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Peter Wohlleben trifft... Wozu jagen? Eine Debatte über den Sinn, Tiere zu schießen

Peter Wohlleben, Deutschlands bekanntester Förster, und Torsten Reinwald, Stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Jagdverbands, sprechen über die Jagd - und den Sinn des Tötens von Tieren
Peter Wohlleben und Torsten Reinwald

Torsten Reinwald, Stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Jagdverbands und Peter Wohlleben sprachen über das Thema Jagd

Peter Wohlleben: Herr Reinwald, oft heißt es: Wir brauchen Jäger in Deutschland, damit das Wild nicht überhandnimmt. Ist das wirklich so?

Torsten Reinwald: Ja, wir brauchen Jagd, um die Anzahl bestimmter Wildtiere zu reduzieren. Denn unsere Natur ist ja fast überall keine Wildnis mehr. Sie ist nach den Bedürfnissen des Menschen geformt, eine Kulturlandschaft, die nur bestimmte Mengen von Tieren erträgt. Wenn es zum Beispiel zu viele Pflanzenfresser wie Rehe oder Wildschweine gibt, nehmen die Äcker und Wälder Schaden.

Peter Wohlleben: Auf diese Weise helfen Sie beispielsweise Landwirten, große Ernten einzufahren. Da wird es nicht toleriert, wenn eine Rotte von Wildschweinen einen Teil davon abbekommt.

Torsten Reinwald: Wildtier und Mensch leben gemeinsam in einer Kulturlandschaft, die Natur regelt sich nicht selbst. Viele Tierarten würden sich ohne Jagd vermutlich explosionsartig vermehren. Das Wildschwein zum Beispiel hat eine Reproduktionsrate von 250 Prozent. Wo heute 100 Schweine leben, sind es nach einem Jahr schon 350.

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Peter Wohlleben: Tatsächlich ist überhaupt nicht genau bekannt, wie viel Wild durch Deutschland läuft: Aus der Zahl der geschossenen Tiere schließt man auf die Zahl der lebenden. Ein bisschen verrückt und ganz schön unsicher.

Torsten Reinwald: Über die Zahl der Tiere zerbrechen sich Wissenschaftler schon seit Jahrzehnten die Köpfe. Bei Rehen und Hirschen sammeln sie Kotproben, stellen Infrarot-Kameras auf oder werten Fotos von Drohnen aus. Da ist der Abschuss noch der verlässlichste Wert, um auf die Größe der Bestände zu schließen.

Peter Wohlleben: Schießen, um zu belegen, dass man schießen muss: Aus meiner Sicht ist das ziemlich widersinnig. Was halten Sie davon, großflächige Ruhezonen einzurichten, um zu beobachten, wie sich das Wild tatsächlich entwickelt?

Torsten Reinwald: Es gibt ja bereits 16 Nationalparks in Deutschland.

Peter Wohlleben: Aber die machen weniger als 0,5 Prozent der Gesamtfläche aus. Und auch dort ist die Jagd nicht verboten.

Torsten Reinwald: Weil es dort Vorgaben gibt, nämlich vom Naturschutz. Dort sind etwa invasive Tierarten nicht erwünscht. Der Waschbär zum Beispiel. Der räubert etwa die Nester seltener Vögel aus. Selbst Naturschützer wollen ja nicht einfach die Natur sich selbst überlassen, sie wollen eine bestimmte Vorstellung von Natur Realität werden lassen. Und damit das klappt, braucht es eben manchmal die Jagd.

Peter Wohlleben: Fällt Ihnen ein Beispiel dafür ein, wo das gut funktioniert hat?

Torsten Reinwald: Das Bremer Blockland ist eines der wichtigsten Brutgebiete für Wiesenvögel in Europa. Man hat Millionen investiert in die Renaturierung der Landschaft, damit dort mehr Vögel brüten. Vergebens. Also wurden, wissenschaftlich begleitet, Füchse gejagt. Und innerhalb von vier Jahren hat sich die Zahl seltener Brutvögel wie Kiebitz oder Brachvogel dort verdoppelt. Die Jagd ist so eine Form von Naturschutz.

Peter Wohlleben: Allerdings ein Naturschutz, der nur einzelne Arten ins Zentrum rückt, nicht das Gesamtgefüge. Ich glaube, Jäger können die Natur nicht reparieren, schon gar nicht langfristig. Um Bestände zu reduzieren oder invasive Arten zu bekämpfen, müssen wir weitaus größere Veränderungen anstreben. Wir müssen uns mehr Mühe geben, dass Wälder, aber auch offene Landschaften wieder artenreicher und vielfältiger werden. Das ist ein natürlicher Schutz davor, dass einzelne Arten überhandnehmen.

Torsten Reinwald: Das wäre schön. Aber die Agrarpolitik der letzten Jahrzehnte weist in eine andere Richtung. Ein Beispiel: Wir hatten vor 2007 noch knapp 10 000 Quadratkilometer Brachflächen in Deutschland, heute sind es nur noch etwa 3000 — unter anderem deshalb, weil freie Flächen etwa für Mais genutzt werden, aus dem Bio-Energie gewonnen wird. Wer das zum Ziel hat, der nimmt Verluste bei der Artenvielfalt in Kauf und erschafft Bedingungen, die es Arten wie dem Wildschwein erleichtern, sich rasant zu vermehren.

Peter Wohlleben: Aber was Jäger können, das könnten auch die natürlichen Feinde von Reh, Hirsch oder Wildschwein. Wir sollten uns zum Beispiel freuen, dass der Wolf sich in Deutschland wieder heimisch fühlt und Wild jagt.

Torsten Reinwald: Auch ich freue mich sehr über die Wölfe! Aber aus Forschung in den USA wissen wir: Ein Wolfsrudel erbeutet im Jahr etwa 550 Rehe, Hirsche, Wildschweine. Wenn der Wolf die rund zwei Millionen Paarhufer reduzieren sollte, die Jäger jährlich in Deutschland erlegen, bräuchten wir rund 3500 Rudel.

Peter Wohlleben: Der Wolf allein kann die Jagd nicht ersetzen — aber zur natürlichen Reduktion von Wild beitragen. Außerdem wäre schon viel erreicht, wenn wir bei jeder Tierart intensiver überlegen würden, ob sie gejagt werden muss. Beispiel Feldhase: Dessen Bestände gehen bundesweit zurück — und doch darf er gejagt werden.

Torsten Reinwald: Die Jagdstatistik weist derzeit 185 000 Feldhasen auf, das ist tatsächlich nur noch ein Bruchteil von dem, was vor einigen Jahrzehnten üblich war. Und allein ein Drittel davon sind Verkehrsopfer. Bejagt wird er nur noch dort, wo in intakten Lebensräumen Bestände stabil sind.

Peter Wohlleben: Wäre es da nicht ein Zeichen, wenn zumindest an Jäger appelliert würde, nicht mehr auf Hasen zu schießen?

Torsten Reinwald: Vielerorts verzichten Jäger schon jetzt darauf. Ähnlich ist es bei der Jagd auf Rebhühner. Aber die Verantwortung dafür, dass es dem Wild in Deutschland gut geht, liegt nicht allein bei den Jägern. Wir brauchen zum Beispiel bis zu zehn Prozent langjährige Brachflächen in der Landwirtschaft, damit sich Hase und Rebhuhn heimisch fühlen.

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Peter Wohlleben: Wäre es nicht langfristig besser, die Jagd ganz in die Hände von staatlichen Berufsjägern zu legen, statt sie zum Privatvergnügen zu machen?

Torsten Reinwald: So einfach ist es leider nicht. Jagdrecht ist in Deutschland ein Eigentumsrecht: Wer Grund besitzt, darf dort jagen oder das Gebiet an jemand anderen verpachten. Hinzu kommt: Die Kosten für mehr Vollzeit- Jäger wären nicht zu bezahlen. Schätzungen zufolge würde es den Steuerzahler 4,5 Milliarden Euro kosten, wenn nur angestellte Vollzeit- Jäger die Jagd übernehmen würden. Derzeit leisten das rund 380 000 Privatjäger ehrenamtlich.

Peter Wohlleben: Das führt zu Auswüchsen. Es gibt zum Beispiel Firmen, die Jagden für ihre Kunden abhalten. Da geht es nicht mehr um ein Vermindern der Wildbestände, sondern um Repräsentation und Freude an der Beute.

Torsten Reinwald: In meinem Umfeld spielt so etwas keine Rolle. Aber wer eine Jagdzeitschrift aufschlägt, der wird solche Fotos natürlich sehen. So entsteht mitunter der Eindruck, es ginge in der Jagd immer nur um Repräsentation, Tradition und Trophäen.

Peter Wohlleben: Warum jagen Sie persönlich?

Torsten Reinwald: Ich bin ein Kochtopfjäger und liebe Wildbret. Schon als Kind war ich oft im Grünen, habe mit meiner Mutter essbare Wildkräuter gesammelt, mit meinem Vater Vögel beobachtet. Später habe ich Biologie studiert. Mittlerweile jage ich gern und oft. Dabei kann ich eins werden mit der Natur. Vor ein paar Tagen zum Beispiel war ich in der Abenddämmerung draußen. Ich wollte auf dem Hochsitz noch einmal zur Ruhe kommen. Und da habe ich zum ersten Mal balzende Waldschnepfen beobachtet — Gänsehaut.

Peter Wohlleben: Aber für solche Momente in der Natur braucht man doch kein Gewehr.

Torsten Reinwald: Natürlich nicht. Aber ich halte den überlegten Abschuss von Tieren für ökologisch sinnvoll. Hinzu kommt: Wenn ich das Fleisch von einem Tier esse, möchte ich es selbst getötet haben. Jagd bedeutet für mich nicht nur, auf einem Hochsitz zu warten und zu schießen, sondern auch, das erlegte Tier nach Hause zu bringen, auszunehmen, das Fell über die Ohren zu ziehen — und es dann mit Freunden oder Familie zuzubereiten und zu genießen.

Peter Wohlleben: Wie vermeiden Sie, dass die Tiere zu sehr leiden?

Torsten Reinwald: Das Jagdrecht sieht eine sehr akribische Ausbildung vor, in der die Vermeidung von Leid, von Stress und Schmerzen, unterrichtet wird. Aber es ist wie bei der Führerscheinprüfung: Wer einen Führerschein hat, kann noch nicht unbedingt gut fahren. Erfahrung in der Praxis muss hinzukommen. Und ein gutes Gefühl für die eigenen Fähigkeiten und Schwächen. Wir als Verband fordern, dass ein Schießübungsnachweis Pflicht wird. Auch wenn jemand seit Jahrzehnten einen Jagdschein hat, muss er mit der Waffe üben. Ich bin selbst drei- bis viermal im Jahr auf dem Schießstand, um zu trainieren.

Peter Wohlleben: Aber oft wird vergessen, dass Jäger nicht nur mit dem Gewehr Leid verursachen. Wildtiere erkennen schon das Fahrzeug, mit dem der Jäger in den Wald kommt, und nehmen Reißaus. In stark bejagten Gebieten geraten die Tiere so unter dauerhaften Stress. Zudem behaupten nicht wenige Jäger, Spaziergänger und Wanderer würden das Wild stören!

Torsten Reinwald: Das halte ich für Blödsinn — so lange die Wanderer auf den Wegen bleiben. Dort sind die Tiere den Menschen gewohnt. Eine Untersuchung in Österreich hat gezeigt: Rotwild kann nur wenige Meter von einem Waldweg lagern, völlig entspannt, während die Ausflügler daran vorbeilaufen. Wenn sie aber querfeldein laufen, schreckt das Wild auf. Geht es um Störungen in der Natur, sind sicherlich nicht Jäger und ihre Fahrzeuge das Hauptproblem — sondern die Tatsache, dass viele Menschen nicht pfleglich mit der Natur umgehen.

Peter Wohlleben: Aber wer abseits der Wege stapft, der stört das Wild nur dann, wenn er dabei ganz leise ist. Das ist für die Tiere das Signal, dass ein Räuber unterwegs ist. Wer aber laut ist, lacht, singt — der gibt den Tieren die Möglichkeit, einen in weitem Bogen zu meiden. Mal Hand aufs Herz: Gibt es etwas, was aus Ihrer Sicht bei der Jagd besser laufen sollte?

Torsten Reinwald: Wenn es nach mir ginge, dann sollten Jäger sich noch mehr als bisher mit der Biologie des Wilds auseinandersetzen und Grundsätze beachten, die sich daraus ableiten. Es gibt zum Beispiel die Regel: jung vor alt und schwach vor stark. Das bedeutet: Es sollten eher Jungtiere geschossen werden. Sie sind die „Zuwachsträger“, wie Jäger sagen. Weil sie potenziell für noch mehr Nachkommen sorgen werden als die älteren Tiere. Wer die Regel „jung vor alt“ beachtet, wird also dem Ziel, die Bestände zu reduzieren, besser gerecht.

Peter Wohlleben: Für manche ist aber eben der alte Rothirsch mit dem prächtigen Geweih verlockender als der junge. Es gibt halt die „Kofferraumhirsche“ — jene prächtigen Tiere, die bei den offiziellen Trophäenschauen nach einer großen Jagd fehlen, weil sie rasch in einem Kofferraum verschwinden und privat nach Hause gebracht werden.

Torsten Reinwald: Ich habe das noch nicht erlebt — und ich bin oft bei großen Jagden dabei. Im Gegenteil: Ich kann bestätigen, dass die meisten Jäger in ökologischen Zusammenhängen denken und auf Umweltbildung setzen. In der Initiative „Lernort Natur“ engagieren sich 7000 Jäger ehrenamtlich, um Kinder, Jugendliche und Erwachsene an einen sorgsamen Umgang mit der Natur heranzuführen. Das könnten noch eine ganze Menge mehr werden — denn das ist der Schlüssel dazu, immer mehr Menschen für Ökologie zu sensibilisieren und das eigene Handeln immer wieder zu reflektieren.

Peter Wohlleben: Da ziehen wir an einem Strang. Und ich bin überzeugt: Jäger, Umweltschützer, Tierliebhaber und Politiker sollten sich viel öfter zusammensetzen und austauschen.

Torsten Reinwald: Das sehe ich auch so. Ohne Vorurteile auf beiden Seiten.

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