Schnecken sind langsam? Und ernähren sich von Pflanzen? Stimmt. Meistens. Doch es gibt verblüffende Ausnahmen. Die Vampirschnecke (Cumia intertexta) ist eine davon. Wie der Name schon vermuten lässt, ernährt sie sich vom Blut anderer Tiere.
Wie sie ihre Opfer findet, erklärt Dr. Maria Vittoria Modica von der Zoologischen Station Anton Dohrn in Italien in einer Pressemitteilung der Senckenberg-Gesellschaft: "Tagsüber schläft sie zwischen küstennahen Felsen und beginnt erst nach Sonnenuntergang zu jagen", sagt die Biologin. "Wittert sie einen ruhenden Fisch in ihrer Nähe, nähert sie sich ihm so weit wie möglich und durchbohrt seine Haut mit einer winzigen, aber scharfen Radula an der Spitze ihres extrem langen Rüssels." "Radula" ist der Fachbegriff für ein mit mikroskopischen Raspelzähnchen besetztes Mundwerkzeug.
Sie sondere dann einen "Cocktail aus Blutverdünner und Betäubungsmitteln" ab, um den Fisch ruhig zu halten, sagt Modica. Forschungen haben gezeigt, dass zu diesem Cocktail auch ein Enzym gehört, das den Blutdruck der Opfer erhöht – und so das Saugen erleichtert. Hat sich die Schnecke vollgesogen, lässt sie von ihrem Opfer ab und versteckt sich wieder am Boden. Der befallene Fisch bleibt zwar noch eine Zeitlang betäubt, ist aber ansonsten völlig gesund, erklärt Modica.
Die Schnecke ist "Internationales Weichtier des Jahres 2026"
Die Biologin hatte das Weichtier mit dem schlanken und geriffelten, bis zu zwei Zentimeter langen Gehäuse als Kandidaten für das "Internationale Weichtier des Jahres 2026" eingereicht – und landete nun mit dem ungewöhnlichen Blutsauger auf dem ersten Platz. Den Wettbewerb veranstaltet das Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt zusammen mit der Unitas Malacologica, der internationalen Gesellschaft zur Erforschung von Weichtieren.
Cumia intertexta lebt im südlichen Mittelmeer – und ist nicht die einzige Schnecke, die das Blut anderer Tiere nascht. Sie gehört zur Familie der Colubrariidae, die etwa 100 Arten umfasst. Die meisten von ihnen trinken Blut. Nun soll erstmals das Genom der Mittelmeer-Vampirschnecke vollständig sequenziert werden, teilt die Senckenberg-Gesellschaft mit.
Bei der Online-Abstimmung über das "Internationale Weichtier des Jahres" verwies die spektakuläre Vampirschnecke vier weitere Nominierte auf die Plätze: die steinfressende Muschel Lithoredo abatanica, die Florida-Pferdeschnecke (Triplofusus giganteus), die "geflügelte" Muschel Ephippodonta lunata und die Seychellen-Weißschnecke (Filicaulis seychellensis).