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Hilfreicher Gendefekt Immer mehr Elefanten ohne Stoßzähne geboren – als Folge der Wilderei

Elefant ohne Stoßzähne
Das Fehlen der Stoßzähne erwies sich für Afrikanische Elefanten als Überlebensvorteil. Ohne das Elfenbein waren sie für die Wilderer nutzlos
© byrdyak - Adobe Stock
Die Jagd nach Elfenbein gehört zu den größten Bedrohungen wilder Elefanten. Ein Gendefekt kann sich in dieser Situation für die Tiere als hilfreich erweisen

Mächtig, imposant und strahlend weiß: Stoßzähne sind ein eindrucksvolles Merkmal ausgewachsener Elefanten. Intensive Wilderei während des Bürgerkriegs in Mosambik könnte dazu geführt haben, dass immer häufiger Elefantenweibchen ohne Stoßzähne geboren werden. Das schreibt ein Team um Shane Campbell-Staton von der Princeton University (USA) im Wissenschaftsmagazin "Science". Stoßzahnlose Elefanten hätten einen Überlebensvorteil – denn ohne die wertvolle Elfenbeinquelle seien sie für Wilderer wertlos.

Afrikanische Elefanten leben in familienartigen Herden zusammen und haben keine natürlichen Feinde. Trotzdem ist die Anzahl der Tiere in vielen Regionen ihres Verbreitungsgebietes stark zurückgegangen. Der Bestand gilt insgesamt als gefährdet. Der Mensch hat daran einen wesentlichen Anteil: Seit Jahrhunderten greift er in den natürlichen Lebensraum der Elefanten ein. Soldaten zogen auf den Rüsseltieren in den Krieg oder töteten sie für ein kostbares Gut - das Elfenbein.

Auch im Bürgerkrieg in Mosambik in den 1970er Jahren wurden Elefanten zur Zielscheibe. Auf dem Boden des Gorongosa Nationalparks töteten Soldaten die Tiere, um ihr Fleisch zu essen und das Elfenbein zu erbeuten. Mit dem Verkauf finanzierten sie Munition und Waffen. Der einst schillernde Nationalpark war Ende des Krieges 1992 zerstört. Rund 95 Prozent des Großwildbestandes fielen dem Krieg zum Opfer, auch der Bestand der Elefanten schrumpfte auf etwa ein Zehntel.

Fehlen der Stoßzähne für Elefanten als Überlebensvorteil

Dies könnte der aktuellen Studie zufolge zu einer rasanten evolutionären Entwicklung geführt haben: In Videoaufnahmen bemerkte das Team um Campbell-Staton zunächst, dass sich der Anteil stoßzahnloser Elefantenweibchen nach dem Bürgerkrieg verdreifacht hatte. Ein Zufall? Unwahrscheinlich, schreiben die Forschenden.

Vielmehr erwies sich das Fehlen der mächtigen Stoßzähne in Kriegszeiten als Überlebensvorteil. Ohne das Elfenbein waren die Elefanten für die Wilderer nutzlos, stoßzahnlose Elefanten überlebten und konnten sich weiter fortpflanzen.

Damit gaben die Tiere auch die genetische Veränderung weiter, die der Stoßzahnlosigkeit zugrunde liegt. Bei entsprechenden Untersuchungen fanden die Forscher Veränderungen in zwei Genen, die auch bei anderen Säugetieren eine Rolle in der Zahnentwicklung spielen.

Und warum kommen nur weiblichen Elefanten ohne Stoßzähne zur Welt? Das liege vermutlich daran, dass eines der Gene zusammen mit anderen lebenswichtigen Genen auf dem X-Chromosom liegt, berichten die Forschenden. Komme es zu genetischen Veränderungen, könnten weibliche Tiere schädliche Effekte durch ihr zweites X-Chromosom ausgleichen. Da männliche Tiere nur ein X-Chromosom besitzen, führen die genetischen Veränderungen bereits während der Embryonalentwicklung zum Tod. Eine entsprechendes Krankheitsbild sei zumindest vom Menschen bekannt.

Das veränderte Erbgut hat sich lange nach dem Krieg gehalten: Zählungen bei den zwischen 1995 und 2004 geborenen Tieren zeigten, dass noch immer mehr Weibchen ohne Stoßzähne zur Welt kamen. Das könnte nicht nur den Elefanten selbst schaden: Mit Hilfe der massiven Stoßzähne können sie tief in der Erde nach Wasser suchen und Bäume umgraben. Damit schaffen sie Lebensräume und Nahrungsquellen für viele weitere Tierarten.

Noch gibt es Elefanten im Gorongosa National Park. Seit dem Kriegsende wurde er wieder aufgebaut und ist für touristische Ausflüge geöffnet. Die fehlenden Stoßzähne der Elefanten erinnern aber an die Kämpfe, die hier einst stattgefunden haben.

Wibke Schumacher, dpa

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