicht mal schwimmen

Nichts erinnert in Deutschland an Oskar Speck, keine Statue und keine Plakette. Es trägt auch keine Straße den Namen des Mannes, der vor 90 Jahren von Ulm aus eines der größten Abenteuer begann, die ein Mensch je erlebt hat. Am Ufer unweit des Münsters ließ er sein wackeliges Faltboot in die Donau gleiten. Er fuhr mit seinem Kajak über Flüsse, durchquerte Seen und Meere, er wurde verprügelt, beschossen und ausgeraubt, er hungerte, überlebte die Malaria und landete bei seiner Ankunft in Australien sieben Jahre später im Gefangenenlager.

Es ist ein bis heute unerreichter, dennoch weitgehend unbekannter Rekord. "Seine faszinierende Reise hat damals Wellen geschlagen, aber es war die falsche Zeit", sagt Tobias Friedrich, Musiker und Autor des neuen biografisch gefärbten Romans "Der Flussregenpfeifer" (C. Bertelsmann Verlag). "Seine Leistung ist sprichwörtlich untergegangen im Zweiten Weltkrieg." Speck sei nach seiner Reise und Verhaftung in Australien als einer der letzten aus dem Lager gekommen und habe sich in seiner neuen Heimat zu spät und zu schlecht vermarktet.

Mit zehn Reichsmark machte er sich auf den Weg

Am 13. Mai 1932 bricht der verschuldete Elektriker völlig unspektakulär am Ulmer Ufer der Donau auf. Er will vor allem weg aus dem Deutschland der Weltwirtschaftskrise, weil sein Betrieb pleite ist. "Es war keine Hoffnung mehr in Deutschland", schreibt er später in einem Bericht. Speck will in den Kupferminen Zyperns einen Job finden. Mit zehn Reichsmark in der Tasche und lediglich dem, was in dem kleinen, zerlegbaren Kajak Platz findet, bricht er auf. Über Österreich, Ungarn und Bulgarien, das Mittelmeer und die Türkei, stets nah an Ufer oder Küste, um sich orientieren zu können.

Schwanken durfte er mit dem Boot nicht, um nicht zur Seite zu kippen. Denn Speck setzt sich zwar jahrelang den Gefahren auf dem Wasser aus, aber schwimmen kann er nicht. "Gemessen an vernünftigen Standards war ich verrückt", schreibt er in einem späteren Reisebericht. Spätestens in Zypern entscheidet der Deutsche, dass er weiter will, nach Australien sogar und vielleicht auch zurück. Sein Weg in die Geschichtsbücher führt nach Syrien, den Euphrat entlang, vorbei an Saudi Arabien, Indien, Myanmar und Indonesien. Er hält Vorträge im damaligen Bombay, nimmt Gelegenheitsjobs an und erlebt die Welt während seiner 50 000 Kilometer-Rekordfahrt wie unter einer Glocke. Von den Umwälzungen in der Heimat erfährt Speck erst wenige Tage vor seiner Ankunft in Australien im September 1939.

Nach seiner Ankunft wurde Speck festgenommen

Zu spät, denn das Land befindet sich damals seit wenigen Wochen im Krieg mit Hitlers Deutschland. "Wir gratulieren Ihnen zu einer herausragenden Leistung, Herr Speck", soll einer der Polizisten damals am Strand gesagt haben. "Ich bedaure nun, Sie darüber zu informieren, dass Sie unter Arrest stehen." So muss Speck bis über das Kriegsende hinaus in Internierungslagern ausharren, bevor er freikommt.

Alte Fotografie von Oskar Speck in seinem Boot
Der deutsche Rekordpaddler Oskar Speck auf einem undatierten Foto in seinem Faltboot
© -/Australian National Maritime Museum Collection Gift from John Ferguson/dpa

Innerhalb kurzer Zeit wird er auf dem fernen Kontinent ansässig, verdient Geld im Opalhandel und baut sich als australischer Staatsbürger ein Anwesen auf einer Klippe. Nur einmal, 1970, kehrt er nach Deutschland zurück, 1993 stirbt er im Alter von 86 Jahren.

Irgendwann aber hat auch Speck seinen Frieden damit gemacht, ein unbekannter Abenteurer zu sein. "Ich bin zufrieden, Anerkennung oder keine Anerkennung", schreibt er seiner Schwester Grete in einem seiner letzten Briefe.

Zumindest gekratzt wurde allerdings an seinem Rekord: Die Australierin Sandy Robson ist Specks Strecke zwischen 2011 und 2016 weitgehend abgefahren, sie musste nur einige Ecken auslassen wegen Konflikten und Kriegen.


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