Sieg für den Tierschutz Gericht erlaubt heimliche Filmaufnahmen in Mastanlagen

Tierschützer dürfen in Ställe einbrechen, um Missstände zu dokumentieren: ein überfälliges Urteil ohne Beispiel. Ein Kommentar von GEO.de-Redakteur Peter Carstens
Massentierhaltung

Tierschützer dürfen in Ställe einbrechen, um Missstände zu dokumentieren, so ein Gerichtsurteil (Symbolbild)

Es sind Szenen, die jedem Tierfreund das Blut in den Adern gefrieren lassen: In wackeligen Bildern mit schummriger Belichtung sehen wir kranke, tote, verletzte Tiere, meist Hühner oder Schweine, die apathisch neben Artgenossen in ihren eigenen Exkrementen liegen. Solche Szenen gibt es im Internet zuhauf, auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen zeigt sie hin und wieder. Bilder, aufgenommen von Tierschützern, die bei Nacht und Nebel in Ställe einbrechen, um Verstöße gegen das Tierschutzgesetz zu dokumentieren.

Fast regelmäßig rufen solche Videos öffentliche Empörung hervor; und manche Aufnahmen führen auch zu Ermittlungen gegen die Halter. Gut so. Kaum je allerdings ist die Rede davon, mit welchen Konsequenzen illegalen Filmer rechnen müssen. Nicht selten flattert ihnen eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs ins Haus.

So geschehen im Jahr 2013:  Drei Tierschützer der Organisation Animals Rights Watch waren in eine Mega-Mastanlage im Norden Sachsen-Anhalts eingedrungen. 60.000 Schweine vegetieren dort ihrer Schlachtreife entgegen. Viele von ihnen, das zeigten die Filmaufnahmen, eingepfercht in viel zu kleine, verdreckte Metallbuchten. Auf einem Haufen lagen tote Ferkel.Die Konsequenz war nicht etwa die Schließung des Skandalbetriebs - sondern eine Klage des Halters.

Tierversuch, Ratte
Tierversuchszahlen 2016
Wieder mehr Tierversuche: Wie man unnötiges Leid abschaffen könnte
Die Zahl der für die Wissenschaft getöteten Tiere steigt. Dabei könnte es längst alternative Testverfahren geben, würde man den Ausstieg aus dem Tierversuch ernst nehmen. Ein Kommentar von GEO.de-Redakteur Peter Carstens

Fünf Jahre dauerte das richterliche Gezerre um die Legitimität und Legalität der Aufnahmen.

Aber jetzt jubeln Tierschützer. Denn das Oberlandesgericht Naumburg hat in nie dagewesener Weise für die "Einbrecher" Stellung bezogen. Das Tierwohl sei im vorliegenden Fall höher zu bewerten als das des Hausrechts, sagte ein Gerichtssprecher. Das Gericht bestätigte damit die Einschätzung der ersten Instanz. Es habe sich um einen "rechtfertigenden Notstand" gehandelt. Denn ohne die illegalen Filmaufnahmen hätte die systematische Tierquälerei nicht aufgedeckt werden können. Es wäre nie zu Ermittlungen gekommen.

-----------------
FOLGEN SIE UNS: Ihnen gefallen unsere Beiträge? GEO finden Sie auch auf PinterestInstagram und Facebook.
-----------------

Die Tierschützer können jetzt nicht nur als unbescholtene Bürger nach Hause gehen. Richter Gerd Henss schickte ihnen sogar noch den Dank des Gerichts hinterher. "Wir alle sollten froh sein", sagte er, "dass die Angeklagten die Missstände aufgedeckt haben." Es ist wohl das erste Mal, dass ein Oberlandesgericht so deutlich für den Tierschutz Stellung bezieht.

Und es ist ein Armutszeugnis für Züchter und überforderte Veterinärämter, die es offenbar nicht schaffen, wenigstens die ohnehin schon erbärmlichen gesetzlichen Mindeststandards zu garantieren.

Das Urteil, so schränkte das Gericht vorsichtshalber ein, sei kein Freibrief, nach Belieben in Tierzuchtanlagen einzusteigen. Es müssten vorab ausreichende Hinweise vorliegen. Aber mal ehrlich: Brauchen wir eigentlich noch Filmaufnahmen, wenn wir wissen, dass jedes Jahr allein in Deutschland 13 Millionen Schweine weggeworfen werden? Und dass 40 Prozent der Tiere, die im Schlachthof enden, krank oder verletzt sind?

Aktuelle GEO-Magazine
<< zurück >> vor
nach oben